Peter Burling: Wie gut ist der America’s Cup-Sieg-Steuermann aus Neuseeland?

Der Überflieger

Nach den Triumph der Neuseeländer im America’s Cup wundern sich neue Fans über den jungen Star am Cup-Himmel. Dabei ist Peter Burling längst ein Großer. Wie gut er wirklich ist.

Erfolg im Segelsport hat eigentlich viel mit Erfahrung zu tun. Und das gilt noch mehr für den America’s Cup. Viele Jahre lang beherrschten Russell Coutts mit einer vierköpfigen Kiwi-Kerncrew – genannt die fabulous five – die Cup-Szene und setzte die Dominanz fort, als er mit ihnen zu Alinghi wechselte, wo dann auch ein Jochen Schümann dazu kam.

Allesamt Ü-50-Segler, denen besonders in punkto Erfahrung niemand das Wasser reichen konnte. Aber ein Taktiker wie der ultracoole Brad Butterworth fuhr auf dem Achterschiff eben auch schon einen Bauchansatz spazieren. Und dieses Bild mochte sich nicht so gut vertragen mit dem Anspruch des America’s Cups als absoluter sportlicher Gipfel des Segelsports.

Die Hände an der Kanne. Burling auf dem Segel-Olymp. © ACEA

Deshalb war der Schritt zum neuen, modernen, rasanten America’s Cup, den Larry Ellison und Russell Coutts gegen viele Widerstände erzwungen haben, nur logisch. Und ihnen ist es zu verdanken, dass nun nicht mehr die alternden Kielboot-Spezialisten die höchste Klasse des Sports beherrschen, sondern aktuelle Olympiasegler viel näher an die Cup-Profi-Spitze heran gerückt sind.

Olympiasieger hoch im Kurs

Artemis trieb diese Entwicklung auf die Spitze mit zeitweise sieben Olympiasiegern im Team, Oracle hatte Gold-Gewiner Tom Slingsby (Laser), Land Rover BAR Ben Ainslie und Giles Scott (Finn), die Neuseeländer boten Burling und Tuke (49er) auf.

Die neue Bootsklasse hat das Spiel verändert, so dass einer wie Peter Burling im zarten Alter von 26 Jahren schon glänzen kann. Dabei hilft ihm insbesondere der 49er Hintergrund. Schon 49er-Champ Nathan Otteridge hat am Steuer von Artemis gezeigt, wie hilfreich diese Ausbildung ist. Schnelle Entscheidungen, kurze Highspeed-Rennen, Spielfeld-Begrenzungen, das alles lernen die besten Skiff-Segler der Welt in ihrer Klasse.

Peter Burling

Peter Burling mit seinem Wingman und 49er-Vorschoter Blair Tuke. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Und Burling ist eben der Beste von allen. Dabei muss man gar nicht mehr von Talent sprechen, so als würde seine Zeit noch kommen. Schließlich hat er schon fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Nicht zuletzt der Titel ISAF Rolex World of the year 2015 zeugt davon.

Neben der Olympischen Silber- und Goldmedaille im 49er, den vier aufeinanderfolgenden WM-Titeln mit dem Skiff und der unglaublichen vier Jahre andauernden Siegesserie von 28 war er eben auch schon als Jungspund dominant.

Davon zeugen zwei 420er WM-Titel im Alter von 15 und 16 Jahren (2007/06), jeweils drei nationale Siege 2005 und 06 in den Jugendklassen Starling, 420er, Elliot 5.9 sowie zwei Optimist-WM-Teilnahmen mit 11 und 12 Jahren. Schon 2008 repräsentierte Burling mit 17 Jahren Neuseeland im 470er als jüngster Segler überhaupt (Platz 11).  Und so nebenbei gewann er auch 2009 den neuseeländischen Jugend-Titel im Match Race.

Welchen Anteil hat Burling?

Burling war also längst nicht der aufstrebende Jungspund, der dem großen Spithill ans Bein pinkeln wollte. Der Olympiasieger ist schon lange selber ein Großer, erprobt und gestählt in unzähligen Nervenschlachten auf dem Wasser. Kein anderer Cup-Skipper hat eine Siegesliste vorzuweisen, wie der junge Überflieger. Dabei stellt sich die Frage, ob diese Meisterschaft am Steuer überhaupt benötigt wurde, um den America’s Cup zu gewinnen. Welchen Anteil hat Burling?

Peter Burling, der beste Schnellsegler der Welt. Nebenbei auch Moth-Weltmeister. © Thierry Martinez./Moth Worlds

Wer ein Schiff zur Verfügung hat, das wie im letzten Rennen gegen Oracle im Durchschnitt gut einen Knoten schneller ist, der benötigt tatsächlich nicht herausragende Fähigkeiten am Lenker. Aber vielleicht war es die größte Stärke, dass Burling genau diese Überlegenheit zur Entfaltung bringen konnte.

Gegen einen Ben Ainslie sah er nicht besonders gut aus in der Startbox. Aber es wäre auch unreif gewesen, wenn er beim Start auf volles Risiko gesetzt hätte, um persönlich zu punkten. Was dann passieren kann, zeigte sich bei der Kenterung, als Burling unter Druck etwas zu forsch abfallen wollte. Die Schäden am Flügel und Boot waren kritischer für die Siegambitionen der Kiwis als sie zuerst zugeben wollten.

