TJV Class 40: Lipinski siegt mit Plattbug-Neubau – 24 Stunden-Rekord per Autopilot

"Pinne nicht angefasst"

Ian Lipinski und Adrien Hardy haben mit ihrer “Crédit Mutuel” überlegen die 14. Ausgabe des Transat Jacques Vabre in der Class 40 gewonnen. Neben dem neuen Scow-Design dominieren die jüngeren Konstruktionen.

Ian Lipinsky und Adrien Hardy sind die überragenden Class 40 Sieger bei der TJV. © Jean-Marie Liot/Alea

14 Jahre ist es schon her, dass die Regeln der Class 40 eine Klasse definierte, deren Konstruktionen “einfach, verlässlich und schnell” sein sollten. Es wurde ein Erfolg. Inzwischen sind 159 dieser kleinen Hochsee-Yachten gebaut, die die Lücke zwischen Mini 6.50 und den 60 Fuß IMOCAs füllen sollten. Ein Erfolg der einfachen Box-Rule, die auf zwei Seiten passen soll, war es, dass insbesondere auch ältere Yachten noch lange Zeit konkurrenzfähig waren. Das scheint sich nun geändert zu haben.

“Crédit Mutuel” überquert im Dunkeln die Ziellinie. © Jean-Marie Liot/Alea

Die aktuelle Transat Jaques Vabre zeigt, wie sehr die Class 40 von den jüngsten Neubauten dominiert wird. Sie sehen anders aus und sind auch deutlich schneller. Der deutliche Sieg von Ian Lipinski und Adrien Hardy mit “Crédit Mutuel” weist zudem darauf  hin, dass die neue Interpretation der Konstruktionseckdaten so überlegen ist, dass nicht einmal die übliche Zeit zum Optimieren benötigt wurde.

“Crédit Mutuel” ist das Ergebnis der Überlegungen von Designer David Raison, der als der “Erfinder” des Plattbugs in der Mini Klasse gilt. Seine Konstruktionen “Magnum” n° 747  (2010) und “Maximum” n° 865 (2014) blieben über Jahre ungeschlagen und gewannen jeweils die Mini Transat-Regatta. Nun scheint Raison auch die Übertragung des Prinzips in den deutlich engeren Rahmen der Class 40 gelungen zu sein. Er hat ein Schlupfloch in der Regel gefunden.

ian Lipinskis Class 40 – fast ein Scow-Bug und immer noch in den Klassenregeln © tjv

Lipinski und Hardy absolvierten die Strecke über den Atlantik von Le Havre nach Salvador de Bahia (Brasilien) in 17 Tagen und 16 Stunden. Dabei erreichten sie auf den tatsächlich gesegelten 4.714,35 Seemeilen eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 11,11 Knoten.

Das Besondere: Erst zwei Monate vor dem Start war “Crédit Mutuel” vom Stapel gelaufen. Aber nach den ersten Vergleichsmeilen beim Training erschien das Boot sofort auf allen Favoritenlisten. Schließlich gehört die Zweihandcrew auch seglerisch zu den Besten.

Zwei der Besten

Ian Lipinski (38) gewann 2015 erst die Serienwertung der Mini Transat und zwei Jahre später auch bei den Prototypen nachdem er zwei Jahre lang die Klasse dominiert hatte. Und auch Adrien Hardy (35) gehört aktuell zu den besten französischen Einhandseglern. 2019 gewann er die zweite Etappe der Solitaire du Figaro mit den neuen Semi Foiler Figaro 3 und belegte in der Gesamtwertung Platz 7.

So war der frühe Ausflug auf einer nördlicheren Route zur Konkurrenz zwar sehr gewagt, aber offenbar wohl überlegt. Als sie Richtung Süden drehten, führte der Tracker das Duo auf Rang 17 mit einem Rückstand von 35 Meilen. Aber nach fünfeinhalb Tagen übernahmen sie die Führung und gaben sie bis zum Ziel nicht mehr ab.

Den Plattbug auf die Class 40 Regel übersetzt. Die neue Raison-Konstruktion ist das Maß der Dinge. © Breschi/Credit Mutel

Am neunten Tag erreichten sie den Nordostpassat und setzten sich unter Gennaker immer weiter vom Feld ab. Besonders interessant war Lipinskis Aussage: “Wir haben die Pinne seit Ushant nicht mehr angefasst.” Der Auotpilot kam offenbar bestens mit dem Schiff zurecht. So gut, dass sie am 11. Tag bei der Passage der Kapverdischen Inseln sogar der 24-Stunden-Geschwindigkeitsrekord in der Class 40 knackten. Sie erreichten den Maximalwert von 416 Meilen bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 17,3 Knoten über 24 Stunden. Der alte Rekord stammt aus dem Jahr 2017 und betrug 378 Meilen.

Tag und Nacht gearbeitet

Lipinski schrieb von Bord: “Das Boot fährt wie von selbst. Wir haben die richtige Segelkombination mit mittlerem Spinnaker und zwei Reffs im Groß. Es fährt unter Autopilot. Wir sind auf allen Vieren unterwegs, das Boot knallt heftig in die Wellen, und wir versuchen, uns nicht zu verletzen. Es ist etwas nass an Deck, aber ich denke, es wird bei den anderen hinter uns noch schlimmer sein.”

Die Gegner “Leyton” und “Aïna Enfance & Avenir” mit Manuard Mach 3 Konstruktionen von 2018 und 17 verloren bei diesen Bedingungen immer mehr Meilen und lagen schließlich mehr als 80 Meilen zurück. Und daran änderte sich bis zum Ziel kaum etwas.

Damit schließt sich der Kreis für ein ungewöhnliches Projekt. Erst im Februar 2019 war mit dem Bau der Yacht begonnen worden. Tag und Nacht wurde gearbeitet und am 13. August erfolgte der Stapellauf. Die Arbeit auf dem Wasser begann, obwohl die Elektronik noch nicht installiert war. Das musste parallel geschehen. 

Vorteil Autopilot

Die ersten Schläge zeigten das Potenzial, aber die Qualifikationsmeilen mussten ohne Schäden absolviert werden. Dabei bestätigte sich, dass sich “Crédit Mutuel” wie erhofft bei mehr als 25 Knoten Wind “nahezu magisch”, wie Lipinski schwärmt, übers das Wasser gleitet. Besonders das sanfte Einsetzen in die Wellentäler und der geringe Bremseffekt ist ihre Stärke.

Aber sehr viel hat offenbar auch der neue Autopilot von Madintec mit dem Leistungssprung zu tun. Er wird inzwischen auch auf vielen führenden IMOCAs eingesetzt. Lipinski sagt: “Das war eindeutig ein Schlüsselfaktor für diese Leistung.”

Neben den Siegern überzeugt auch der zweite Neubau “Banque du Léman” mit der jüngsten Konstruktion von Sam Manuards Mach Serie 40.4 die ebenfalls eine sehr voluminöse Bugsektion aufweist. Die Schweizer Simon Koster und Valentin Gautier kamen nur langsam in Fahrt, aber besonders bei harten Reachgängen gibt ihr 40 Fußer Gas.

Noch ein Scow-Bug in der Class 40 – hier die Banque de Leman von Simon Koster © koster

Hinter “Aïna Enfance & Avenir” auf Rang zwei mit Figaro und Championsleague -Segler Pierre Leboucher könnten sie noch auf Rang drei vorsegeln. 100 Meilen vor dem Ziel lagen die Gegner Duc und Ducroz nur sechs Meilen voraus und die Schweizer sind gerade einen Knoten schneller.

Jörg Riechers, der die Transat Jacques Vabre in der Class 40 schon einmal auf Platz drei beendet hat, segelt mit seinem südafrikanischen Neubau “Linkt” auf einem guten sechsten Platz und wird ihn wohl auch bis zum Ende behaupten können. Der Rückstand zur Spitze betrug zuletzt stabil 250 Meilen. Das Schiff scheint gut mithalten zu können, konnte aber die bei der östlichen Madeira-Passage verlorenen Meilen – die stärksten Konkurrenten passierten im Westen – nicht mehr aufholen.

Tracker Transat Jacques Vabre 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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