Sailing Worlds: Holland dominiert mit sechs Medaillen – Wo sich Deutschland einordnet

Das Geheimnis der Holländer

Die Sailing Worlds aller olympischen Klassen in Aarhus gehen mit einer positiven Bilanz zu ende. Auch der DSV äußert sich zufrieden mit der Ausbeute von zwei Medaillen. Die alte Hackordnung scheint ins Wanken geraten zu sein.

Annemiek Bekkering und Annette Deutz tragen im 49erFX eine Goldmedaille zur hervorragenden niederländischen Bilanz bei. © Sailing Energy / World Sailing

Der letzte Tag der Sailing Worlds in Aarhus ist mit eine Enttäuschung zu ende gegangen. Das Medalrace der Nacra17, nach dem Umbau zum Foiler die spektakulärste Olympiaklasse, wurde mangels Wind abgesagt. Auf der vollbesetzten Tribüne mussten die Zuschauer auf den vermeintlichen Live-Höhepunkt der Woche verzichten.

Der abflauende Wind und zunehmende Regen hatte noch die Finals der RS:X-Surfer über die Bühne gehen lassen, aber die waren schon zuvor entschieden, weil der Vorsprung der Sieger – mehr als 20 Punkte – nicht mehr einholbar war. Immerhin ließ es sich Prinz Frederik von Dänemark nicht nehmen, die Siegerehrung vorzunehmen.

Holländer dominieren Medaillenspiegel

Er behängte zum Abschluss noch einmal drei Holländer mit Medaillen und dokumentierte damit ihre Überlegenheit in dieser Disziplin. Aber die Nachbarn dominieren auch den gesamten Medaillenspiegel. Auch die 49erFX Frauen holen Gold, Silber gab es  im Laser Radial für Olympiasiegerin Marit Bouwmeester und Bronze im Finn Dinghy für Rückkehrer Pieter-Jan Postma.

Die langjährigen Dominatoren aus England sind dagegen mit zwei Bronzemedaillen nicht besser als Deutschland. Neuseeland ist nach vier Medaillen in Rio diesmal leeraus gegangen. Und im Vergleich zu früheren Jahren ist für Australien zweimal Silber auch schon eine Enttäuschung. Die dauerhafte Überlegenheit in der 470er-Klasse mussten die Aussies an Japan abtreten. Die Olympia-Gastgeber gehören zu den Gewinnern dieser WM.

Ranking nach Anzahl der WM-Medaillen in den Olympischen Segel-Disziplinen:

1. NED – 6 G:3; S:2; B:1
2. FRA – 4 G:1; S:2; B:1
3. JPN – 2 G:1; S:1
4. AUS – 2 S:2
5. ESP – 2 S:1; B:1
6. GER – 2 B:2
6. GBR – 2 B:2
8. CYP – 1 G:1
8. HUN – 1 G:1
8. ITA – 1 G:1
8. CRO – 1 G:1
8. BEL – 1 G:1
13. SWE – 1 S:1
13. AUT – 1 S:1
15. ARG – 1 B:1
15. CHN – 1 B:1
15. DEN – 1 B:1

Medaillenspiegel der Sailing Worlds. Die nichtolymischen Kiteboarder verzerren das Ranking.

Deutschland ist mit seinen beiden Bronzemedaillen, zu denen sich fast noch eine silberne gesellt hatte, bestens im Reigen der europäischen Großmächte etabliert. Enttäuschend war besonders das Abschneiden der 49erFX-Frauen. Von ihnen hätte man die Nationenqualifikation und vielleicht sogar eine Medaillenposition erhoffen können.

Schließlich waren Jurczok/Lorenz als WM-Dritte und -Fünfte von 2016 und 17 angereist. Und Lutz/Beucke hatten die WM-Plätze 9 und 8 im Gepäck. Irgendwas scheint in Aarhus schief gelaufen zu sein. Das Potenzial für bessere Ergebnisse ist aber definitiv da.

Die Medaillengewinner bei den World Sailing Championships 2018

Die 470er-Männer schienen auch schon besser in Fahrt. Die WM ist ein Rückschlag mit den Rängen 19/44/48, aber die Jungs arbeiten hart, und bisherige Ergebnisse ließen eine aufsteigende Formkurve erhoffen. Im Finn Dinghy lässt Phillip Kasüske immer mal wieder sein können aufblitzen. Und Platz 15 bei einer WM ist gut. Aber die Olympiaquali wird noch ein hartes Stück Arbeit.

Drei Nationen-Plätze für Deutschland

Der Jubel beim DSV über den Nationenplatz im Laser Radial ist etwas unverständlich. In dieser Klasse starten die meisten Athleten bei Olympia und gleich 18 Nationen plus Gastgeber Japan erhielten in Aarhus einen Platz. Svenja Weger schaffte die Quali auf Rang 26. Diese Hürde ist nicht das größte Problem. Sie muss es wie alle anderen hinbekommen, bei späteren Quali-Regatten unter die Top Ten Nationen zu kommen. Und dieses Ziel scheint im Moment doch weiter entfernt zu sein als erhofft.

Segeln vor Tribünen in Aarhus. Die Dänen waren gute Gastgeber. © Sailing Energy / World Sailing

Im Nacra17 dagegen sieht es sehr gut aus für Paul Kohlhoff und die erst 18-jährige Vorschoterin Alica Stuhlemmer. Kohlhoff konnte kaum erwarten, nach seiner lebensbedrohenden Erkrankung im Dezember so schnell wieder in Form zu kommen. Das Duo kann wieder ganz vorne mitspielen. Vor diesem Hintergrund ist Rang 14 fast so hoch einzuschätzen wie eine Medaille. Die Olympiaquali scheint bei dieser ansteigenden Formkurve jedenfalls kein Problem werden zu können.

Die Erfolge im Laser und 49er sind ein großer Erfolg. Es ist von aller höchster Güte, wie Philipp Buhl bei Weltmeisterschaften immer wieder abliefert, und das gilt auch für Heil/Plößel als Vierte. Da ist die verlorene Medaille kaum mehr als ein Schönheitsfehler, geschuldet einer minimierten Vorbereitung. Bronze für Fischer/Graf ist dagegen eine Überraschung, auf die man beim DSV lange gewartet hat.

Das Geheimnis der Holländer

Aber wie ist der nun der Erfolg der Holländer einzuordnen? Was ist ihr Geheimnis? Das wurde Surferin Lilian de Geus gefragt, die mit 30 Punkten den größten Vorsprung aller Klassen aufwies.

Die spannende Antwort: “Harte Arbeit.” Darauf hätte man nun auch selber kommen können. Ein wenig interessanter, aber nicht weniger skurril äußert sich der Weltmeister-Kollege Dorian van Rijsselberghe. Der Superstar und Doppelolympiasieger will in Japan sein drittes Gold nacheinander holen.

“Am Wichtigsten ist es, mehr Spaß als alle anderen zu haben. Das steht auf unserer Liste ganz oben.” Und Silber-Gewinner Kiran Badloe fügt hinzu: “Ja, ich denke auch wie Dorian, dass wir mehr Spaß als alle anderen haben. Wir arbeiten hart aber behalten die Freude. Das hat uns schließlich hier hin gebracht.”

Zu wenig Spaß?

Das hieße im Umkehrschluss, dass die Gegner keinen, oder viel weniger Spaß haben. So einfach ist es dann wohl auch nicht. Vielmehr ernten die Nachbarn das Ergebnis einer langjährigen Aufbauphase. Schon in Rio waren sie mit zwei Goldmedaillen die zweitbeste Nation im Medaillenspiegel.

Damals erfüllten ihre Superstars Marit Bouwmeester (Laser Radial) und Dorien van Rijsselberghe die Erwartungen. Diesmal liegen sie immer noch vorne, aber einige Landsleute sind aufgeschlossen. Besonders die Konzentration auf weniger Bootsklassen scheint zu funktionieren.

Das Know How im Surfen bringt sie weit nach vorne. In anderen Bootsklassen dagegen sieht es nicht so rosig aus. Bei den 470er Männern, Lasern, 49er, Nacra17 sind keine Holländer in Sicht. Dahinter steckt System. Nur mit Spaß ist das nicht zu erklären.

 

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Carsten Kemmling

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3 Kommentare zu „Sailing Worlds: Holland dominiert mit sechs Medaillen – Wo sich Deutschland einordnet“

  1. avatar Checker sagt:

    Es wäre interessant gewesen, etwas darüber zu erfahren, wie die Niederländer ihre Spitzensegler finanziell fördern.

    Wassersport ist in Holland ein Volkssport, der auf vielen Segelrevieren ausgeübt wird.

    Aufgrund der geringen geografischen Ausdehnung der Niederlande haben die Teilnehmer an Trainingsregatten, Trainingslagern etc. kaum mehr als 100 km zurückzulegen um sich mit den Besten des Landes zu messen. Die geringen Entfernungen sind auch dem Zusammenhalt der Segler dienlich.

    Deutschland ist diesbezüglich mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von ca. 100ß km stark benachteiligt. Es ist schliesslich ein grosser Unterschied, ob ca. 100 oder 500 km zu einer Trainingsregatta zurückzulegen sind.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 2

    • avatar Mothsegler sagt:

      Ich denke nicht, dass die Entfernungen einen solchen Effekt ausmachen. Was soll denn da die in Rio drittbeste Nation (AUS) denn sagen? Zum Vergleich: zwischen den beiden Hochburgen Sydney und Perth liegen knapp 4.000km 😉

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      • avatar Checker sagt:

        Na und ? Dann haben die Australier eben zwei Segelzentren, wo sich alles konzentriert. Davon kann in Deutschland keine Rede sein, wo die Segler auf der Autobahn im Stau stehen, während die Holländer schon längst auf dem Wasser sind. Weil die Wege so kurz sind, werden in Holland sehr viel mehr Trainingsregatten als in D durchgeführt. Dies führt zu einem höheren Leistungsniveau und zu besseren Ergebnissen bei hochrangigen Regatten.

        Bei den Niederländern kommt übrigens noch ein weiterer geografischer Vorteil dazu. Man hat dort nämlich ca. 1 -2 Windstärken mehr als im deutschen Binnenland.
        Die Holländer haben also mehr Erfahrung bei stärkerem Wind, was sich bei Seeregatten, wie z.B. vor Aarhus auszahlt.

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