Transat Jacques Vabre IMOCA: Sieg für LinkedOut – Wie der deutliche Sieg möglich war

Der neue starke Mann

Thomas Ruyant und Morgan Lagravière haben mit LinkedOut überraschend deutlich die Transat Jacques Vabre in der IMOCA-Klasse gewonnen und Top-Favorit Apivia geradezu niedergerungen. Wie ist das möglich?

Die Sieger der IMOCA-Klasse Thomas Ruyant (l.) und Morgan Lagravière. © TJV

 

Bei der Vendée Globe war Thomas Ruyant (40) noch einer der großen Pechvögel. Er zeigte das Potenzial seines Neubaus LinkedOut von Konstrukteur Verdier, lag in Führung und konzentrierte sich auf das Duell mit Charlie Dalin (Apivia). Doch dann ging er mit einem Video in die Geschichte der Vendée Globe ein, auf das er gerne verzichtet hätte. Es zeigt ihn dabei, wie er die angebrochene Backbord-Tragfläche absägt.

Längst legendär: Thomas Ruyant sägt die Spitze seines Foils ab.

Danach war für ihn nicht mehr viel zu holen. Auch weil der finale Aufstieg im Atlantik überwiegend mit Wind von Steuerbord stattfand. Im Ziel reichte es noch zu Rang vier. Aber Jean Le Cam und Boris Herrmann schoben sich durch ihre Zeitgutschriften noch vorbei.

Zuvor war Ruyant in seiner Offshore-Karriere das Rennglück auch nicht besonders gnädig gewesen. Zwar startete er fulminant mit einem Sieg bei der Mini Transat 2009 und siegte ein Jahr später nach dem Aufstieg in die Class40 erneut auf dem Atlantik bei der Route du Rhum. Aber als er seine erste Vendée Globe 2016/17 absolvierte, brach ihm das Boot fast auseinander (Porträt). Er hatte keinen IMOCA mehr. 2017 segelte er die Transat Jacques Vabre gemeinsam mit Boris Herrmann auf „Malizia“.

Der Riss im Rumpf von Thomas Ruyants Souffle du Nord bei der Vendée Globe 2017. © Thomas Ruyant /Le Souffle du Nord

Nun ist alles anders. Ruyant steht ganz oben. Er hat seinen ärgsten Widersacher Charlie Dalin im direkten Duell niedergerungen und auch noch Jérémy Beyou mit Charal. Dabei schien insbesondere Apivia mit ihren neuen Tragflächen nahezu unbesiegbar. Sie hatte die Konkurrenz beim Fastnet Race in Grund und Boden gesegelt und auch die Anfangsphase der Transat dominiert.

Überholmanöver vor Madeira

Nach zwei Tagen betrug der Vorsprung auf die Konkurrenz schon 30 Meilen, bevor Ruyant in der Flaute wieder aufholte. Aber danach segelte Dalin bis zum Kap Finisterre erneut fast 50 Meilen davon. Das gelbe Boot schien bei Foiling-Bedingungen einfach stärker.

Mit neuen Flügeln zum Sieg. © JEAN-MARIE LIOT – ALEA – TJV

Aber LinkedOut ließ sich nicht abschütteln, nutzte einen Positionierungsfehler und zog bei Madeira sogar 30 Meilen vorbei. Für Ruyants Team Manager Marcus Hutchinson kam der Schlüsselmoment bei der Ansteuerung der Kapverden. Nach zwei Tagen unter großem Spinnaker in Sichtweite zu Apivia halste Dalin weg und Ruyant zog den Schlag durch, um auch Jérémy Beyou mit Charal unter der afrikanischen Küste zu kontrollieren. Eine schwierige Situation, aber LinkedOut lag schließlich 50 Meilen vor Apivia und 33 vor Charal.

Hutchinson erklärt bei V&V, dass Apivia ist unter bestimmten Bedingungen schneller ist. So wie kurz nach dem Start. Als sie in der Flaute bremste, sei es seinen Skippern gelungen, den Kontakt zu halten. Später bei achterlichem Wind habe man den Speed halten können besonders auch dann, wenn er nachließ.

Beim Ocean Race Europe gegen Stanjek verloren

“Dabei hatte das Boot in solchen Situationen während der Vendée Globe noch deutliche Schwächen gezeigt. Aber wir haben in diesem Jahr viel daran gearbeitet. Das war technisch unsere Priorität. Deshalb haben wir im Juni auch beim Ocean Race Europe teilgenommen. Wir haben dabei enorm viel gelernt und Selbstvertrauen gewonnen. Man konnte sehen, dass das Boot unter diesen Bedingungen leistungsfähig ist.” LinkedOut verlor zwar das Herzschlag-Finale gegen den Robert Stanjeks Nicht-Foiler vom Offshore Team Germany, aber das Rennen wurde eben von sehr leichtem Wind dominiert.

