Solitaire du Figaro: 39 Boote gestartet – Deutsch-Französin Isabelle Joschke peilt Top Ten an

Die Gleichstellungsbeauftragte

Solitaire du Figaro

Eindeutig auf dem Weg nach oben: Isabelle Joschke auf ihrem Figaro 2 © martinez

Für Isabelle Joschke ist Segeln weit mehr als „nur“ eine sportliche Leistung. Sie kämpft auf ihrer Figaro 2 für die Gleichstellung der Frauen – auf dem Wasser und an Land.

Am Sonntag Nachmittag starteten punkt 17 Uhr 39 Boote zu einer der wohl prestigeträchtigsten, weil härtesten und vor allem bestbesetzten Regatten im französischen Segelzirkus: La Solitaire du Figaro.

Das Einhand–Etappen-Rennen, das dieses Jahr zum 39. Mal stattfindet, gilt seit Jahrzehnten als ultimative Herausforderung für alle, die irgendwann raus auf den „Grand Bleu“ wollen, wie die Franzosen die Hochsee poetisch nennen. So kommen etwa die meisten Vendée Globe-Teilnehmer (auf IMOCA 60), die erfolgreichsten Route-du-Rhum-Sieger (in nahezu allen Klassen) aus der Kaderschmiede „La Solitaire“.

Und besonders Charles Caudrelier zeigt beim Volvo Ocean Race gerade als Skipper vom Dongfeng Team und Sieger des Figaro 2004, wie gut dieser Einhand Zirkus die Franzosen im internationalen Vergleich beim Hochseesegeln macht.

Entsprechend hoch ist das Niveau in der Klasse allgemein und bei ihren Einhand-Regatten im Besonderen. Wer hier auch nur ins Mittelfeld gelangen will, sollte sich „warm anziehen“, muss physisch und mental „auf den Punkt“ vorbereitet und vor allem… mutig sein!

Solitaire du Figaro

Segeln als Mittel zur Gleichstellung © martinez

Top Ten angepeilt

Wie etwa Isabelle Joschke. Die 38jährige Deutsch-Französin segelt die „Solitaire“ bereits zum siebten Mal mit und wird in der Klasse längst als „feste Bank“ im soliden, vorderen Mittelfeld gehandelt – vor allem die alten Hasen der Klasse trauen ihr nach einem 16. Rang overall (von 38 Booten) im vergangenen Jahr auch einen Überraschungscoup im Stile eines Top Ten-Platzes zu.

Und sie selbst? „Ich bin bestens vorbereitet und habe ein gutes Gefühl,“ schreibt sie in den sozialen Netzwerken. „Einen Top Ten-Rang kann ich also zumindest mal anpeilen!“

Was sich hier wie ein rein sportliches Ziel liest, ist für die Isabelle Joschke im Laufe der letzten Jahre weit mehr geworden. Die Tochter eines deutschen Ingenieurs und einer französischen Deutschlehrerin hat das „Künststück“ geschafft, soziales Engagement in ihr „Figaro“-Projekt zu integrieren – und das bei voller finanzieller Unterstützung durch ihren Sponsor Generali.

Klartext: Mit der von ihr gegründeten Firma „Horizon Mixité“ wirbt Isabelle Joschke für die Gleichstellung der Frau in sozialen, ethischen und vor allem beruflichen Belangen. Mit ihrem Engagement, Einsatz und letztendlich auch Erfolg in einer von Männern dominierten Sportart will sie anderen Frauen zeigen, dass es durchaus möglich ist, aus einer stereotypen Welt auszubrechen und sich in Domänen zu begeben, die nicht unbedingt als „weiblich“ gelten.

Solitaire du Figaro

Zählen mit zum geilsten, was die französischen Regattaszene je heraus gebracht hat: Figaro 2 © martinez

Joschke sieht sich dabei übrigens nicht auf einer feministischen Linie. „Ich denke schon, dass wir Frauen in Europa heutzutage zumeist das machen können, was wir wollen. Doch genau hier liegt das Problem: Viele Frauen trauen sich bestimmte Dinge kaum zu und realisieren so ihre Träume nicht. Genau das will ich ändern!“ erklärte die Seglerin gegenüber der französischen Zeitung „Le Figaro“ (die ja auch Namensgeber der ganzen Klasse ist).

So ist jede Regatta, an der Isabelle Joschke teilnimmt, auch eine Art „Zeichen an die Frauen da draußen“, sich ein Beispiel zu nehmen. „Im Segelsport gibt es Hunderte Möglichkeiten, wie man sich als vermeintlich physisch unterlegene Frau dennoch durchsetzen kann,“ erklärt Joschke weiter. „Du musst nur den Mut und den Willen haben, etwas in deinem Leben zu ändern,“ sei ihre Devise.

Isabelle Joschke hebt in diesem Zusammenhang immer wieder die Unterstützung durch ihren Sponsor „Generali“ hervor, der übrigens „Horizon Mixité“ schon finanziell unterstützte, als ein Sponsorship von Joschkes Figaro-Kampagne noch gar nicht zur Diskussion stand.

