TF35 Binnen-Racer: Automatisiertes Fliegen auf den Seen – Aber Bertarelli will auch aufs Meer

Foilen bei Flaute

Wie schnell kann die neue automatisierte Flauten-Maschine TF35 sein wenn sie gegen den Vorgänger Décision 35 antritt? Erstes Vergleich-Video bei sechs Knoten Wind.

Prinzipiell ist es nicht so schwierig, Segelboote auch bei weniger Wind aus dem Wasser zu heben. Die Formel: Wenig Gewicht, viel Segelfläche und besonders große Unterwasserflügel. Das Problem: Frühes Fliegen muss nicht unbedingt heißen: hoherGeschwindigkeit. Eine große Foil-Fläche bedeutet auch enorm viel Widerstand, und der bremst insbesondere bei der Endgeschwindigkeit.

Beim America’s Cup in Bermuda durften die Teams zwischen zwei Foil-Paaren wählen. Eines mit größeren Profilen für frühes Fliegen, eines mit kleineren für hohen Maximal-Speed. Und für den Erfolg war die Wahl dieser Tragflächen in Bezug auf den zu erwartenden Wind eine der wichtigsten Entscheidungen.

TF35, Alinghi

Stabilität zwischen den Schwimmern inspiriert vom riesigen Alinghi-Kat, der 2010 um den Cup segelte. © Loris Von Siebenthal

Beim Little America’s Cup, dem Technik-Vergleich der C-Klasse-Katamarane, dauerte es lange, bis die Foiler gegen die Low-Rider gewannen. Erste Versuche mit T-Foils scheiterten kläglich, selbst als die Moth-Segler ihre Fluggefährte schon beherrschten.

Am-Wind-Fliegen – die hohe Schule

Deshalb ist es auch schwieriger als man denken mag, was die Schweizer vorhaben: Die Ablösung der ultimativen Binnen-Maschine Décision 35, den Dauer-Sieger bei den langen See-Langstrecken, der aber schon gut 15 Jahre auf dem Buckel hat.

TF35, Alinghi

Das tief aufs Trampolin heruntergezogene Deck-Sweeper-Großsegel verbessert die Aerodynamik. © Loris Von Siebenthal

Der TF35 soll das mit seinen T-Foils schaffen – daher der Name TF. Und die nächste Generation der Katamaran-Klasse hat schon beim ersten Vergleich mit seinem Vorgänger gezeigt, dass es zu funktionieren scheint.  Bei sechs Knoten Wind am Genfer See rauschte er auf einem Gennaker-Kurs an dem D35 vorbei.

TF35, Alinghi

T- statt L-Foil. In Luv wird es hochgezogen. © Loris Von Siebenthal

Jetzt muss er aber auch noch zeigen, dass es mit dem Fliegen auf dem Amwind-Kurs klappt. Das ist die hohe Schule der Flugkünstler. Der TF35 vertraut dabei insbesondere auf ein vollautomatisches Flugsteuerungssystem, das die optimalen Anstellwinkel der Tragflächen ermittelt.

TF35 auch auf dem offenen Meer

Ernesto Bertarelli, der als einer von neun Eignern mit seinen Alinghi-Ressourcen den Entwicklungsprozess maßgeblich unterstützt, hat dabei mehr im Sinn, als einfach nur ein schnelleres Boot für die schweizer Katamaran-Rennserie:

“Meine Hoffnung für das neue Design ist, dass es nicht nur so erfolgreich ist wie der D35, sondern dass es auch international auf offenem Meer zu einer konkurrenzfähigen Klasse wird. Der TF35 ist ein sehr leistungsstarkes Design und vor allem so konzipiert, dass es bei sehr leichtem Wind auch auf dem Kreuzkurs abhebt.”

TF35, Alinghi

Viel Segelfläche für frühe Flüge. Sie bremst aber bei hohem Speed. © Loris Von Siebenthal

Damit würde es sich signifikant vom GC32-Katamaran unterscheiden, mit dem Bertarelli seine jüngsten Erfolge feierte. Der kommt zwar unter Gennaker mit seinen L-Foils auch schon ab sieben Knoten aus dem Wasser, aber am Wind benötigt er 20 Knoten Wind.

America’s Cup Know How

21 Monate soll die Entwicklungszeit gedauert haben. Ein America’s Cup erfahrenes Designteam war daran beteiligt, unter anderem Dirk Kramers, der elf Cup-Kampagnern bestritten und zuletzt als technischer Leiter maßgeblich an sechs Siegen beteiligt war – zweimal mit Alinghi und dann auch 2013 mit BMW Oracle.

TF35, Alinghi

Eine große Flughöhe verringert den Widerstand. © Loris Von Siebenthal

Nun hoffen die Konstrukteure, dass ihr TF35 die Vorgaben erfüllt: Amwind-Foilen ab 9 Knoten wahrer Windgeschwindigkeit, Vorwind-Flüge ab 7 Knoten. In einer aktuellen Pressemitteilung weisen die Macher noch einmal darauf hin: “Der Schlüssel zum Erfolg ist das One Design Flight Regulation System, das die Höhe und Neigung der Tragflächen vollständig automatisiert. Es ermöglicht einen reibungslosen und stabilen Flug.”

Im Vergleich zu anderen Flugbooten, die volle Konzentration von Steuermann und Trimmern und die komplizierte Koordination der Besatzung erfordern, werde das nun von der automatischen Flugsteuerung übernommen.

Sicher auch bei 40 Knoten

Jerome Clerc erklärte nach der ersten Testfahrt : “Der Dienstag war fantastisch. Wenn man bedenkt, dass es das erste Mal war, dass das Boot das Wasser berührt hat, war es beeindruckend wie gut es funktionierte. Wir haben das Flugsteuerungssystem und das Foil-Design in den vergangenen Monaten an einem kleineren Katamaran getestet. Und das war ein früher Indikator, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Das Boot fühlte sich sehr stabil an. Wir müssen nun die Systeme weiterentwickeln, um sicherzustellen, dass wir es genau richtig machen. Bei stärkerem Wind sind wir zuversichtlich, dass sich das Boot auch mit einem Speed von 40 Knoten noch sicher anfühlt.”

Am ersten Tag erreichte der TF35 bei neun Knoten Wind  17 Knoten Bootsgeschwindigkeit gegen den Wind und 23 Knoten unter Gennaker. Im September soll der Katamaran offiziell in Betrieb genommen werden. Acht Boote werden im Winter fertig gestellt und rechtzeitig vor der Saison 2020 an die Teams ausgeliefert.

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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