Seesegel-Saison vor dem Start: Interview mit Katrin Adloff und Johannes Christophers vom DSV

Das Momentum nutzen!

Künftiger Olympia-Status, neue Projekte und Boote, dazu Hochsee-Erfolge: Es gibt viele Gründe, dass das Seesegeln in Deutschland einen Schub bekommen könnte. Wie wird beim DSV die Lage eingeschätzt? Wir haben nachgefragt.

Die IDM zur Kieler Woche bildete im vergangenen Jahr den Höhepunkt für viele Seesegler in Deutschland. Foto: segel-bilder.de

Unter dem Dach des Deutschen Segler-Verbandes laufen die Fäden des Seesegelns bei Katrin Adloff, DSV-Vizepräsidentin für den Geschäftsbereich Wettsegeln, und der Abteilung Technik und Seeregatten des DSV unter der Führung von Johannes Christophers zusammen. Beide haben im Herbst 2019 ihre Ämter angetreten.

Katrin Adloff (47) ist erfahrene Regattaseglerin, hat die klassische Jollenausbildung von Opti über 470er und Korsar durchlaufen, war auch auf dem Hobie Cat aktiv und ist derzeit in der Klasse der 16er-Jollenkreuzer zu Hause. Beim Seglertag in Hamburg im November 2019 wurde sie von den Delegierten in das neu geschaffene Vizepräsidenten-Amt für das Wettsegeln gewählt, in das auch das Regatta-Seesegeln fällt. Sie selbst hat im Yacht-Sport beim Fahrten- und Urlaubssegeln Erfahrungen gesammelt.

Bei DSV-Vizepräsidentin Katrin Adloff und Johannes Christophers, Leiter Abteilung Technik im DSV, laufen DSV-intern die Fäden für das Seesegeln zusammen. Fotos: segel-bilder.de, Lars Werhmann

In enger Kooperation stimmt sie ihre ehrenamtliche Tätigkeit mit der hauptamtlichen Abteilung Technik und Seeregatten ab. Johannes Christophers (46) hat die Leitung dieser DSV-Abteilung im September 2019 übernommen. Der gelernte Bootsbauer mit anschließendem Studium für Yacht- and Powercraft-Design in Southampton, segelt ebenfalls seit dem Kindesalter – zunächst bei den Eltern auf einer Najad 34, später in diversen Klassen, besonders aber zehn Jahre 18-Footer und dann in Cowes auf IRC-Booten, ebenso wie Transatlantikrennen, Rolex Middle Sea Race, Palma Vela.

Im Interview berichten beide über den aktuellen Stand des Seesegelns in Deutschland und die Zukunftsaussichten.

Mögt Ihr einen Überblick darüber geben, wie der Bereich Seeregatten in den DSV eingegliedert ist?

Katrin Adloff: Bis zum Seglertag in 2019 gab es den Geschäftsbereich Wettsegeln noch nicht. Insofern ist das Seesegeln hier neu eingegliedert. Vorher fiel es in den Geschäftsbereich Freizeit- und Fahrtensegeln. Auch wenn der Ausschuss Seesegeln einer von fünf Ausschüssen im Geschäftsbereich Wettsegeln ist – neben den Bereichen Klassenvereinigungen, Technischer Ausschuss, Wettsegeln und Liga-Segeln – machen die Aufgaben rund um ORC und Yardstick einen großen Part der Tätigkeit aus. Die Hauptaufgabe übernimmt hier aber die Abteilung Technik und Seeregatten.

Johannes Christophers: Unsere Aufgaben sind vielfältig: Man kann sagen, dass wir die Verwalter des Vermessungswesen für alle Klassen in Deutschland sind. Wir vergeben die Vermesser-Lizenzen und sorgen für die Aus- und Fortbildung unserer Vermesser. Der technische Ausschuss hütet die Klassenregeln und prüft Anträge auf Änderungen. Der DSV hat wohl eines der besten geführten Archive von Messbriefen alter Boote europaweit. Und es vergeht keine Woche, in der es nicht Anfragen zu diesem Archiv gibt. Damit ist dann oft auch ein hoher emotionaler Faktor verbunden.

Bezogen auf das Seesegeln steht das ORC-Vermessungssystem besonders im Fokus. Wir sind als DSV-Abteilung eines der Rating-Offices im Auftrag des ORC. Als nationaler Verband des Weltsegelverbands haben wir das Regelwerk, die Offshore Special Regulations, von World Sailing zu vertreten. Und um unseren Seeseglern das richtige Rüstzeug an die Hand zu geben, organisieren wir mit den Trainings Go4Speed auch Fortbildungen für Seglerinnen und Segler.

