Route du Rhum: Alex Thomson als Sieger im Ziel – Was ihm von der Jury droht

Wecker nicht geklingelt?

Ein Alex Thomson fährt nicht einfach so nur ins Ziel. Der Mann, der im Hugo-Boss-Anzug auf dem Kiel und Mast rumlief, zeigt vor seinem ersten großen Sieg noch mal einen schönen Querfeldein-Stunt. Nun droht eine Strafe.

Alex Thomson überquert die Route du Rhum Ziellinie nach 11 Tage und 23 Stunden. © Yvan Zedda

Einen schönen Stunt hat Alex Thomson da noch einmal kurz vor der Ziellinie abgeliefert. Mit 17 Knoten auf die Steine gekracht. Seinen Fans bleibt das Herz stehen. Der Brite ist seinem Ruf als Drama-Queen wieder einmal gerecht geworden. Er wird lange mit der Hugo-Boss-Marketing-Abteilung an einem passenden Finale gearbeitet haben. Möglicherweise haben die Location-Scouts den Felsen unter Wasser abgepolstert, damit nicht zu viel passiert…

Spaß beiseite 🙂 Vermutlich war Alex Thomson einfach nur müde. Möglicherweise hat sein Wecker nicht geklingelt. Es wäre nicht das erste Mal, dass Einhandpiloten nach einem langen Atlantik-Abenteuer kurz vor dem Ziel auflaufen. So ist es zum Beispiel Renaud Mary 2011 bei der Mini-Transat ergangen.

Es trifft sich zwar gut, dass seine “Hugo Boss” ja eigentlich schon bald ausgemustert werden soll – der Nachfolger ist im Bau – aber der Brite wird seinen ersten Rennsieg nicht fahrlässig gefährdet haben wollen. Umso erstaunlicher ist es, dass ihm so ein Missgeschick passiert.

Thomson nähert sich dem Ziel. © Yvan Zedda

Es mag ein Zeichen für den fehlenden Druck der Konkurrenz sein. Thomson kam mit mehr als 200 Meilen Vorsprung in Guadeloupe an. Das sind Welten. Dabei war sein risikoreicher Ausbruch nach Norden gar nicht so entscheidend. “Hugo Boss” passierte  beim Zusammenschluss der Flotte schließlich nur zehn Meilen voraus.

Überlegen im Passat

Erst danach in den Passatwinden wurde seine Überlegenheit sichtbar. Bei starkem Wind genau von hinten sollten die Foiler eigentlich gar nicht so schnell sein. Deshalb kann sich Paul Meilhat mit seinem Nicht-Foiler “SMA”  auf Rang zwei behaupten. Aber “Hugo Boss” scheint nach einem umfangreichen Refit im Winter und mit neuen Tragflächen noch schneller geworden zu sein.

Zumal die ernsthafte Konkurrenz ausgefallen ist. Jérémy Beyou hätte ihm mit seinem Neubau “Charal” wohl gefährden können. Aber der musste früh abdrehen, startete neu, und musste wieder mit einem Strom-Ladungs-Problem umdrehen. Louis Burton, mit Le Cleac’hs Vendée-Sieger unterwegs, fiel auch aus, und da schien nur noch Vincent Riou eine Chance zu haben, der seine “PRB” schon mit anstellbaren, beweglichen Flügeln entsprechend der neuen Regeln modifiziert hat.

Aber der wurde zum Ende des Rennens immer langsamer. Inzwischen ist klar, warum. Er verlor schon kurz nach dem Start seine Wind-Insturmente. Das ist deshalb ein Problem, weil der Autopilot nicht mehr den Winddaten hinterher steuert, sondern nur noch dem eingegebenen Kurs. Wenn der Skipper schläft, geht auf diese Weise die Effizienz verloren. Zuletzt hat Riou auf diese Weise auch noch den großen Spinnaker verloren, als der Wind in einer Squall stark drehte. Das Tuch wickelte sich ums Stag und musste losgeschnitten werden. So konnte Riou nicht mehr in den Kampf um Rang zwei eingreifen. Er wird schrecklich übermüdet sein, da er lange Zeit selber die Pinne führen musste.

Massive Sonnenschüsse

Das wird bis zu einem gewissen Grad aber auch für Alex Thomson zutreffen. Bei den herrschenden Vorwind-Bedingungen funktionieren die Autopiloten nicht so gut, wie gewünscht. Auch der Brite berichtet über einige massive Sonnenschüsse. Er hat selber viel gesteuert, um seinen Sieg abzusichern. Anders als durch große Müdigkeit, ist der Fauxpas nicht zu erklären.

Die letzten Meilen auf hoher See. © Yvan Zedda

Es ist ja noch einmal alles gut gegangen. Thomson querte umjubelt nach 11 Tagen und 23 Stunden die Ziellinie. Aber er muss sich noch einmal mit der Jury auseinandersetzen, weil er den Motor benutzt hat.

In den Regeln heißt es: “Während des Rennens dürfen keine anderen Antriebsmittel als der Wind verwendet werden. Und  “Der Betrieb des Motors darf das Ergebnis auf dem Weg zum Ziel nicht verbessern.” Es geht um die Frage, ob sich der Skipper einen Vorteil verschafft hat, und den Kurs mithilfe der Maschine schneller bewältigt hat. Aber das ist kaum anzunehmen. Schließlich hat Thomson den Propeller-Schaft nach dem Freikommen wieder versiegelt. Nummerierte Plastik-Siegel sind an Bord.

Jury hat protestiert

Das internationale Schiedsgericht muss den Vorfall überprüfen und hat einen Protest eingereicht. Das Verfahren erfordert nun eine schriftliche Erklärung des Skippers. Große Sorgen muss er sich wohl nicht machen. Der Einsatz des Motors aus Sicherheitsgründen soll als mildernder Umstand gelten. 

Die Jury kann Zeitstrafen verhängen. Die Wettfahrtleitung beschreibt, es gebe ein Raster-System, das auf die Schwere der Regel-Verletzung eingehe. Demnach werden Zeitstrafen von 0 bis 2 Stunden, von 2 bis 24 Stunden oder 24 Stunden bis zur Disqualifikation angewendet.

Die internationale Jury besteht aus fünf Schiedsrichtern: zwei Briten, zwei Franzosen und einem Deutschen.Es ist schwer vorstellbar, dass sich an dem ersten großen Sieg von Alex Thomson etwas ändert.

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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16 Kommentare zu „Route du Rhum: Alex Thomson als Sieger im Ziel – Was ihm von der Jury droht“

  1. avatar Jörg sagt:

    Leider doch! So wie es aussieht, erhält Thomson eine 24 Stunden-Zeitstrafe. Bitter!

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    • avatar Felix sagt:

      Ja Grade ebenfalls gesehen. Wirkt irgendwie etwas willkürlich. Ich meine 8-10h hätte ich noch absolut verstanden aber 24??

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  2. avatar Felix sagt:

    Wirklich ungewöhnlich, man weiß ja das Thomson um sowas zu verhindern schon immer einen Elektroschock Wecker verwendet. Wahrscheinlich hat er vergessen ihn zu stellen oder es gab sonstige Probleme.
    Woher stammt die Information mit den 17kt? Das Team selbst hat auf Instagram und Facebook von 7kt berichtet. Wenn es tatsächlich 17 waren ist die Geschichte wirklich gut ausgegangen, wenn man mal mit der vestas Geschichte vergleicht, die waren nicht viel schneller und die vo65 war danach nur noch Kleinholz.

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    • avatar Thomas sagt:

      Man kann es auf dem Tracker zurückverfolgen, mit 18,9kn gegen die Insel, das knirscht schon bei dieser Ansicht.

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  3. avatar breizh sagt:

    So die Jury Entscheidung ist gefallen. 24 Stunden Zeitstrafe. Es wird also noch einmal eng.
    Alles Weitere hier:

    Jury decision for Alex Thomson
    The jury have made the decision to give Alex Thomson a 24-hour penalty following the incident overnight. Paul Meilhat on SMA has 141.3nm to go and is travelling at 16 knots. In order to beat Thomson he must cross the finish line by 08:10:58 local time tomorrow.

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  4. avatar Jonas sagt:

    Für die Außenwirkung unseres Sports ist es ja großartig, wenn Sportler, nachdem sie 11 Tage lang eine auf allen Ebenen überlegene Leistungen abgeliefert haben, plötzlich durch windige Jury-Entscheidungen um einen verdienten Sieg gebracht werden. Das ist in etwa so, als wenn eine Fußball-Mannschaft 5:0 führt und dann nach einem Handspiel 6 Elfmeter reingedrückt bekommt: Es wirkt verdammt willkürlich.
    Klar kann man bei Einsatz der Maschine eine Zeitstrafe geben, aber es wäre doch schön wenn diese in irgendeinem vernünftigen Verhältnis zum vergehen stehen würde. Was hätte man denn für eine 2h-Strafe tun müssen? Zu oft an den Motor denken?!

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    • avatar Felix sagt:

      Ich sehe es eigentlich genau wie du, Alex ist damit zwar sehr gefasst umgegangen und fand die Strafe selbst scheinbar angemessen, allerdings ist sie meiner Meinung nach zu viel und birgt eine ziemliche Gefahr, wenn das nächste mal jemand mit seiner imoca strandet wird er sich wohl ganz genau überlegen ob er den Motor zur Befreiung nutzt und vermutlich zu dem Ergebnis kommen es zuerst ohne zu versuchen, was die ganze Geschichte wirklich gefährlich macht und die Gefahr eines Verlusts der Yacht oder einer Verletzung erheblich erhöht. Ich hätte zwar eine strikte Zeitstrafe verhängt allerdings nicht in diesem Umfang. Man hätte ihm 12h geben könnten, damit wäre es sehr umfangreich, er hätte aber noch die Chance auf den Sieg. Ich hoffe es kommt noch eine Erklärung für dass Ausmaß der Strafe. Denn ohne Erklärung wirkt sie sehr willkürlich.

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  5. avatar Christof sagt:

    Wie er selbst im Ziel Interview angegeben hat, will er so nicht gewinnen. Denn er hat sich selbst um den Sieg gebracht, wie er sagte. Sein Handwecker hat ihn nicht geweckt da wohl der Akku leer war…und den Motor zuhilfe nehmen ist eben entgegen der Regeln, das weiss er selbst am besten. Deswegen respektiert er die Jury Entscheidung, auch wenn damit klar ist, dass er nicht gewinnen wird. Aber er ist froh dass das Boot einigermaßen in Ordnung ist und wird wieder neu angreifen. Er hat gezeigt was er zu leisten imstande ist. Das zeichnet einen großen Sportler aus und dafür verdient er allen Respekt.

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  6. avatar Manfred sagt:

    Die Franzboys werden in ein paar Stunden kurz vor dem Ziel ankern und die Zeitstrafe abwarten (vielleicht 10 Stunden plus erstmal schlafen, Wecker stellen!) und dann schön einer nach dem anderen ins Ziel segeln. Boris kommt dann auch noch und dann beginnt ne große Feier. Rumpunsch ohne Ende…

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    • avatar Silberbeil sagt:

      Dann bleiben die Briten vielleicht doch in der EU ;-).

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  7. avatar Geronimo sagt:

    Alex nimmt’s ganz locker: ” I have a souvenir. A piece of Guaeloupe.”

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  8. avatar Quax sagt:

    Formel 1 – Rennen:

    Es führt einer mit 2 Runden Vorsprung, nickt kurz ein und fährt in die Bande. Kommt der Abschlepper, zieht ihn zurück auf die Strecke, Bruchpilot fährt weiter und gewinnt, weil der Vorsprung groß genug war.

    Wie würden wir uns darüber aufregen!

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    • avatar Felix sagt:

      War ja mal so;) früher wurden die Leute vom kiesbett häufig zurück auf die Strecke geschoben. Da diese heute nicht mehr vorhanden sind und der Abflug meist mit Totalschaden in der Bande endet geht das natürlich nicht mehr.

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  9. avatar Till sagt:

    Die Pressekonferenz war eigentlich sehr interessant. Alex hat offensichtlich für die vendee Globe mehr Angst vor seinem aktuellen Boot als vor charal. Zeigt mal wieder wie gut das Ding geworden ist. Ich bin auf den Nachfolger sehr gespannt, muss aber wohl ziemlich krass werden. Wird allerdings wohl noch einige Zeit dauern bisschen wir die neue Hugo Boss zu Gesicht bekommen. Der Käufer von der alten kann sich allerdings extrem Glück schätzen denn er kauft die wohl beste Kombination in der Flotte. Denn sie ist extrem zuverlässig und dazu noch sehr schnell. Ich bin gespannt wer sie bekommt. Meilhat fehlt irgendwie noch ein foiler…

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  10. avatar Maha sagt:

    Habe mir gerade AT’s Route detailliert im Tracker angeschaut. Ehrlich gesagt kann ich nicht nachvollziehen, warum Alex bereits 30-40 sm vor vor Grand-Terre die ‘Tiger-Line’ Richtung Land/Felsen fährt anstatt 10-15 Grad Steuerbord zu geben.

    Dann wäre Alex im Schlaf eventuell an Tête de l’Anglais/Basse-Terre vorbei gefahren, was bei seinem Vorsprung kein Problem gewesen wäre.

    Der direkte Kurs war schon gewagt bei so einem Vorsprung. Gab es vielleicht ein Problem mit dem Autopiloten? Ich verstehe es nicht wirklich, habe aber leicht reden in der warmen Stube…

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