Race to Alaska: Flaute bevorteilt Muskelpakete – Trimarane dank Pedalantrieb in Führung

Segeln, rudern, strampeln


Das Kultrennen beginnt auch in diesem Jahr mit eher zurückhaltenden Winden. Doch wer entsprechend vorgesorgt hat, kommt trotzdem voran. 750 Seemeilen für (fast) alle, die sich über Wasser halten können. 

Es ist in Zeiten wie diesen insbesondere für Kanadier ein „Muss“, den Amerikanern wo es auch nur geht Paroli zu bieten. Politisch, umweltspezifisch, sportlich… in vielen Dingen des Lebens ist es geradezu Pflicht, ein Alternativprogramm zu den Nachbarn im Süden und Nordwesten zu bieten. 

So warben die Macher des Race to Alaska – kurz: R2AK – dieses Jahr vollmundig, dass der „America’s Cup schon sehen wird, was er davon hat, wenn er sich mit einem Medienereignis wie dem Race to Alaska um die höchsten Einschaltquoten messen will!“ Oder anders ausgedrückt: 

An Selbstbewusstsein mangelt es den „R2AK“-Machern nun wirklich nicht. Man ist sich des Kultcharakters des Events eben sicher und kann es sich deshalb leisten, zeitgleich mit dem AC „ins Rennen zu gehen“.

Race to Alaska

Vorsprung durch dicke Beine – schon wieder eine Gemeinsamkeit mit dem America’s Cup © R2AK

Tatsächlich ist die Regatta von Port Townsend auf Vancouver Island nach Victoria BC (Etappe 1, 40 sm) und von Victoria nach Ketchikan, Alaska (710 sm) mittlerweile unter den amerikanischen und kanadischen Outdoorfreaks ähnlich bekannt wie das Iditarod. Nur dass man sich bei letztgenanntem Event zwar auch auf sprichwörtlich „dünnes Eis begibt“, jedoch vorwiegend an Land bleibt und sich von Schlittenhunden ziehen lässt.  

Rennen für (fast) jedermann und -frau

Extremsportler und Hardcore-Segler, aber auch – und gerade das macht das Rennen so charmant – Fahrtensegler mit einem gewissen Hang zum Masochismus, sind beim R2AK auf den Spuren der Goldgräber unterwegs, die früher mit allen Mitteln (und Booten) Richtung glücksverheißendem Alaska wollten. 

Obwohl die Route des Rennens in eines der anspruchsvollsten Küsten- und Seegebiete der Sieben Meere mit einer meist widerwärtigen Wetterlage gelegt wurde, verzichteten die Organisatoren auf  komplizierte Wettfahrtregeln, allzu einengende Sicherheitsbestimmungen und sowieso auf bauliche Vorschriften oder Klassifizierungen für die teilnehmenden Boote. Nach dem Motto „Schnauze halten und loslegen“ werden alle, die sich mit ihren Booten einigermaßen über Wasser halten können, auf den Weg Richtung Alaska geschickt. (SR berichtete)

Einzige Einschränkung: Es dürfen keinerlei Motoren verwendet werden. Und es wird dringend empfohlen, neben Segeln weitere Vortriebsmittel zum Einsatz zu bringen – Muskelkraft, zum Beispiel.

Entsprechend bunt und abenteuerlich sind die Boots- und Crew-Typen, die am R2AK teilnehmen. Vom HighEnd-Kohlefaser-Trimaran mit sechs Mann Besatzung über ganz normale Cruiseryachten, Kanu-Segelboote, Wander-Ruderboote bis zum SUP-Paddler mit Überlebensrucksack auf dem Rücken ist so ziemlich alles vertreten, was sich als Mitglied der großen Wassersportgemeinde sieht. 

Der Clou: Nur diejenigen, die bereits ein R2AK absolviert haben, ahnen auch nur im Ansatz, was alles auf sie zukommen wird. Alle anderen gehen gezwungenermaßen etwas blauäugig ins Rennen und müssen das oft genug schon nach wenigen Seemeilen büßen. 

