SR-Interview: Isabelle Joschke zuversichtlich – “die Vendée Globe wird ein neues Spiel!”

„Du fühlst dich wie ein Crêpe!“

Wie segelt man auf einer IMOCA ohne Baum eine Regatta zu Ende? Ist Foilen wirklich so toll? Und wie steht es mit der Solidarität unter Frauen in der Szene? Isabelle Joschke gibt ehrliche Antworten.  

Isabelle Joschke bei der Arbeit © ronan gladu

Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke hat sich bei der kürzlich beendeten Hochseeregatta VALSO (Vendée Antarctique-Les Sables d’Olonnes) endgültig für die Vendée Globe qualifiziert. Doch beinahe hätte Isabelle auch diese Regatta abbrechen müssen: Nach ungefähr zwei Dritteln Streckenlänge brach der Baum auf „MACSF“. Trotzdem gelang es der 43-Jährigen unter Notbeseglung die Regatta zu beenden. 

Im Gespräch mit SR erzählt sie an Bord ihres rot-weißen IMOCA in ihrem Heimathafen Lorient, wie sie die aufregenden Stunden nach dem Bruch erlebte. Und was sie generell vom Foilen auf solchen „Monstern“ hält. 

SegelReporter: Isabelle, fallen wir gleich mit der „Tür ins Haus“! Du segelst auf Hoher See, hast Dir eine gute Platzierung in der VALSO-Flotte erkämpft, zwei Drittel der Streckenlänge sind geschafft und dann hörst Du draußen ein unmissverständliches Krachen. Was geht da in Dir vor?

Isabelle Joschke:  Der Schreck dauerte nur ganz kurz, durfte nur kurz sein. Darauf sind wir trainiert: Mit dem Boot ist etwas passiert, es muss sofort gehandelt werden. Action! Noch im Herausstürzen aus der Kajüte war ich die verschiedenen Möglichkeiten durchgegangen: „Das klang nach gebrochenem Outrigger! Das Ruder kann es nicht sein, das Boot läuft geradeaus weiter. Der Mast steht noch, wenn der bricht, hört sich das anders an!“ Als ich dann an Deck war, konnte ich das zunächst gar nicht glauben! Dass ein Baum auf einer IMOCA einfach mal durchbricht, kommt nicht alle Tage vor!“  

© ronan gladu

SR: Aber dann heult und wütet man/frau erstmal eine Runde und bedauert sich und so ein Schicksal, oder? 

Isabelle Joschke: Ach was, dafür hast du überhaupt keine Zeit, du musst sofort handeln. Zum Glück war der Baum noch nicht zur Seite gerutscht, rauschte also noch nicht durchs Wasser. Das wäre gefährlich für den Rumpf geworden. Im Seegang schlug eine Hälfte des gebrochenen Baums aber aufs Deck. Das könnte böse enden. Also erstmal so weit wie möglich runter mit dem Großsegel und alles sichern. 

Der Schreck dauerte nur kurz

SR: Hört sich logisch an, nur wie kriegt man das auf die Reihe? So ein Großsegel wiegt doch Zentner über Zentner und einen gebrochenen Baum kann man auch nicht mal eben herumwuchten.

Isabelle Joschke: Ja, das war Schwerstarbeit. Zum Glück hielten die Lazy Jacks noch auf einer Seite, so dass ich das Groß zu einem Großteil bergen konnte. Bis dann alles gesichert war, verging jedoch viel Zeit. Und das Wichtigste ging mir dann erst auf: Mit dem weiterhin am Baum angeschlagenen Großsegel bin ich nicht richtig manövrierfähig. Es stand aber eine Halse auf dem Programm – die hätte mir den Baum dann garantiert ins Wasser gezogen, wo er dann vielleicht ein Leck in den Rumpf geschlagen hätte. 

SR: In der Zwischenzeit hast Du bestimmt mit Deinem Shore-Team telefoniert?

