Tokio 2020: Olympia steht auf der Kippe – Laser-Ass Philipp Buhl improvisiert und bleibt entspannt

Gelassen in ungewissen Zeiten

Allgäu statt Mallorca, Fahrrad statt Laser: Für das gerade erst mit WM-Gold aus Australien nach Europa zurückgekehrte deutsche Laser-Ass Philipp Buhl ist das Training, die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele komplett auf den Kopf gestellt. Doch der 30-Jährige weiß, dass sein Traum von Olympia in der aktuellen Situation zweitrangig ist. Und trotz der großen, aber schwindenden Chance, bei einer Ausrichtung der Spiele im Sommer einen Medaillengewinn realisieren zu könnten, bleibt er gelassen.

Mit viel Selbstbewusstsein und Entspanntheit geht Philipp Buhl das Training in richtung Tokio an. Foto: Lars Wehrmann

„Ich gehe sehr rational mit der aktuellen Lage um. Es kann eh keiner ändern. Der Gewinn des WM-Titels hilft mir dabei sicherlich, es entspannt zu sehen. Es ist wie ein Wendepunkt in meiner Karriere. Endlich hat es geklappt, ich spüre eine innere Zufriedenheit“, erklärt Buhl. Diese Zufriedenheit lässt ihn auch gelassen auf alle möglichen Olympiaszenarien blicken: „Ich selbst sehe die Chance, dass die Spiele wie geplant stattfinden, noch bei 50/50, weiß aber auch, dass es ein eher optimistischer Blickwinkel ist. Andere sind da deutlich skeptischer. Letztlich werde ich aber auch nicht traurig sein, wenn Olympia verlegt wird.“ Beim Hinweis auf sein aktuelles Top-Niveau angesichts des souverän gewonnenen WM-Titels winkt die deutsche Olympia-Hoffnung ab: „Bei dieser Weltmeisterschaft hat für mich alles – vor allem durch den starken Wind – zusammengepasst. Das heißt aber noch lange nicht, dass es bei Olympia genauso laufen würde. Aber natürlich habe ich bei der Weltmeisterschaft auch einige Dinge besser umgesetzt als in den Jahren vorher.“

Jubel vor rund einem Monat. Philipp Buhl gewinnt erstmals WM-Gold bei der Laser-WM. © Jon West

Neben den perfekten Windbedingungen sieht Buhl den WM-Erfolgsfaktor im mentalen Bereich: „2019 habe ich seglerisch und körperlich genauso viel gekonnt, habe es aber nicht umgesetzt. Jetzt konnte ich meine Skills zeigen, wenn es darauf ankam. Ich denke das lag daran, dass ich mich nicht zu viel mit der Analyse aufgehalten habe, sondern entspannter in den Wettkampf gegangen bin“, berichtete der neue Weltmeister und geht nun mit weiter gesteigertem Selbstbewusstsein die nächsten Aufgaben an: „Ich gehöre sicherlich zu der Gruppe von vielleicht neun Laser-Seglern, die bei Olympia eine Medaille gewinnen können. Die Frage neben der aktuellen Form ist dann nur, wer kann wie viel von seinen Fähigkeiten umsetzen.“ Der zu verkrampfte Blick auf den Erfolg sei dabei aber eher kontraproduktiv: „Natürlich muss man sich als Spitzensportler das Ziel setzen, einen Titel gewinnen zu wollen, aber man darf nicht betriebsblind werden und es zu sehr wollen. Das heißt: Im Training gilt es, akribisch zu arbeiten, dann kann man im Wettkampf auch entspannt sein. Der aktuelle Erfolg wird mir dabei helfen, denn Selbstbewusstsein bekommt man nur durch Erfolg.“

Abstriche muss Philipp Buhl aber im aktuellen Trainingsplan machen. Geplant war derzeit ein gemeinsames Trainingslager mit der skandinavischen Trainingsgruppe und Nik Willim auf Mallorca. Bei den ersten Corona-Meldungen hatten die Segler auf der Balearen-Insel auch noch geglaubt, dass sie den Virus-Verlauf vor Ort abwettern und weiter trainieren könnten. Dann aber drohte die Ausgangssperre und sehr zügig ging es doch noch runter von der Insel. Das Material blieb auf Mallorca, um im Fall einer Lockerung der Situation schnell wieder in die Wasserarbeit einsteigen zu können.

Nach dem Abbruch des Traininglagers auf Mallorca hält sich Philipp Buhl aktuell mit Fitnesstraining und Radfahren fit. Foto: privat

Wieder in Deutschland hat Philipp Buhl einige organisatorische Dinge geregelt, war in Berlin und schließlich in Kiel, um einen Container für Japan vorzubereiten. Denn noch besteht die Hoffnung, dass der Worldcup und schließlich Olympia vor Enoshima gesegelt wird. Die ursprünglich geplante Princess Sofia Trophy ist dagegen bereits abgesagt, an andere Regatten mag Buhl nicht glauben. Da das Olympiazentrum in Kiel inzwischen die Türen abgeschlossen hat, ist nun das Wassertraining abgesagt. Stattdessen arbeitet Philipp Buhl in seiner Allgäuer Heimat an der Fitness. „Ich lege zu Hause die Kraft-Basics, gehe Radfahren. Ich denke, ich kann es auch verantworte, rauszugehen, da ich ja allein für mich fahre. Momentan ist im Training zwar alles etwas freestyle, aber damit komme ich gut klar. Ich weiß aus anderen Jahren, dass ich aus dem Wintertraining schnell wieder auf dem Wasser in Form gekommen bin.“

Dennoch plädiert er dafür, dass rechtzeitig vor den Spielen das internationale Trainingsungleichgewicht wiederhergestellt wird. Denn während die Neuseeländer noch auf dem Wasser arbeiten, mussten die Spanier alles einstellen, und die Chinesen waren schon zur WM wegen Corona nicht erwünscht. „Ein paar Wochen vor den Spielen muss das Training für alle gleichermaßen möglich sein, damit es fair bleibt“, so Buhl. Dabei sind die Segler im Vergleich zu anderen Sportarten sogar in einer komfortablen Situation. Während hier schon das Gros der Startplätze vergeben ist, müssen sich die meisten Schwimmer und Leichtathleten noch im internationalen Vergleich beweisen.

Ob die Spiele in Tokio tatsächlich 2020 stattfinden können, ist sehr ungewiss.

Daher wachsen auch bei dem Allgäuer die Zweifel, ob Olympia in Tokio tatsächlich in diesem Jahr über die Bühne geht. „Auch wenn das nicht klappt, ist das kein Weltuntergang. Ich bin als Sportsoldat und durch die Unterstützung meiner Sponsoren ganz gut aufgestellt. Und natürlich sehe ich mich auch in der Verpflichtung meinen Unterstützern gegenüber, tatsächlich die Olympiakampagne vernünftig bis zu den Spielen durchzuziehen.“ Sollte das erst in 2021 oder 2022 sein, steigert das sogar die Chance gleich noch den Anlauf auf die nächsten Spiele dranzuhängen. Buhl: „Dann wären es ja möglicherweise nur zwei weitere Jahre.“

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Ralf Abratis

... ist unser Mann aus der "Segelhauptstadt" Kiel. Mehr zu ihm findest Du hier.

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