Robert Scheidt Porträt: Wie der vielleicht beste Seglers der Welt zur Legende wurde

"Alter ist keine Ausrede"

Robert Scheidt hat bei der Laser WM im Oman im geradezu biblischen Laser-Alter von 40 Jahren ein grandioses Comeback gefeiert. Er gewann nach acht Jahren seine neunte Laser WM mit 13 Punkten Vorsprung.

Robert Scheidt

Der zehnfache Laser-Weltmeister bei der Leetonnenrundung im Oman. © Mark Lloyd

Flaute am Finaltag. Robert Scheidt lag um einem Punkt vorne und das 15 Uhr Startlimit lief ab. Er wäre Weltmeister, ohne noch einmal antreten zu müssen. Viele anderen hätten wohl an den Nägel kauend und hoffend im Schiff gesessen. Und sie hätten sich maßlos geärgert, dass drei Minuten vor dem Ablauf doch noch gestartet wurde. Viele haben in einer solchen Situation schon versagt. Nicht so Robert Scheidt. Die direkte Konkurrenz zeigte Nerven, patzte, aber Scheidt gewann den letzten Lauf und siegte standesgemäß. Eine ganz besondere Leistung.

Nach acht Jahren Abstinenz knüpft er fast nahtlos an die beispiellose Laser-Erfolgserie an, die er vor acht Jahren mit insgesamt zehn WM-Titeln (8 x Standard WM, 1 x ISAF WM, 1 x Jugend WM) in der Klasse abgeschlossen hatte. Wie ist das möglich? Was ist das für ein Typ?

Ich weiß noch, wie er 1995 erstmals in Teneriffa bei der Laser WM Vorbereitung auftauchte und bei unserem deutschen Team mittrainieren wollte. Einer dieser jungen Heißsporne. Vielleicht mal gut in der Jugend (Weltmeister 1991), aber ob der nächste Schritt gelingen würde?

“Steif in der Hüfte”

Robert Scheidt

Früh übt sich. Mit Schwimmflügeln vor dem Laser. © Scheidt

Wir waren etwas geschockt, wie der Junge uns besonders raumschots um die Ohren fuhr. Aber unser Trainer Friedhelm Lixenfeld erkannte sofort: “Der ist zu steif in der Hüfte”. Er wollte uns wohl schützen. Scheidt gewann seine erste WM, wir guckten uns viel ab, waren 1996 mit dem deutschen Team bei der WM in Südafrika viel näher dran, aber er gewann souverän und wurde immer noch besser. Wie war das möglich für einen Einzelkämpfer aus Brasilien? Europäer, Australier und Neuseeländer  gaben in der Klasse den Ton an. Wo kam dieser Ausnahme-Typ her?

Als er mit neun Jahren seinen ersten Opti bestieg, deutete wenig darauf hin, dass er einmal ein ganz Großer werden würde. Sein Vater, der 1960 nur knapp das Olympiaticket im Flying Dutchman verpasst hatte, kaufte ihm die Holzkiste. Besonders auffällig segelte er nicht.

Robert Scheidt

Mit neun ging es im Opti los. © Scheidt

Immerhin qualifizierte sich der Junior mit zwölf Jahren für die Weltmeisterschaft in Spanien, wo er auf Rang 42 landete, außerdem gewann er einmal die Südamerikanische Meisterschaft. Dann wurde er zu schwer und segelte fünf Jahre lang im Zweimann-Boot Snipe, das in Brasilien und Spanien eine große Klasse ist und dem Piraten ähnelt. Parallel beschäftigte sich der Champ auf einem See in seiner Geburtsstadt São Paulo aber schon mit einem Laser.

“Größter Sieg” gegen den jungen Dean Barker

1990 war er mit 17 Jahren so gut, dass er das Nationenticket für die Jugend- Weltmeisterschaft ergatterte. Sein erster großer internationaler Auftritt brachte Rang fünf ein. Aber als er den Neuseeländer Dean Barker, der heutige America’s Cup-Skipper vom Team New Zealand, überlegen gewinnen sah, klickte etwas bei dem Jungen.

In solcher Perfektion wollte er auch segeln können. Er trainierte bedingungslos, verbrachte nach der Saison in Brasilien einen Großteil seiner Zeit auf Regatten in Europa  und knöpfte sich schließlich Barker bei der Jugend-WM in Schottland vor. „Das“, sagt der Mann, der alles gewonnen hat, „war mein größter Sieg.“

Robert Scheidt

Tunnelblick. Regattavorbereitung im Oman. © Mark Lloyd

Es ist der Wendepunkt in seiner Karriere. Das neue Selbstbewusstsein formte aus einem guten Segler den Champion. Vielleicht war Scheidt bis dahin wirklich nichts Besonderes. Vielleicht hatte er nur Glück, dass Barker ohne die neumodische Gewichtsweste segelte, weil sein Trainer ihm davon abgeraten hatte.

Aber nach dem Sieg gegen den übermächtigen Favoriten glaubte er selbst an seine außergewöhnlichen Fähigkeiten. Und daran, dass er umso besser funktioniert, je stärker der Druck ist. Seither hat er sich mit jedem weiteren Erfolg ein wenig mehr davon überzeugt, das gewisse Etwas zu haben. Psychologen nennen das eine „sich selbst erfüllende Prophezeiung“.

Deutscher Großvater

Das gewisse Etwas, das ihn aus der Masse hebt, könnte er von seinem Großvater geerbt haben. Der kam nach dem Ersten Weltkrieg von Deutschland nach Brasilien und baute aus dem Nichts eine erfolgreiche Papier- und Tuchfabrik auf. Aber im Alter von 45 Jahren verkaufte er die Firma, ließ sich auf der Ilha Bela vor São Paulo nieder und fing an zu malen.

Auch sein Vater ging mit der Heirat einer Schwedin nicht gerade den gewöhnlichen Weg eines Südamerikaners. Er brachte es als Angestellter bei Bosch zu einem ordentlichen mittelständischen Wohlstand, mit dem er seinem Sohn die ersten Trainings in Europa ermöglichte.

Scheidts Timing war eigentlich perfekt. Der Laser wurde olympisch, er holte die ersten beiden WM Titel 95 und 96, erhielt die ersten Sponsorgelder, machte seinen Abschluss auf der Wirtschaftschule und gewann 1996 das erste Laser Olympia Gold der Geschichte. Aber was sollte da noch kommen?

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Carsten Kemmling

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11 Kommentare zu „Robert Scheidt Porträt: Wie der vielleicht beste Seglers der Welt zur Legende wurde“

  1. avatar jorgo sagt:

    Hut ab!
    Aus meiner Sicht hat jedoch ein Segler mit 40 noch kein “biblisches Alter” erreicht.
    Körperliche Fitness geht da wohl noch ganz passabel …. ansonsten ist Segeln in hohem Maße ein Erfahrungs-Sport.
    Robert S. kann durch eine vielen Siege auf einen unglaublichen Fundus zurückgreifen. Da muss erstmal jemand hinkommen…. !

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      das mag für viele anderen bootsklassen gelten, nicht aber für den Laser auf olympischem Niveau wie auch beim 49er und natürlich bei den Surfern. wenn das material gleich ist, hat die physis hat einen so großen anteil am erfolg, dass man ein manko nicht mit erfahrung ausgleichen kann.

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      • avatar Fons sagt:

        Liegt wohl eher daran, daß sich kein vernünftiger Mensch im fortgeschrittenen Alter mehr in einer spartanischen Nussschale, wie einem Laser, bewegen möchte. Das seglerische Leistungsvermögen wäre zweifelsohne bei dem Ein oder Anderen sicherlich noch vorhanden. Dazu kommen die sehr engen Normen für Idealgewicht, kombiniert mit idealem Hebel.

