Solitaire du Figaro: 44 Figaro 3 dümpeln vor Fastnet Rock – stündlich Karten neu gemischt

Foilen? Was ist das?

Von wegen rasant auf die neuen Foilflossen steigen und die Küsten entlang brettern: Die erste Etappe der 50. Solitaire du Figaro ist ein Flautenpoker ohnegleichen. Nix für schwache Nerven! 

Das Leben des gemeinen Regattaseglers könnte so einfach sein. Wenn bloß dieses doofe Wetter nicht wäre! 

Nehmen wir zum Beispiel die Solitaire du Figaro. Zum 50. Mal wird die berühmte Einhandregatta entlang französischer, britischer und manchmal auch spanischer Küsten nun schon zelebriert. Und zu diesem Jubiläum hat man den teilnehmenden Seglern und Seglerinnen bekanntlich etwas ganz Besonderes gegönnt: Den Wechsel von der Figaro 2 auf Figaro 3. 

Figaro-Zirkus bekommt Flügel

Dieses Upgrade von einem meist als zickig empfundenen und technisch veralteten One-Design-Renner, der selbst einhand noch mit klassischem Spinnaker gesegelt wurde, zu einem foilenden, nun Gennaker-bewehrten Geschoss, wurde allgemein begrüßt und goutiert. Entsprechend stürzten sich regelrecht (fast) alle, die jemals irgendwas mit dem Figaro-Zirkus zu tun hatten, auf diese neuen Boote. 

Solitaire du Figaro, 50 Jahre, 1. Etappe

Beim Start waren noch allen “guter Hoffnung” © courcoux, solitaire

Dass innerhalb eine Jahres sage und schreibe mehr als 60 dieser frischen Figaro 3 gebaut wurden, darf man schon als kleine Meisterleistung der Beneteau-Werft verstehen. Wenn auch reichlich Geburtswehen und Kinderkrankheiten zu verzeichnen waren (hektoliterweise Wasser im Boot durch leckende Foilkästen, dubiose Totalausfälle der Elektrik), waren doch alle glücklich wie stolze Väter im Kreißsaal, als sie ihr neues „Baby“ in Empfang nehmen und bei ersten kleinen Regatten aufs Wasser mitnehmen durften. 

Zur Solitaire du Figaro, dem 1.500 bis 2.000 Seemeilen langen Einhand-Spektakel (diesmal) entlang französischer und britischer Küsten in vier Etappen, meldete dann auch die Creme de la Creme. Nicht nur die derzeit „heißen“ Favoriten wie etwa Anthony Marchand (2018 Rang 2 Gesamtwertung) oder die Schweizerin Justine Mettraux, die letztes Jahr in der Gesamtwertung auf einem hervorragenden 11 Rang finishte. 

Solitaire du Figaro, 50 Jahre, 1. Etappe

Und Loic Peyron brachte seine gelbe Kiste nochmal so richtig in Fahrt © courcoux, solitaire

Dann wären da noch IMOCA-Helden wie Thomas Ruyant, Jeremie Beyou und Yann Elies zu erwähnen (letztgenannter war einst ein Figaro-Seriensieger). Nicht zu vergessen Armel le Cleac’h, der sich auf dem foilenden Monorumpfer offensichtlich von seinen Ultim-Trimaran-Debakeln erholen wollte.

Die coolen Junx von einst

Höchsten Sympathiefaktor erreichen „alte Helden“ wie Loic Peyron, Alain Gautier und Michel Desjoyeaux, die sich mal eben schnell einen Figaro 3 gönnten, um ihn möglichst medienstark durch die Solitaire zu bringen.

Was letztendlich aber für die meisten Teilnehmer ein reines Rechenexempel sein dürfte: Boot auf Pump gekauft oder direkt bei der Werft zu guten Konditionen geleast, etwas den Hype um die foilende Figaro 3 schüren, um sie dann nach dem Rennen „eingesegelt“ zu höheren Preisen zu verkaufen! 

Solitaire du Figaro, 50 Jahre, 1. Etappe

Aber dann wurde es immer “schweiniger “©courcoux, solitaire

Doch zurück zum Anfang dieser Zeilen: Das Leben der Regattasegler könnte so schön sein! 47 Boote gingen am vergangenen Sonntag zur ersten Etappe der Solitaire du Figaro vor Nantes an den Start. Der Kurs führt zunächst entlang der Französischen Atlantikküste bis zum südlich gelegenen Wendepunkt „Bourgenay“ (siehe Cartographie). Danach ging’s Richtung Nordnordwest zum Fastnet Rock, vor dem die Boote nun in der südlichen Irischen See vor sich hindümpeln. 

