Segelrevier Euböa: Törnbericht & Tipps für Griechenlands Trauminsel

Eine griechische Melange

Man ankert frei oder teilt sich den Hafen mit Fischern, statt Fast Food in sich hineinzuschlingen, speist man griechisch. Natürlich stressfrei, denn das Wort „Hektik“ ist auf Euböa noch weitgehend unbekannt.

Die Petalische Inselgruppe liegt an der Südwestspitze Euböas © Carl Victor

Was für ein Erlebnis, sich vom Meltemi Euböas Nordostküste hinunterblasen zu lassen! Was für ein Genuss, vor einer unbewohnten Insel auf türkisem Wasser zu schweben, in einer Bucht, die man mit etwas Glück auch mal für sich alleine hat. Die Häfen muss man sich meist nur mit Fischern teilen, fehlende Marinas vermisst man nicht. Den südlichen Golf von Euböa hochzusegeln, schafft man fast immer mit einem harten Anlieger und, weil vom Land abgedeckt, in glattem Wasser. Bucht um Bucht bietet sich zum Ankern an, nach jedem Segeltag erwartet einen im Hafen eine Kneipe, an der die Fast-Food-Kultur spurlos vorübergegangen ist. Pfeffer ins Geschehen bringt die Fahrt durch den Kanal von Chálkis, oft erst nach Mitternacht und gegen einen durch die Enge gurgelnden Strom.

Ganz anders der nördliche Golf von Euböa. Dessen Küsten sind schroff. Steil ragen die Berge auf, oft bemützt von einer Wolkenhaube, die ihnen der Meltemi aufsetzt hat. Kaum eine Bucht schneidet hier in die Küsten, nur wenige Häfen bieten sich an. Liegt man sicher in einem, ist die nächste Kneipe nie weit. Speisekarten sind rar, denn in dieses touristische Abseits verirren sich fast nur Griechen. Einen solchen Törn rund um Euböa können einem nur Wind und Wetter vermiesen. Bei uns haben sie es versucht, doch der Frust darüber schaffte es nicht, uns das Erlebnis zu schmälern.

Das Revier wird im Sommer vom Meltemi dominiert

Der Morgen könnte flauer nicht sein. Ein Brisenstrich, der sich voraus als dunkle Linie abzeichnet, entpuppt sich als Rest einer nächtlichen Thermik. Später verlockt uns eine Sparausgabe des Meltemi, es mit Motor-Segeln zu versuchen, nachmittags macht das Schiff damit sieben Knoten, wozu der südostwärts setzende Strom seinen Teil beiträgt. Kap Kími beschert uns zwar ein kurzes Segelglück, damit ist es in dessen Lee schnell wieder vorbei. Aber da liegt die Einfahrt in Kímis Hafen ja fast schon vor dem Bug.

Wir gesellen uns zu einer Fahrten­yacht, die bereits an der Mole an Backbord liegt. Von hier ist es nicht weit zum Strand. Dort gibt es Duschen. Im Hafen nicht. Der ist auch sonst keine Offenbarung. Der 250 Meter höher liegende Ort wird uns hingegen vom Reiseführer empfohlen. Er behauptet auch, dass wir in 20 Minuten hinaufspazieren könnten. Das nehmen wir ihm nicht ab. Doch woher ein Taxi nehmen? Alles kein Problem in Kími. Schon der Erste, den wir fragen, holt sein Telefon heraus und bestellt uns eines.

Abendstimmung im kleinen Hafen von Orei an der Nordwestspitze Euböas © Carl Victor

Der „herrliche Ausblick“ entpuppt sich zwar als bescheiden; von der entspannten Atmosphäre im Ort lassen wir uns hingegen gerne zu einem „Kafé Ellinikós“ verführen. Wieder zurück, stranden wir auf der Veranda eines über dem Hafen gebauten Restaurants. Dessen Speisekarte ist üppig. Allerdings ist so ziemlich alles, was darauf steht, gerade nicht verfügbar. Deshalb machen wir es wie die Griechen: Wir gehen in die Küche und studieren dort den verlockenden Inhalt der Pfannen.

Das Fahrtenschiff, das mit uns an der Mole liegt, fährt unter Schweizer Flagge. Für Thomas ein Grund, nach dem Anlegen Kontakt aufzunehmen. Trotz des einenden „Schwyzerdütsch“ verläuft der Dialog einseitig; die Skipperin hat sein nationales Interesse wohl als Anmache missverstanden. Am Morgen entschuldigt sie sich dafür. Mit einer Tüte Kalamari! Auf meine Frage „Wer weiß, wie man die Viecher zubereitet?“ schweigt sich die Crew aus.

Der Wind dreht von Nordost auf Ost, bleibt aber so leicht, dass wir nur mit Motorhilfe segeln können. Nachmittags dreht er weiter, und hinter Kap Kafiras steht er gegenan. Das ist frustrierend! Als wir in den Órmos Kastrí einlaufen, liegt die Bucht einsam vor uns. Das versöhnt! Hier gibt es keine Kneipe. Das erstaunt! Nur gut, dass wir uns während der langweiligen Motorstunden in die Kalamari-Materie eingearbeitet haben. Das Ergebnis brutzelt schon in der Pfanne und hilft uns, diesen Segeltag, der uns noch schwer im Magen liegt, besser zu verdauen.

Der Órmos Vasilikó ist ein Höhepunkt

Vor der kleinen Insel Mégalo Petali platscht der Anker in das türkisgrüne Wasser vor dem weißen Sandstrand der Robinson-Insel. Alles könnte hier so perfekt sein, würde der Wind nicht aus Süd in die Bucht stehen. Fragt sich, wie lange noch. Über der Insel braut sich bereits schwarzes Gewölk zusammen, erste Blitze zucken. Wenig später treiben Böen aus Nordwest dichte Schauer über die Bucht. Regen in der Ägäis. Im Sommer!

Große Marinas gibt es rund um Euböa nicht. Die Yachten machen in den Stadthäfen fest © Carl Victor

Bald schüttet es so, dass ich unseren Nachbarn nicht mehr sehe. Kann ich auch nicht, er treibt nämlich. Beim Einfahren des Ankers hatte ich kein gutes Gefühl, doch unser hält. Seiner nicht. So ist das eben. Manche Skipper lassen den Anker fallen, stecken ein wenig Kette und wiegen sich dann in Sicherheit. Das ist nicht Ankern! Dazu lässt man das Eisen möglichst auf Sandgrund fallen und steckt die sechsfache Ankertiefe an Kette. Hat das Schiff seine Nase in den Wind gedreht, geht man mit dem Gashebel behutsam zurück. Erst wenn sich die Kette, ohne zu rucken, strafft, prüft man den Sitz des Ankers mit höchstmöglicher Drehzahl. Wandert auch dann die Peilung nicht aus, kann man darauf bauen, dass er auch harte Böen und Winddrehungen schluckt. Den Nachbarn überlassen wir seinem Schicksal. Viel kann ihm nicht passieren. Nach Afrika ist es noch weit.

Schornsteine eines Kraftwerkes weisen Seglern den Weg in Alivérions Hafen Káravos, dessen wuchtige Industriebauten schrecken aber viele ab. Keine Frage: Es gibt Schöneres im Revier. Deshalb ankern in Voúfalo und selbst im touristisch ausgereizten Erétria auch mehr Yachten. Doch eines fände ich dort nicht: Dieses unverwechselbare, noch von keinem Massentourismus verdorbene griechische Flair, das Káravos so auszeichnet. Noch immer gibt es hier Lokale mit Speisekarten nur in Griechisch. Der Wirt erklärt sie gerne dem Gast. Auf Griechisch! Vor der Kneipe sitzen wir entspannt am Hafen, in der Küche reiht sich eine griechische Spezialität an die andere. Obwohl wir mehr bestellen, als wir essen und trinken können, zahlt am Ende jeder nur zehn Euro. Wo sonst gibt es das noch?

Aulis hieß einst die Bucht südlich von Chálkis

Das war zu jener Zeit, als von hier die Mykener zum Kampf um Troja und die schöne Helena in See stachen. An seinen Ufern soll Agamemnon Iphigenie den Göttern geopfert haben, wohl nicht weit von jener Stelle, wo sich heute eine Hängebrücke über die Bucht spannt, die Euböa mit dem Festland verbindet. Als wir unter ihr durchfahren, schiebt auflaufender Strom. Wird er uns auch helfen, wenn wir durch den Kanal von Chálkis fahren? Als wir an den Yachtkai vor der Brücke gehen, sieht es noch danach aus. Als ich von der Hafenpolizei und dem Kiosk, in dem ich die Gebühr für die Durchfahrt bezahlt habe, zurückkomme, schon nicht mehr.

Der Ort Loutra Edipsou ist bekannt für seine mehr als 80 Thermalquellen und gehört zu den beliebtesten Heilbädern Griechenlands © Carl Victor

Eine Stunde später rauscht der Strom unter der Brücke mit bis zu sieben Knoten südwärts. Seine Stärke und Richtung vorauszusagen, ist auch heute nicht einfach. In der Antike war es unmöglich, selbst Aristoteles scheiterte daran. Darüber grämte er sich angeblich so, dass er hier 322 Jahre vor unserer Zeitrechnung verstarb. Heute soll die Brücke um 21.45 Uhr öffnen. Eine christliche Zeit, letzte Nacht geschah dies um 02.30 Uhr morgens.

Als auf Kanal 12 die Ankündigung kommt, bricht das übliche Chaos aus. Keiner hält sich an die vorgegebene Reihenfolge, jeder stürmt gegen den Strom an, als die Ampel auf rot-weiß-rot schaltet und die Durchfahrt für nordwärts gehende Schiffe freigibt. Wir mittendrin: das Schiff gut in der Mitte halten, den Gaffern zuwinken und dann nichts wie ab zu den Liegeplätzen an der Nordmole! Wer zu spät kommt, liegt im Strom und wird nachts vom Wind gebeutelt.

Von dem ist so viel angesagt, dass wir am nächsten Morgen gar nicht auslaufen dürften. Was ist bloß mit dem Wetter los? Vom Meltemi keine Spur! Stattdessen hämmert eine Front den Regen mit bis zu 36 Knoten aus Nordwest gegen den Bug unseres Schiffes. Erst als wir im Hafen von Loutrá Adhipsoú liegen, kommt die Abendsonne durch. Gerade noch rechtzeitig, um diesen miesen Segeltag bei einem guten griechischen Essen versöhnlich ausklingen zu lassen. Damit trösten wir uns auch am nächsten Abend über einen Flautentag hinweg, wegen dem wir nach Oreí motort sind.

Am letzten Tag dann das Wunder dieses Euböa-Törns: Der Meltemi zeigt, dass es ihn doch noch gibt!


Restaurants

© Carl Victor

Wer original griechisches Essen und griechische Weine liebt, wird bei einem Törn rund Euböa voll auf seine Rechnung kommen. Und das für sehr wenig Geld!
So rundum gestimmt, hat alles in der Fischtaverne „Saléas“ (oben) in Aliveríons Hafen Káravos.

© Carl Victor

Ein Kommentar „Segelrevier Euböa: Törnbericht & Tipps für Griechenlands Trauminsel“

  1. avatar Franziska sagt:

    Griechenland hat so viele Inseln, da ist für jeden was dabei. Wir segeln seit drei Jahren hier (10 Monate pro Jahr) und haben bei weitem noch nicht alles gesehen. Euböa fehlt zum Beispiel noch. Wenn man nur etwas außerhalb der Saison unterwegs, hat man kein Problem sehr entspannte Inseln vorzufinden (Agios Efstratios, Ikaria, Gavdos).

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