        Ähhm Karsten. Wer der beste Segler der Welt ist, wissen eigentlich alle. Ich könnts dir verraten! Aber vielleicht findest du es ja irgendwann selber raus. 🙂

        Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 23

        • avatar Fons sagt:

          Ohne das Olympia-Aus des Starboots und die kommende Olympiade in Brasilien hätte man Scheidt sicher auch nicht mehr im Laser gesehen. Wie es aussieht, ist das anvisierte Gold im Laser sogar wahrscheinlicher, als im Starboot, wo es ja zweimal nicht geklappt hat.

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        • avatar pabo sagt:

          Solche Aussagen sind einfach nur ärgerlich und furchtbar ignorant.
          „Vernünftige“ Menschen im fortgeschrittenen Alter fahren keinen Laser??? Geht’s noch?
          Darf ich jetzt als Ü40 auch kein Fahrrad mehr benutzen? Der Benz ist ja viel bequemer!

          Gerade die Herausforderung dieser „spartanischen Nussschale“ mit seinen Anforderungen an Idealgewicht in Kombination mit dem idealen Hebel, sprich Athletik, macht ja diese Leistung so außergewöhnlich. Denn das gehört zum „seglerischen Leistungsvermögen“ einfach dazu. Und ganz offensichtlich ist dieses „seglerischen Leistungsvermögen“ nicht so oft vorhanden.

          Ganz nebenbei ist Carsten auch mit „fortgeschrittenen Alter“ noch ein super Lasersegler und weiß wovon er spricht oder schreibt. (Wenn er sich denn mal die rosa Kiste seiner Frau borgt)

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      • avatar jorgo sagt:

        Ja … und warum hat er dann gewonnen????

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        • avatar Carsten Kemmling sagt:

          weil er offenbar in diesem sport zu den absoluten ausnahmekönnern zählt. niemand außer er selbst hätte wohl gedacht, dass so etwas möglich ist. davor habe ich größte hochachtung.
          auch wenn sein alter gegenspieler ben ihm in sachen Americas Cup, dem arbeiten mit einem großen team oder auch im match race weit voraus ist.

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  2. avatar alex Bruhn sagt:

    Carsten, ich liebe Eure Seite und die Artikel! Vielen Dank auch für diesen wieder! Aber diese ewige Nörgelei und Schlechtmacherei in diesem Forum, ob nun zu diesem Artikel oder andern, geht einfach tierisch auf den Senkel!

    Alex Bruhn

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    • avatar Kersten sagt:

      Voll auf den Punkt Alex! Scheint eine dumme Angewohnheit zu sein, dass wenn einer nix zu sagen hat, nörgelt um aufzufallen. So ist das wohl in Foren und nennt sich freie Meinung. Kann man das bewerten?

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      • avatar jorgo sagt:

        Ihr habt ja alle recht!
        Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass das Alter nur eine Zahl ist und eigentlich nicht so viel
        darüber aussagt wie leistungsfähig der Einzelne ist.
        Paule Elvström war auch mit fast Mitte 50 noch Olympionike (knapp an der Medaille vorbei!). Möglicherweise lag es aber auch mit daran, dass er zu diesem Zeitpunkt kein Anfänger war?

        @Fons:
        Ich kenne viele begeisterte ältere Laser-Segler ….. z.T. schon über siebzig Jahre alt.
        Die machen das alle freiwillig (glaube ich jedenfalls….oder sie sind zwangsneurotisch. Ich bitte um Stellungnahme)!

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  3. avatar Till Krüger sagt:

    Als es vor einigen Jahren ein Youtube-Video von Scheidt an der Kreuz im Laser bei 3-4 Bft. gab, kommentierte ich das Video mit : “He is probably the best Sailor in the world” Ich kam prompt als Antwort zurück: “No, he is definitely the best.

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