Orcas, Grizzlys, Wölfe und Tiden

Vor allem die Insel- und Fjordwelten zwischen Vancouver Island und dem kanadischen Festland bieten tückische Fallwinde, rasch heranziehende Sturmfronten aber auch tagelange bleierne Flaute. Ferner Orcas, die gerne mal im Rudel das eine oder andere Boot begleiten (die wollen aber nur spielen!), Grizzly-Bären, die auch mal lieber was anderes futtern würden als die doofen Lachse und natürlich Wölfe, die sich aber von einem ordentlichen Lagerfeuer am Strand meist abschrecken lassen. 

Ach ja, und dann wären da noch Tidenströmungen von 10 bis 15 Knoten Geschwindigkeit – die mit Abstand schwierigste Hürde, die es für alle Teilnehmer zu nehmen gilt.

Teilnehmer der letzten Rennen berichten von höchst frustrierenden Erlebnissen, bei denen tagelang unter Segeln erkämpfte Positionen in einer falsch berechneten Tidenströmung buchstäblich zu Bruch gingen. „Ich ruderte wie ein Wilder und hielt gleichzeitig immer nach einem Felsen Ausschau, auf den ich mich retten könnte, falls das Boot zerschellt,“ oder „ich habe selten so heimtückische Winde erlebt wie in diesem Teil des Pazifiks“ und „schon nach 50 Seemeilen habe ich mich gefragt, was ich hier eigentlich mache!“

Nicht eingeweihte Segler werden sich spätestens an dieser Stelle fragen, wie man denn bitteschön eine Yacht gegen wilde Strömungen rudern soll? Nun, genau das ist der springende Punkt bei dieser Regatta: Entweder dein Boot ist flach und leicht genug, dass Du es mit einer herkömmlichen Ruderanlage fortbewegen kannst oder Du hast eine Galeere mit 250 Rudersklaven zur Hand oder lässt Dir was anderes einfallen wie etwa über Fahrradpedale bewegte Propeller oder… Du lässt es besser bleiben. 

Unterwegs kann man übrigens anhalten wo und wann man will, die Route durch den Archipelageo ist nicht vorgegeben, wer einen Schaden am Boot hat kann an einen Strand oder in eine Bucht und zum nächsten Dorf wandern, in der Hoffnung, dass es dort Ersatzteile gibt (mit Entfernungen von über 100 Kilometern muss gerechnet werden). Und wie gesagt: ein Feuer am Strand hält meist die Wölfe fern. 

Die Schnellsten schaffen die Strecke bei günstigen Winden (wie etwa im letzten Jahr) in ca. vier Tagen, andere brauchten deutlich länger als vier Wochen. Ein echtes Zeitlimit ist nicht vorgesehen, die Renndirektoren weisen jedoch darauf hin, dass „nach ein paar Wochen die Suche nach ausgebleichten Gerippen am Strand aufgegeben wird!“ Aber im Ernst: Am 25. Juni startet ein Besenboot, das die Strecke in neun bis zehn Tagen absolvieren wird und nimmt alle aus dem Rennen, die es in langsamer Fahrt überholt. 

Seit drei Tagen sind 34 Boote unterwegs. Sie haben mit teils öligen Flautenbedingungen zu kämpfen und warten Alle auf „dickes Wetter“, das von den Wetterstationen angekündigt wird. Drei SUP-Paddler, ein reines Ruderboot und ein Kajak sind dabei, alle anderen Boote sind der Kategorie „Segler“ zuzuordnen. Wenn auch teils abenteuerliche Konstruktionen vor allem für den Vortrieb per Muskelkraft dabei sind. 

Die ersten Boote verlassen bereits die Inselwelt und erreichen den offenen Pazifik. Die nächsten Stunden werden entscheidend sein: Wird der Wind tatsächlich so stark pusten wie angekündigt? Wie hoch wird der Seegang? Und vor allem: wie lange werden die blöde grinsenden Orcas noch nebenher schwimmen? 

Website (sehr empfehlenswert, mit vielen Info von Bord der einzelnen Boote)

Facebook

Tracker

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden
http://nouveda.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *