Route du Rhum: Die entscheidenden Momente bei den IMOCA -Sieger Paul Meilhat erklärt

"Alex war unerreichbar"

Paul Meilhat blickt auf seine Erlebnisse beim IMOCA-Route du Rhum-Sieg zurück. Wie er sich auch ohne Tragflächen gegen die Foiler durchsetzen konnte.

Paul Meilhat

Paul Meilhat in Aktion mit der Vendée Siegeryacht von 2012. © Vincent Curutchet /VG

Der erste Platz von Paul Meilhat bei der Route du Rhum war eine der großen Überraschungen bei der wichtigsten Atlantik-Regatta des Jahres. In einem Interview mit den Organisatoren spricht er über die entscheidenden Momente. Wohl auch, weil er die Gunst der Stunde nutzen muss, um einen Sponsor für die nächste Vendée Globe zu finden. Sein Vertrag mit SMA läuft aus. Am liebsten würde er nun ein neues Boot bauen lassen.

Viel zu feiern hatte der 36-Jährige Franzose, dessen Wurzeln in der Jollenszene liegen (Laser, 49er), in den vergangenen Jahren nicht. Er musste  sich mit einem Beckenbruch per Hubschrauber abbergen  spektakulär von seiner Yacht abbergen lassen, das Schiff trieb herrenlos auf dem Atlantik, und konnte erst nach fast einem Monat eingefangen werden. Und er fiel bei der vergangenen Vendée Globe auf Platz drei liegend mit einem Riss im Hydraulik-Zylinder seiner Kiel-Ramme aus.

Paul Meilhat lässt den Korken knallen. © Alexis Courcoux

Segler glauben gerne daran, dass sich Glück bei Wettkämpfen ausgleicht, und so war ihm vielleicht deshalb Fortuna hold. Das Unglück von Alex Thomson bescherte ihm den  ersten großen Solosieg.

Hier seine interessantesten Aussagen über das Rennen.

Über die spezielle Verbindung zu seinem IMOCA, Gabarts Vendée-Siegerschiff von 2012:

“Ich habe so viele Meilen mit SMA gesegelt wie bei einer zweimaligen Weltumsegelung. Sie ist ein Boot, dem ich zuhören kann. Das ist gut, weil sie sehr empfindlich in Bezug auf das nötige Setup ist.”

“Manchmal habe ich mich selbst überrascht. Am Ende der Route du Rhum war ich so eins mit dem Boot, dass ich die Halsen nachts ohne Taschenlampe ausführen konnte. Es ging nahezu automatisch. Die Manöver funktionierten auch unter schwierigsten Bedingungen. Und selbst bei 45 Knoten starkem Wind, konnte ich problemlos schlafen. Das Risiko von Schäden kam mir nie in den Sinn. Und schließlich gab es auch keinen großen Schaden.”

Zur entscheidenden Taktik an den ersten Tagen:

“Die ersten Stunden waren sehr wichtig. Von der ersten Nacht an mussten wir ein extrem kompliziertes Tiefdrucksystem durchsegeln. Vor dem Start haben wir es vielleicht sogar unterschätzt. Aber in dieser Phase bin ich und Vincent Riou sehr gut voran gekommen. Wir hielten uns eher auf der Steuerbordseite und hatten etwas Glück, als wir zuerst den neuen Wind bekamen. Dadurch konnten wir vor allem Yann Eliès distanzieren. Gleichzeitig wählte Alex Thomson seine Option gen Westen. Diese Route war sicher sehr interessant kam für die Polare meines Bootes aber nicht in Frage.”

Zur Performance parallel zum schneller eingeschätzten Foiler von Vincent Riou:

“Ich war überrascht. Eigentlich hätte er schneller sein müssen bei den Bedingungen, aber wir überholten uns immer wieder gegenseitig. Am Anfang dachte ich, er würde es mit seinen Tragflächen ruhig angehen lassen bei dem starken Seegang, aber nach dem zweiten Tief vermutete ich schon ein technisches Problem bei ihm, ohne zu wissen, dass es seine Windinstrumente waren.”

Zum Vierkampf nach dem Erreichen der Passatwinde:

“Ich dachte, es würde schwieriger für mich, ihr Tempo bei den starken Passatwinden zu halten. Bei zwanzig Knoten Wind und einer riesigen Welle aus Nord, war es etwas kompliziert, unter dem großen Spinnaker zu segeln. Alex war bei den Bedingungen unerreichbar. Dieser Segel-Winkel ist für ihn sehr günstig. Im Allgemeinen war er 15 Prozent schneller als ich im tieferen Modus. Ich wusste jedoch, dass der Geschwindigkeitsunterschied zu Yann nicht so groß war und Vincent wegen seiner technischen Probleme nicht zu 100 Prozent segeln konnte.

