Plattbug: Scow-Design wird erwachsen – Dauer-Mini-Sieger Lipinski baut Class 40

Schlupfloch gefunden

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Könnte runder im Bug sein, ist aber eine Class-40-Scow! © david raison

Kürzere Wasserlinie, mehr Gleitpotential, sanfterer Einschlag auf die Welle – Konstrukteur David Raison ist sich sicher, dass sein Scow-Prinzip nach dem Erfolg bei den Minis in weiteren Hochseeklassen Anwendung findet.  

Ohne Zweifel, Foils sind derzeit DAS Thema im Hochsee-Regatta-Zirkus. Sie heben mittlerweile Boote aller Größenklassen, inklusive der 100-Fuß-Monstertrimarane der Ultim-Serie, ganz oder „nur“ im vorderen Rumpfbereich aus dem Wasser und erhöhen so signifikant deren Geschwindigkeit. Zumindest auf kurzen Strecken – denn je nach Wellenhöhe und Foil-Länge kann das Fluggefühl schnell in einen Vollwaschgang-Modus übergehen, wenn die rasenden Mono- und Mehrrumpfer mit brachialer Gewalt wieder in ihr Element eintauchen. 

Deshalb beschränken sich die meisten Monohull-Foil-Konstruktionen auf einen reduzierten Lift-Effekt. Nach dem Motto: Hebt vorne das Boot an, lasst das Wasser unten drunter durchflitzen und schon reduziert sich der Widerstand. Oder erhöhe mit dem Auftrieb in Lee das aufrichtende Moment.

Renaissance der runden Bugform

Okay, ganz so einfach ist es dann wieder nicht, doch das Prinzip stimmt. Nur: mehr Auftrieb im Bugbereich und ein beschleunigter Wasserabfluss entlang des Rumpfes – da war doch noch was anderes? Stimmt, der Scow-Bug hat vor gar nicht so langer Zeit eine Art Renaissance erlebt und war über mehrere Jahre hinweg in aller Munde.

Jörg Riechers

Jörg Riechers mit einer ganz starken Vorstellung im Plattbug-Mini beim Mini Transat. © Breschi

Das lag (mal wieder) am höchst erfolgreichen Einsatz eines ersten Prototypen in der Mini-Klasse. Die eigentlich längst bekannte, mittlerweile etwas in der Versenkung verschwundene und regattaspezifisch uralte Idee des „abgerundeten, voluminöseren Bugs“ wurde von dem französischen Tüftler, Designer und Segler David Raison vor mehr als 10 Jahren zu neuem Leben erweckt.

Er baute sich einen dieser 6.50-Meter-Flitzer mit einem abgerundeten, fast schon „aufgeblähten“ Bug  und segelte damit in der Prototypenklasse gleich mal als Schnellster bei der Minitransat über den Atlantik. 

Ein Sieg , der nicht ohne Folgen bleiben sollte. Denn der Klasse wird immer wieder zugetraut, Bahnbrechendes in ihren Reihen zu produzieren und präsentieren. Dass Raison damals auch noch super segelte und nicht zuletzt deshalb seiner spektakulären Konstruktion den Weg ebnete, wurde nur am Rande bemerkt.

Noch überlegener segelte dann über drei Jahre hinweg ein Ian Lipinski auf der zweiten Generation des „Raison-Proto-Minis“: In 18 Regatten hintereinander ging Lipinski mit seinem Magnum- oder Plattbug, wie der Scowbug auch noch genannt wurde, als Sieger hervor. 

Class 40, Scow, David Raison, Lipinski

Die neue Class 40 von Raison für Lipinski soll Ende Juli zu Wasser gelassen werden © david raison

Als dann bei der letzten Mini-Transat vor zwei Jahren auch noch der Deutsche Jörg Riechers – nach Lipinski – auf einem Scowbug Zweiter wurde und der Schweizer Simon Koster ebenfalls auf einem Scow-Design das dritte Podiumsplätzchen belegte, war im Prinzip der Durchbruch des alten Prinzips „Scow“ (siehe unten) für die Hochseesegelei geschafft.

