Rio Verschmutzung: Segeln mit Mundschutz – Scheuklappen sind nötig

Man muss es lieben

Aquece Rio – International Sailing RegattaOn the second day of the Olympic test regatta in Rio (Aug. 16), there appears to be sewage coming out this morning next to the launching ramp in Marina da Gloria. Local authorities pulled an oil boom around outflow to contain the light brown color surface water.

 

Die vorolympischen Regatten auf dem Skandal-Revier von Rio haben begonnen. Wie dreckig ist es wirklich? Die Sportler müssen dieses Thema aus dem Kopf bekommen.

Rio Olympics

Die aktuell auf Platz zwei liegende Radialseglerin Page Railey segelt vor Rio mit Mundschutz. Eine Vorsichtsmaßnahme? © Martinez/Sailingenergy

Die Kloake vor Rio. Die Segler können dieses Thema kaum noch hören. Ihnen hilft es nicht weiter. Sie müssen in der Guanabra Bay Leistung bringen, und die führt beim Segeln insbesondere über eine positive Einstellung zum Revier.

Man muss es lieben, sich hinein fühlen, den Rhythmus spüren, lernen seine Zeichen zu deuten. Verständnis und Nähe führt zu den richtigen Entscheidungen auf dem Kurs. Segler, die sich wohl fühlen und Eins werden mit ihrem Spielfeld, erkennen die entscheidende Winddrehung, Böe oder Strömung zuerst. Sie werden die Sieger sein.

Aber das ist in Rio leichter gesagt, als getan. Klar ist es nach wie vor eine einzigartige Kulisse für jeden Athleten, der in der Bucht unter dem Zuckerhut und Corcovado segeln darf. Aber er muss ausblenden, was da mit dem Wasser passiert. Es ist einer der Faktoren, die er in Bezug auf seine eigene Leistung nicht beeinflussen kann.

Reale Gefahren

Die Guanabara Bay unter dem Zuckerhut vor der Segel-Marina

Die Guanabara Bay unter dem Zuckerhut vor der Segel-Marina

Innerliche Scheuklappen sind nötig, um die negativen Gedanken ausblenden zu können. Aber völlige Ignoranz hilft auch nicht. Denn besonders die gesundheitlichen Gefahren werden immer realer.

So sind vor einer Woche Fälle von 13 erkrankten Sportlern im US-Ruder-Team bekannt geworden, die bei der Junioren WM teilgenommen haben. Die Teamführung führt die gesundheitliche Ausfälle auf die schlechte Wasserqualität zurück. Die Sportler klagten über Magen-Darm-Probleme.

Die Zusammenhänge sind nicht zweifelsfrei geklärt, aber auch Ruderer aus anderen Teams sollen Beeinträchtigungen gelitten haben. Je drei Australier und Briten ließen sich behandeln.  Die Häufung ist auffällig. Und sie deckt sich mit einer Ende Juli von Associated Press veröffentlichten und in Auftrag gegebenen unabhängigen Untersuchung, die eine gefährlich hohe Virus-Konzentration durch Verschmutzung in allen Olympia-Gewässern zu Tage brachte. Dabei deckt sich die Belastung in den Ruder-Gewässern sich mit der in der Guanabra Bay. AP prangert an, dass bisher von den Offiziellen nur die Belastung mit Bakterien nicht aber mit Viren getestet werde.

IOC Offizielle wollen schwimmen gehen

Nawal El Moutawakel vom IOC scheint aber nach wie vor kein großes Problem zu sehen. Sie witzelte bei einer Pressekonferenz, dass sie mit ihren Kollegen in der Guanabara Bucht schwimmen gehen werde, um ihrer Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass Wasserqualität für die Athleten gesichert sei. “Die Wettkampfstätten werden sauber sein”, bekräftigte El Moutawakel.

Der brasilianische Segler Ricardo Winicki bestätigt aktuell, “das Wasser ist exzellent”.  Es gebe zurzeit keinen Grund, sich zu beschweren. Das Wetter habe wohl geholfen. Es sei schon einige Zeit her, dass Regen den Müll ins Wasser geschwemmt habe.

Zehn Müllsammelboote sind während der Regatta im Einsatz, um größeres Müll-Treibgut von der Oberfläche zu entfernen. Große Netze vor den Flussmündungen sollen Schlimmeres vermeiden. Der US-Coach Glaser sagt sogar, die Bedingungen seien nicht schlechter als anderswo in der Welt. Und Frankreichs Finn-Bronze Gewinner 2012 Jonathan Lobert  kann sich immer noch für das besondere Segelrevier im Herzen der Olympiastadt begeistern. “Das ist wirklich toll für unseren Sport. Normalerweise findet Segeln immer irgendwo außerhalb statt.”

