Route du Rhum: Die spektakulärsten Klassen – wo, wann und mit wem es spannend wird

Ein "Rum" der Superlative

Noch nie kamen so viele Ultim-Trimarane, IMOCA und Class 40 an den Start einer Route du Rhum. Warum die Solo-Nonstop-Transatlantikregatta in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit verdient.

Eigentlich gönnen sich die Franzosen nahezu jedes Jahr eine ihrer großartigen Einhand-Hochsee-Shows. Ob Vendée Globe (Solo-Nonstop-Weltumseglung auf IMOCA,  nächste Ausgabe 2020), Mini Transat (Solo auf Mini 6.50 über den Atlantik, nächste Ausgabe 2019), Brest Oceans (Solo auf Ultim Trimaranen nonstop um die Welt, Premiere 2019) oder in diesem Jahr die Route du Rhum (RdR, Solo-Transat) – immer handelt es sich um Spektakel der Extraklasse. Diese Hochseeregatten kreieren einen ganz besonderen Esprit, der mit kaum einem anderen Segelevent weltweit vergleichbar ist.

So kann auch die Route du Rhum 2018 (Start 4. November in St. Malo/Bretagne) wieder mit einigen Superlativen aufwarten, die nicht nur französische Segler interessieren werden. Die 11. Ausgabe des alle vier Jahre ausgerichteten Einhand-Nonstop-Transatlantikrennens von Frankreich in die Karibik feiert dieses Jahr pompös ihr 40-jähriges Jubiläum und hat dafür nochmals eine Extra-Portion Geld „in die Hand genommen“ (SR-Bericht „Das Millionenspektakel“). 

124 Profi- und/oder Amateur-SkipperInnen werden in diesem Jubel-Jahr vor der „Piraten-Stadt“ St. Malo an den Start gehen und als Ziel die Antillen-Insel Guadeloupe anpeilen. In sechs Klassen wird gestartet – SR wirft einen Blick auf die interessantesten Aspekte in den drei regattaspezifisch wichtigsten Klassen.

Ultim Trimarane

Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte kaum einer glauben, dass man diese 30 Meter-Monster tatsächlich alleine über weite Strecken segeln kann. Mittlerweile sind damit Einhand-Nonstop-Weltumseglungsrekorde pulversiert worden (Thomas Coville auf „Sodebo“, Francois Gabart auf „Macif) und die Skipper respektive Bezwinger dieser Ungetüme auf drei „Beinen“ werden zumindest in Frankreich wie Helden der Nation verehrt. 

Bei der RdR 2018 werden erstaunliche sechs Trimarane der finanziell äußerst aufwändigen Ultim-Klasse am Start sein. Superstars wie der 35-jährige Francois Gabart auf „Macif“ und Armel Le Cleac’h auf „Banque Populaire“ (beide Vendée Globe Sieger) sowie Sebastien Josse auf „Gitana“ und Thomas Coville auf „Sodebo“ geben den Ton an. Größtes Fragezeichen: Werden die mit T-Foils unterm Hauptrumpf ausgestatteten Trimarane tatsächlich über lange Strecken fliegen können? 

Francois Gabart, Ultim Trimaran, Weltrekord, Weltumseglung, einhand

Ob Gabart bei seiner RdR wirklich viel foilen wird? © liot/macif

Zudem wird der 62-jährige Francis Joyon bei seiner siebten Teilnahme diese RdR prägen wollen. Wenn auch seine „IDEC Sport“ – im Gegensatz zu ihm – zum „alten Eisen“ gehört, wurde auch sie nachträglich mit Foils  ausgestattet und dürfte vor allem in Sachen „Durchhaltevermögen“ eine wichtige Rolle spielen. Der sechste Ultim-Skipper im Bunde, Romain Pilliard, segelt wohl chancenlos auf einem echten Klassiker: Mit seinem „Use it again!“ brach 2005 Ellen MacArthur den Nonstop-Solo-Weltumseglungsrekord. Ohne Foils, versteht sich. 

Für Armel le Cleac’h wird diese RdR die erste Solo-Langstrecke im Regattamodus auf seinem neuen Ultim „Banque Populaire“. Nach der spektakulären Kenterung im Frühjahr muss nun bewiesen werden, dass er nicht nur den neuesten, sondern auch den schnellsten Trimaran steuert. Kein leichtes Spiel, wenn man sich die Konkurrenz ansieht.

Besonders Sebastien Josse hat mit seiner „Gitana“ – das zweitjüngste Boot an der Startlinie – schon bei der Transat Jacques Vabre im vergangenen Jahr bewiesen, dass er ohne Bruch und Probleme auf der anderen Seite des Atlantiks ankommen kann – und zwar schnell.

Francois Gabart und Thomas Coville hingegen haben solche Beweise erst gar nicht mehr nötig. Die beiden Weltumrundungs-Rekordsegler können sich felsenfest auf das Durchhaltevermögen ihrer erprobten Boote verlassen, die allerdings auch umfangreiche Modifikationen durchlaufen haben. Dass die Skipper zu den weltbesten Hochseeseglern der Welt zählen, steht sowieso außer Frage. 

Spannung von Anfang bis Ende ist also in dieser zahlenmäßig kleinsten und gleichzeitig größten Klasse der diesjährigen Route du Rhum angesagt. Kann “Macif” auf seinen neuen Foils gegen die jüngere Konkurrenz mithalten? Und wie weit wurde Armel Le Cleac’h durch seine Kenterung tatsächlich zurückgeworfen. Kann er schon gegen die besser vorbereitete “Gitana” bestehen?

IMOCA

Die 60-Fuß-Monorumpfer zählen seit jeher zu den imposantesten Rennern, die derzeit durch die Meere pflügen und neuerdings sogar auch auf Foils über der Wasseroberfläche schweben. Zwar heben die meisten dieser fliegenden Boliden „nur“ den Bugbereich auf Foils aus dem Wasser, doch die neueren Generationen wie „Charal“ bleiben mit verbesserter Foil-Technik auch längere Zeit „über den Wassern“ (SR-Artikel „Charal“). 

Unglaubliche 20 IMOCA werden bei der Route du Rhum am Start sein – exakt die Hälfte ist mit Foils bewehrt. 17 Männer und drei Frauen aus fünf Nationen sagen alles über den Werdegang dieser Klasse, die noch vor fünf Jahren totgesagt wurde. Technischer Fortschritt und begabte Skipper machen es möglich. Außerdem sorgt die Entscheidung IMOCAs beim nächsten (Volvo)-Ocean

Zentrale Frage auch hier: Wie lang werden die Strecken sein, auf denen Foils echte Vorteile bringen? Und werden diese Foils die enormen Belastungen durchhalten?

IMOCA, Herrmann, route du Rhum

Boris Herrmanns Malizia beim Training vor Port la Foret im Vollwaschgang © herrmannracing

Mit dabei ist das Who is Who der Hochsee-Szene: Alex Thomson auf der bewährten „Hugo Boss“ (Rang 2 bei der letzten Vendée Globe), Jeremie Beyou auf seiner nagelneuen „Charal“, Yann Elies auf J.P. Dicks “Ucar St. Michel“ und Vincent Riou auf PRB – um nur die Favoriten zu nennen. 

Ein besonderes Augenmerk sollte man auf die Deutsch-Französin Isabelle Joschke und die Britin Samantha Davies werfen. Beide haben, ohne und mit Foils, in den Solo-Sprint-Regatten der vergangenen Saison gezeigt, dass sie vorne mitmischen können. Ob das auch auf langen Strecken wie einer Transat möglich sein wird? Beide haben jedenfalls seglerisch „das Zeug  dazu“ – und werden nicht umsonst von ihren männlichen Kollegen als strategisch clevere Seglerinnen hoch respektiert.  

Aus deutscher Sicht ist die Teilnahme von Boris Herrmann auf seiner „Malizia“ (ex „Gitana“) eine besonders spannende Angelegenheit. Erstmals startet mit Herrmann ein deutscher Skipper in der prestigeträchtigen und besonders hart umkämpften IMOCA-Klasse bei einer Route Du Rhum. Sein erklärtes wichtigstes Ziel ist zwar erst die Vendée Globe in zwei Jahren, doch dürfte sein Abschneiden bei dieser RdR von vielen mit respektabler Neugierde beobachtet werden.

