Silverrudder 2020: Keelboat-Mini-Sieger Patrik Heinrichs – Ohne Sicht durch die Brücke

Nebel des Grauens

Patrik Heinrichs (50) hat mit seiner T24 “Jynx” bei den vergangenen Silverrudder-Auflagen die Plätze 4/2/1/2 in der Klasse Keelboats Mini (18 bis 25 Fuß) beleget. Diesmal konnte er wieder gewinnen, aber nur vier kamen durch. Der Internet-Unternehmer hatte einige bange Stunden zu überstehen. Hier sein Bericht:

Sonntagmorgen gegen 4:00 Uhr westlicher Svendborg Sund ca. 4 Meilen vor der Brücke. Die zweite sternenklare aber kühle Nacht im Silverrudder 2020 ist schon lang gewesen aber die Aussicht auf den nahen und jetzt greifbaren Sieg mit JYNX meiner treuen und schnellen Begleiterin, treibt uns unter voller Leichtwind Garderobe (Groß, Jib und Code 0) mit knapp 6 Knoten nach über 42 Stunden dem Ziel entgegen.

Der Einhand-Skipper nimmt einen kräftigen Schluck. © Silverrudder

Vor uns eine noch dunklere Stelle auf dem Wasser als sonst in der mondlosen Nacht, wird wohl nur mangelnde Reflexion der Landbeleuchtung sein….Aber nein, mit einem Mal werden wir aus dem Nichts vom Seenebel verschluckt. Zu der Dunkelheit kommt jetzt packedicke wassergeschwängerte Luft in der man im Licht der Kopflampe die Tröpfchen fliegen sieht.

Die Sichtweite beträgt jetzt weniger als zehn!!! Meter in alle Richtungen. Außer dem rötlich beleuchteten Kompass am Mast gibt es keine Referenz mehr zum Steuern und Kurs halten. Die Zahlen meines kleinen Garmin 276c GPS reagieren zu langsam und ich habe Mühe geradeaus zu fahren. Später werde ich mehrmals um 40-50 Grad vom Kurs abweichen und sogar einen ungewollten Vollkreis fahren….

Die kleine T24 zwischen den Großen. © Silverrudder

Ist es nun die bis unter die Haarspitzen reichende Müdigkeit, oder die nach der langen Zeit an der Pinne in diesem Rennen beginnende Gleichgültigkeit, die mich die Situation – aus Fahrtensegler-Sicht – komplett falsch bewerten lässt und das Gefühl der akut drohenden Gefahr unterdrückt?

Fakt ist, ich fahre erstmal ungebremst weiter meinen Kurs vielleicht in der stillen Hoffnung die lebensnotwendige Sicht würde genauso wieder kommen wie sie entschwunden ist.

Im schlimmsten Falle ist alles zu verlieren

Ca. eine Meile später ist aber auch bei mir angekommen das ich hier draußen in akuter Gefahr bin im immer enger werdenden Sund entweder ein Flach, eine Tonne, ein anderes Boot, einen Fischer oder sogar die riesige Fähre zu rammen. Im schlimmsten Falle ist alles zu verlieren, Boot und Leben eingeschlossen.

Näher an Land traue ich mich nicht und Ankern im freien Wasser geht nicht, da kein freies Wasser mehr da ist, das nicht vermutlich auch von anderen Booten befahren wird. Ich wäre wehrlos Allem ausgeliefert, das mich übermangeln würde. Ohne die Chance, im letzten Moment doch noch zur Seite ausweichen zu können.

Heinrichs (r.) kurz nach dem Start. © Silverrudder

Aber was für Optionen habe ich ohne AIS Transceiver und Bildschirm und natürlich ohne Radar auf 24 Füßen? 
In meiner Not gebe ich mehrmals einen „all ships“ Ruf per Handfunkgerät, in der Hoffnung Boote in der Umgebung zu erreichen und sie zu warnen. Aber niemand antwortet – ganz schön einsam hier.

Dann plötzlich der Radio Operator von Lyngby Radion per Relaystation. Ich übermittle meine exakte Position und sie können mir zu mindestens versichern das keine AIS Ziele in meiner direkten Nähe sind. Somit sind die „größten“ schwimmenden Gefahren schon mal unwahrscheinlich. Aber eine Radarortung und Einweisung können auch sie von ihrer Position für den Svendborg Sund nicht machen.

Noch eine Meile bis zur Brücke

Inzwischen habe ich mir den GPS ins Cockpit geholt und auf die 5cm große Karte umgeschaltet. Dort kann ich die pinke Verbindungslinie meiner seit Jahren bewährten Wegpunkte sehen und versuche jetzt das Spielzeugboot auf dem Bildschirm durch Segeln in die entsprechende Richtung in Deckung zu bringen.

Den Code Zero habe ich bereits seit einiger Zeit eingerollt um Fahrt rauszunehmen. Schließlich nimmt die Aufprallenergie mit dem Quadrat der Geschwindigkeit zu. Mit rund vier Knoten stumpf irgendwo einzuschlagen wäre noch schlimm genug. Noch eine Meile bis zur Brücke wo die Poller und Pfeiler nur 50 Meter auseinander stehen……

Dann mit einem Mal wischt ca. acht Meter neben mir eine grüne Fahrwassertone vorbei und verschwindet sofort wieder im Nebel. Der Check auf meinem Bildschirm gibt mir das erste Mal ein besseres Gefühl, denn sie ist fast genau dort wo sie in der virtuellen Welt angezeigt wird.

Schwach glimmendes Doppelfeuer

Ich halte bewusst etwas Abstand zu den auf der elektronischen Karte verzeichneten Tonnen wegen der GPS Ungenauigkeit. Aber jetzt habe ich Vertrauen in meine verrückte Art des „ILS-approach für Segler“. 
Dann links ein schwach im Nebel glimmendes Doppelfeuer das sich später als Leitstrahl entpuppt, welcher auch auf meinem Garmin zu sehen ist.

Die Brücke müsste jetzt formatfüllend vor uns liegen, aber noch nichts….Dann rote und grüne starke Feuer vermutlich auf den 5m Betonpollern vor der Hauptdurchfahrt aber die Brückenpfeiler sind nicht auszumachen und auch beim Blick nach oben nichts als kondensiertes Wasser.

Endlich etwas Wind. © P. Heinrichs

Ich halte in die Mitte und versuche, die Lichter im rechten Winkel zu nehmen und den Kompasskurs zu halten, egal wie. Ich will nicht auf den Pfeilern landen. Dann fliegt links der Poller hinter der Brücke an mir vorbei und ich bin im inneren Sund, den ich in den vergangenen 5 Jahren schon so oft bei Start und Ziel passiert habe. Die Erinnerungen an die Landmarken kommen zurück, und plötzlich steigt die Sicht auf knapp 50 Meter. Was für eine Wohltat um mittlerweile 6 Uhr…

Mit Heckanker auf den Start warten

Zwei Tage zuvor….

Svendborg war wieder fest in Silverrudder Hand, sogar die Damen in der Supermarkt Bäckerei wünschten mir beim Brötchenkaufen eine tolle Regatta….womit hatte ich mich wohl verraten…ah Lycra und Segelhose zum Einkauf..

Dann der erste Start pünktlich um 10:00 (Svendborg time coordinated beim Skippersmeeting) und der kräftige Schiebestrom ließ nur eine Option: Kurz vor der Linie mit Heckanker auf den Start warten. Wind war im engen Sund Mangelware aber das war so angesagt und erwartet. 
Neulinge erkennt man hier immer sehr schnell, weil sie hoffnungslos durch die Gegend treiben.

Dann beim Signal das Grundeisen hochreißen und lostreiben. Immer schön in der Mitte bleiben, Ruhe bewahren und mit 2 Knoten Speed über Grund und 0,2 Knoten durchs Wasser ging es raus. Ein paar freche, kleine Seascape 18 hatten sich ganz vorne eingereiht und wollten erstmal überholt werden.

Das Weiße in seinen Augen

Südlich von Thyrö kam dann eine leichte Südbrise zur Verwunderung aller. Diese Richtung hatte kein Wetterfrosch auf dem Zettel aber sie stabilisierte sich zunehmend und brachte uns einen wunderschönen Downwinder die Ostküste hoch bis Romsö. Dabei konnte ich mich leicht vom Feld absetzen.

An den Windrädern auf Fynen konnte man aber den ganzen Tag schon erkennen, dass wohl irgendwann der angesagte Westwind auch im Langelandbelt ankommen würde. Und so kam es dann auch kurz vor Sonnenuntergang. 
Bei dem Übergang robbte sich Vorjahressieger Klaus Rönn Madsen mit seiner CB66 heran. Ich konnte schließlich schon das Weiße in seinen Augen sehen. Und wir starteten wieder bei Null.

Die T24 mit freiem, gekräuseltem Wasser vor dem Bug.© P. Heinrichs

Aber auf dem close Reach nach Fynns Hoved hatte JYNX unter der bewährten Jib/Code 0 Besegelung einen leichten Speedvorteil. Wir nutzen ihn, um nach vorne zu fliehen. 
Dann brach die erste Nacht über uns herein. Auf der Kreuz nach Abbelö konnte ich in der sternenklaren Neumondnacht hunderte Buglaternen hinter mir sehen. Wahnsinn!

Unglaublicher Sternenhimmel

JYNX machte ihre Sache gut. Bei 8-10 Knoten näherten wir uns gegen Mitternacht der Halbstreckenmarke, noch 15 Meilen bis Strib mehr oder weniger als Anlieger, schönes Segeln unter einem unglaublichen Sternenhimmel samt Milchstraße.

Über das „two bridge fiasco“ Zwischen der Einfahrt Lillebelt und der nordwestlichen Ecke des Kurses kurz vor Faenö könnte ich Romane schreiben. Hier aber lieber die Kurzfassung: 7 Stunden für 5 Meilen. Als Führender rein, als Zweiter hinter Segelgott Harry wieder raus gegen Samstagmittag. 8-10 Meilen getrieben und 30 Minuten geankert. Gefrühstückt und den Spa-Bereich (Eimer) besucht.

Weiter ging es Kurs Süd bei leichtem aber segelbaren Wind bei 4-5 Knoten Speed. 
Nachdem ich Harry mit seiner Platu 25 “Honk” wieder auf dem geraden Upwinder wieder überholt hatte, kam am Nachmittag im Kleinen Belt die Insel Bågø vor den Bug, und der Wind wurde flau.

Innen oder außen?

Innen oder außen an der Insel vorbei? Mir war klar, welche Entscheidung ich auch wählen würde, meine Gegner würden auf der anderen Seite angreifen. Dagegen wäre ich machtlos. 
Beide Optionen sahen gleich gut aus, aber als ich 2017, gegen Per Cederberg bei einer ähnlichen Situation, das Rennen verloren hatte, sagte er nur trocken: „If there is no wind you have to choose the vincinity to the island….“ Also ab in die Enge und mit dem flachen Spi gegen den Strom gekämpft.
 Allerdings war nach einer Stunde östlich von Bagö dann der Ofen (Wind) aus. Der Anker fiel und hielt uns bei einem Knoten Gegenstrom im Spiel.

Da mein Handy mit der Tracker App bereits seit Samstagmorgen keinen Saft mehr hatte und das Ladegerät streikte, war ich dann auch ohne Info über die Gegner. Aber ein Rundblick zeigte nirgendwo auch nur einen Hauch von Wind.

 Dann realisierte ich wie schön es hier draußen war: Später Nachmittag, warme Luft, herrliche Landschaft, total einsam vor Anker im September in der Dänischen Südsee und zur Krönung spielten ein Schweinswalpärchen und einer freche Robbe um mich herum. Manche Leute zahlen viel Geld dafür, um so etwas zu erleben und ich bekam es als Zugabe!

Beim letzten Licht des Tages kam der erste Hauch aus Süden, der sich dann kurze Zeit später in einer leichten Landbrise exakt 90 Grad zum Strand stabilisierte – wie aus dem Meterologie Bilderbuch, und so blieb das dann die nächsten 20 Meilen bis zum Svendborg Sund!

Traumhaftes Dahingleiten unter dem bewährten Jib/Code 0 Doppel und der Wind drehte an jeder Ecke mit uns mit. Über 90 Grad um die südliche Insel Fynen herum ohne eine einzige Wende. Jynx gluckste bei 3-6 Knoten in komplett flachem Wasser vor sich hin, und ich konnte meine Augen kaum vom erneut umwerfenden Sternenhimmel lassen. 
Um die letzte Ecke bei Dyreborg und ab auf die Zielgrade….aber da wußte ich noch nicht welch Nebelhorror auf mich warten würde….

“Jungs, ich bin hier!!!”

Zeitsprung: Innerer Svendborgsund querab des Trockendocks, bestimmt 10 Mal hatte ich über Funk schon die Regattaleitung auf 72 und 16 gerufen um meine Ankunft anzukündigen, denn sehen konnten die mich ja nicht und der Tracker hat 10 Minuten Zeitverzug… keine Antwort.

Letzte Chance: Das Nothandy und auf der Sicherheitsnummer anrufen….Mailbox! GRRRRRRR Jungs, ich bin hier!!! nur 100m vor der Ziellinie…plötzlich taucht „Firlefranz“ schemenhaft vor mir im Nebel auf mit einem RIB der Wettfahrtleitung, ich rufe, nein ich schreie mir die Seel aus dem Leib vor Freude, denn da ist das ersehnte Ziel! 
Und in diesem Moment kommt ein Hupton und der Zielrichter ruft per UKW durch „you have just finished, welcome back to Svendborg“

6:17 UHR eine gespenstische Szene im Nebel und dann liegen die Sieger der beiden Klassen Mini und Small Bordwand an Bordwand auf der Ziellinie. 

Ich musste erstmal rückfragen ob auch wirklich keiner der anderen Minis vor mir war, und der Zielrichter konnte es wohl auch kaum glauben. Er fragte mich zurück ob ich denn überhaupt gestartet sei wenn ich jetzt schon hier wäre, sehen konnten wir uns ja nicht.

Vierter Einrumpfer über alles

Als vierter Monohull und siebentes Boot von allen kamen wir ins Ziel und motorten dann langsam in den Hafen, der in die ersten Lichtstrahlen des Sonntags getaucht war. Zur Belohnung gab es noch einen Wahnsinnsnachregattasonntag bei schönstem Sonnenschein in Shorts und T-Shirt.

29 Boote haben das Zeitlimit geschafft. Ein paar andere sind bis zum Schluss gesegelt und haben nicht aufgegeben. Sie sind die wahren Helden, wie mein Kumpel Reto auf “Julia”, einer Seascape 27 der zum zweiten Mal, aber bestimmt nicht zum letzten Mal beim Silverrudder war. Erik in seiner kleinen Sailart 19 hat sich auch mit dem wirklich gefährlichen SR Virus infiziert, trotz in Dänemark ungewohnter Maskenpflicht. Und dagegen gibt es KEINEN Impfstoff.

Danke an ALLE in Svendborg, die uns jedes Jahr wieder diese Regatta ermöglichen und unermüdlich arbeiten während wir Segler uns auf dem Wasser vergnügen! 
Wir nehmen euch NICHT für selbstverständlich!

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