Das Prinzip Scow

Im Prinzip – denn trotz aller Bemühungen eines in der Konstrukteur-Szene immer angeseheneren David Raison, war man bei den einschlägigen Hochsee-Regatta-Klassen „not amused“. Mittlerweile dringen immer mehr Einzelheiten an die Öffentlichkeit, wie vehement Raison wohl für sein Scow-Design bei Klassen wie den IMOCA, Figaro und auch Class 40 geworben hatte. 

Doch die Konstruktionsregeln vieler Klassen ließen die Dimensionen des Designs nicht zu. Und auf eine Änderung wollte sich keine der prestigeträchtigen Klassen einlassen. Der Grund: Das Prinzip Scow ist einfach zu gut und vielversprechend! Liest sich paradox, hat aber wirtschaftlich nachvollziehbare Gründe.

Offenbar wurde nicht nur gemunkelt, sondern laut sinniert, dass etwa ein Scow-Bug-IMOCA der Rest der Klasse buchstäblich deklassieren würde. Und um nochmals zum Beginn dieser Zeilen zurück zu kommen: Foils kann man nachrüsten – auch auf alten Booten – für einen funktionierenden Scow muss gleich ein neuer Rumpf entstehen. 

90 Fuß Maxi Scow

Fängt breit an und hört breit auf: diese  90 Fuß Maxi Scow war einst für den flott absolvierten Raumschotskurs von Los Angeles nach Hawaii vorgesehen. Wurde aber nie gebaut © Reichel/Pugh

Doch ein David Raison ist in der Szene nicht nur wegen seiner genialen Risse bekannt, sondern auch wegen einer gehörigen Portion Sturheit. Er wollte nicht akzeptieren, dass die großen Hochseeklassen keine Hintertür für sein Scow-Prinzip offen ließ. 

Gemeinsam mit seinem Vorzeigesegler Ian Lipinski lotete Raison alle Möglichkeiten aus, um mit einem Scow-Design auch ohne Änderung der Klassenregeln in eine der großen Hochseeklassen zu gelangen. 

Als Lipinski dann vor mehr als einem Jahr, nachdem er seinen Mini verkauft hatte („hier habe ich alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt“) eine mögliche Class 40-Kampagne für sich in den Raum stellte, begann die Szene gleich zu rumoren. Sollte die Klasse in Sachen Plattbug doch „schwach“ geworden sein? Denn aus einem besonderen Partner für seine weitere Segelabenteuer machte Ian Lipinski keinen Hehl: Er wolle unbedingt weiter mit David Raison Boote bauen oder zumindest umbauen.

Voluminös im Bug

Entsprechend erstaunt zeigten sich dann die Klassen-Oberen der Class 40, als durchsickerte, dass Raison und Lipinski offenbar ein Schlupfloch in den Klassenregeln der 40-Fußer gefunden hatten. Raison: „Es gibt zwar eindeutige Regeln, was die Abmessungen bei den Class 40 im Bugbereich anbelangt  – wir werden also proportional keinen Plattbug wie im Mini bauen können – doch wird unser Bug in jedem Fall deutlich voluminöser als die bisherigen, unterschiedlichen Class 40-Modelle werden,“ erklärte Raison im interview mit diversen bretonischen Tageszeitungen.

„Was die meisten Leute jedoch vergessen: Eine Scow zeichnet sich nicht durch den markanten Plattbug als solche aus, sondern auch durch die weiteren Linien, vor allem entlang des Kiels!“  Und hierbei seien die Klassenvorschriften eher großzügig ausgelegt respektive es gebe kaum Einschränkungen!