Zudem ist Joschke fast schon stolz auf die Hilfe von immer mehr Männern aus der Figaro-Klasse. Sie werde nicht mehr nur als Seglerin wahrgenommen, sondern auch als Botschafterin für eine Sache, schrieb sie kürzlich auf ihrer Facebook-Seite. Und das sei unter den leistungsorientierten Figaristen schon eine ganze Menge.

Solitaire du Figaro

Vielleicht physisch manchmal unterlegen, dafür aber in Sachen Wetter, Taktik etc. vorn dabei © martinez

Tatsächlich ist ihr Lebenslauf schon ein einziger Beweis dafür, dass auch für Frauen selbst in Männer-dominierten Berufswelten alles möglich ist. Nach ihrem Abitur begann sie zunächst mit geisteswissenschaftlichen Studien, bis sie eines Tages im Urlaub (nachdem sie als Kind schon viel auf Binnenseen segelte) an einem Küsten-Segelkurs in der Bretagne teilnimmt.

„Irgendwann war ich alleine auf einem Schiff, draußen auf See! Und fand es gigantisch!“ Im Laufe der nächsten Jahre orientierte sie sich mehr und mehr zu dem immer inniger geliebten Segelsport, sie heuerte auf Schiffen für Transatlantiküberquerungen, für lange Reisen in der Karibik etc. an.

Sie wird Skipperin, überführt Yachten, kann Geld für eine erste eigene Kampagne im Mini zurück legen, mit dem sie 2005 an der Transat teilnimmt. „In der ersten Etappe fiel der Autopilot aus und ich musste 22 von 24 Std. selbst steuern, aber es war durchaus machbar!“

Die Figaristin

Doch ihr Herz hängt augenscheinlich an der Figaro-Klasse. Von Beginn an gesponsert, nahm sie 2008 zum ersten Mal am Solitaire du Figaro teil, wurde Dritte unter allen Neueinsteigern, danach ging es stetig voran, bis zum 16. Rang im vergangenen Jahr.

Gestern waren „nur“ drei Frauen bei der Solitaire du Figaro am Start, aber Isabelle Joschke ist fest entschlossen, die Gleichstellung der Frau und die Möglichkeiten für Frauen auch dieses Jahr wieder auf dem Wasser zu demonstrieren. Den gefürchteten Start zur ersten Etappe auf dem Fluss hat sie bereits gut gemeistert. Derzeit liegt sie bei sehr leichten, drehenden Winden noch auf Rang 24. Das Feld ist dicht zusammen, der Abstand vom ersten zum letzten Teilnehmer beträgt knapp fünf Seemeilen. Isabelle Joschke segelt mitten in der Meute und lauert auf ihre Chance – Gleichstellung in jeder Hinsicht!

Facebook Joschke

Website mit aktuellen Info “La Solitaire du Figaro”

Tracker

Solitaire du Figaro

Es gibt immer was zu tun – sie packt es an! © martinez

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden

3 Kommentare zu „Solitaire du Figaro: 39 Boote gestartet – Deutsch-Französin Isabelle Joschke peilt Top Ten an“

  1. avatar Segler sagt:

    Sieht man ja an Team SCA wie gut das mit Frauen beim segeln klappt. 😉

    Aber mal im ernst.
    Ich dachte das ist Segelreporter und nicht feministen Reporter. Für mein Geschmack kommt viel zu wenig von der Regatta und der Klasse und den Seglern rüber.
    Wie ist die Route dieses Jahr, wer von den bekannten ist dabei, wer ist Favorit etc…..

    Wenn ich was über Frauenrechte und Gleichberechtigung wissen wollte dann würde ich nach Aliche Schwarzer googlen und den erst besten Artikel lesen..

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 15

    • avatar pl_mnuessgen sagt:

      Es ist ein Portrait und keine Reportage zur Solitaire….
      Ich fand sehr interessant und freue mich sehr dass immer mehr Frauen in Männerdomänen einbrechen!!

      Viele Grüße

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 3

  2. avatar Breizh sagt:

    Schöner Artikel über eine(n) weitere(n) Deutsche(n) in der Hochseesegelszene. Habe Sie letztes Jahr vor dem Start zu Lorient-La Horta-Lorient das erste Mal wirklich wahrgenommen. Ihr Team vor Ort wahr auch mit einigen Damen besetzt. Konnte mich auch mit einigen kurz austauschen. Wirkte alles sehr professionell. Aber Ihre Kampagne ist eher auf den französischen “Markt” ausgerichtet. Sieht man ja auch daran, dass sie hier bisher nicht so oft vorkam.
    Ein persönliches Interview gäbe vielleicht noch mehr Einblicke über ihren Weg und ihre Ziele. Aber ist vielleicht ja beim nächsten Mal eine Möglichkeit.
    Generell segelt der Figaro Zirkus hier ja etwas unterm Radar. Wäre schön hier noch mehr Einblicke zu bekommen. Ist ja so etwas wie die französische Segelbundesliga nur alleine und auf’m richtigen Meer 🙂 . Von daher würde ich mich über mehr Detailinfos sehr freuen.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *