SR-Interview: Ersatzfrau Lotta Wiemers (Görge) – Update: Sensationelle Führung zum Auftakt

(K)ein Beinbruch

Es gibt kaum einen schlechteren Zeitpunkt für eine Segel-Verletzung als mitten in der Olympiaqualifikation. Als sich Susann Beucke das Wadenbein bricht, scheint der Traum beendet. Nun kommt Lotta Wiemers (geb. Görge) von der Ersatzbank.

Update: Nach dem ersten WM-Renntag in Geelong liegen Tina Lutz und Lotta Wiemers sensationell auf Platz 1 im Feld der 44 49erFX-Frauen. Aber auch Victoria Jurczok und Anika Lorenz starteten stark.

Lutz/Wiemers auf Rang 1 nach drei Rennen. Jurczok/Lorenz Vierte.

Ergebnisse 49erFX

Tina Lutz und Susann Beucke haben in ihrer Segelkarriere wahrlich Durchhaltevermögen bewiesen. Zwölf Jahre versuchen sie schon, das Olympiaticket zu lösen. Zweimal waren sie nahe dran, zweimal wurden sie Zweite, nun liegen sie deutlich vorne.

Lotta Wiemers (m.) springt bei der 49er FX WM für die verletzte Sanni Beucke (l.) ein. © Tina-sanni-sailing

Bei der ersten von drei Qualifikationsregatten im 49erFX verpassten sie WM-Bronze nur knapp, punkteten aber deutlich im internen Duell gegen Victoria Jurczok und Anika Lorenz, gegen die sie vor vier Jahren verloren hatten. Als WM-Fünfte im Dezember holten sie 16 Punkte und während die Gegnerinnen nicht unter die Top 20 segelten (für Rang 20 gibt es 1. Punkt).

Sie reisten aus Auckland mit einem satten Punktepolster und viel Selbstvertrauen ab, feierten erstmal Weihnachten zuhause. Dann ging’s im Trainingslager in Argentinien weiter: Mit einem Schock. Bei einem Kentersturz brach sich Vorschoterin Susann Beucke das Wadenbein.

“Ich wurde operiert und begann mit meiner Reha. Tina versuchte, sich weiterhin auf unsere Segelkampagne konzentrieren”, erzählt Beucke. Aber wie sollte das funktionieren? In einem Monat. Schnell war klar, dass sie nicht rechtzeitig für die Melbourne-WM 2020 fit sein würde.

Die Görge Twins im Abflug-Modus. © Beau Outteridge

Das dritte Aus für die dritte Olympiakampagne? Ganz so aussichtslos sah die Lage nicht aus wegen des großen Punktevorsprungs. Schließlich müssen die deutschen Rivalinnen aus Berlin es erstmal schaffen, mit einem Top-Fünf-Platz gleichzuziehen. Aber dazu sind Jurczok/Lorenz durchaus in der Lage. In Auckland lief vieles schief, was sie sonst besser machen.

Nach einem Trainingsunfall mit dem Bruch des Wadenbeins zum Jahreswechsel muss Susann Beucke auf den WM-Start verzichten.© Lars Wehrmann

Also wollten Lutz/Beucke die WM nicht abschenken und fragten die ehemalige Trainingspartnerin Lotta Wiemers (geb. Görge), die sich mit ihrer Zwilligsschwester Jule am Steuer auf die Olympischen Spiele 2016 vorbereitet und auch 2017 noch Gas gegeben hatte, bevor sie die Karriere aufgab. Der Ersatz ist möglich, da die vom DSV mit dem DOSB abgestimmten Qualifikationskriterien genau einen solchen Fall vorsehen.

Der Verbindung lag nahe, da eine enge Freundschaft besteht. Beucke ist Wiemers Trauzeugin. Der Wille war da, aber die Organisation nicht einfach. Vier Prüfungen ihres Sport-Englisch Lehramt-Studiums an der Uni Marburg musste die Junioren Vize-Weltmeisterin von 2015 absagen, und war auf die Hilfe wohlwollender Professoren angewiesen.

Lotta Görge segelte lange in der Skiff-Nationalmannschaft. © Felix Wiemers, Lukas Ebenbichler & Midiafilm

Aber zwei Jahre Segelpause haben ihr offenbar wenig anhaben können. Die letzten Trainingseinheiten waren vielversprechend. Und im Interview mit Lena Weißkichel vor Ort besätigt Wiemers: “Wir sind sauschnell.” Sie habe zwar mit viel Essen und Krafttraining gut drei Kilo Gewicht zunehmen müssen, um das Optimum zu erreichen, und mächtig Muskelkater gehabt, aber das habe funktioniert.

Auch Geelong als Flachwasser-Revier liege ihr, da sie sonst eher “Schiss vor Wellen” habe. Tatsächlich sollte es dem Duo helfen, dass die Abwesenheit von großen Wellen Abstimmungsprobleme nicht so gravierend ausfallen lassen.

