SailGP: Eine Millionen-Dollar in zehn Minuten – Ellisons Preisgeld für seinen ex Taktiker

Outteridge sieht rot

Tom Slingsby führt das australische SailGP Team zum ersten Saison-Sieg gegen Japan. Dramatisches High-Speed-Match-Race um die höchste Preisgeld-Börse. 78 Zentimeter fehlten zum großen Knall.

Nathan Outteridge sieht rot. Jetzt ist alles egal. Er will dieses verdammte grünschwarze Boot treffen. Mit 27 Knoten hält der Skipper des japanischen Katamarans auf seinen ehemaligen Team-Kollegen Tom Slingsby zu.

Enges Duell zwischen Japan und Australien. Am Anfang liegen die Japaner vorne. © Sam Kurtul / www.worldofthelens.co.uk

2012 lagen sie sich noch in den Armen. Beide holten Gold in London – Outteridge im 49er, Slingsby im Laser –  Gemeinsam feierten sie den historischen Erfolg des australischen Olympia-Segelteams, des besten der Welt. Danach trennten sich ihre Wege. Freunde zwar aber auch erbitterte Gegner. Der 49er Skipper als wichtigster Mann beim America’s Cup Team Artemis, Slingsby als Taktiker von Larry Ellisons Oracle Team USA.

Beide verpassten den Schritt zum nächsten Cup-Projekt für 2021, aber der SailGP ist ein perfekter Ersatz. Mit gleichen Waffen gegeneinander antreten, den schärfsten unter der Segel-Sonne, unabhängig sein von Konstrukteuren, und dennoch die schnellsten Rennyachten der Welt steuern – ein Traum für die besten Segler der Welt.

Ein einziges Rennen um die Millionen-Dollar-Börse

Nun geht es auch noch um etwas. Zwar nicht um die große Silberkanne, aber um eine Millionen Dollar. Larry Ellison will seine America’s Cup Konkurrenzveranstaltung in den Mittelpunkt stellen. Und das funktioniert am besten mit Geld. Das Format: Fünf Regatten in der Saison. Die beiden besten Teams der Gesamtrangliste segeln am Ende ein einziges Rennen um die Millionen-Dollar-Börse. Das lässt sich medial hübsch zuspitzen.

Marseille feiert die Sieger. © Sam Kurtul / www.worldofthelens.co.uk

Von Anfang an ist so gut wie sicher, dass sich am Ende Slingsby und Outteridge gegenüberstehen, die beiden Stars vom America’s Cup 2017 in Bermuda – besonders erfahren mit den AC50 Katamaranen. 

Slingsby hat die Aussie-Landsleute vom Oracle Team USA um sich versammelt, den Nacra17-Weltmeister und Olympia-Favorit 2020 Jason Waterhouse als Flight Controller und Taktiker dazu geholt und musste nur noch ein wenig das Steuern üben. Auch ex Oracle Coach und Finn Weltmeister Philippe Presti spielte eine wichtige Rolle.

Aussie-Skipper Tom Slingsby nach seinem großen Erfolg. © Sam Kurtul / www.worldofthelens.co.uk

Outteridge dagegen gehört ohne Frage zu den drei besten Foiler-Steuerleuten der Welt. Aber er hatte die Schwierigkeit, unter der Flagge von Japan nur drei von fünf Seglern aus seinem Artemis-Team mitnehmen zu dürfen – seinen 49er-Goldmedaillen-Vorschoter Iain Jensen und  Landsmann Luke Parkinson.

So war Slingsby mit seinen Australiern erstmal das dominierende Team in der Saison. Doch Outteridge holte auf. Er wollte dieses Finale gewinnen. Nur darum geht es.

Unforced Error

Und nun präsentiert ihm Slingsby den Sieg geradezu auf einem Silbertablett. Er begeht den wohl unnötigsten Fehler aller möglichen unforced Errors bei diesem Duell – er taucht zu früh in die Startbox ein. Penalty! Dabei sind die Japaner ohnehin spät. Sie haben noch bis kurz vor dem Start ein technisches Problem zu beheben und können kaum in den Prestart-Schlagabtausch eingreifen.

Das ist aber auch nicht nötig. Der Penalty für Australien heißt: sie müssen achteraus starten. So dominieren die Japaner die erste Runde. Bis zur zweiten Luvtor-Passage. Outteridge hat die Qual der Wahl: Linkes Fass oder rechtes? Welche Vorwind-Seite verspricht den meisten Wind, den besten Dreher? Wie will man das überhaupt feststellen, wenn man 30 Knoten schnell über das Wasser jagt?

Outteridge entscheidet sich für die linke Luvtonne und lässt dem Gegner die rechte – ein Fehler.

Die linke Tonne ist nicht gut, die rechte Vorwind-Seite schlechter. Australien holt auf. Kurz vor dem Leetor leistet sich Outteridge den entscheidenden Fehler. Knapp passiert er noch voraus, trifft aber nicht die linke Anliegelinie, muss eine zusätzliche Halse einbauen, setzt sie zu weit weg vom Gegner und gibt ihm die Chance, in Luv zu passieren.

Der Japan-Skipper will es nicht wahrhaben. Er luvt aggressiv, will Slingsby abschießen, will die Million nicht ohne Gegenwehr hergeben. Ein Harakiri-Manöver – auch von Slingsby. Der denkt gar nicht daran auszuweichen, rast sechs Knoten schneller in Luv vorbei und vermeidet nur um exakt 78 Zentimeter oder den Bruchteil von 0.05 Sekunden eine Kollision.

Das Bild auf dem Umpire-Bildschirm. Outteridge (r.) luvt, erwischt Slingsby aber nicht. Exakt 78 Zentimeter fehlen.

Slingsby rutscht in Luv an Japan vorbei…

…Die drehen ab und versuchen noch einen kostspieligen Split um die alternative Leetonne.

Es ist die Entscheidung. Tom Slingsby gewinnt mit seinen Australiern den ersten SailGP und eine Million Dollar Preisgeld. Jubelnd liegen sich die Männer in den Armen. Bittere Enttäuschung dagegen auf auf dem rotweißen Boot.

Das Millionen-Dollar-Finale:

 

“Unglaublich”, jubelt Singsby. “Wir haben es verdient und ich bin so glücklich. Wir haben gesagt, dass wir heute als Team gewinnen oder als Team verlieren. Ich fühle mit Nathan und seinem Team. Sie haben das ganze Jahr über eine Klasse-Leistung erbracht. Aber es ist einfach so, wie es ist. Ein Team muss gewinnen, und eines verlieren. Es war das ganze Jahr über ein unglaublicher Wettbewerb und ein so enger Kampf.”

Outteridge sagt: “Wir haben einen Fehler gemacht und so etwas passiert. Man kann nicht alles gewinnen und neben jedem Sieger gibt es einen Verlierer. Wir wussten, dass am Ende jemand unglücklich sein würde. Es ist eine Schande, dass wir es nun sind. Aber so ist der Sport.”

Platz unter den besten Profi-Sportligen

Russell Coutts, der CEO des Sail GP beglückwünscht Tom Slingsby und sein Australia SailGP Team. “Was für eine erstaunliche Leistung. Alle sechs Nationalmannschaften haben in den letzten acht Monaten eine Show für Fans auf der ganzen Welt veranstaltet. Dabei haben wir eine neue Version unseres Sports gezeigt. Ich bin unglaublich stolz auf das, was wir diese Saison gemeinsam erreichen konnten. Wir haben bewiesen, dass es einen Platz für das Segeln unter den besten Profi-Sportligen der Welt gibt.”

Freude über den Sieg bei den Australiern. © Sam Kurtul / www.worldofthelens.co.uk

Auf Platz drei konnte sich überraschend Phil Robertsons China SailGP Team platzieren. Der Neuseeländer skippert das zweite Team neben den Japanern, das vorübergehend mit ausländischem Know How an die eigentlich nur aus Nationalmannschaften bestehende Rennserie herangeführt werden soll.

Robertson konnte sich im Verlauf der Rennserie deutlich verbessern und schließlich sogar am Great Britain SailGP Team vom 49er-Star Dylan Fletcher vorbei ziehen und und sich den letzten Platz auf dem SailGP-Podium sichern. Er hat in der Saison gleich drei verschiedene Wing-Trimmer ins Team eingebaut neben den drei Chinesen, die 2018 mit Dongfeng das Volvo Ocean Race gewonnen haben.

Billy Besson sprintet auf die Luvseite bei einer Wende. Alle Segler sind mit einer Lifeline am Boot befestigt. © Sam Kurtul / www.worldofthelens.co.uk

Robertson weiß, wie sich so ein Millionen-Finale anfühlt. 2016 stand er selber auf der Siegerseite, als er das Finale der World Match Race Serie gewann, das ebenfalls mit einer Millionen Dollar dotiert war.

2020 wird der SailGP fortgesetzt. Larry Ellison hat der Rennserie eine Daseins-Garantie von drei Jahren versichert. So lange bestreitet er die Kosten. Danach soll die Regatta auf eigenen Füßen stehen. Der Erfolg steht und fällt mit sportlicher Spannung. In dieser Saison segelte Australien und Japan in einer eigenen Liga. Und das wird auf Dauer langweilig. Es muss sich zeigen, ob die anderen Teams aufschließen, und ob weitere starke Nationenteams gewonnen werden können.

Warum nicht mal mit einem deutschen Team? Ausreichend Top-Segler wären vorhanden.

Ergebnisse SailGP 2019

Event Website SailGP

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „SailGP: Eine Millionen-Dollar in zehn Minuten – Ellisons Preisgeld für seinen ex Taktiker“

  1. avatar Andreas Borrink sagt:

    Guter Artikel über eine wahrlich spannende Veranstaltung! Was da mit diesen Kats abgeht, ist Meilen vor allen anderen Segelformaten, die sonst so um Zuschauergunst buhlen. Da muss sich auch der America’s Cup warm anziehen; von den Segelligen gar nicht zu reden. Was für ein Duell zwischen dem knallharten Taktiker und perfekten Strategen Slingsby und dem Foil-Genie Outteridge. Erinnert ein wenig an den Klassiker Barker vs Spithill.

    Ein kleiner Fehler bei der Übersetzung: “it’s a shame” meint in diesem Kontext “das ist schade, ärgerlich”. Nicht: “das ist eine Schande”! Mit so einem Zitat rückt man Nathan Outteridge – als fairer Verlierer – in eine Ecke, in die er nicht gehört, denke ich.

    Ansonsten: Bitte mehr vom SailGP, freue mich schon auf nächstes Jahr!

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