Verstärkte Präsenz für das Segeln

Dieses Argument ist für die Organisatoren wohl das wichtigste, um Segeln nicht an einen anderen Ort zu verlegen. Die Präsenz des Segelns im TV wird durch die berühmte Kulisse des Reviers im Schatten des Zuckerhutes verstärkt sein.

Den gleichen Effekt erlebte der Sport 2000 in der Bucht von Sydney. Unvergessen ist das spannende Match Race Finale zwischen Jesper Bank und Jochen Schümann vor dem Opernhaus. Aus diesem Grund streben das IOC wie auch die ISAF keine Verlegung der Regatten an.

Es ist allerdings ein Spiel mit dem Feuer. Denn wenn es wirklich erste ernsthafte Erkrankungen geben sollte, wäre der Skandal perfekt. Videos wie das vom eingeleiteten Dreckswasser direkt neben der Segel-Marina lassen den Schluss zu, dass die Gefahr durchaus sehr real ist.

Segeln im Schatten des Corcovado. Eigentlich ein Traumrevier. © Martinez/Sailingenergy

Segeln im Schatten des Corcovado. Eigentlich ein Traumrevier. © Martinez/Sailingenergy

 

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Carsten Kemmling

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5 Kommentare zu „Rio Verschmutzung: Segeln mit Mundschutz – Scheuklappen sind nötig“

  1. avatar alikatze sagt:

    Ahoi,

    nach allem, was ich bei Euch, über SA oder in Berichten von/aus Rio gelesen habe, finde ich die Situation für die Wassersportler (Neben den Seglern auch die Langstreckenschwimmer und Triathleten) sehr bedenklich. Ich glaube jeder, der Sport auf einem Olympia-reifen Niveau treibt, träumt von einer Teilnahme an den Spielen. Da ist es von den Funktionären unverantwortlich, diesen Traum mit einem Risiko an (sportunüblichen) Gesundheitsschäden zu verknüpfen. Gerade vor dem Hintergrund der Intransparenz und Vertuschungsmanöver der lokalen Verantwortlichen und der Verlogenheit der Funktionäre ist das tatsächliche Gesundheitsrisiko für die Athleten selbst kaum zu kalkulieren. Vor Ort wurden Bakterien und Viren im Gewässer gefunden, die ernsthafte Erkrankungen mit bleibenden Schäden nach sich ziehen können. Je nach Schwächung des Körpers ist auch z.B. ein tödlicher Verlauf einer solchen Erkrankung möglich – vielleicht nicht sehr wahrscheinlich, aber möglich.
    Zudem sind vielleicht nicht alle Nationen und Mannschaften mit einer ähnlich guten medizinischen Versorgung gesegnet, wie die “westlichen”. Das mindeste wäre eine vollkommene Offenheit über den Gewässerzustand. Unhabhängige Beprobung durch neutrale Institute und Veröffentlichung der Ergebnisse. Nur dann können sich die Sportler wenigstens drauf einstellen, impfen und evtl. präventiv Medikamente nehmen und die Teams können sich hinsichtlich möglicher Notfallversorgung drauf einstellen. Cholera gehört vielleicht nicht ins Repertoire eines Sportarztes … und eine Hepatitis kommt nicht sofort.
    Den “Kopf frei bekommen” und mit Scheuklappen an das Training heranzugehen, ist vielleicht für den Sportler der Weg, seinen Traum zu erleben und ihn auch hoffentlich unversehrt zu überleben. Für die Funktionäre und die Veranstalter ist der Austragungsort für die Freiwassersportler eher ein Zeichen von Verantwortungslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber Ihren “Schützlingen”. Da können sie die Soße noch so oft selber trinken…

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  2. avatar Jan sagt:

    Das ist schon ganz schön extrem, dass man Magenprobleme bekommt nur weil man unmittelbar auf dem oder im Wasser ist. Mir fehlt im Text etwas die Erläuterung warum die Wasserqualität dort so schlecht ist. Es wird zwar erwähnt, dass Müll ins Wasser geschwemmt wird, doch wo kommt der her?

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  3. avatar Wolfgang sagt:

    Ich finde sowas wirklich schlimm. Als Sportler würde ich da streiken. Geld hin oder her. Meine Gesundheit wäre mir da wirklich wichtiger.

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  4. avatar Fakt sagt:

    Fast überall auf der Welt leiten die Hotels ihre Abwässer ungeklärt ins Meer.
    Ihr schwimmt also während des Sommerulaubes in ungeklärten Abwässern ohne es zu merken.

    Eure Empörung über die Wasserqualität in Rio ist daher nicht nachvollziehbar.

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