Beide kamen oft näher, aber manchmal verloren sie auch an Boden. Ich befürchtete aber, dass der Wind drehen würde. Wenn wir mit 140 Grad zum Wind segeln, weiß ich, dass sie mit den Foils schneller sind. Am Ende blieb aber die Windrichtung genau von hinten. Das hat mir wirklich geholfen.”

Über die Ziel-Platzierung:

“Als wir zu viert in die Passatwinde kamen, war es mein Ziel, es auf das Podium zu schaffen. Alex war klar auf dem Weg zum Sieg, aber ich konnte sehen, wie Vincent aufgab. Er enthüllte dann auch seine Probleme mit den fehlenden Windinstrumenten und daraus folgend dem Autopiloten. Er schien extrem müde zu sein und musste schlafen, also war er nicht so schnell. Es wurde für ihn sehr kompliziert. Da glaubte ich daran, den zweiten Platz belegen zu können, auch wenn Yann  Druck auf mich ausübt. Ich wusste, dass die letzten Meilen um die Insel alles entscheiden konnten.”

Zum Unglück von Alex Thomson:

“Ich konnte früh erkennen, dass es ein Problem gab, weil jede Stunde die Positionen meiner Gegner auf dem Tracker aktualisiert werden. Ich konnte an seiner Spur sehen, dass er auf Guadeloupe gelaufen war. Mir war klar, dass die Jury Alex das Rennen nach dem Einsatz seines Motors nicht gewinnen lassen konnte. Es war auch klar, dass ich mit Yann nun um den Sieg kämpfen würde. Das hat viel Stress verursacht.”

Über den Sieg nach einer Jury-Entscheidung:

“Erst nach der letzten Wende wusste ich, dass das Rennen gewonnen war. Die Spannung ließ nach. Ich telefonierte und sah mir an, was die Leute in sozialen Netzwerken so schrieben, um zu wissen, wie ich im Ziel reagieren sollte. Alex hatte eine außergewöhnliche und brillante Erklärungen abgegeben, und er beendete damit alle Diskussionen.

Auf jeden Fall wollte ich bei dem Sieg nicht zu laut sein. Das ist nicht mein Stil. Alex ist auch nicht zum Ziel gekommen, und das war die richtige Entscheidung. Der drittplatzierte Skipper, der den Gewinner begrüßte, das ergab keinen Sinn. Seitdem haben wir viel geredet. Er hat mir mehrmals bestätigt, dass dies das größte Versagen in seinem Leben war und dass er es nicht verdient hat, das Rennen nach einem solchen Fehler zu gewinnen.”

Über die Intensität dieses Rennens:

“Der Start des Rennens war kompliziert. Danach ist es normalerweise selten, dass sich in den Passatwinden vier Boote so nah beieinander befinden. Da blieb keine Zeit zum Ausruhen. Aber wir waren alle gut vorbereitet. Wir sind in der Lage, mit sehr wenig Schlaf auszukommen. Ich wusste, dass ich alles geben musste, um eine Chance auf den Sieg zu haben. Es war wie im Figaro-Modus. Auch Boris hat eine fantastische Route du Rhum abgeliefert bei seinem ersten großen Solorennen. Eine tolle Vorbereitung für die Vendée Globe.”

Über den auslaufenden Sponsor-Vertrag:

“Ich würde gerne mit dem Bau eines brandneuen IMOCAs beginnen. Meiner Meinung nach haben wir jetzt zwei Jahre vor der Vendée Globe noch genug Zeit dafür. Ich habe viel gesegelt und viel Erfahrung mit den IMOCAs gesammelt. Und vor allem habe ich ein Technik-Team, das überaus kompetent ist. Wir können wieder einmal etwas Außergewöhnliches schaffen. Eine andere Möglichkeit ist, das jetzige Boot zu behalten und es zu mit Tragflächen zu modifizieren. Wir wissen, dass wir den Weg zu den Foils gehen müssen, und wir wissen auch, dass er funktioniert. Aber wir machen einen Schritt nach dem anderen, und zuerst müssen zuerst das Budget haben.”

 

 

 

 

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *