Transat Jacques Vabre: Class 40 im Fokus – 27 Duos auf den „Arbeitspferden der Meere“

Klasse mit Klasse

Ian Lipinskis Class 40 –fast ein Scow-Bug und immer noch in den Klassenregeln © tjv

Bis zu 10 Favoriten, sechs neue Boote, eine homogen segelnde Flotte – die Class 40 könnte in diesem Jahr bei der TJV für Furore sorgen. Jörg Riechers startet mit guten Chancen. Auch die Bruhns-Brüder sind dabei.

Nachdem wir vor einer Woche die Atlantik-Regatta Transat Jacques Vabre als solche und die interessantesten Teilnehmer in der IMOCA-Klasse vorgestellt haben (SR-Artikel), stehen nun die Class 40 auf der Agenda. Vorhang auf für eine der spannendsten Hochsee-Regattaklassen überhaupt. Und für Ausnahmesegler, die mit den 40-Fuß-Rennern insbesondere bei der TJV wahre Ausnahmeleistungen vollbringen. 

„Was für eine Klasse, diese Klasse!“ jubeln die Organisatoren der Transat Jacques Vabre auf ihrer Website über die Class 40-Flotte, die sich derzeit im Stadthafen von Le Havre drängelt. Zurecht, denn bei dieser 14. Ausgabe der mittlerweile legendären Zweihand-Regatta (findet im Zwei-Jahres-Turnus statt) wollen bemerkenswerte 27 Teams ihre Akzente auf dem Atlantik setzen. 

Louis Duc aus einer ungewöhnlichen perspektive © carac

Und tatsächlich: In der traditionell äußerst homogen segelnden Class 40-Flotte könnte es in diesem Jahr zu regelrechten Hochsee-Match-Races kommen, die virtuell ausgesprochen spannend zu verfolgen sein werden. 

Todsichere Tipps?

Natürlich gibt es auch in diesem Rennen Favoriten, doch will man sich mit angeblich „todsicheren“ Tipps lieber nicht aus dem Fenster lehnen. Die Renndirektoren und ihre Presseteams rechnen mit 10 Booten, die das Zeug zu einem Sieg hätten.  Die französische Hochseeszene grenzt das etwas mehr ein und spricht von fünf echten Kandidaten, meint damit in erster Linie die Zweierteams, die auf relativ neuen Booten unterwegs sind. 

Überhaupt, die Boote. Die 40iger-Flotte zeigt sich in le Havre von ihrer allumfänglichen Seite. Von der ersten Generation (Bj. 2004, Design Pierre Rolland) bis zu den allerneuesten Kreationen (5.Generation), die erst in diesem Jahr zu Wasser gelassen wurden (Design Manuard und Raison) sind so ziemlich alle Spielarten vertreten, an denen sich die Designer und Bootsbauer im Rahmen der recht einfach gehaltenen Klassenregeln versucht haben. 

Die Class 40 besticht durch relativ simple, aber strikte Regeln, mit denen man erreichen möchte, dass die Anschaffungs- und Unterhaltskosten dieser „Arbeitspferde der Meere“ relativ niedrig gehalten werden sollen. Pendelkiele sind ebenso verboten wie Foils, was der Klasse kurzfristig – während des ersten Hypes um die Foils der neuesten Figaro-Generation – ein wenig den Ruf einer „rückständigen Hochseeklasse“ einbrachte. Doch gerade die neuen Designs der 5.Generation strafen solches Geunke Lügen.

Wenige Frauen am Start

Mittlerweile segeln über 160 dieser 12,19 m langen und 4,50 m breiten Boote über die Ozeane. 4,5 Tonnen verdrängen die Hochseerenner, deren Rumpf nicht aus Karbon bestehen darf (die Masten sind dagegen schon), 1.5 to Wasserballast sind maximal erlaubt und acht Segel dürfen während einer Regatta an Bord genommen werden. Am Wind segelt die Class 40 unter 115 qm Segelfläche.

Erstaunlich ist in diesem TJV-Feld, dass lediglich drei Frauen vertreten sind . Dabei hat(te) die Class 40 bisher den Ruf eines idealen Hochsee-„Austob“-Boote für Seglerinnen, die etwa vom Mini oder Figaro kommend in den nächsten Jahren „höher hinaus“ wollen. 