Isabelle Joschke: Klar, Teammanager Alain Gauthier und Boat Captain Florian Giffrain wurden sofort informiert und waren ständig in Kontakt mit mir. Aber als ich das Groß erstmal gesichert hatte, merkte ich, wie erschöpft ich war. Die Tage zuvor hatte ich extrem wenig geschlafen, vor allem in den Schwerwetter-Bereichen oberhalb von Irland und später in den Schwachwindzonen mit den vielen Manövern hatte ich viel Kraft gelassen. Ich fühlte bleierne Müdigkeit und nach Rücksprache mit Alain und Florian habe ich mich erstmal für zwei Stunden hingelegt, auch wenn die „MACSF“ im Prinzip in dieser Zeit gewissermaßen Richtung Amerika segelte, statt zum südlichen Waypoint der Regatta.

Ohne Baum 27 kn Speed

SR: Und letztendlich bis du aber nicht in New York gelandet, sondern wieder in Les Sables.

Isabelle Joschke: Die zwei Stunden Schlaf haben mir wirklich geholfen. Auch wenn ich mir danach erst aller Konsequenzen bewusst wurde. Schaffe ich das jetzt auf dem regulären Kurs ins Ziel? Wie kann das an Bord weitergehen, wie löse ich das Problem mit der Halse? Außerdem holten immer mehr Boote auf – das motiviert nicht unbedingt.

Kurz nach dem Start zur VALSO © gladu

Unter Anleitung von Alain und Florian habe ich schließlich ein System gebaut, das etwas rudimentär wirkte, aber funktionierte: Ich habe das Großsegel vom Baum gelöst, die Großschot am Unterliek steuerbord und backbord am Heck über Rollen geführt und das Großsegel wieder bis zum zweiten Reff gesetzt. Das funktionierte richtig gut, ich konnte wieder Manöver fahren und kam sogar wieder auf Geschwindigkeit. Mir wurde klar, dass ich doch noch die Qualifikation für die Vendée Globe schaffen kann. Nach dem Waypoint kam dann nochmals für ein paar Stunden richtig Wind und ich bin sogar bis zu 27 kn Geschwindigkeit gesegelt.

Zum Glück gab es keine Schäden am Rumpf: Gebrochener Baum auf MACSF ©

SR: Vorsichtig gesagt, bist Du bei großen Regatten nicht gerade mit Glück gesegnet. Beim Mini-Transat brach der Mast, bei Transat Bakerly fiel Dir die Class 40 auseinander, bei der Route du Rhum kam ebenfalls der Mast von oben, beim TJV bist du kurz nach dem Start auf einen Felsen aufgesessen und jetzt beim VALSO brach der Baum. Kann frau mit so einer Pechsträhne noch zuversichtlich an den nächsten Start gehen?

Isabelle Joschke: Klar, ich muss ja zuversichtlich sein. Ich bin überhaupt nicht abergläubisch und versuche immer positiv zu denken. Das ist keine Pechsträhne, die nächste Regatta wird die Vendée Globe sein. Und die ist das Ziel meiner Segelkarriere. Was bisher passierte, musste so sein. Die Vendée Globe wird ein neues Spiel. 

„Foilen ist schrecklich“

SR: Themenwechsel. Du segelst mit deiner IMOCA in der zweiten Saison auf Foils. Wie hast Du die Umstellung empfunden?

Isabelle Joschke: Die Umstellung war total schrecklich. Und ich empfinde das Foilen auf den IMOCA immer noch schrecklich. Klar, wer diese Boote schnell segeln will, muss foilen. Aber richtig lustig ist das nicht. Das kann toll sein, wenn man hier vor Lorient bei niedrigem Seegang „fliegt“. Aber schon wenn 50 cm Wellen von vorne kommen, wird es schrecklich. Das Boot kracht von oben auf die Wellen, das kann auf Dauer strukturell gefährlich werden.

Nach der Havarie in ständigem Kontakt mit dem Shore-Team © MACSF

Eine etwas größere Welle in einem leicht anderen Winkel reicht, um das Boot richtig zu erschüttern. Außerdem ist der Bremseffekt ein ganz anderer. Wenn das Boot mit 25 kn Geschwindigkeit beim Foilen auf so eine „andere Welle“ trifft, bremst es viel extremer ab als ohne Foils. Und auf so ein Bremsmanöver muss ich immer gefasst sein – wenn ich sitze, schnalle ich mich an, wenn ich liege, muss ich mich mit den Beinen immer abstützen. Zudem fühle ich mich im Liegen wie ein Palatschinken ( Isabelle hat österreichische „Wurzeln“, die Red.) oder wie ein Crepe. Du wirst immer wieder hochgeworfen. Früher, ohne Foils, habe ich zum Beispiel immer ganz gerne gekocht. Das ist heute mit Foils fast unmöglich geworden. 

SR: Bist du bei der VALSO die ganze Zeit gefoilt? 

Isabelle Joschke: Sicher! Du musst im Prinzip immer foilen, sonst bist du nicht konkurrenzfähig. Die Probleme beim Foilen auf den IMOCA sind Geschwindigkeit und Wellen. Es gibt keinen Ozean ohne Wellen. Die Boote kommen ja nicht wie auf den Fotografien, die hier vor der Küste gemacht werden, vollständig aus dem Wasser heraus. Es kracht und knallt permanent in diesen IMOCA, man muss sich dauernd festhalten und sichern – schön ist das nicht! 

„Bei der Vendée Globe segle ich langsamer!“

SR: Aber irgendwie ist das doch auch faszinierend, oder?

Isabelle Joschke: Sicher, es ist ein tolles Gefühl wenn’s nach oben geht. Wow! Aber gleichzeitig auch beängstigend, weil du weißt, bei der nächsten komischen Welle kracht es wieder gewaltig! Du weißt bei den Wellen eben nie, was auf dich zukommt. Eine „schlechte Welle“ reicht, und dein Boot kann bei hohen Geschwindigkeiten auseinander brechen. 

Isabelle eine Woche nach der Havarie beim Interview. In wenigen Tagen wird ein Ersatzbaum angebracht – dann geht es mit dem Training für die Vndée Globe weiter © miku

Bei der VALSO habe ich jedenfalls gelernt, dass ich bei der Vendée Globe nicht so schnell segeln werde! Downwind kannst du – mit den Wellen – vollen Speed fahren. Aber Reaching? Das ist mir mit hohen Geschwindigkeiten zu gefährlich. Da segle ich dann lieber langsamer, aber sicherer! Ich will das Rennen beenden!

Frauen sind solidarischer!

SR: Abschließend nochmals ein Themenwechsel. In der IMOCA-Szene sind immer mehr Frauen unterwegs. Wie steht es mit der weiblichen Solidarität in dieser ja letztendlich doch Männer-dominierten Klasse? 

Isabelle Joschke: Das klappt sehr gut! Auch wenn wir uns eigentlich gar nicht so oft treffen. Mit Samantha Davies, die auch hier in Lorient lebt, verbindet mich eine Freundschaft. Und auch mit den anderen Frauen gibt es immer einen Austausch. Wir Frauen machen zum Beispiel auch ein Mal im Jahr etwas ganz anders und gehen gemeinsam skifahren. Da wird dann abends sehr viel ausgetauscht. Bei den Männern in der Szene – auch als ich noch Figaro segelte – fällt mir immer wieder auf, dass sich selbst Freunde nicht alles erzählen sondern den anderen immer als Gegner betrachten. Wie kann das sein? Das sind Freunde, aber der eine erzählt dem anderen nicht, wie man sein Boot noch schneller macht? Bei uns Frauen ist das nicht so, wir sind viel offener. Es gibt so viele Parameter bei den Regatten, es kann so viel passieren auf See! Da ist die Konkurrenz zu den anderen Seglern und Seglerinnen wirklich nicht so wichtig! 

SR: Isabelle, Dank für dieses Gespräch und für Deine offenen Worte! Wir drücken jetzt schon die Daumen für die weiteren Vendée Globe Vorbereitungen in den nächsten Wochen – alles Gute! 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „SR-Interview: Isabelle Joschke zuversichtlich – “die Vendée Globe wird ein neues Spiel!”“

  1. avatar breizh sagt:

    Ein Galettes wäre wahrscheinlich richtiger. Schließlich handelt es sich hier ja um Salzwasser – und nicht Süßwassersegler. 😉
    Danke für den Einblick ist immer wieder spannend direkt von den Akteuren etwas zu hören.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

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