Eine A-Scow gibt alles am Lake Minnetonka in Minnesota © Melges

So kam es, dass für Ian Lipinski derzeit erneut ein Boot gebaut wird, das regelkonform nichtsdestotrotz einige Normen sprengen dürfte. Der französische Skipper schwärmt: „Das Boot wird seine Kapazitäten vor allem auf langen Ozeanrennen ausspielen können. Es ist noch mehr als die anderen Class 40 für Gleitfahrten auf raumen Kursen ausgelegt.“

Dafür komme ein vermeintlicher Widerspruch zum Tragen, erläutert Lipinski weiter. „Lange Zeit war unter Konstrukteuren die Länge der Wasserlinie wichtig. Sie bestimmt die Geschwindigkeit des Bootes vor dem Gleiten. Schon bei meinem Mini hatte ich aber eine deutlich kürzere Wasserlinie als die erlaubten 6,50 Meter. Und dennoch war mein Boot deutlich schneller als die Konkurrenz. Das kam daher, dass ich mit dem vorderen Bereich des Bootes meistens abhob bzw. über der Wasseroberfläche schwebte. Nur selten krachte ich in die Wellen hinein und wenn, dann war das Eintauchen keineswegs so bremsend wie auf den herkömmlichen Designs! Letztendlich wird meine Class 40 also eine deutlich kürzere Wasserlinie aufweisen als die erlaubten 40 Fuß. Und hoffentlich dennoch schneller segeln als die anderen!“

Erfolge wie einst

Ende Juli/Anfang August soll Lipinskis Class 40 zu Wasser gelassen werden. Der Mini-Transat-Sieger hofft darauf, bei der Zweihand-Regatta Transat Jacques Vabre im Herbst 2019 mitsegeln zu können. 

Auch David Raison macht sich Hoffnungen. Wenn sein Scow-Prinzip  in der Class 40 ähnliche Erfolge verbuchen wird wie bei den Ministen, wäre dem Scow, vulgo: Plattbug endgültig Tür und Tor geöffnet, ist sich Raison sicher. Bei den Minis hat seine abgerundete Bugform jedenfalls auch in der Serienwertung bereits Fuß gefasst. Eine französische, polnische und eine italienische Werft bauen derzeit einen regelkonformen Serien-Scow-Mini. Und können sich vor Anfragen kaum retten. 

Raison gibt sich optimistisch: „Wenn das moderne Prinzip Scow für die Hochsee nur annähernd so viel Erfolg haben wird wie die Scows im letzten Jahrhundert auf den Binnenseen der USA und Kanada, dann wäre einiges gewonnen!“ Damals segelten tausende Scow-Jollen in allen Größen und Klassen über die Seen der USA. Und niemand störte sich an der vermeintlich hässlichen Boxer-„Nase“ im Bug der Boote. Weil sie einfach sauschnell waren. Das gilt auch für die Melges-Scows, die in den USA immer noch sehr beliebt sind.

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Plattbug: Scow-Design wird erwachsen – Dauer-Mini-Sieger Lipinski baut Class 40“

  1. avatar breizh sagt:

    Auf den Auftritt von Ian Lipinski bin ich ja einmal richtig gespannt. Es war ja nach seiner letzten Mini-Kampagne etwas ruhiger um ihn geworden. Aber jetzt scheint es auch klar weshalb. Mit Credit Mutuel hat er auch einen solventen Sponsor. Schaut nach einer runden Sache aus.

    Ich fand die Plattbug-Variante schon immer ziemlich spannend und hatte immer gehofft, dass sie sich auch in anderen Klassen durchsetzt. Wenn die Class 40 Klassenvereinigung dem jetzt kein Riegel vorschiebt, werden wir die Form hoffentlich noch öfters sehen. Dann warten wir einmal bis zum Herbst auf die Transat Jacques Vabre, um den Vergleich zu sehen. Aber bis dahin werden wir hoffentlich, nachdem es im Wasser ist, noch einige Berichte hier lesen können.

    Dann wollen wir einmal hoffen, dass sich die Sturheit und das Vergraben in den Richtlinien auszahlt.
    On n’est pas Breton sans Raison!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

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