In den folgenden Zeilen stellen wir einige interessante Class40-Teams in Kurzform vor, bei denen sich (auch, oder besonders aus deutscher Sicht) ein Verfolgen via Tracker  lohnen wird.

 Jörg Riechers/Cedric Chateau. Der deutsche Segelprofi Riechers hat bekanntlich eine bewegte und spannende Hochseekarriere hinter sich. Vom Mini über die Class 40 bis zum IMOCA mit dem Sponsor „mare“, beim Barcelona-World-Race auf einer IMOCA mit dem Sponsor Renault, erneut zum Mini (diesmal mit Scow-Bug) mit dem Offshore Team Germany (Rang 2 bei der letzten Mini-Transat).

Jetzt segelt er wieder auf einer neuen Class 40: Das Owen Clarke Design wurde von Cape Racing Yachts in Südafrika gebaut und 2018 zu Wasser gelassen. Riechers segelte damit auf einen 3.Rang beim Normandy Channel Race, musste aber das Fastnet Rennen aufgeben.

Die Szene traut Riechers auf der Class 40 so einiges zu: Vom Podiums-Aspiranten bis hin zum Favoritenkreis wird der Deutsche immer unter den Besten eingeordnet – vorausgesetzt, er kommt ohne Bruch über die Runden. Wie bei allen anderen auch, zählt für Riechers die Boots-Perfomance.

Es kommt aber auch darauf an, wie es mit Co-Skipper Cedric Chateau klappt. Das Duo hat noch nicht viel gemeinsam gesegelt und Chateau brillierte bisher eher auf küstennahen Revieren – beim Match Race. Er wurde schon französischer Meister und steuerte beim Champions League Halbfinale 2018 eine J/70 auf Rang drei. Für das TJV-Projekt brachte er einige lokale Sponsoren an Bord.

Arnt und Soenke Bruhns. Die beiden Brüder und passionierten Segler schippern ihre „Iskareen“ (einziges teilnehmendes Boot unter deutscher Flagge) als reine Amateure über den großen Teich. Was nicht heißen soll, dass sie ohne Ambitionen am Sonntag am Start sein werden. Ihre Finot-Conq-Pogo wurde 2014 zu Wasser gelassen.

Arnt Bruhns segelte damit bereits bei der Route du Rhum und will nun mit seinem Bruder auch im Zweihand-Modus zeigen, dass die älteren Designs noch durchaus konkurrenzfähig sind. Telefonisch äußerte er sich gegenüber SR so: „Wir sind zwar nicht mit der neuesten Boots-Generation unterwegs und können schon aufgrund unseres Amateur-Status nicht auf Top-Platzierungen hoffen. Aber wir wollen und werden gut durchkommen.

Die Iskareen, auf der die Bruhns-Brothers über den Atlantik segeln werden © iskareen

Auch, weil diesmal nicht allzu schweres Wetter erwartet wird wie bei der letzten Route du Rhum. Vor der Atlantik-Überquerung haben wir keine Bedenken, da wir beide bereits mehrfach zusammen – aber mit Crew – „rüber“ gesegelt sind. Wir beide kennen uns ja nun lange genug, da klappt die Verständigung und Zusammenarbeit wirklich bestens.“

Ian Lipinsky/Adrien Hardy. Das Schock-Duo, vor dem die gesamte Klasse Respekt hat, obwohl sie zusammen auf diesem Boot noch keine Ergebnisse abliefern konnten. Denn der nagelneue Renner wurde erst  im Frühsommer zu Wasser gelassen und zieht seitdem nicht nur die Blicke der Class40-Enthusiasten auf sich.

Das Boot wurde von David Raison gebaut, der bereits Lipinskis sagenhaften Scowbug-Mini-Prototypen entwarf, mit dem Lipinski alles, aber auch wirklich alles in der Mini-Klasse gewann. Die neue Class 40 zeigt nun deutliche Anleihen am Scow-Bug: das Vorschiff wurde voluminöser und abgerundet im Rahmen der Klassenregeln ausgestattet, damit es sich bei Seegang in Gleitfahrt über die Wellen hebt, statt diese zu brechen.