Brachialer Angriff

Bemerkenswerter war die Dominanz von Burling bei den Starts gegen Spithill. Das hätte niemand erwartet. Allerdings hat sich der Skipper des US-Bootes zuerst auch einige unforced Errors geleistet, wie die Frühstarts. Nach der fünftägigen Pause dann war sein Schiff zwar deutlich schneller auf einem geraden Kurs, aber so schwer manövrierbar, dass er zum Beispiel den brachialen Angriff von Peter Burling im vorletzten Rennen nicht kontern konnte.

Peter Burling

Peter Burling mit Carl Evans bei der 420er Junioren EM. © 420 class

Die überlegene Konstruktion half dem Neuseeländer dabei, weitere Glanzpunkte auf dem Kurs zu setzen. Denn im Unterschied zu den gegnerischen Steuerleuten musste er sich nicht um die Fluglage kümmern. Das übernahm 49er-Vorschoter Blair Tuke. Burling konnte sich wie vom 49er gewohnt auf die Analyse des Kurses, der Böen und Dreher konzentrieren und sichere Entscheidungen treffen.

Die dafür kaum notwendige Kommunikation mit einem Taktiker wurde nach einigen groben Schnitzern als Nachteil interpretiert, aber sie stellte sich später als Stärke heraus. Denn der Kiwi machte auch unter den Augen der Weltöffentlichkeit immer weniger Fehler.

Schnelle Lerner

Und diese Fähigkeit ist vielleicht am herausragendsten in dieser Kampagne. Burling wie auch seine jungen Mitsegler lernten extrem schnell, diesen neuen Foiling-Kat zu segeln. “Alle Teams haben eine steile Lernkurve gezeigt, aber wir haben bei unserem Bootshandling noch ein anderes Level erreicht”, sagt Skipper Glenn Ashby.

Das Team habe von Anfang an gewusst, dass es Vorteile bei den Manövern haben würde wegen der Extra-Kraft aus den Beinen. “Aber wir wussten auch aus Beobachtungen, bei wie viele Manövern sie auf den Foils bleiben würden, und wann ihre Energie am Ende war.” Man habe sich immer in einen engen Zweikampf begeben können.

Peter Burling in der NZ Jugendklasse Sterling.

Rasend schnell habe die Crew das Potenzial ausgeschöpft. Das ist vielleicht die größte Leistung vom Maschinenbau-Studenten Burling. Er schaffte es in enorm kurzer Zeit, mit seiner Crew den neuen AC50 in stabiler Flugphase über den Parcours zu bewegen. Man mag gar nicht daran denken, wie viele haarige Momente das Team erlebt hat, die der Kenterung im Ainslie-Match ähnlich sahen.

Training gegen Motorboot

Ashby lässt durchblicken, dass Burlings besonnene Art gemischt mit der Feinfühligkeit, sich an die Limits zu tasten hilfreich waren. Schließlich trainierten die Neuseeländer in Auckland überwiegend alleine und simulierten den fehlenden Gegner schon mal mit einem 1200 PS Motorboot.

Es war die große Schwäche der Kampagne. Die Crew und besonders Burling mussten das Verhalten im Zweikampf gegen die im Training gestählten Gegner in den Playoffs schnell lernen. “Sie gaben uns in den ersten Rennen ein paar ordentliche Lehrstunden”, sagt Ashby, aber das jüngste Team der Flotte passte seine Handlungsweisen schnell den Anforderungen an.

Vor gerade einmal zehn Jahren: Burling, der Junge mit der Zahnspange.

Dabei half es auch, dass die erfahrenen Gegner nicht auf ihre viele Jahre lang geschulten Match Race Instinkte bauen konnten. Schließlich ist von der ursprünglichen Art des Match Races, die Spithill, Ainslie oder Barker so gut beherrscht haben, nicht mehr viel übrig geblieben. Es gibt keine vergleichbaren Boote auf dieser Welt, die so schnell beschleunigen und abstoppen können wie die foilenden AC50. Burling hat das zuletzt deutlich besser gemacht als seine Gegner und diese Erfahrung macht ihn noch stärker.

Der Mann mag etwas große Ohren haben, ziemlich nuscheln beim Reden, selten die gestellten Fragen beantworten, etwas zu oft platitüdenhaft die Shorecrew loben und kaum Emotionen zeigen. Aber wie er mit jedem Sieg lockerer wurde, beim Spithill-Interview im Hintergrund frech das Victory-Zeichen formte, sich in den Rededuellen mit dem “Pitbull” keine Blöße gab,  das hat ihm großen Respekt eingebracht.

Er ist zurzeit beste Segler der Welt und könnte den Segelsport wie auch den America’s Cup noch viele Jahre dominieren. Aber das liegt sicher auch daran, welche Waffen die Neuseeländer für die Verteidigung wählen. Einem Rückschritt in alte Zeiten möchte man Burling nicht wünschen. Am Steuer eines Bleitransporters kann man ihn sich nicht vorstellen. Der Junge braucht etwas zum Spielen.

 

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Peter Burling: Wie gut ist der America’s Cup-Sieg-Steuermann aus Neuseeland?“

  1. avatar ETNZ-Fan sagt:

    “Gegen einen Ben Ainslie sah er nicht besonders gut aus in der Startbox.”

    Er durfte nicht.

    Alles nur Tarnung um Spithill noch härter zu treffen!

    https://www.stuff.co.nz/sport/other-sports/94204335/peter-burling-ordered-to-hide-his-starting-box-game-from-jimmy-spithill-before-final

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

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