Solitaire du Figaro: Was machen die Amis Francesca und Jesse? – „Das härteste Rennen!“

"Eine andere Dimension"

Die dritte Etappe der Solitaire du Figaro geht zu Ende. Fokus ausnahmsweise nicht auf die Spitze, sondern auf das Ende des Rankings. Zwei Neulinge im Feld zahlen Lehrgeld: 49erFX-WM-Titel und Olympiakampagnen bringen hier nichts! 

Das schreibt und liest sich immer so leicht: „Die brutalste Leistungsdichte im Hochseesegelsport“ oder „Versammlung der weltbesten Hochseesegler der Welt“ oder noch besser „Gral aller Shorthanded-Seesegler“. Klar, gemeint ist die Solitaire du Figaro und deren Image als eine der härtesten Seeregatten der Welt mit den wohl besten Seglern des Genres. 

“Fearless” – Clapcich auf ihrer Figaro 3 © gergaud/Clapcich Facebook

Und so einfach, wie sich diese Zeilen schreiben, so schwer ist es, den Stellenwert dieser Regatta und ihrer teilnehmenden Seglerinnen und Segler überhaupt nachvollziehen zu können. Denn wer noch nie auf einer Figaro segelte – ganz egal ob mit oder ohne Foils – wer noch nie versuchte, dieses durchweg anspruchsvolle One-Design-Boot in allen Lebens-, Wellen- und Wetterlagen zu beherrschen, der macht sich auch keine Vorstellung davon, was es bedeuten kann, damit Hunderte oder gar Tausende Seemeilen alleine, nonstop zu segeln. Und das bitteschön nicht irgendwo da draußen im meist menschenleeren Ozean auf der Barfuß-Route gen Antillen, sondern entlang der navigatorisch schwierigsten Gezeiten-Küsten unseres Planeten: Nordspanien, Bretagne, Normandie, durch den Ärmelkanal nach Irland und England. Wer sich allein die Kurse der vier Etappen der diesjährigen Solitaire du Figaro-Ausgabe anschaut, könnte schon Schwindelanfälle bekommen. 

Solidarisch oder Haifischbecken? Wohl beides!

Doch noch wichtiger als die Anforderungen, die an Teilnehmer dieses Rennens gestellt werden, sind die Segler selbst. Die französischen Medien schreiben gerne von der einzigartigen Solidarität der Skipper untereinander, britische Medien sprechen von einem Haifischbecken mit gnadenloser Hack- und Biss-Ordnung – die Wahrheit liegt dann wohl irgendwo dazwischen.
Tatsache ist und bleibt, dass das seglerische und navigatorische Niveau unter den Solitaire-Figaristen durchweg professionell ist. Wenn auch einige Kampagnen stolz darauf sind, sich als Amateure zu bezeichnen. Was per se schon ein bisschen geflunkert ist, wenn über Jahre hinweg deutlich mehr Zeit fürs Segeln als fürs Arbeiten draufgeht. 

Auch Jesse Fielding muss bei den Figaristen Lehrgeld bezahlen © Fielding Facebook

Aus diesem mehr oder weniger professionellen „melting pot“ steigen dann spätere Superstars der Szene heraus, nachdem sie ein Mal, häufig mehrmals die Solitaire gewonnen oder zumindest auf dem Treppchen beendet haben. Andere Spitzen-Figaristen können sich nie so richtig von der Solitaire lösen, einige sind schon zum zwölften Mal dabei. Oder sie schnuppern immer mal wieder (meist erfolgreich) hinein – Vendée Globe und Volvo Ocean Race Sieger inklusive. 

Noch deutlicher wird die Härte dieser Regatta, wenn man die Segler und Seglerinnen unter die Lupe nimmt, die noch nicht oben – sagen wir im oberen Viertel – der Rankinglisten angekommen sind. Weil sie schon seit Jahren im Figaro-Zirkus ihre Salti schlagen, sich im Prinzip bestens behaupten und doch nur selten mal über das letzte Drittel heraus kommen. Eine andere Kategorie, die es jedes Jahr bei der Solitaire du Figaro besonders hart trifft, sind die sogenannten „Bizuths“, die Einsteiger. Sie sind zum ersten Mal dabei, haben noch eine Art Narrenfreiheit, dürfen, wollen und sollten sich beweisen. Ihnen wird von allen Seiten geholfen, sie erhalten Unterstützung von den Besten und werden für jeden noch so kleinen Erfolg gelobt und geherzt. Damit sie nur ja nicht den Mut und Enthusiasmus verlieren, der sie ja immerhin schon bis hierhin gebracht hat.

Fokus auf die Bizuths

In diesem Jahr richteten die zahlreichen Fans dieser Regatta (wer mal in den Ferien in der Nähe eines Solitaire du Figaro-Etappenortes  unterwegs ist, sollte sich das Spektakel unbedingt gönnen) ihren Blick ausnahmsweise einmal nicht nur auf die französischen Neueinsteiger. So wie vor Kurzem noch auf Clarisse Cremer, die es gleich im Anschluss an eine hervorragende Vorstellung im Mittelfeld zur Vendée Globe schaffte. Vielmehr war und ist man bei der diesjährigen Ausgabe der Solitaire du Figaro gespannt, was die beiden Amerikaner auf ihren „State Street“-Booten auf die Reihe bringen. 

“Wir haben jede Menge Hilfe, Tipps und Zuspruch bei den Figaristen erfahren” © Clapcich, Facebook

Es sei gleich vorweg gesagt: viel zu sehen gibt es da nicht. Aber zu lesen und zu hören, denn was Francesca Clapcich (doppelte Staatsbürgerschaft Italien/USA) und Jesse Fielding (USA) bei dieser Regatta alles an (wenigen) Höhen und (sehr tiefen) Tiefen erleben, teilen sie auch unumwunden und mit verblüffender Ehrlichkeit der Rennleitung, den Medien und ihren Konkurrenten mit.  

Beide werden von State Street, einer der ältesten Banken der USA unterstützt, die sich bereits seit Jahren im US-amerikanischen Segelsport mit interessanten Programmen engagiert. Und für die – wie für die meisten segelinteressierten Amerikaner auch – Shorthanded Seesegeln ein Buch mit Sieben Siegeln und irgendwas, irgendwo bei den „Frenchies“ war. Erst als das IOC mit einer neuen Offshore-Shorthanded-Disziplin im Olympischen Segelprogramm ab Marseille 2024 liebäugelte, wurde man in den USA hellhörig. Man könne, solle es vielleicht mal versuchen, schließlich „zieht“ Olympia immer. 

Alles wegen Olympia

Private Eigner stellten zwei Figaro 3 zur Verfügung, State Street sorgte für die Finanzierung des Ganzen und als Kandidaten für die erhoffte, neue Olympische Disziplin wurden Francesca Clapcich und Jesse Fielding ausgewählt. Beide sind – nicht nur aus amerikanischer Sicht – echte „Schwergewichte“ im Segelsport. Fielding gilt als einer der engagiertesten Profi-Hochseesegler in den USA und segelte u.a. jahrelang auf der „Morning Light“ von Roy Disney. 

Francesca Clapcich hat einen völlig anderen Background. Sie startete bei den Olympischen Spielen 2012 im Laser-Radial noch für Italien und belegte den 19. Platz. Bei Olympia 2016 segelte sie zusammen mit Giulia Conti im 49erFX und belegte Rang 5.

Das Paar erzielte später zahlreiche Erfolge im 49er FX, darunter 2015 italienische und Weltmeisterschaft, 2016 Vize-Europameister. Und schließlich:  2017/18 war Francesca Mitglied der Crew von Turn the Tide on Plastic im Volvo Ocean Race. 

Clapcich und Fielding trainierten auf ihren Figaro 3 wie die Wilden, einhand, aber auch double-handed, immer im Hinblick auf die bevorstehende olympische Nominierung der neuen Segeldisziplin Offshore Mixed Shorthanded. Irgendwann war aus dem Trainer-Umfeld zu vernehmen: „Wenn ihr wirklich wissen wollt, wo ihr im Hochseesegelsport steht, solltet ihr zumindest eine Saison im französischen Figaro-Zirkus mitsegeln“. 