Gemeinsam mit seinem Co-Skipper Hardy (der bereits seit Jahren in der Figaro und Class 40- brilliert) könnte der geniale Taktiker Lipinsky bei dieser Regatta wirklich Hochseegeschichte schreiben: Erste große Class40-Regatta mit einem nagelneuen Boot und dann gleich topp – das wäre sensationell. 

Simon Koster/Valentin Gautier. Über Koster haben wir schon oft bei SR berichtet: Er segelte 2 x aufs Mini-Transat-Podium, empfahl sich als hervorragender Katamaran-Segler und startet jetzt ebenfalls mit einer nagelneuen Class 40. Das Manuard-Design ist ebenso mit dem für neuere Class 40-Generationen typischen, voluminöseren Bug ausgestattet und macht schon rein optisch einen ziemlich rasanten Eindruck.

Noch ein Scow-Bug in der Class 40 – hier die Banque de Leman von Simon Koster © banque de leman

Allerdings wurde das Boot erst vor wenigen Wochen gewassert und könnte durchaus noch unter den typischen Kinderkrankheiten aller neuen Boote leiden. Andrerseits gilt der Diplom-Elektroniker, der bis zuletzt selbst am Boot mitarbeitete, als einer dieser begabten Bastler, die sich vor keiner Reparatur ängstigen. Aber gerade die so wichtigen „gesegelten Meilen“ vor einer Regatta wie der TJV dürften den beiden Schweizern noch fehlen. Dennoch: Dieses Team ist für eine positive Überraschung gut! 

Louis Duc /Aurelien Ducroz. Die beiden sind „heiß“ im Sinne von ambitioniert bis zur Nasenspitze. Duc hat noch eine Rechnung von der Route du Rhum offen, die er wegen einer Havarie auf seinem damals noch ziemlich neuen Boot (Jahrgang 2017) nur auf Rang 19 beendete.

Der 36-Jährige gilt in der Lorient-Szene als einer, der mit jeder Situation auf seinem Boot zurecht kommt. „Debrouillard“ nennen das die Franzosen respektvoll und meinen damit auch Segler, die ihr Boot aus dem Effeff kennen. Sein Co-Skipper Ducroz hat vor nunmehr neun Jahren vom Freeride-Ski auf die Decks der Regattaboote gewechselt. Seitdem segelte er mit so ziemlich allen, die irgendwie Rang und Namen in der Hochseeszene haben. Duc und Ducroz wollen es bei dieser TJV wissen. Komme, was wolle! 

Die Alten und die Jungen. Zwei Neuzugänge bzw. Wiedereinstiege älterer, ehemaliger IMOCA-Segler in die Class 40 wurden unter den französischen Fans besonders gefeiert: Bertrand de Broc macht bei seiner sechsten TJV-Teilnahme keinen Hehl daraus, dass er nochmals richtig die „Sau rauslassen“ will.

Gleiches gilt auch für ex-IMOCA-Star Kito de Pavant, der jedoch kurz vor der Überführung nach Le Havre seinen Mast in drei Teile zerlegte. Mit einem neuen Mast konnte er erst wenige Seemeilen segeln – wie der alte Haudegen damit zurecht kommt, bleibt abzuwarten.

Die Jüngsten im Interview © tjv

Last not least die Youngster: Simon Kervarrec und Pierrick Letouzé (auf E. Leclerc), jeweils 20 und 21 Jahre alt, bilden das jüngste Duo dieser Ausgabe. Sogar noch jünger sind Basile Bourgnon auf „Edenred“ und Martin Louchart auf „Attitude Manche“.

Sie beide unter 18 Jahre jung und benötigten von der Regattaleitung eine Sondergenehmigung, um bei der TJV teilnehmen zu dürfen. Ihre Hochseeerfahrung ist aber so groß, dass es kein Problem war. Die beiden Freunde haben sich im Alter von 14 Jahren bei einem Segelkurs kennengelernt, und nun geht für sie in diesem Jahr schon der Jugendtraum vom großen Hochsee-Rennen in Erfüllung.

Website Transat Jacques Vabre

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „Transat Jacques Vabre: Class 40 im Fokus – 27 Duos auf den „Arbeitspferden der Meere““

  1. avatar Harrie Jasses sagt:

    Klasse Einblick in diese Klasse 😉 mit diesem Hintergrundwissen ist der Blick auf den Tracker doch gleich viel interessanter 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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