Route du Rhum: Das “Mittelfeld” nimmt Kurs Karibik

Endspurt Richtung Antillen

Alex Pella auf Siegeskurs bei den Class 40 © pella

Alex Pella auf Siegeskurs bei den Class 40 © pella

Derzeit eilen die letzten IMOCA und die Ersten der „Class 40“ und „Kategorie Rhum“ Richtung Guadeloupe. Am Dienstag werden die nächsten Boote im Ziel erwartet.

Als Francois Gabart am Freitag nach 12:04:38 Tagen die Ziellinie im Südosten der Antilleninsel Guadeloupe überquerte, als die Champagnerkorken auf der IMOCA „Macif“ knallten und der 31jährige französische Hochseechampion nach der Vendée Globe seinen zweiten großen Einhand-Sieg in der IMOCA-Klasse feierte, verquatschte sich einer der Live-Moderatoren:

„So, das dürfte nun der letzte spannende Zieleinlauf dieser Route du Rhum gewesen sein,“ sagte er mit Blick auf Jeremie Beyou, den (später) Zweitplatzierten der IMOCA-Klasse, den Sieger Gabart in den nervenaufreibenden Windstillen im Westen der Insel noch fürchten musste. Doch Beyou wurde selbst Flautenopfer und kam erst 10 Stunden nach „Macif“ ins Ziel.

Zweiter großer IMOCA-Einhand-Sieg: Francois hatte allen Grund szur Freude in Pointe a Pitre © courcoux

Zweiter großer IMOCA-Einhand-Sieg: Francois hatte allen Grund szur Freude in Pointe a Pitre © courcoux

Auch wenn der Moderator seinen Spruch später wieder relativierte – für viele der (zumeist französischen und britischen) Fans der Route du Rhum  ist mit Zieleinlauf der Mega-Trimaran Klasse „Ultime“, mit der „Multi-50-Fuß“-Klasse und den großen Monorumpfern der IMOCA-Klasse die Regatta eigentlich vorbei.

Zwar kommt danach erst das „Gros“ der Flotte, doch auch diese Einhand-Transat-Regatta wird nach spektakulären Maßstäben und Dimensionen bewertet. Lediglich die eingefleischten RdR-Liebhaber wissen, dass die „kleinen“ Class 40 und die Kategorie „Rhum“ wahrscheinlich die wahren Helden dieser „Route du Rhum“ aus ihren Reihen stellen werden.

Im Herzen der Flotte

Einer dieser Helden ist… eine Heldin.   Anne Caseneuve, die einzige Frau, die an fünf „Routes du Rhum“ teilgenommen hat, segelt derzeit deutlich an der Spitze der Kategorie „Rhum“. Von vielen als „Retro-Flotte“ zwar nicht be- aber doch milde angelächelt, sind die „Rhum“-Skipper letztendlich das „Herz“ der RdR. Denn hier versammeln sich wie sonst zu keiner anderen Hochseeregatta (mitunter etwas betagtere) Enthusiasten auf Veteranen der Hochseeregatta-Baukunst: Vom 23 Meter langen Monorumpfer „Kriter VIII“ über einen der letzten noch segelnden „Open 50“ und den gelben Trimaran „Acapella“ (Baujahr 1980), den Open 60 „Grey Power“ von Sir Robin Knox Johnston aus dem Jahre 1997 bis zum Trimaran „Aneo“ eben von Anne Caseneuve, der wiederum aus Puzzlestücken großer Trimarane – u.a. Fujicolor (Rumpf) und Groupama (Schwimmer)  –  zusammengebaut wurde.

Aufgrund des hohen Volumens seiner Schwimmer, gilt „Aneo“ als besonders hochseetauglich. Der „gestückelte“ 60-Fuß-Bolide hat auch in dieser zusammengesetzten Form schon an der Route du Rhum und mehreren anderen Transats erfolgreich teilgenommen, gilt aber als sehr physisch… physischer als die „Ultime“-Megatrimarane. Soll heißen, es muss geackert werden auf der „Aneo“.

Anne Caseneuve auf ihrem Trimaran "Aneo" © courcoux

Anne Caseneuve auf ihrem Trimaran “Aneo” © courcoux

Caseneuve segelte seit dem Startschuss an der Spitze ihrer „Kategorie Rhum“, sieht ihre Leistung dort aber durchaus realistisch: „Ich habe mit Abstand das schnellste „Rhum-Schiff“. Also muss mein oberstes Ziel sein… anzukommen. Wenn ich das irgendwie schaffe, werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach auch Erste werden. Nur das Kunststück ist bei so einem Renner eben das Ankommen!“ sagte sie noch kurz vor dem Start.

„Könnte ewig so weitergehen“

Ganz anders äußerte sich zum Thema Ankommen und Sieg Sir Robin Knox-Johnston. Der älteste und dienstälteste Hochseeregattasegler der gesamten RdR-Flotte hatte deutlich gemacht, dass er sich schließlich in einem Rennen befinde, und in Rennen sollte man möglichst schnell unterwegs sein und sich mit anderen duellieren!“ Bisher hielt sich der für die erste Nonstop-Einhand-Weltumseglung Geadelte an seine Prämisse.

Auf seiner eher älteren Open 60 „Grey Power“ (die bekanntlich auch nicht einfach wie ein Ponyhof zu führen ist) segelt der 75jährige schon seit Tagen auf Rhum-Rang 4, in Schlagweite (10 Seemeilen Abstand) zum Drittplatzierten Andrea Mura, der aus seiner Open 50 bisher vergleichsweise erstaunlichen Speed holte.

Knox-Johnston funkte neulich von Bord: „Hey, es fängt an, Spaß zu machen. Es ist warm, das Schiff ist nicht allzu zickig, auch wenn die wechselnden Winde in den Passatbreiten mit ihren Böen mitunter etwas Sorgen bereiten. Dennoch – es könnte ewig so weitergehen!“

Hmmmm, lecker Beutel-Futter bei Knox-Johnstons an Bord © knox-johnston

Hmmmm, lecker Beutel-Futter bei Knox-Johnstons an Bord © knox-johnston

Besseres Schlafmanagement

Unter den verbliebenen 32 Class 40-Rennern – die RdR-Kategorie war ursprünglich 43 Boote stark, wurde aber am heftigsten von den Starkwindtagen zu Beginn durch Havarien „gerupft“ – hat sich mittlerweile Alex Pella mit deutlichem Abstand an die Spitze gesetzt. Der Katalane musste sich erst in tagelangen (virtuellen) Duellen mit Kito de Pavant und seinem „Zögling“ Thibaut Vauchel-Camus herumschlagen, bis er sich vor acht Tagen, westlich der Kanaren erstmals deutlich absetzte und nun („Ich habe wahrscheinlich das bessere Schlafmanagement“) mit einem Abstand von 106 Seemeilen zum Zweitplatzierten und einer Distanz von 350 Seemeilen zum Ziel als sicherer Siegesanwärter platzierte. Doch die Passatzonen halten immer wieder Überraschungen parat – man weiß eben nie, ob nicht irgendein kleines, aber wichtiges Teil im falschen Moment den Geist aufgibt!“ funkte Pella gestern von Bord.

Von Überraschungen kann  Yannick Bestaven, derzeit viertplatzierter Class-40-Skipper, sein Liedchen singen. Allerdings erreichte ihn seine Überraschung per Funk seitens der Renndirektion: Man teilte ihm lapidar nach „eingehender Beratung“ mit, dass er für die von ihm verursachte Kollision mit Phillippa Hutton Squire (Class 40/Südafrika) während der ersten Regattanacht eine Strafe von 24 Stunden aufgebrummt bekomme.

24 Stunden Zeitstrafe wegen "Geisterfahrt" und Ramming © courcoux

24 Stunden Zeitstrafe wegen “Geisterfahrt” und Ramming © courcoux

Bestaven bemerkte in jener Nacht gegen 2 Uhr morgens ein Problem mit dem Vorstag und ging vom Am-Wind-Kurs auf einen (Vorstag-entlastenden) Vorm-Wind-Kurs… fuhr somit aber als Geisterfahrer den Nachfolgenden entgegen. Die Südafrikanerin segelte am Wind Backbordkurs, der Franzose vor dem Wind ebenfalls Backbordkurs, als es krachte. Die Schäden an der Class 40 von Hutton Squire waren so groß, dass sie aufgeben musste.

Am Dienstag geht die Party weiter

Am Dienstag werden die nächsten Ankömmlinge in Pointe-a-Pitre erwartet: die beiden noch im Rennen verbliebenen IMOCA „Team Plastique“ (di Benedetto) und „Initiative Coeur“ (Luftgitarrist Tanguy de la Motte) am Nachmittag und Abend MEZ, die Class 40 „Tales II“ mit Skipper Pella in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, im Laufe des Mittwoch die nächsten Class 40 und darunter wohl auch Anne Caseneuve auf ihrem Trimaran als Kategorie-Rhum-Siegerin.

Jeremie Beyou, zweiter der IMOCA-Klasse, bei nächtlicher Überquerung der Ziellinie © courcoux

Jeremie Beyou, zweiter der IMOCA-Klasse, bei nächtlicher Überquerung der Ziellinie © courcoux

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Route du Rhum: Das “Mittelfeld” nimmt Kurs Karibik“

  1. avatar jorgo sagt:

    Ich fiebere mit Thibault, einem langjährigen F 18 Weggefährten. Erstaunlicherweise hat er bei seiner ersten RdR Teilnahme lange geführt in der Class 40 und liegt jetzt ziemlich sicher an 2.

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