Sail GP Replay: Das Segeln neu erfunden? – Australier begeistert über Heimsieg

Die große Segel-Show

Der erste Sail GP in Sydney ist mit einem Sieg des Heimteams über die Bühne gegangen. Die Favoriten dominieren, und das wird sich so schnell nicht ändern. War es das erhoffte Spektakel?

Das war sie also, die große Segel-Show von Russell Coutts und Larry Ellison, die sie eigentlich beim America’s Cup installieren wollten. Sie war schon abgenickt von den Cup-Teilnehmern 2017 in Bermuda. Zu dumm nur, dass  mit Neuseeland ausgerechnet der einzige Gegner der Pläne die Kanne gewann und die Kiwis mit den neuen Kraken-Foilern das High-Speed-Segeln neu erfinden wollen.

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Slingsby mit Top-Start in Lee schnell auf den Foils. © SailGP

Aber ein Ellison gibt sich nicht einfach so geschlagen. Er ließ Russell Coutts dessen Vision vom optimalen Segel-Event verwirklichen: Sechs Nationen-Teams mit den besten Seglern auf den schnellsten Segelbooten der Welt vor Live-Zuschauern im Hafen von Sydney.

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Die Sieger in Sydney – das ex Oracle Team.© SailGP

Besser geht es nicht. Mehr hat der Segelsport nicht zu bieten. Aber reicht das aus, um die Massen zu begeistern? Wenn man den Pressemitteilungen folgt, war es besonders vor Ort ein großer Erfolg. Am Freitag und Samstag wollen die Veranstalter mehr als 20.000 Zuschauer am Rennkurs gezählt haben. Die Video-Mitschnitte zeigen beste Stimmung. Das erwartbare Top-Ergebnis des Heimteams um die ex Oracle-Crew von Tom Slingsby hat dazu beigetragen.

Die Serie 4/1/1/1/1 und der abschließende Match-Race-Sieg gegen Landsmann Nathan Outteridge vom Japan-Team sprechen für sich. Aber so überlegen, wie es die Ergebnisse am Ende aussagen mögen, agierte Tom Slingsby nicht. Den ersten Start verpatzte er und kam auch nicht mehr ins Rennen, der fünfte Start ging ebenfalls daneben. Nur die Briten traf es noch härter nach einem groben Timing-Schnitzer.

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Die Flotte beim letzten Fleet-Start mit China in in der Führungsposition. © SailGP

Slingsby ging mit ordentlich Verspätung auf die Bahn und rundete die erste Tonne als Vorletzter. Was allerdings danach auf dem Vorwindkurs passiert, ist bemerkenswert. Die Australier halten mit einer Böe tiefer als die Konkurrenz, nutzen sie für zwei perfekte Foiling-Halsen und rauschen an die Spitze des Feldes. Ein Duell mit den Chinesen geht zwar erst verloren, aber als Phil Robertson die erste Wende nicht glückt, liegt Slingsby vorne.

Dieses Rennen zeigt, wo die sportlichen Unterschiede liegen. Das ex Oracle Team ist nicht einfach stumpf schneller als die Konkurrenz. Es nutzt eine Böe für das Überholmanöver und kann diese taktische Entscheidung besser treffen, weil die Crew erfahrener im Umgang mit dem Sportgerät ist. Die beiden entscheidenden Halsen klappten perfekt und auch unter Druck an der Leetonne können die Aussies reagieren. Schließlich profitieren sie von der schlechten Wende der Chinesen.

Wichtig für die Spannung: es geht wieder um das Lesen des Windes und nicht alleine um das Verhindern von Manövern.

Der Abstand der Australier zum Rest des Feldes ist auch deshalb so groß, weil Slingsby eigentlich schon für ein einheimisches America’s Cup Team rekrutiert hat, das schließlich mangels Finanzen nicht zustande gekommen ist. So hat er nicht nur die Segler beisammen, die alle schon in Bermuda den AC50 Kat segelten, sondern auch ein Umfeld, bei dem Coach Philippe Presti eine Schlüsselrolle einnimmt. Die Datenanalyse und Reaktionmuster sind perfekt eingespielt.

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Phil Robertson beim Wenden-Sprint. Das ist noch eher eine klassische Rollwende als ein Kurswechsel auf Foils. © SailGP

Ein solches Shoreteam hat ein Nathan Outteridge mit seinen Japanern noch nicht zur Verfügung, und so dürfte der zweite Platz keine große Enttäuschung für ihn sein. Aber der Abstand der beiden Top Teams zum Rest nimmt sportlich doch etwas die Spannung heraus.

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Foiler Champ Nathan Outteridge muss eine empfindliche Niederlage hinnehmen. © SailGP

Allerdings macht insbesondere die Leistung der Briten Hoffnung, dass es an der Spitze enger werden könnte. Der 49er-Weltmeister Dylan Flechter mit Vorschoter Stuart Bithell, die beim Weltcup in Miami gerade das Duell gegen Heil/Plößel verloren, zeigte einige starke Rennen und schließlich mit Gesamtrang drei eine vielversprechende Premiere.

Allerdings steckt auch hinter diesem Erfolg ein erfahrener Mann. CEO und Wing-Trimmer Chris Draper segelte in dieser Position beim Softbank Team Japan in Bermuda und zuvor bei Luna Rossa.

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Die F50 auf dem Weg zur ersten Tonne. 30 Knoten Speed bei maximal 8 Knoten Wind. © SailGP

Über so viel Cup Know How verfügen die drei anderen Teams nicht. Und so ist es schon fast überraschend, dass sie hin und wieder durchaus auf Augenhöhe segeln. Besonders die Franzosen wurden etwas unter Wert geschlagen und wären wohl auf Rang drei gelandet, wenn sie nicht im ersten Rennen das Ziel verpasst hätten. Und Match-Race-Champ Phil Robertson glänzte trotz dreier letzter Plätze auch mit spektakulären Starts, die er in zwei starke zweite Plätze ummünzt.

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Die Sieger in Sydney – das ex Oracle Team.© SailGP

Wie erwartet schwach segelten die Amerikaner. Steuermann Rome Kirby ist bisher als Vorschiffsmann und Quoten-Ami beim Oracle USA-Team in Erscheinung getreten. Auch die kurzfristige Verpflichtung von Match-Race-Weltmeister und Stars&Stripes-Steuermann Taylor Canfield konnte nicht die erhoffte Leistungsverbesserung bringen. Canfield am Rad wäre wohl eine logischer Wechsel, der zumindest zu besseren Starts führen könnte.

Die großen sportlichen Unterschiede sind noch die Schwäche des Sail GP. Sie kommen aber auch durch die schwierigen Bedingungen in Sydney zustande. Der Wind zwischen 6 und 8 Knoten hat die F50-Foiler an die Flug-Grenzen gebracht. Wer es schafft, bei den Wenden und Halsen auf den Tragflächen zu bleiben, erzielt mächtige Raumgewinne.

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Der Zweikampf. Australien gewinnt das finale Match gegen Japan. © SailGP

Bei stärkerem Wind, wenn alle Teams fliegen, schrumpft der Technik-Know-How-Vorsprung der America’s Cup Teams. Auch deshalb wird die Entwicklung eines vier Meter höheren Segel-Flügels voran getrieben. Damit soll dauerhafte Foilen ab sechs Knoten möglich sein. Dieses neue Technik-Paket dürfte aber erst in der nächsten Saison verfügbar sein.

Wichtiger ist erst einmal das Schwerwetter Setup mit einem kleineren Rigg. Das soll pünktlich zum vierten Spieltag im britischen Cowes zur Verfügung stehen, wo stärkerer Wind erwartet wird. Allerdings könnte man es wohl auch in San Francisco benötigen. Der Tross wird jetzt zum America’s Cup-Revier von 2013  verschifft. Dort dürften die F50 für spektakuläre Bilder sorgen. Mal sehen, ob alles heil bleibt.