Solitaire-Idylle im Leichtwind © courcoux

Gesagt, getan. Doch die daraus gewonnene Erkenntnis war ernüchternd: „Wir stehen ganz unten,“ machte sich Jesse Fielding kürzlich bewusst. „Wir segeln in einer Klasse auf Regatten, in denen nahezu alle anderen deutlich besser und schneller sind als wir. Das nagt am Selbstbewusstsein!“ 

Nach dem typischen Vorgeplänkel auf kleineren Doublehanded- und Einhand-Regatten im Figaro3 sind die beiden nun in der „Solitaire“ angekommen – und segeln gnadenlos hinterher. Wie schwer diese „Prüfung“ ist , durch die sie geht, hat Fancesca kürzlich gegenüber den Organisatoren der legendären Vier-Etappen-Einhand-Regatta geäußert (Auszüge):

Auf der Stelle geblieben

„Das ist das härteste Rennen, das ich je gefahren bin. Es ist erstaunlich, wie schwierig es ist. Die 34 Skipper geben in jeder Etappe vom Start bis zum Ziel alles. Sie geben niemals auf, nicht einmal einen Meter hier oder dort. Und überhaupt: Das Boot maximal zu segeln, erfordert sehr viel Kraft!“  Dabei verbrauche man derart viel Energie, dass man kaum noch welche für die Planung einer korrekten Strategie habe, sagt Francesca weiter. „Das war auf der zweiten Etappe besonders schwierig, weil ich in einigen entscheidenden Passagen ins Hintertreffen geriet und erst nach dem Wechsel der Gezeiten wieder auftauchte.Manchmal segelte ich gefühlt richtig schnell und hart, nur um dann festzustellen, dass ich in den Strömungen einfach auf der Stelle stehen blieb. Einmal wendete ich viermal, um wieder zum selben Felsen zurückzukehren. Gott, wie ich diesen Felsen gehasst habe! Und das treibt einem fast die Tränen in die Augen. Es ist so brutal!

Aber es gab auch ein paar wirklich magische Momente. Das Gefühl von Geschwindigkeit und Perfomance mit denm Boot ist fantastisch. Das war wirklich großartiges Segeln.

Die Solitaire du Figaro ist für mich ein Rennen der Extreme, bei dem die Emotionen von Lachen bis zum Heulen reichen. Obwohl ich im Allgemeinen mit der Art und Weise, wie ich meinen Schlaf auf den ersten beiden Etappen gehandhabt habe, zufrieden bin, habe ich wirklich tief in meine Ressourcen gegriffen, den Wecker nicht mehr gehört und geträumt, ich sei an Land. Aber ich war auf dem Boot, irgendwo auf dem Ozean, und das hat mich beim Aufwachen ein wenig in Panik versetzt. Die Erschöpfung lässt manchmal die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.”

Mittlerweile hat sich das IOC längst gegen die neue Segel-Disziplin entschieden, Jesse und Francesca wissen bereits, dass ihr Sponsorship im Figaro durch State Street zum Ende der Saison nicht verlängert wird. Doch Francesca und Jesse kämpfen verbissen weiter – Olympia zählt hier längst nicht mehr, es geht um mehr, um Wichtigeres!

Talent allein reicht nicht

Gerade endet die dritte Etappe in der Baie de Morlaix, der Macif-Skipper Pierre Quiroga wird gewinnen. Jesse Fielding und Francesca Clapcich liegen auf den Rängen 32 und 33 (von 34), Rückstand 38 Seemeilen. Zum Vergleich: Die erst 22-jährige Violette Dorange liegt in ihrer zweiten Figaro-Saison beim aktuellen „Solitaire“ in dieser Dritten Etappe auf Rang 12. Und als bestplatzierte „Bizuth“ macht Charlotte Yven auf Rang 5 bei dieser Etappe echte Furore.

Ein allgemeines Talent zum Segeln reiche eben bei Weitem nicht aus, sagte Francesca kürzlich zu einer lokalen Tageszeitung. Die Solitaire sei eine völlig andere Dimension, in jeder seglerischen Hinsicht.

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Solitaire du Figaro: Was machen die Amis Francesca und Jesse? – „Das härteste Rennen!““

  1. avatar Manfred sagt:

    Danke für den tollen Bericht. Er zeigt deutlich wie hoch die Trauben hängen um aus einem sehr gutem Jollensegler/in einen aussergewöhnlich guten Segler mit Allround Eigenschaften zu machen. Umso mehr kann man Boris und Jörg bewundern, die sich in dieser Disziplin durchgebissen haben.

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