Route du Rhum: Jingkun Xu hat auf IMOCA gemeldet – wird China endlich Segelnation?

„Mon dieu, die Chinesen kommen!“

China polarisiert auch in Frankreich auf vielen Ebenen. Doch Insider behaupten, dem Hochsee-Segelsport könnte chinesische Begeisterung nur guttun. Wird Jingkun Xu ein neuer Tabarly?

Die Chinesen kommen! © China Dream

Als ich das erste Mal Jingkun Xu beobachtete, steckte er ein wenig im Schlamassel. Besser gesagt: Er steckte fest. Es war an einem dieser schwachwindigen bretonischen Sommertage, die dann doch irgendwie zum Raussegeln einladen. Alle Plünnen setzen, mit dem Strom treiben, Hauptsache raus auf den Ozean. 2015 war das, und der Chinese verbrachte schon seinen zweiten Sommer in La Base Lorient, wo er sich auf die Mini Transat vorbereitete. Neben seiner sowieso schon – für seeseglerische Verhältnisse – exotischen Nationalität, zog er damals eine Menge Blicke und noch mehr Respekt auf sich, denn Jingkun Xu wurde ohne rechten Unterarm und Hand geboren. Mit Handicap solo auf dem Atlantik – das war wirklich beeindruckend. Erst recht, lange bevor ex-Paralympics-Segler Damien Seguin mit seiner fulminanten Vendée Globe-Teilnahme die Handicap-Segelei auf der Hochsee salonfähig gemacht hatte.

Am Wrack

Herr Xu segelte also – logisch, Minis die Transat segeln werden, haben keinen Außenborder angehängt – bei leichtester Brise aus dem Hafen heraus, hatte aber wohl die Tide irgendwie falsch eingeschätzt. Jedenfalls trieb er zielsicher auf das herzallerliebste Wrack zu, das seit dem Zweiten Weltkrieg den Eingang zum ehemaligen U-Boot-Hafen La Base in Lorient „ziert“. Es dauerte keine zwei Minuten, und Jingkun Xu knackt mit einem ekligen Geräusch gegen die verrostete Spundwand, die hoch aus dem Wasser aufragt. Dann noch ein „knack“, und der Segler steckt samt Mini fest.

„Dem Mann muss geholfen werden!“ rufen die ersten vom Steg herüber. „Mon dieu, der hat ja nur einen Arm!“ Aber noch bevor die Jungs von Banque Populaire, mittlerweile ebenfalls aufmerksam geworden, in ihre Zodiacs springen können, schallt vom Mini „Chinese Dream“ ein ziemlich lautes Gefluche herüber und Jingkun Xu taucht aus aus dem engen Niedergang des Minis hervor, mit einem Paddel in der Hand. Um dann – immer noch fluchend – das Boot mit drei, vier festen Stößen von der Rostwand zu befreien und dann, weniger laut fluchend, weil schwer atmend, gegen den Strom den eine Tonne schweren Mini frei zu paddeln. Mit einer wirklich unglaublichen Kraft im Arm, mit einer Vehemenz, die man so manchem anderen Seglern in zwei Armen nicht zutrauen würde.
Klar, eine lapidare Episode, vor allem für Ministen. Aber dennoch bezeichnend für Jingkun Xu: Dessen Motto (reichlich oberflächlich übersetzt) „selbst ist der Mann“ lauten könnte. Denn ein Macher und Arbeitstier, das ist er allemal, dieser Jingkun Xu. Und ein Segler, der längst sein Herz an die Sieben Meere unseres Planeten verloren hat.

Mini-Transat, Weltumseglung, Route du Rhum

So überstand er eine Mini Transat, bei der er unterwegs am Boot so ziemlich alles reparieren und ausbessern musste, was nicht niet- und nagelfest war. Und so segelte er kurz darauf ein paar Jahre lang mit seiner Frau auf einem Lagoon-Kat um die Welt, brach dabei mehrere chinesische Seemeilen-Rekorde, besuchte so viele Länder wie nie ein anderer, segelnder Chinese zuvor und: lernte, lernte, lernte…

Jingkun Xu © route du rhum

Hätte man ihm damals, als die obige Episode passierte, tröstend gesagt, dass er in sieben Jahren auf einer IMOCA an den Start der Route du Rhum gehen würde, hätte er chinesisch-freundlich gelächelt und in Gedanken sein Gegenüber als Träumer bezeichnet.
Doch was derzeit alles rund um Jingkun Xu geschieht, ist längst über simple „Spinnerei“ hinaus gewachsen.

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Michael Kunst

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