Segel-Olympia 2024: Tauziehen zwischen Kiel, Rostock und Travemünde

Reizvolle Aussichten

Wenn Hamburg in zehn Jahren Olympiastadt werden soll, buhlen die schönen Töchter um die Austragung der Segelregatten. Kiel-Schilksee und Lübeck-Travemünde, aber auch Rostock-Warnemünde, die Nummer eins von Berlin, und andere könnten es sein.

Wo liegt Deutschland bestes Olympiarevier, hier in Travemünde, oder vor Schilksee oder Warnemünde?  ©Marina Könitzer

Wo liegt Deutschland bestes Olympiarevier, hier in Travemünde, oder vor Schilksee oder Warnemünde? ©Marina Könitzer

Olympische Spiele lösen stets Milliarden-Investitionen aus. Davon bekommt der Austragungsort der Segelwettbewerbe einige Millionen ab – reizvolle Aussichten. Und da sich Deutschland für 2024 oder 2028 wieder um die Fünf Ringe bewerben will, schmücken sich derzeit die einschlägigen norddeutschen Sportboothäfen zur Brautschau.

Beim schleswig-holsteinischen Innenminister Andreas Breitner trafen sich die Bürgermeister von Kiel und Lübeck zum Spitzengespräch auch mit dem Hamburger Innensenator Michael Neumann. Denn die Hansestadt ist neben Berlin eine der beiden Bewerberstädte um die Gunst des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). Wer allerdings ein klares Votum erwartet hat, wer denn nun das beste Segelrevier hat, wurde enttäuscht. Die Entscheidung wurde mehrere Monate vertagt.

Die Travemünder träumen sogar davon, die Medaillenrennen auf der Trave austragen zu lassen.  ©Marina Könitzer

Die Travemünder träumen sogar davon, die Medaillenrennen auf der Trave austragen zu lassen. ©Marina Könitzer

Da der Berliner Senat sich bereits frühzeitig für den Segelstandort Rostock-Warnemünde ausgesprochen hat, buhlen Schilksee und Travemünde um das Ja-Wort Hamburgs, zumal sich die eigene Landesregierung windet und aus diplomatischen Gründen niemandem den Vorzug gibt.

An der Alster wollen die Verantwortlichen jedoch zunächst den grundsätzlichen Zuschlag erhalten, den es zum Nikolaustag am 6. Dezember 2014 geben soll. Zunächst muss Hamburg bis Ende August einen 13teiligen Fragenkatalog des DOSB beantworten. „Erst wenn wir die Nummer eins geworden sind, gründen wir eine Betreibergesellschaft, die sich auch ums Segeln kümmert“, sagte Neumann auf Nachfrage, und das beste Revier ermitteln solle.

Erst dann könnten die Konzepte und Ideen der Schleswig-Holsteiner greifen, die bei der Sondierung einen fairen Wettbewerb im norddeutschen Verbund propagierten. „Wir respektieren einander und unterstützen hinterher den Sieger“, beteuerten Lübecks Verwaltungschef Bernd Saxe und Peter Todeskino aus der Landeshauptstadt.

Das sind fast schon unerwartet neue Töne in einer Dauerfehde in vielen Bereichen der Politik, der Kultur und des Sports im nördlichsten Bundesland. Saxe sammelte Pluspunkte mit seiner Forderung nach ökologischer und finanzieller Vernunft für die Sommerspiele und erteilte Gigantismus eine klare Absage.

„Wir können Olympia“, hatte Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer schon vor dem Treffen geworben und auf die vorhandene, funktionelle Infrastruktur im Olympiazentrum Schilksee von 1972 verwiesen. Die jährliche Organisation der Kieler Woche dürfte dabei deutlich mehr wert sein, als die ebenfalls gepriesene Erfahrung von vor 42 Jahren, die schlicht allmählich ausstirbt.

Selbst der Weltsegelverband ISAF könnte Kiel wohl kaum das Potential absprechen. Dass indes Kreuzfahrtschiffe allein zur Unterbringung der Olympiaentourage ausreichen würden und Kiel ohne eine stark umstrittene Hinterlandbebauung auf den Salzwiesen auskäme, bliebe abzuwarten.

Bei der 125. Travemünder Woche kämpften sie um sechs Liter Rotspon: Der Lübecker Bürgermeister Bernd Saxe (rechts) gewann gegen Kiel Pendant Ulf Kämpfer, hatte allerdings im ungleichen Matchrace auch das schnellere Boot. Wer sticht nun den anderen bei der Olympiabewerbung aus?  ©segel-bilder.de

Bei der 125. Travemünder Woche kämpften sie um sechs Liter Rotspon: Der Lübecker Bürgermeister Bernd Saxe (rechts) gewann gegen Kiel Pendant Ulf Kämpfer, hatte allerdings im ungleichen Matchrace auch das schnellere Boot. Wer sticht nun den anderen bei der Olympiabewerbung aus? ©segel-bilder.de

Travemünde baut hingegen auf seinen Dauerbrenner Priwall Waterfront, der nach jahrelangem Tauziehen mit insgesamt 1600 Betten und einem komplett modernisierten Priwallhafen nun offenbar vor einem Baubeginn steht. Außerdem träumt der Lübecker Yacht-Club von einem neuen Segelzentrum am Mövenstein.

Die Probleme beim Ablegen am Strand durch hohe Brandung bei Nordost- und Ostwind würden mit einen festen Wellenbrecher vor den jetzigen Kat-Liegeplätzen am Mövenstein und einem mobilen vor dem Grünstrand beseitigt werden, heißt es. Der Enge und Winddreher zum Trotz sollen am liebsten sogar die publikumsnahen Traverennen der Travemünder Woche Muster für die finalen Medal Races bei Olympia sein.

…womit wir bei den vielgepriesenen Windbedingungen wären. Hier lässt – logisch – traditionell kein Bewerber etwas auf sich kommen. Alle preisen so macht- wie einflusslos gerade Mutter Natur als ihre ganz besondere Stärke an. Dass es allerorten auch im Sommer zähe Flautentage und grenzwertigen Starkwind gibt und immer wieder geben dürfte, wird gerne verschwiegen.

Die Hafenanlage im Olympiazentrum Kiel-Schilksee von 1972 - hier bei der ORC-WM 2014 - gilt nach wie vor als funktionell.  ©segel-bilder.de

Die Hafenanlage im Olympiazentrum Kiel-Schilksee von 1972 – hier bei der ORC-WM 2014 – gilt nach wie vor als funktionell. ©segel-bilder.de

Nachdem der Kieler Yacht-Club und die Politiker an der Förde schon während der Kieler Woche ihren Hut in den Ring warfen, zog Travemünde nach und weckte zugleich die üblichen Verdächtigen. Auch in Flensburg wurden Rufe laut, und natürlich auch ohne jährliche Großregatta möchte Cuxhaven genauso einen Hauch Aufwind von einer Olympiabewerbung mitnehmen. Aus Büsum, Neustadt, Grömitz und vielen anderen Orten ist noch nichts bekannt…

Zähneknirschend mussten die Platzhirsche an der Kieler und Lübecker Bucht zur Kenntnis nehmen, dass Hamburg auch mit Warnemünde sprechen will, das jahrelang vom Ost-Bonus profitierte und bei der vorigen (erfolglosen) deutschen Olympiakampagne 2002/03 ausgewählt wurde. Der Standort an der Warnow galt im Westen nach der Konzentration des Olympiastützpunkts und Bundesleistungszentrums in Kiel als in die zweite Reihe zurückgesetzt. Wer dadurch auch das Olympiafell verteilt sah, sieht sich eines Besseren belehrt.

Zunächst einmal hoffen alle Beteiligte auf einen Imagegewinn. Das gilt für die Segelstädte genauso, deren alternde Klientel hier und da schon jetzt murrt, wenn die angestammten Liegeplätze wieder mal für eine Regatta geräumt werden müssen. Ein Schub für den Nachwuchs, der sich angesichts Olympischer Spiele im eigenen Land auf breiter Front ins Zeug legt, könnte wie ein Lebenselixier wirken für den Segelsport in Deutschland, dass derzeit zumindest von praktisch allen Bühnen der Hochseesegelei mehr oder weniger verschwunden ist.

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Ein Kommentar „Segel-Olympia 2024: Tauziehen zwischen Kiel, Rostock und Travemünde“

  1. avatar botasailing sagt:

    Hamburg braucht kein Olympia. Wozu denn? Damit die Mieten hier noch weiter steigen und wir noch mehr absurd teure Bauprojekte bekommen? Das ist doch nur ein größenwahnsinniges Prestigeprojekt eines Senats, der es nicht mal schafft die eigentlich drängenden Probleme der Stadt zu lösen. Man sollte das knappe Geld lieber für Bildung ausgeben, für eine gute Fahrradinfrastruktur, für Kultur, für Wohnraum von sozial Schwachen – und gern auch für Sportgelegenheiten/Förderung für die HHer. Kein Mensch braucht diesen Profilierungsschwachsinn und noch mehr Kunswelten für Touristen – zu denen der Hafen, St. Pauli und die Schanze schon jetzt langsam verkommen.

    Ich hoffe die HHer Bürger sehen das Mehrheitlich auch so und werden die Olympia Ambitionen zu verhindern wissen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

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