Mit an Bord sei etwa North-Sails-Designer Quentin Ponroy gewesen, der danach die Segelgarderobe entsprechend anpassen konnte. Auch seien im August nach dem Europa-Rennen ein Foil-Paar der nächsten Generation eingebaut worden. Die haben offenbar bestens funktioniert.

Es sei auch vorteilhaft gewesen, dass der Vorsprung vor den Doldrums mit 30 Meilen nicht allzu groß gewesen sei. So verringerte sich die Gefahr, dass der Führende in eine zu große Flautenzone gerät und die Verfolger außen herum segeln können – so wie es Charal vor zwei Jahren ergangen war.

Das Sieger-Duo versteht sich bestens. © LinkedOut

Nach den Doldrums wehte der Südost-Passat mit perfekten Foiler-Bedingungen. Beide Verdier-Designs legten bis zum Wendepunkt Fernando da Noronha ein Höllentempo vor. Die Differenz blieb stabil, aber Charal konnte nicht mehr mithalten.

Bei starkem achterlichem Wind und vielen Halsen entlang der Sperrzone vor der brasilianischen Küste zeigte sich LinkedOut überlegen. “Da sind wir ziemlich stark”, sagt Hutchinson. “Wir haben jeden Tag Meilen gewonnen.” Er wuchs in fünf Tagen schließlich auf 188 Meilen.

Wettlauf gegen die Zeit

Wie war das möglich? Der Projektleiter erklärt, dass die Vorbereitung auf die Vendée für das kleine neue Team sehr kompliziert war. Der Neubau sei im September 2019 vom Stapel gelaufen und ein Monat später habe die Jacques Vabre begonnen. Platz fünf war dafür Okay. Danach begannen im Winter die Updates in der Werft – aber die Corona-Krise habe die Arbeiten zum Stillstand kommen lassen. “Danach war es ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit.” Es sei schließlich nur noch darum gegangen, das Boot zuverlässiger zu machen.

Erst nach der Vendée Globe seien viele vorher geplanten Arbeiten möglich gewesen. Von Verbesserungen könne man eigentlich nicht sprechen. Vielmehr wurde das Schiff erst in diesem Zeitraum wirklich fertiggestellt.

Die Zusammenarbeit mit Morgan Lagravière (34) sei aber auch nicht zu unterschätzen. Das Duo kennt sich von der ersten Vendée Globe, die beide abbrechen mussten, und es ergänzt sich gut. Lagravière bringe seine Erfahrung als Regattasegler auf olympischem Niveau ein.

Die Schokoladenseite von LinkedOut: Raumschots im Foil-Modus. © JEAN-MARIE LIOT – ALEA – TJV

Er gehörte bis 2010 zu den Top-20 der Welt im 49er und segelte 2015 den ersten IMOCA-Foiler für das Safran Sailing Team Nach dem Rückzug von Sponsor Safran gelang es ihm bisher nicht, eine nächste Vendée-Globe-Kampagne zu organisieren und beschäftigt sich auf viel mit dem Kite-Foiling. Er kümmerte sich an Bord von LinkedOut überwiegend um Trimm und Speed. Ruyant dagegen übernahm Strategie und das Wetter.

Mit dem Sieg bei der Transat hat sich Ruyant in eine neue Position katapultiert. Er ist der neue starke Mann in der Vendée Globe Hierarchie. Denn Sponsor Advens, der im Bereich Cybersicherheit tätig ist und mit dem Segel-Projekt sein Produkt LinkedOut bewirbt, hat schon grünes Licht für einen Neubau angekündigt.

Advens investiert 7 Millionen Euro in den Bau eines neuen IMOCA und deckt mit 3 Millionen Euro die laufenden Kosten. Das Schiff soll Anfang 2023 nach der Route du Rhum vom Stapel laufen und überraschend vom Design-Büro Finot-Conq gezeichnet werden. Es hatte mit Siegen von 1993 bis 2004 (Gautier, Auguin, Desjoyeaux, Riou) die Vendée Globe mit seinen Designs dominiert aber die Entwicklung der Foiler-Generation bisher verpasst. Mit Ruyant haben sie offenbar eine gute Chance, wieder den Anschluss zu finden.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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