Solitaire du Figaro: Desjoyeaux und Le Cleac’h gegen die jungen Wilden

„18 kn unter Spi, Delphine immer dabei!“

La Solitaire du Figaro, Desjoyeaux,

Erster Abend, locker unter Spi in den Sonnenuntergang © la Solitaire

Die 44. Ausgabe der Solitaire du Figaro ist mit 41 Yachten besonders stark besetzt: Sechs teils mehrfache Sieger dieser legendären Regatta kämpfen gegen die Meute.

Es fängt schräg an, für Michel Desjoyeaux, der nach Sponsor-Problemen zurück bei seinen Wurzeln in der Einheitsklasse ist. Der dreifache Sieger der „Solitaire du Figaro“ mit dem Spitznamen „Professor“, einer der größten Offshore-Segler der Welt und charismatischer „Figarist“ mit Leib und Seele, startet miserabel, kommt irgendwo im Mittelfeld über die Linie.

Kurz nach dem Start, die Figaristen mussten zunächst einen kurzen up & down-Kurs segeln © la solitaire

Nun könnte man meinen, dass angesichts einer Strecke von mehr als 600 sm bis hinunter nach Portugal so ein Faux-pas am Start zu verkraften wäre. Entspannen, saubere Manöver fahren und dann langsam nach vorne hangeln…

Doch nicht so „Desj“: Nach dem Start auf der Hochwasser führenden Garonne will er so schnell wie irgend möglich wieder den Anschluss nach vorne schaffen. Denn er weiß: Sobald Kollegen wie Yann Ellies (Vorjahressieger) oder Armel Le Cleac’h (Vendée Globe-Zweiter) raus in die Biskaya kommen, sind die erstmal nicht mehr einzufangen. Schließlich haben die Meteorologen wunderbares Segelwetter für die Durchquerung des „Golfe de Gascogne“ (=Biskaya) vorhergesagt, beste Spi-Winde Stärke 4-5.

Schreck im Schlick

La Solitaire du Figaro, Desjoyeaux, Le Cleac'h

Auf dem Fluss Positionskämpfe wie im Laser © la solitaire

Also spielt Michel Desjoyeaux mit reichlich Chuzpe seine Erfahrung aus. Die Flussmitte wird von allen Figaristen eher gemieden, weil dort aufgrund des hohen Wasserstandes viele Äste und Bäume treiben und das Risiko einer Kollision zu hoch wäre. Außerdem steht die Flut mit 2 kn gegenan. „Also bin ich immer schön nah ans Ufer, konnte dort ein paar angenehme Dreher mitnehmen,“  erzählt er später der Regattaleitung am Telefon.

Der Professor fährt viele Manöver, segelt seine Beneteau Figaro 2 wie eine Jolle konsequent nach vorne. Als er fast schon „draußen“ auf dem Atlantik ist, soll ihn ein letztes Manöver ganz nach vorne bringen. Er kommt besonders nah ans Ufer, wendet und… bleibt im Schlick stecken! „Das war heiß! Mir ist der Schreck tief in die Eingeweide gefahren, aber ich war schon rum, auf dem anderen Bug, nahm das Groß dichter, bekam Lage und slippte mich langsam wieder frei!“ Michel war wieder im Rennen, kam als Fünfter ein paar Dutzend Meter hinter den Führenden auf den Ozean und die Regatta konnte beginnen.

La Solitaire du Figaro, Desjoyeaux, Le Cleac'h

Auf Tuchfühlung mit den Fans © la solitaire

Starkes Feld

Die 44. Ausgabe der legendären Einhand-Regatta „La Solitaire du Figaro“ bringt 41 Boote an den Start. Zum ersten Mal wurde Bordeaux als Startort gewählt und erstmals schickte die Regattaleitung ihre Figaristen so weit in den Süden wie nie zuvor. Ziel dieser ersten (von 4) Etappen ist Porto/Portugal, wo die Etappensieger am Mittwoch abends erwartet werden. Nächste Stationen: Gijon/Spanien, Roscoff und Dieppe/Frankreich.

Die Figaro-Klasse ist für die Franzosen und immer öfter auch für die Briten so etwas wie die Eliteschule der Hochseesegler. Wer hier besteht, kann alles überall unter jeder Bedingung segeln, wer hier vorne dabei ist, hat die größten Chancen auf lukrative Sponsoring-Verträge, die dann größere Projekte wie etwa die Vendée Globe erlauben.

Entsprechend stark sind die Regattafelder der Figaro-Szene besetzt, doch nur selten kamen so viele ehemaligen Sieger an den Start einer „Solitaire“: neben Desjoyeaux ist vor allem Armel Le Cleac’h (zweifacher Solitaire-Sieger) scharf auf den Titel, Jeremie Beyou, Nicolas Lunven und Titelverteidiger Yann Elies sind ebenfalls hoch dekorierte Aspiranten auf den diesjährigen Triumph. Buchstäblich verfolgt werden sie von Figaristen wie Gildas Morvan, Thierry Chabagny, Frederic Duthill oder Youngster wie den Briten Goodchild, die in den vergangenen Jahren bereits mehrfach Etappen gewinnen konnten, aber noch nie ganz oben auf dem Podium standen.

La Solitaire du Figaro, Desjoyeaux, Le Cleac'h

Alle segelten nah ans Ufer © la solitaire

Innen oder außen?

Einmal draußen in der Biskaya steuerten die meisten moderat unter Spi den direkten Weg zum spanischen Finisterre, nur wenige fuhren einen weiten Schlenker in der Hoffnung auf stärkere Winde „weiter draußen“. Erst auf Höhe der markanten spanischen Landspitze musste eine definitive Entscheidung gefällt werden: Soll man der theoretischen Idealroute folgen und „unter Land“ direkt auf Porto zuhalten, dabei aber das Risiko schwächerer Winde eingehen oder weit „ausholen“ um mit deutlich stärkerem Schub erheblich mehr Seemeilen zu segeln. Wer wird am Ende Fortuna auf seiner Seite haben?

Desjoyeaux (rot) segelt den weiten Bogen © la solitaire

Professor Desjoyeaux hat jedenfalls den weiten Bogen gewählt und ritt heute Morgen um 5 h mit Spitzenspeed von 18 kn unter Spi die Seemeilen ab.

„Ich habe noch nie erlebt, dass die Delfine stundenlang bei meinem Boot blieben. Ein gutes Zeichen!“ rief er zuversichtlich ins Sat-Telefon. Ob sich sein Extremschlag auszahlen wird, dürfte sich in den nächsten 24 Stunden entscheiden. Yann Ellies wählte jedenfalls den direkten Weg und Armel Le Cleac’h den goldenen, mittleren.

Noch profitiert das gesamte Regattafeld von den frischen Winden des Finisterre-Kap-Effekts (6-7 Bf). Fast jeder reitet wilde Surfs unter kleinem Spi, die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei ca. 9 kn. Doch Michel Desjoyeaux segelt weit draußen jetzt schon die vielleicht entscheidenden Zehntelknoten schneller…

la solitaire du Figaro, desjoyeaux

Endlich draußen © la solitaire

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Solitaire du Figaro: Desjoyeaux und Le Cleac’h gegen die jungen Wilden“

  1. avatar SB sagt:

    —“nur wenige fuhren einen weiten Schlenker unter Gennaker”…
    Seit wann haben die Figaro 2 denn einen Gennaker??

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  2. avatar Sven sagt:

    Schöner Bericht mit schönen Fotos. Macht Lust, auch mal mitzufahren.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  3. avatar Kersten sagt:

    Coole Klasse! Die sollten sich auch mal auf der Ostsee etablieren

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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