Die Abteilung Technik sitzt in der DSV-Zentrale in Kiel-Schilksee. Foto: DSV

Wie ist der Status Quo des Seesegelns in Deutschland?

Johannes Christophers: Ich muss zugeben, dass es schwer ist, die Entwicklung nach dem besonderen Jahr 2020 einzuschätzen. Aber die Meldezahlen zur Deutschen Seesegel-Meisterschaft zur Kieler Woche im September waren leider nicht zufriedenstellend. Ich habe den Eindruck, viele potenzielle Einsteiger glauben, dass Erfolg hier nur mit extremem Aufwand, auch finanzieller Art, zu erreichen wäre. Wir sind bereits im engen Austausch mit der RVS, um diesen Eindruck geradezurücken. Ein Fokus liegt hierbei auf der Klasse IV. Das ist eine wichtige Gruppe für Einsteiger mit kleinen Budgets. Crews wie die der X79 zur IDM gilt es, bei der Stange zu halten, aber auch andere kleine schnelle ORC-Boote sollten gefördert werden. Die fallen oft im Licht der großen ein bisschen hinten runter.

Katrin Adloff: Es ist eine große Aufgabe, das Jollen- bzw. Einheitsklassen-Segeln mit dem Seesegeln zusammenzuführen. Ziel muss es sein, eine breite Basis zu schaffen, auf die die Seesegel-Spitze zurückgreifen kann. Aus meinem Heimat-Landesverband Niedersachsen weiß ich, dass wir viele Jugendliche haben, die auf den Nordseerevieren regionale Seeregatten segeln. Aber es findet noch keine Durchmischung mit der ambitionierten ORC-Szene statt. Der Übergang vom Freizeit- zum Regattabereich sollte schon in der Jugend ansetzen. Die Begeisterung, die in Frankreich für das Seesegeln besteht, ist ein starkes Beispiel.

Die Yachten der Klasse IV, wie die X-79, ermöglichen den Einstieg in den ORC-Circuit, rücken daher für die Nachwuchswerbung daher in den Fokus. Foto: Felix Diemer

Ist das Shorthanded-Segeln, dazu die Entscheidung für Mixed Offshore als Olympiadisziplin oder auch die Entwicklung der Dehler 30 OD, die viele begeistert, eine Chance, um jungen Umsteigern den Weg in das Team-Seesegeln zu ebnen?

Katrin Adloff: Der Olympiastatus ist eine Möglichkeit für den Quereinstieg in das Seesegeln. Aber es muss weitergehen, auch wenn der Status möglicherweise nach 2024 wieder verloren gehen sollte. Für das Seesegeln gilt wie für alle anderen Klassen auch: Die Klassenvereinigung muss auf die jungen Seglerinnen und Segler zugehen, das Angebot so attraktiv wie möglich machen, um sie zum Einstieg zu bewegen. Und wir als DSV werden alles tun, um die neuen One-Design-Kielboote bestmöglich zu integrieren. Dies gilt selbstverständlich nicht nur für die Dehler 30 OD, sondern genauso für alle anderen One-Design-Kielboot-Klassen.

Johannes Christophers: Das Doublehanded-Segeln hat ein Momentum, das wir nutzen sollten. Es gibt derzeit attraktive neue Boote, neue Regattaformen sind in der Entwicklung, und die Klasse öffnet sich für Einsteigerinnen und Einsteiger. Auch die Aussicht darauf, dass Doublehanded eine olympische Disziplin wird, kann einen Push geben. Unsere offenen Trainings für das Mixed-Offshore-Segeln wurden im Herbst gut angenommen. Und Offshore-Segeln, besonders das Segeln mit kleiner Crew, hat einen ganz eigenen Reiz. Regatten wie die Baltic 500 zeigen, welches Potenzial in der Shorthanded-Szene steckt. Die RVS hat das Potenzial erkannt und passt die Formate entsprechend an.

Neue Formate wie zur Baltic500 zeigen, wie erfolgreich das Seesegeln in Deutschland sein kann. Foto: segel-bilder.de

Wie sehr nützen die großen deutschen Offshore-Kampagnen wie das Offshore Team Germany, von Boris Herrmann oder Lennart Burke dem Seesegeln in Deutschland?

Johannes Christophers: Diese Vorbilder sind schön und sehr wichtig für uns, aber wir brauchen sie auch vor Ort. Zudem wären mehr moderne Klassen an der Startlinie wie die JPK oder Class40 ein Gewinn, um neue Reize zu setzen. Positiv sehen wir die Entwicklung neuer Boote in diesem Bereich, beispielsweise die Dehler 30 OD, die die Wünsche der Seglerinnen und Segler aufgreifen. Die ORC-Formel kann prinzipiell alles einberechnen.

Die Dehler 30od bieten eine starke Basis für eine Olympia-Kampagne im Mixed Offshore Doublehanded. Foto: segel-bilder.de

An welchen Stellschrauben kann noch gedreht werden, um das Seesegeln weiter zu pushen?

Katrin Adloff: Es muss gelingen, die vielfach bestehenden Beschränkungen der Crews auf ihre Reviere aufzubrechen. Ideen dazu wären Crewpools aufzubauen, die auf verschiedenen Yachten in unterschiedlichen Revieren eingesetzt werden könnten. Oder auch Regatten oder Regattaserien, die verschiedene Reviere miteinander verbinden. Die RVS hat bereits gute Ideen umgesetzt, und wir als DSV unterstützen das.

Johannes Christophers: Wir müssen alte Strukturen aufbrechen. Dazu gehört auch, dass wir die Texte und das Regelwerk so vereinfachen und übersichtlich darstellen, dass sie gut lesbar sind und nicht abschrecken. Das Motto muss heißen: ORC leicht gemacht! Dazu werden wir in diesem Frühjahr auch Online-Schulungen anbieten. Ich denke aber auch, dass wir mit unseren Regatten attraktive Veranstaltungen kreieren müssen, die Familie und Angehörige integrieren. Ein anderer Punkt ist, dass wir eine wiederkehrende Veranstaltung brauchen, bei der Umsteiger aus den Jugendklassen die Yachten ausprobieren können. Und eine derartige Veranstaltung muss ein attraktives Format haben, das unsere jungen Seglerinnen und Segler anspricht. Wir haben sehr gut ausgebildete Segler in den Jugendklassen, die wir nicht verlieren wollen.

Spannende neue Projekte wie der “Halbtrocken 4.5” tummeln sich im deutschen ORC-Circuit. Foto: Felix Diemer

Was ist von der kommenden Saison zu erwarten?

Johannes Christophers: Ich bin gespannt und optimistisch. Ich habe mit einigen Segelmachern gesprochen, und es scheint, dass viele Crews die verkürzte Saison in 2020 genutzt haben, um neue Segel oder sogar ein neues Boot zu bestellen. Das zeigt, dass die Teams mit den Hufen scharren. Das macht Hoffnung für einen Aufschwung.

6 Kommentare zu „Seesegel-Saison vor dem Start: Interview mit Katrin Adloff und Johannes Christophers vom DSV“

  1. avatar eku sagt:

    Mag ja sein, dass die aktuellen “leader” etwas anderes im Kopf haben

    Aus meiner Sicht:
    Der DSV war immer ein Hindernis!
    Spass, zwanglos, spontan, etc – geht nicht ohne DSV Bürokratie .. also nicht!

    Ich mochte immer die “Langstrecken” – das ist nicht wirklich lang … Rund Skagen, Edinbourgh, Bornholm
    Da gab es dann irgendwann irgendwelche Inspektoren, die prüften, ob man auch den Vorschriften des DSV folgt (Es ist bei soetwas im Eigeninteresse maximale Sicherheit zu gewährleisten).
    Kentersicherheit bei einer vollen Rolle … das gibt es nicht bei Booten aus der Zeit vor 2000 und auch danach sicherlich nicht durchgehend.
    Jeder unterschreibt sowieso auf eigene Verantwortung zu segeln (was denn sonst)
    Da kommen noch etliche Sachen dazu …

    Und dann sone banale “Weser-Herbst ..”
    HC17 alleine segeln: Da schüttelt der DSV den Kopf in der waagerechten
    Gleiches wird für Pirat, etc gelten, wenn auch nur irgendwie 2 Leute da drauf passen.
    Mal eben ein tolles WE ohne große Regeln und mit ein bischen Competition: Nö, da ist der DSV vor! So geht das nicht! Dann haben wir ja nichts mehr unter Kontrolle in unserem Kleingartenverein!

    Alle die ich kenne, die in den schnellen Booten/Brettern/sonstwie unterwegs sind, haben nie (bzw nur periphär) etwas mit dem DSV zu tun gehabt.

    Ich denke, dass dies der entscheidende Unterschied zu Ländern wie FR ist. Da kann nen Hobie oder was auch immer auch mal irgendwo liegen, offensichtlich ohne strenges Vereinsreglement.

    • avatar Afterguard sagt:

      Hä? HC17 alleine segeln verhindert der DSV?? Wie und wodurch das denn?

      • avatar eku sagt:

        Sicherheitsvorgaben, die vom lokalem Veranstalter umgesetzt werden.
        Letzteres sagte jedenfalls eben dieser: solosegeln widerspricht den Vorgaben … mir auch nicht klar und evtl auch nur ne Ausrede oder eine falsche Information.
        Dennoch alles unter der Ägide des DSV und eben nicht privat und unabhängig.

    • avatar Inside Man sagt:

      Moin!
      Safety Checks z.B. bei Pantaenius Rund Skagen und Edinburgh sind einfach notwendig. Das hat sich bei eben diesen immer wieder rausgestellt. Das habe ich mehrfach (!) selbst mitbekommen. Manche Segler*innen muss man auch vor sich selbst schützen. Das ist wie im Straßenverkehr. Deppen gibt´s halt überall.

      Das Ganze muss der Veranstalter aber einfach wegen der eigenen Haftung machen und hat gar nichts mit dem DSV zu tun. Hier wurde bei den o.g. “Langstrecken” immer nach den ISAF (World Sailing) Safety Regulations geprüft, da dies ein anerkanntes Regelwerk ist und da z.B. die Nordseewoche “Langstrecken” immer auch Qualifyer für das Fastnet Race sind, muss einfach ein international anerkannter Standard her für sowas.
      Grobe Fahrlässigkeit lässt sich halt nicht mal eben so mit einem Haftungsausschluss ausschließen. Und das ist im Gesellschaftsleben an sich auch gut so.

      Für Regatten heißt das, dass eben nicht jeder ausschließlich auf eigenes Risiko segelt und eine Restverantwortung immer bei den zumeist ehrenamtlichen Veranstaltern kleben bleibt. Nicht wegen des DSV, sondern wegen der Regelungen des BGB. Das Beispiel ist daher untauglich – und auch, weil die angeführte “…Kentersicherheit bei einer vollen Rolle…” gerade bei den hier diskutierten Safety Checks für PRS und Edinburgh, überhaupt nicht diskutiert wurde oder jemals zu einem Ausschluß geführt hat. Da gab es ganz andere Sachen.
      Und zum Thema “…aus Eigeninteresse…”: Da hat jeder so seine ganz eigene Inerpretation von “ausreichend sicher”. Da frage ich mich schon manchmal, ob das “ausreichend sicher” des Eigners auch von jedem Crewmitglied genauso beurteilt wird und überhaupt beurteilt werden kann. Eine relativ objektive Kontrolle und klare, für alle geltende Sicherheitsstandards sind daher unerlässlich und haben mit dem DSV und dessen Interessen rein gar nichts zu tun.
      Der Kommentar fällt für mich daher eher in die Kategorie “Polemik”. Sorry.

      • avatar PB sagt:

        Ich habe noch von keinem gehört, der ernsthaft Regatten segelt, dass die OSR samt Safety Check ein großes Hinderniss ist. Klar muss man dann hier und da noch mal was kaufen, oder am Schiff ändern. Aber das ist meistens nichts großes.
        Das Argument kommt immer nur von Leuten die noch kein Safety Check mitgemacht haben und eh nie Teilnehmen werden und das nur vorschieben.
        “Ne da guckt ja jemand nach, wann die Rettungsinsel gewartet wurde. Das will ich nicht”

  2. avatar Leser sagt:

    Wie sehr nützen die großen deutschen Offshore-Kampagnen wie das Offshore Team Germany, von Boris Herrmann oder Lennart Burke dem Seesegeln in Deutschland?

    Wenn solche Fragen gestellt werden (und die andere Person nichts dagegen sagt), zeigt es schon wie viel Ahnung und Ambition dahinter steckt.

    Boris hat erfolgreich die Vendee Globe beendet, das Offshore Team Germany hat nen Schiff gekauft und bastelt ewig dran rum, statt sich auf die Bahn zu trauen.

    Das sind zwei komplett verschiedene Kampangen.

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