Seglerisch hat der als Navigator auf vielen Hochsee-Rekordfahrten und -Regatten erfolgreiche 37-Jährige mit Sicherheit das Zeug für einen Top Five Platz. Seine „Malizia“ gilt ebenfalls als eines der am besten „performenden“ Boote der Klasse. Kommt also alles drauf an, wie gut sich Herrmann mit seiner ersten Solo-Langstrecke auf einer IMOCA schlägt.

Class 40 

Die 40 Fuß langen „Arbeitspferde der Meere“, wie sie von ihren Skippern zumindest früher gerne genannt wurden, können im Rahmen der Route du Rhum als die konsequenteste Klasse überhaupt bezeichnet werden. Unglaubliche 53 Class 40 werden sich am 4. November vor St. Malo hinter der Startlinie versammeln – nur bei der Mini Transat tummeln sich noch mehr Boote einer einzigen Hochsee-Klasse bei einer Atlantik-Regatta.

Class 40 sind ebenfalls traditionell von Franzosen geprägt. Und so starten gleich mehrere frühere Solitaire du Figaro-Sieger, Transat Jacques-Vabre  Champions und THE Transat-Finisher in dem hochkarätigen Feld. Im Prinzip ist aus der insgesamt knapp 160 Boote starken Klasse unter den 53-  RdR-Startern die „creme de la creme“ dabei – höchst spannende Hochsee-Duelle sind also zu erwarten! 

Arnt Bruhns, Iskareen

Arnt Bruhns nach einer Qualifikationswoche alleine auf See. © Iskareen

Dabei sind die Boote im Laufe der letzten Jahre immer anspruchsvoller geworden. Trotz einer auf 115 qm limitierten Segelfläche am Wind, 4,5 Tonnen Verdrängung und einem Tiefgang von drei Metern. 17 verschiedene Risse werden in St. Malo zu bewundern sein: Die Rümpfe werden immer IMOCA-ähnlicher, die Hecks immer breiter und gleitfähiger, die Cockpits immer geschützter. Ganz zu schweigen vom Inneren: Dort sind die Zustände immer höhlenartiger – kein Vergleich mehr zu den ersten Class 40-Generationen. 

Auch bei den Class 40 ist dieses Jahr ein Deutscher dabei. Der 49-jährige Arnt Bruhns startet als Amateur auf seiner „Iskareen“ und will sich ein lang gehegten Traum erfüllen. Alster-Drachensegler Arnt Bruhns ist in Sachen Hochseesegeln alles andere als unbeleckt: Schon 1989/90 nahm er am Whitbread Round the World Race teil. Er machte zuletzt durch seine Teilnahme beim „Anniversary Race“ (Bermudas – Hamburg) von sich reden. 

Seine Class 40 hat bereits mehrere Atlantik-Überquerungen im Kielwasser. Anna Maria Renken finishte auf der ex „Nivea“ als erste deutsche Frau bei The Transat Bakerly . 

Wie Bruhns mit der Solo-Situation an Bord klarkommt, wird sich erst noch zeigen müssen. Wenn er auch bestimmt keine Platzierungs-Ambitionen hegt, dürfte es doch in dem ausgesprochen starken Feld schwierig werden, etwa in der ersten Hälfte auf Guadeloupe anzukommen. Die bisher beste Platzierung eines Deutschen bei einer RdR in der Klasse (Jörg Riechers auf Rang 6 im Jahr 2010) oder die ebenfalls sehr gute Platzierung des Amateurs Axel Strauss im gleichen Jahr (Rang 13) dürften kaum zu erreichen sein.

Aber ob es ihm darauf ankommt? Gegenüber den Veranstaltern der Route du Rhum ließ er jedenfalls fast schon schelmisch verlauten: „Wenn ich den einen oder anderen Profi-Skipper ärgern kann, dann wäre das schon was!“ 

 Wir werden in den kommenden Wochen noch weitere Route du Rhum Themen ansprechen – auch im Zusammenhang mit den nicht minder spektakulären Klassiker „Rhum-Classes“. 

Website (in Englisch) mit ausführlichen Skipper-Porträts

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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