Womit wir endgültig beim Wetter angelangt wären. Denn was die Windgötter dem illustren Regattafeld bisher zumuteten, kann gelinde gesagt mit Gemeinheit bezeichnet werden. 

Nur in den ersten 12 Stunden kamen die Boote auf Geschwindigkeiten von etwa acht bis neun Knoten. Ansonsten: Flaute, drehende Winde, nur schlecht berechenbare Zwischenfronten, die das Regattafeld immer wieder aufs Neue durcheinander wirbelten. Auf deutschen Baggerseen werden solche Verhältnisse gerne mit „Schweinerennen“ bezeichnet – die Franzosen nennen es weniger vornehm „segeln in der Sch…“.

Solitaire du Figaro, 50 Jahre, 1. Etappe

La petole – Flaute © courcoux, solitaire

Es stimmt schon, gute Regattasegler müssen auch mit solchen Situationen klarkommen. Nicht zuletzt, weil Seesegeln eben zu einem großen Teil von der Einschätzung der Wetterlage abhängt. Und dennoch werden bei dieser ersten Etappe der Solitaire du Figaro dermaßen häufig die Plätze Rankings getauscht, dass man fast schon an einen „Random-Bug“ im System glauben möchte, der immer wieder aufs Neue die Karten mischt. 

Zum Beispiel hatte sich nach der südlichen Wendemarke Thomas Ruyant extrem weit westlich gehalten, weil er von genau dort frischere Winde erwartete. Doch die alte bretonische Regattaregel zog diesmal nicht – der Wind drehte und das Feld in der Mitte war begünstigt. 

Ost, West, Mitte – alles gleich doof

Armel Le Cleac’h wählte dagegen das andere Extrem und fuhr mal eben schnell durch sein Trainingsrevier unter Land vor Belle Ile und Lorient. Doch auch dieser Schachzug brachte wenig, Le Cleac’h musste sich später wieder ins Mittelfeld einreihen.   

So sind derzeit kurz vor dem weltberühmten und gefürchteten Felsen 17 Boote in einem Radius von sechs Seemeilen mit Spitzengeschwindigkeiten von 0, 5 bis 0, 9 knoten unterwegs.

Und die Nachrichten von Bord klingen entsprechend frustriert. Von „Nerven, die bis zum Zerreißen gespannt sind“ bis hin zum fatalistischen „mir doch alles egal, der Strom kann mich auch gerne bis Neufundland schieben“ ist so ziemlich alles zu vernehmen. 

Obwohl auch leichte Winde rein optisch ihren Reiz haben © courcoux, solitaire

Deshalb wäre es müßig und letztendlich höchst überflüssig, das derzeitige Ranking aufzuführen, da es sich in einer halben Stunde wieder völlig neu ordnen dürfte. 

Tatsache ist, dass selbst nach der (hoffentlich baldigen) Rundung des Fastnet-Felsens noch 50 Seemeilen bis zum Ziel vor dem Irischen Hafenstädtchen Kinsale zu absolvieren sind. Und die werden kein Zuckerschlecken, weil Tidenstrom, Seegrasteppiche und weiterhin sehr leichte und drehende Winde die Laune der Segler nicht gerade bessern werden. 

Solitaire du Figaro, 50 Jahre, 1. Etappe

ohne Worte © courcoux, solitaire

Doch ein Blick auf den Tracker lohnt sich für uns Daheimgebliebene allemal – nicht zuletzt, weil es immer wieder neue Namen in den Top-Rankings zu entdecken gibt! 

Und dann kracht es auch noch!

Eine richtige Portion Glück im Unglück ist in alledem dann doch noch zu vermelden: Die Figaro-Rookie Cassandre Blandin ist mit einem Frachtschiff zusammengestoßen. Der Unfall verlief glimpflich, ohne Verletzungen. Lediglich der Gennakerbaum wurde zerstört, offenbar gibt es keine Schäden am Rumpf des Bootes. Schockiert und frustriert drehte die Französin Richtung Brest ab. 

Wie gesagt: Das Leben der Regattasegler könnte so schön sein! 

Tracker

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Solitaire du Figaro: 44 Figaro 3 dümpeln vor Fastnet Rock – stündlich Karten neu gemischt“

  1. avatar Breizh sagt:

    Sind ja mittlerweile alle angekommen.
    Durch die Starterliste zu scrollen ist wirklich interessant. Sehr viele bekannte Namen aus den verschiedensten offshore Klassen (neben den oben genannten Alain Gautier, Clarisse Cremer, Tom Dolan). So viele bekannte Namen bieten natürlich auch viele interessante Geschichten an. Dann wollen wir einmal sehen, was wir noch zu lesen bekommen. Aber mit mehr Wind gegönnt, wäre natürlich auch die Geschichten da …

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