Porträt: VOR-Sieger Charles Caudrelier – der etwas andere Held

Eine Frage des Glaubens

Dongfeng, Charles Caudrelier, Volvo ocean Race

Man muss nicht nur an sich selbst glauben – auch an jede und jeden Einzelnen in der Crew © dongfeng

Er wirkt oft unnahbar, introvertiert und zurückgezogen. Doch dahinter verbergen sich Neugierde und der gewisse Hunger auf „mehr vom Meer“. Ein Porträt.

Blick zurück, ziemlich genau vor einem Jahr: die Verantwortlichen des Hafens La Base in Lorient gaben einen kleinen Abschieds-Umtrunk für das Dongfeng-Race-Team. Die Volvo Ocean Racer hatten eine ganze Winter- und Frühjahrssaison vor dem Hochseeregattahafen trainiert und wollten am nächsten Tag auf ihrem Boot zu den ersten VOR-Pflichtveranstaltungen weiterreisen. 

Die Stimmung im Team, bei den Preparateurs, den Familien und Freunden war ausgelassen. Noch ein letztes Mal die S… rauslassen, bevor es ans Eingemachte geht. 

Es wurde rasch laut, Trinksprüche, Schulterklopfen, das übliche Szenario, wenn Teams sich feiern. Nur einer saß oft minutenlang, in sich gekehrt, etwas abseits der Gruppe und sinnierte vor sich hin: Charles Caudrelier – Skipper und Boss des Teams, machte eher den Eindruck, als könne er mit alledem nur wenig anfangen. Stirnrunzelnd lümmelte er sich, als würde er gerade im Geiste alle Etappen, alle Gefahren, alle Risiken und Chancen des kommenden Volvo Ocean Races schon mal durchspielen. Ernster Gesichtsausdruck, der sich erst zu einem warmen Lächeln veränderte, als sein Sohn und seine Tochter auf ihn zuliefen um eine Runde zu schmusen… 

Dongfeng, Charles Caudrelier, Volvo ocean Race

Bei der Arbeit © dongfeng

Szenenwechsel, ein Jahr darauf. Wieder eine Feier, diesmal in Den Haag und ungleich größer, ein unglaublicher Lärm aus zehntausenden Kehlen, Champagnerkorken knallen überall, gerade eben hat Charles Caudrelier, sichtlich von einer unerträglichen Anspannung befreit, den VOR-Pokal geküsst, laut gelacht, in die Menge gewunken und jeden Einzelnen seines Teams zum x-ten Mal umarmt. Nach 45.000 Seemeilen war es dem Dongfeng Race-Team gelungen, auf den allerletzten Meilen den Gesamtsieg zu erringen. Überall ausgelassene Stimmung, Jubel, Trubel – und dann ist Caudrelier plötzlich von der Bühne verschwunden. Einige Minuten später sieht man ihn abseits sitzen, in sich gekehrt erneut in dieser nachdenklichen Haltung, ganz so als spiele er alles, was er während der letzten neun Monate in diesem spektakulären Rennens um die Welt erlebt hat, nochmals durch… 

„Die Leute denken immer, Charles sei introvertiert,“ sagte Ehefrau Virginie Caudrelier, die selbst als Attachée de Presse oft im Rampenlicht steht. „Aber das ist völliger Blödsinn. Er fühlt sich nur nicht wohl, sobald er im Mittelpunkt ist und Blitzlichter aufleuchten. Ansonsten ist er eher die „hallo-wach-Type“, hat alles im Griff und im Blick!“ Ähnliches sagen auch seine Freunde und Crew-Kameraden über ihn. „Man kann sich zu 100 Prozent auf ihn verlassen, immer und in jeder Situation ist er voll da.“ Auch wenn er manchmal etwas abwesend wirke. 

Tatsächlich ist es Charles Caudrelier (44) schnurzpiepe, was die anderen, vor allem aber die Medien über ihn schreiben und denken. Man weiß von ihm, dass er sich in den Etappenorten nur wenig für das interessierte, was über ihn und sein Team in der Zwischenzeit berichtet wurde. „Es gibt wichtige Menschen in meinem Leben, die erhalten meine volle Aufmerksamkeit. Und es gibt solche, die meinen Weg nur kurz kreuzen und für die ich weniger Zeit und Energie aufwenden kann,“ sagte er einmal in einem Interview mit der französischen Sportzeitung „l’Equipe“. Er sei eben einer von diesen Menschen die gerne alles durchdenken und durchspielen – „ganz so wie bei Hochseemanövern: Je besser  sie geplant und vorbereitet sind, desto besser gelingen sie auch!“ 

Von der Handelsmarine zum Volvo Ocean Racer

Das sind nun wieder Worte, die könnte man auch von einem alten Seebären erwarten. Und viele sehen in Charles Caudrelier genau das: den Seemann, der ebenso auf einem Handelsschiff oder Tanker um die Welt schippern könnte. Bedächtig, ruhig, mit diesem verträumten Blick in Richtung Horizont, wie Caudrelier immer wieder porträtiert wird. 

Dongfeng, Charles Caudrelier, Volvo ocean Race

Richtige Angst habe er nie gehabt, sagt Caudrelier. Weil er Vertrauen hatte © dongfeng

„Stimmt, so ein Seemann bin ich ja auch tatsächlich einmal gewesen,“ sagte er vor einem Jahr im Gespräch mit SR. Doch nun sei er eben Segler geworden, was ja auch nicht so schlecht zu ihm passe. Und was mit dem zweiten französischen Sieg beim Volvo Ocean Race mehr als bewiesen wäre. 

Obwohl das mit der Segelei für einen derartigen Ausnahmesportler erst relativ spät anfing. Kein klassischer Einstieg im Opti oder im 420er-Trapez, sondern erst mit 15 Jahren entdeckte er den Spaß am Vortrieb durch Wind – auf dem Surfbrett. Außerdem begeisterte er sich fürs Tauchen, beide Sportarten „würden deutlich mehr Freiheit bieten, als diese Jollensegelei um irgendwelche Tonnen herum“. Mit 16 lieh ihm sein Vater erstmals den Familien-Cruiser für Solo-Ausfahrten auf See, zwischen Concarneau und den bretonischen Glenan-Inseln. „Damals wurde ich neugierig auf das, was hinterm Horizont sein könnte,“ erinnert sich Caudrelier.

Um diese Neugierde zu befriedigen, schlug Caudrelier einen für junge, das Weite suchende Abenteurer ungewöhnlichen Weg ein. Er besuchte nach dem Abitur eine Hochschule der Handelsmarine und fuhr schließlich mit dem Diplom in der Tasche als Offizier zur See. Zwischen der Bretagne, Spanien und Irland entwickelte sich jedoch bald eine nervtötende Routine für den jungen Seemann, so dass er schon nach wenigen Jahren seine Karriere auf Handelsschiffen „hinschmiss“. 

Dongfeng, Charles Caudrelier, Volvo ocean Race

Nach dem nachdenklichen Blick folgt (meist) ein markantes Lächeln © dongfeng

Doch nicht nur die Langeweile ließ ihn diesen Schritt machen, sondern auch der Umstand, dass er sich in der Zwischenzeit – aller Surferei zum Trotz – einen Namen als Solo-Segler gemacht hatte. 2004 gewann er die heiß umkämpfte Solitaire du Figaro, 2009 siegte er auf der IMOCA „Safran“ mit Marc Guillemont bei der Transat Jacques Vabre, 2013 triumphierte er bei diesem Zweihand-Transat erneut, diesmal auf einer Mod 70. 

Alles zielte bei Caudrelier auf eine Teilnahme bei der Vendée Globe – „das war mein großer Traum“. 

Sein großer Traum? Die Vendée Globe!

Aber dann holte ihn 2012 Franck Cammas in sein zunächst etwas zusammengewürfelt wirkendes Team für das Volvo Ocean Race. Im Vergleich zu den anderen VOR-Kampagnen hatten die Franzosen eher wenig Geld zur Verfügung, warne zu spät in den Zirkus eingestiegen, alles wirkte – typisch französisch? – ein wenig improvisiert. 

Cammas und Crew schafften das Unmögliche und gewannen das Rennen, vor der versammelten Anglo-Saxo-Hochsee-Elite.  Nach dem Rennen wurde Cammas nicht müde, vor allem Caudrelier immer wieder zu loben: Er sei sein zuverlässiger „Liteunant“ gewesen, ohne ihn wären sie niemals auf dem obersten Treppchenplatz gelandet. 

Das merkte sich der chinesische Fahrzeug-Gigant „Dongfeng“, der die nötigen Gelder locker machen wollte, um die Chinesen zum international imageträchtigen Hochseesegeln zu bringen. An seinem 40. Geburtstag erhielt Caudrelier die Zusage, als Skipper das Dongfeng-Team beim Volvo Ocean Race 2014 um die Welt zu segeln. Unter erschwerten Bedingungen, denn es galt, auch völlig unerfahrene „Quoten-Chinesen“ mit an Bord zu nehmen. Entsprechend wurde daher ein dritter Rang bewertet – keine schlechte Ausgangsposition für einen nächsten VOR-Streich. 