Viel Zeit bleibt den Teams nicht, den Vorsprung der Australier aufzuholen. Hilfreich ist allerdings, dass die Renndaten der Boote für alle Teams offen einsehbar sind. Die damit verbundenen Lerneffekte dürften massiv sein. Die Analysen helfen allerdings noch wenig, wenn es in San Francisco Starkwind-Rennen geht. Dann werden die kleineren Foils eingesetzt und das Spiel setzt sich am oberen Limit fort.

Vorsprung der Platzhirsche

Unter dem Strich hat die Veranstaltung gut funktioniert. Es muss sich aber noch zeigen, ob auch international der Funken überspringt. Das wird sicher damit zu tun haben, ob es den schwächeren Teams schnell gelingt, den Vorsprung der beiden Platzhirsche aufzuholen.

Aber dieser Circuit ist zurzeit im Profi-Bereich des Segelsports das Beste, was es gibt. Die besten Olympia-Segler geben den Ton an, und die Vision von Russell Coutts mit sich selbst finanzierenden Rennställen wie bei der Formel eins ist am Horizont sichtbar. Keine Rennen sind ausgefallen oder haben sich verzögert, das TV-Format ist kompakt und verständlich, auch wenn den Kameraleuten noch Gefühl und Segel-Know-How zu fehlen scheint, um die spannenden Situationen im Feld zu finden. 

In den ersten drei Jahren finanziert Larry Ellison noch die Show mit fünf Millionen Dollar pro Team, pro Saison. Danach dürfte sich abzeichnen, ob Segeln tatsächlich eine Chance hat, ein größeres Publikum zu begeistern. Wenn nicht so, dann gar nicht. Das Millionen-Spektakel des America’s Cups könnte dann niemand mehr vermissen. Deutschen Seglern wäre es zu wünschen, dass es klappt. Sie wären sportlich bestens aufgestellt, um ganz vorne mitzumischen.

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

3 Kommentare zu „Sail GP Replay: Das Segeln neu erfunden? – Australier begeistert über Heimsieg“

  1. avatar Christian sagt:

    Moin Carsten, deine Analyse ist argumentativ weitgehend nachvollziehbar. Aber am Schluss ist der Wunsch Vater des Gedankens, ne? Wo siehst du denn bitteschön derzeit Potential bei deutschen Seglern für den GP?

    Klar, es gibt hierzulande erstklassige 49er, 470er & Laser Segler, mit leichten Abstrichen auch beim Nacra17. Aber Erfahrung in Sachen foilende 50 Fuß-Kats ist äußerst rar bis gar nicht vorhanden, und es gibt null Umfeld (z.B. Trainer, Technologieschmieden). Auf Augenhöhe mit den internationalen Teams mitzuhalten, wird über Jahre hinweg kaum möglich sein. Das wird auch jedem potentiellen Sponsor klar sein, die sind ja nicht blind.

    Es gibt eben Bereiche, wo andere Segelnationen weiter und besser sind. Ist das schlimm? Nö, wieso denn?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Boatsailing sagt:

    Das Format kann funktionieren, aber wirklich extrem war, wie zuverlässig die Kameraregie Ewigkeiten irgendeine langweiligen Onboard Perspektive oder dergleichen gezeigt hat, wenn es irgendwo anders eigentlich gerade mal spannend wurde. Daran sollte man dringend was ändern, denn so machte das Schauen nur den halben Spass. Wenn dann noch das nervige Dauerpfeifen abgestellt oder zumindest leiser gemacht wird und etwas mehr Wind aufkommt, guck ich gern wieder.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  3. avatar Klaus sagt:

    “dieser Circuit ist zurzeit im Profi-Bereich des Segelsports das Beste, was es gibt.”
    Mutige Aussage in Zeiten wo weder der America’s Cup noch das THE OCEAN RACE läuft – von daher richtig aber nur solange bis die beiden Segel-Großevents wieder Gas geben.
    Besucherzahlen von 20.000 sind wenig beeindruckend, wenn man diese mit der KW (3 Mio) dem VOR (2,5 Mio) vergleicht.
    Außerdem wäre es sehr spannend, wenn die Teams sich selber vermarkten müssten (kein einziger individual Sponsor sichtbar) ob das alles noch funktioniert, wenn Larry nicht mehr zahlt.
    Alles in allem die große Larry Show

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