Susann Beucke, die selber im Motorboot vor Ort dabei ist, betont den Einsatz als “echten Akt der Freundschaft”. Wiemers selber genießt den intensiven Kurzeinsatz. “Ich mache mir keinen Druck. Es ist schon ein Erfolg, dass wir an den Start gehen. Es wäre toll, wenn wir die Goldfleet schaffen.” Aber der britische Coach Ian Barker, 2000 Olympia-Silber-Gewinner im 49er, ist optimistisch und versucht Wiemers nicht zu überfordern.

Die Zusammenarbeit mit Tina Lutz bezeichnet sie als “Honeymoon-Phase”. “Wir sagen Bitte und Danke, gehen respektvoll miteinander um.” Das bleibe sonst bei einer längeren Kampagne schon mal auf der Strecke.

Lena Weißkichel interviewt Lotta Wiemers für SegelReporter in Geelong:

SR: Wie kam es dazu, dass du jetzt mit Tina hier segelst und hier in Australien bist?

Lotta Wiemers: Sanni hatte mich schon Anfang Januar angerufen und ein bisschen vorgewarnt, dass es passieren könnte dass ich eventuell segeln „muss“, und hat mich schonmal gefragt, ob es denn überhaupt möglich wäre. Meine ehrliche erste Antwort war eigentlich „Nein“, weil ich erstens ja überhaupt nicht in der körperlichen Verfassung bin, hier an den Start zu gehen, da ich seit 2 1⁄2 Jahren nicht mehr gesegelt bin und auch keine segelspezifischen Krafttrainings mehr absolviert habe.

Ich bin halt normaler Student, mach zwar sehr gerne Sport, aber das reicht ja nicht, um eine WM zu segeln. Außerdem habe ich gerade extrem viel in der Uni zu tun. Leider sind in genau dieser einen Woche, wo die WM stattfindet, meine ganzen Klausuren. Ich hatte erst total Angst, dass das alles nicht klappt.

Und ich hätte es auch nicht gemacht, wenn es nicht mit der Uni geregelt wäre, weil ich dann mein Studium verlieren könnte. Ich bin schon so weit fortgeschritten in meiner Semesterzahl, dass es jetzt langsam eng wird.

Aber es hat sich alles geregelt. Ich habe zwei Nächte lang schlecht geschlafen und ganz viel drüber nachgedacht, weil ich natürlich auch helfen wollte! – Ja… und hab dann einfach mal Ja gesagt.

Zu dem Zeitpunkt habe ich 64kg gewogen, früher habe ich 68kg gewogen. Aber du nimmst ja ab, einfach die ganzen Muskeln. Tina ist auch ein Fliegengewicht… also hatten wir das Problem, dass wir zusammen ein bisschen zu leicht sind. Dann hieß es essen, essen, essen – jetzt esse ich seit vier Wochen und habe 3kg draufgelegt. Die erste Woche war richtig extrem, weil ich jeden zweiten Tag Hypertrophie-Krafttraining für den Muskelaufbau gemacht habe und hatte eine Woche lang so extremen Muskelkater!

Dann bin ich hergeflogen und wir haben 6 Tage am Stück einfach mal trainiert. Wir haben immer dosiert – wie lang kann ich? – nicht dass ich mal zu viel mache und dann einen Tag nicht segeln kann. Das hat alles supergut geklappt. Ich habe ehrlich gesagt richtig schnell wieder zurückgefunden in dieses ganze Verhalten auf dem Boot.

SR: Ist es anders als mit deiner Schwester zu segeln?

Ich würde es so ein bisschen wie die „Honeymoon-Phase“ gerade beschreiben. Klar, wir haben noch nie zusammen gesegelt, wir haben total viel Spaß und ich glaub dieser ganze Druck, der sich immer aufbaut, je länger man mit jemandem zusammen segelt oder halt Hemmschwellen, die sinken, das gibt bei uns gerade nicht. Wir gehen auf dem Wasser total respektvoll miteinander um. Wir sagen „Bitte“ und „Danke“.

Ich glaube bei Teams, die schon jahrelang miteinander segeln, passiert das einfach nicht mehr. Bei mir und Jule ist es sicher nicht so gewesen, weil wir ja auch noch Zwillingsschwestern sind– da ist die Respektsgrenze glaube ich sowieso relativ niedrig! (lacht)

Aber Tina und Jule sind sehr ähnlich vom Steuerverhalten und ich merke kaum einen Unterschied. Das ist glaube ich ein riesiger Vorteil – einfach diese Ruhe da hinten am Ruder. Es gibt halt viele Steuerleute, die glaub ich viel viel hektischer steuern und Tina gehört eher zu der Sorte, die Jule auch war und das macht es viel einfacher.

SR: Welche Erwartungen hast du an die WM bzw. habt ihr and die WM oder kommen da Erwartungen von den anderen beiden?

Ich glaube, dass es ein riesiges Glück ist, dass ich hier bin und dass dieses Boot überhaupt an den Start geht. Und alles, was wir jetzt in der Woche erreichen, kann man als Erfolg sehen. Natürlich mache ich mir selbst schon ein bisschen Druck aber ich glaube ich muss mir selbst auch Anreize setzen, damit ich da draußen gut performen kann.

Mein persönlicher Wunsch ist es natürlich erstmal in die Goldfleet zu kommen und dann werden wir weitersehen. Unser Ansatz ist es einfach von Rennen zu Rennen zu gehen und dann sehen wir mal.

SR: Wie gefällt dir das Revier und Australien?

Das Revier ist richtig top! Und ich glaube es gibt kaum ein Revier, das es mir hätte leichter machen können, weil wir flaches Wasser haben, es ist wie Offshore-Bedingungen in Kiel. Das waren immer Jules und meine Lieblingsbedingungen. Ich finde das mega geil! Ich habe Schiss vor Wellen und hier brauche ich keinen Schiss zu haben, weil es gibt einfach keine Wellen. Und wir sind sauschnell!

Australien selbst habeich mir ein bisschen lässiger vorgestellt. Das ist jetzt das erste Mal dass ich hier bin – aber tatsächlich ist es anders als ich es mir vorgestellt habe. Ich dachte, es wäre ein bisschen mehr „Hang loose“ und „Surfer“, aber das ist es irgendwie gar nicht. Ich hab das Gefühl, es ist ein bisschen wie Miami.

SR:Habt ihr ein bisschen Sightseeing zwischendurch gemacht oder „straight through“ die ganze Zeit trainiert?

Wir waren zweimal in Torquay, das ist hier in der Nähe ein Strand, sehr schön. Aber ansonsten waren wir nur hier – Apartment, Hafen, Supermarkt, Apartment.
Sehr committed, sehr fleißig!

SR: Und freust du dich wieder im Regattazirkus unterwegs zu sein?

Ähhh Ja! Also es ist schon cool. Ich freue mich jetzt auch auf die Tage und das Racen. Das habe ich früher auch super gerne gemacht und es ist supercool, dass ich hier die Chance hab, das nochmal zu machen und ganz ohne Druck. Ich bin hier, ich kann segeln, ich kann Spaß haben. Und wenn‘s nicht läuft, dann läuft’s halt nicht und wenn‘s läuft, dann freue ich mich umso mehr. Aber was ich sagen muss, das ist nicht mehr mein Ding.

SR: …Das ist gut zu wissen für dich selbst.

Auf jeden Fall.

SR: Damit haben wir eine tolle Überleitung. Segelreporter will ja zeigen, dass Segeln interessant und vielseitig ist und ich hab gesehen, du hast da was ganz Interessantes am Start – Erzähl doch mal von Sail and Summit.

Letztes Jahr habe ich mit meinem Mann eine Firma gegründet. Wir bieten Segel- und Skireisen in Nordnorwegen an. Damit haben wir einen Weg gefunden, unsere beiden Passionen zu vereinen. Er ist Skifahrer und ich komme aus dem Segelsport. Da hat sich eigentlich nur Norwegen angeboten, denn dort gibt es Wasser und Berge, da kann man Skifahren und Segeln. Und das klappt ziemlich gut. Wir machen das immer von Mitte März bis Mitte Mai, sechs Wochen und nehmen jede Woche 5 Gäste mit. Letztes Jahr war unsere erste Saison – und zwar ausgebucht.

Wir sind auch jetzt schon wieder komplett ausgebucht. Ich freue mich riesig, dass das wieder losgeht. Weil es einfach wahnsinnig schön ist da oben und die Leute waren total cool. Man lernt so viele verschiedene Menschen kennen und hat so ganz andere Challenges jeden Tag. Du musst mit verschiedenen Leuten umgehen.

Manche haben irgendwie ein bisschen Angst vorm Segeln, dann musst du ihnen die Angst nehmen. Man muss halt immer eine Wohlfühlatmosphäre schaffen und dann auch die Challenge da 5 Tage hintereinander eine Skitour zu gehen, das ist für viele auch sehr anstrengend. Aber trotzdem, das verbindet und am Ende der Woche ist dann eine Einheit entstanden und alle waren ganz traurig, wenn es zu Ende ging. Aber es ist total schön und ich freue mich sehr wenn es im März wieder losgeht.

SR: Das klingt super interessant, ich werd‘ mich auch mal anmelden, wenn ich mal eine Woche frei habe. Vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg für die nächsten Tage!

 

Der erste Renntag in Australien ist wegen Starkwind ausgefallen. Am Dienstag geht es weiter. Event-Website 49er Worlds 2020

Das Interview führte Lena Weißkichel für SR

Lena Weißkichel auf ihrem Laser in Action.

Die 20-jährige Laserseglerin ist bei der WM in Melbourne ganz nahe dran an den Skiff und Laser-Piloten. Sie schreibt selber einen Blog über ihre Abenteuer und hat ein bestechendes Motto: Segeln ist Freiheit

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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