Segelausbildung: Walker bringt Briten nach vorne – Wie er Kinder bei der Stange halten will

"Den Öltanker wenden"

Volvo-Ocean-Race-Sieger Ian Walker (49) ist seit einem Jahr Director of Racing beim britischen Segler-Verband. Seitdem läuft’s wieder für die Briten. Er glaubt, Kinder werden zu früh auf Leistung getrimmt. 

Giles Scott

Finn-Olympiasieger Giles Scott wird bei seinem Comeback in Palma nur knapp geschlagen. © Jesus Renedo/SAILING ENERGY

Die Briten verstehen sich zwar seit Menschengedenken als weltbeherrschende Seemacht, was mit ihrer speziellen Insellage zu tun haben mag, aber beim sportlichen Segeln hinkten sie seit Jahrzehnten hinterher. Sie gelten zwar als Erfinder dieser Art der Leibesertüchtigung, aber das Unvermögen, den schmerzlich verlorenen America’s Cup-Pokal zurückzugewinnen ging einher mit Niederlagen auf der großen Segel-Weltbühne.

Bei den ersten beiden Olympischen Spielen 1900 und 1908 waren sie noch die erfolgreichste Nation, doch dann dauerte es 92 Jahre, bis sie wieder die Spitzenposition übernahmen. 2000 in Sydney und 2004 in Athen räumten sie gleich in der Hälfte der Klassen (5) Edelmetall ab,  2008 in China sogar sechsmal. In London 2012 waren es noch einmal fünf Medaillen, bis die britischen Segler in Rio nur noch dreimal feiern durften.

War das der Anfang vom Niedergang? Die Gegner rieben sich die Hände. Denn bei den gemeinsamen Weltmeisterschaften aller olympischen Klassen 2018 in Aarhus setzte sich der Trend fort. England nur auf Rang 11 des Medaillenspiegels mit einmal Silber und zweimal Bronze. Dagegen räumten die Niederländer (3/2/1) mächtig ab wie auch die Franzosen (2/2/3).

30 Millionen Euro für Segel-Medaillen in Tokio

Auf der Insel wurde man nervös. Schließlich geben die Briten so viel Geld für die olympische Segelei aus, wie keine andere Nation. Seit 2000 fließen die Gelder der nationalen Lotterie in den britischen Sport und die Segler erhalten einen Löwnanteil. Für Tokio werden es fast 30 Millionen Euro sein. Das ist etwa genauso viel wie die Leichtathleten, Ruderer, Radfahrer erhalten.

Ian Walker, Abu Dhabi

Walker völlig übermüdet auf hoher See. © Abu Dhabi /VOR

Die Ausschüttung wird an Erfolgen gemessen. Und so stand die britische Segellegende Ian Walker unter Druck, der 2017 das Amt des Performance Direktors übernommen hatte. Der pensionierte Vorgänger John Derbyshire war insgesamt 32 Jahre für die RYA tätig und davon 16 Jahre für die Medaillen zuständig.

Würde Walker die Erfolgsgeschichte fortschreiben können? In Aarhus geriet das britische Team aus dem Tritt, aber nun im vorolympischen Jahr segeln die Boote von der Insel wieder vorne. Beim ersten europäischen Leistungstest im vorolympischen Jahr bei der Princesa Sofia Regatta in Palma sammelten die Briten gleich acht Medaillen ein (2/2/4).

Ist das der Walker-Effekt?

Der Engländer, der zwei Olympische Silbermedaillen zuhause hängen hat (470er/Star) und insbesondere mit dem Sieg als Volvo-Ocean-Race-Skipper (Abu Dhabi) bei der ersten Auflage mit den VO65 Onedesign-Yachten brillierte, weist in einem aktuellen Interview diese Verantwortung bescheiden von sich.

Ihm gehe es viel mehr darum, etwas für die aktuelle Situation an der Basis zu tun. Und das fange bei den Clubstrukturen an. “Die Gesellschaft hat sich verändert”, sagt er bei Tip&Shaft. “Das ist die größte Herausforderung.” Deshalb werde er in einem Jahr nichts bewegen können. “Vielleicht in fünf Jahren. Es ist, als würde man einen Öltanker wenden müssen.”

Ian Walker, Volvo Ocean Race

Ian Walker steuerte Abu Dhabi souverän durch die Flauten und will das auch mit dem britischen Segler-Verband tun. © Matt Knighton/Abu Dhabi Ocean Racing

Er bereite gerade massive Veränderungen beim Jugendprogramm vor. Der Schwerpunkt solle für die Kinder nicht mehr so sehr auf Ergebnissen liegen. Es gehe mehr um das Lernen, die Teilnahme generell und Entwicklung von Kompetenzen.

“Verschwendung von Investitionen”

“Es macht einfach keinen Sinn, so viele wirklich gute, junge Segler auszubilden, wenn sie dann alle den Sport aufgeben. Das ist eine Verschwendung von Investitionen. Wir denken über eine wirklich große Veränderung nach, wie wir der Jugend das Leistungssegeln  anbieten. Aber das wird Jahre dauern.”

Besonders in England fehlen die Clubstrukturen. Die Eltern tragen eine große Belastung ihre, wenn sie ihre Kinder im Segeln ausbilden wollen. Wohl auch deshalb sind die Briten im Optimisten nicht besonders erfolgreich. Und das will Walker nicht ändern, auch wenn die Karriere von 470er-Olympiasiegerin Hannah Mills als Optimist-Weltmeisterin 2003 in eine andere Richtung weist.

“Wir wollen uns noch weiter davon entfernen und glauben nicht, dass Segelerfolge im jungen Alter zwangsläufig zu späteren Erfolg führen.” Ein rotes Tuch ist für ihn die Entwicklung in Singapur, eine der stärksten Optimist-Nationen. “Da segeln die Kinder fünfmal in der Woche im Rahmen der Schulzeit und sie werden bis ins letzte Detail gecoacht. Von ihren Fitnesswerten hängt ab, ob sie weiter gefördert werden.”

Stärkung der Vereine

Walker glaubt an eine Stärkung des Club-Gedankens. “Wir wollen versuchen, die Vereine stärker zu unterstützen, damit die Jugendlichen dort länger verbleiben, und sie nicht so viel reisen müssen. Segeln darf in jungen Jahren noch nicht zu leistungsorientiert sein.”

Diese Entwicklung werde aber von den Eltern vorangetrieben, und es gebe viele Parallelen zur Schule, wo  immer mehr Nachhilfe-Stunden absolviert werden. “Wir bilden die Kinder in den Schulen nicht wirklich aus, sondern nur für das Bestehen der Prüfungen.”

Und genauso laufe es im Wesentlichen beim Jugendsegeln. “Wir produzieren keine besseren Segler, die auf vielen verschiedenen Boote als Vorschoter oder Steuermann segeln können. Sondern wir bringen ihnen bei, gut zu starten und einen hohen Am-Wind-Speed zu erreichen, damit sie auf den Up-and-down-Kursen Leistung bringen. Es ist eine große Herausforderung, das zu ändern.”

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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3 Kommentare zu „Segelausbildung: Walker bringt Briten nach vorne – Wie er Kinder bei der Stange halten will“

  1. avatar Kleinsegler sagt:

    Wer in diesem Jahr bei der London Dinghy Show die Präsentation von Ian Walker gesehen und mitgehört hat wundert sich nicht mehr, dass GBR bei Regatten und Clubevents weit vor den DSV Aktivitäten liegt.
    Kurz nach der Präsentation standen Ian und Shirley Robertsen im intensiven Gespräch auf den Ständen der nationalen Klassen . Wenn die Verbandsführung einen so engen Kontakt mit den Seglern sucht – dann klapp es auch mit der Aktivierung der Segler in der Saison. Einfach überzeugend und kompetent!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 15 Daumen runter 0

  2. avatar Holger sagt:

    Ian Walker hat so was von 100% Recht !
    habe das Original Interview mit Ian gelesen
    Der Segelsport in GER muss auch den Wandel der Zeit reagieren und Clubs müssen sich anders aufstellen und Planung / Agenda 2040 machen und schnellstens darüber nachdenken wo man in 20 Jahren stehen will.
    Wir brauchen moderne Sportvereine und keine Marinabetriebe / reine Liegeplatzgemeinschaften die keine Jugendarbeit mehr leisten. Durch gutes Angebot die Kids wieder runter vom Sofa, weg vom daddeln und raus aufs Wasser und in die Natur, nicht in Kielboote sondern wirklich sportliches Angebot bieten und 50% der Clubetats in die Jugend um die nächste Generation sicherzustellen und die Gemeinnützigkeit zu rechtfertigen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  3. avatar sowasaberauch sagt:

    Wir hier auf mich so, als ob Interviews präsentiert werden, die man nicht selbst geführt hat, dazu keine Quelle angibt und dann noch Geld dafür sehen möchte.

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