 Sponsor Dongfeng hatte „Blut geleckt“ und ließ Caudrelier für die Ausgabe 2017/18 nahezu freie Hand bei der Auswahl des Teams. So kam eine letztendlich höchst erfolgreiche Crew zustande, die das VOR auf den letzten Metern gewann – ohne zuvor jemals bei einer Etappe siegreich gewesen zu sein. 

„Wir haben eben immer an uns geglaubt,“ sagte Caudrelier im Rahmen der Siegesfeier in Den Haag. „Und ich hatte Vertrauen in jedes einzelne unserer Crewmitglieder.“ 

Einen Fehler gab es doch

Nur ein Mal habe er einen Fehler gemacht, was die Zusammenstellung des Teams anbelangt. Gegenüber der französischen Tageszeitung „Liberation“ gab Caudrelier zu, dass er falsch reagiert habe, als sich America’s Cup-Sieger und Superstar Peter Burling um einen Platz in Caudreliers Dongfeng-Crew regelrecht bewarb. „Damals habe ich zu lange gezögert. Ich fand unser Team ausgewogen, technisch gut und wusste nicht, wen ich für Burling opfern sollte“. Der stieg schließlich bei der Konkurrenz ein und der Rest ist Geschichte.

Dongfeng, Charles Caudrelier, Volvo ocean Race

Lachen oder heulen oder beides? Caudrelier mit dem VOR-Pokal © dongfeng

Überhaupt, der Glauben an den anderen, das Vertrauen in seine Crew. Caudrelier wird nicht müde, immer wieder auf den Team-Spirit zu verweisen, der das Volvo Ocean Race so einzigartig macht. Doch auch die andere Art des Glaubens, der an eine höhere Macht, scheint im Leben des Charles Caudrelier eine gewisse Rolle gespielt zu haben. Aufgewachsen in einem streng katholischen Haushalt, machte er sich schon als Jugendlicher Gedanken darüber, wie Glauben und die damit meist verbundene Religion den Menschen verändert. „Ich war als junger Mensch gläubig, bin es aber heute nur noch in Maßen. Meine Kinder wurden getauft, um der Familie einen Gefallen zu tun. Ich habe durchaus Respekt vor allen, die sich als gläubig bezeichnen. Doch was die Menschheit in der Vergangenheit und Gegenwart unter dem Deckmantel der Religion erdulden musste und muss, ist mir eindeutig zuviel,“ stellte Caudrelier gegenüber „Liberation“ klar. 

Er glaube eben lieber an seinen Nächsten – im Fall des VOR an die Crew um ihn herum. 

Und in diesem Rahmen sei er für stetige Erneuerung. Es müssen immer wieder neue Ansätze, neue Ideen in ein Team gebracht werden. Ein Grund, warum er beispielsweise Macron gewählt habe – der alte Mief musste aus dem Elysée-Palast verschwinden. 

Ob er begeistert sei von der Entscheidung, zukünftig das VOR auf IMOCA zu segeln, wird Caudrelier am Rande eines Empfangs gefragt, den die Stadt Lorient kürzlich für die siegreiche Dongfeng-Crew gab. Schließlich könne er so doch auch seinen alten Traum von der Vendée Globe wieder aufleben lassen. Caudrelier hebt bedächtig die Schultern, setzt wieder seinen „abwesenden, aber nachdenklichen Blick auf“ und sagt: „Eigentlich möchte ich schon gerne daran glauben…“ 

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Porträt: VOR-Sieger Charles Caudrelier – der etwas andere Held“

  1. avatar Suedlicht sagt:

    Herzlichen Dank für so eine tolle Arbeit MiKu, ich habe es von Anfang bis Ende mit Freude gelesen und viel neues erfahren obwohl ich die letzten 10 Monate auf allen Kanälen alles über das VOR aufgesogen habe.
    Weiter so!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

    • avatar breizh sagt:

      Kann mich der Meinung nur anschließen.
      Toller Artikel und viele neue Informationen über einen Hochseeakteur, der hier – zu mindestens mir – bisher namentlich nicht so im Fokus stand.
      Da macht sich der vor Ortreporter von SR bemerkbar. Weiter so! 🙂

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  2. avatar Olli sagt:

    Du schreibst, Segler als Beruf passe gut zu ihm und daß das mit dem zweiten französischen Sieg beim VOR bewiesen wäre. Meinst Du damit den Sieg von Groupama unter Cammas?
    Dieser Sieg vor wenigen Wochen war, wenngleich von hauptsächlich französischen Seglern erarbeitet, ein chinesischer. Groupama war der zweite französische Sieg. Der erste war l’Esprit d’Equipe 85/86.
    Klugscheißermodus aus.
    Abgesehn davon: toller Artikel! Mal wieder ein Genuß, zu lesen.

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