Transat Jacques Vabre: Kielschaden bei “Hugo Boss” – Herrmann auf der falschen Seite

Thomson in Nöten

Am Sonntag-Morgen gegen 9:37 Uhr britischer Zeit haben Alex Thomson und Neal McDonald auf ihrer “Hugo Boss” bei der Transat Jacques Vabre eine Kollision vermeldet. Der Kiel soll schwer beschädigt worden sein. Es gibt kaum einen besseren Zeitpunkt.

Sie seien mit rund 25 Knoten Speed gesegelt, als sie ein nicht identifiziertes Objekt im Wasser trafen, vermelden die beiden britischen Skipper von “Hugo Boss”. Der Kiel soll nur noch über den Hydraulikzylinder am Boot befestigt sein. Das Alex Thomson Racing Team hat vermeldet, alles dafür zu tun, um das Boot sicher in den nächsten Hafen zu bringen.

Die neue “Hugo Boss” hat ihre erste Atlantik-Regatta abgebrochen. © Hugo Boss

Es ist die traurige Fortsetzung einer verpatzten Regatta-Premiere des britischen Favoriten-Bootes. Schon die Startkreuz vor der französischen Küste verlief nicht, wie erhofft. Alex Thomson räumte später Speed-Probleme ein. Als 24. rundete er die erste Tonne.

Aber danach demonstrierte er im Kanal Stärke bei perfekten Raumschots-Bedingungen. Das schwarze Schiff raste am gesamten Feld vorbei – auch an den beiden aktuell führenden neuen Foilern “Charal” und “Apivia”. Dann sei eine Öse aus einem Vorsegel gerissen, und das habe auch die Entscheidung beeinflusst, nach Westen zu drehen – wie das genau zusammenhängt, war schwer zu durchblicken.

Überraschender Extremkurs gen Westen

Jedenfalls fand sich “Hugo Boss” plötzlich nahezu alleine auf einem überraschenden Extremkurs gen Westen – eine komische Strategie, da es nach eigener Aussage bei dieser Atlantik-Regatta insbesondere darum gehen sollte, Leistungsdaten der neuen Konstruktion im Vergleich mit der härtesten Konkurrenz zu sammeln. Das sollten aber eigentlich die schnellsten Foiler der neuen Generation “Charal” und “Apivia” sein, die gen Süden abgedreht waren.

Neal Mac Donald und Alex Thomson erleben eine frustrierende Generalprobe mit dem neuen Schiff. © Hugo Boss

Vielleicht genügte Thomson aber auch der Vergleich zum letztmaligen Vendée Globe Sieger “Banque Populaire”, der jetzt als “Bureau Vallée 2” segelt und auch einen West-Kurs steuerte.

Die Option schien entsprechend verschiedener Wettermodelle strategisch durchaus vielversprechend zu sein. Aber er entpuppte sich als Desaster. Der angepeilte Nordwest-Wind setzte sich nicht wie erwartet durch. Der Rückstand zur Spitzengruppe beträgt aktuell mehr als 500 Meilen.

Da käme auch eine “Hugo Boss” nicht mehr an die Spitze heran. Wenn es einen perfekten Zeitpunkt gäbe, einen Schaden zu erleiden, um dieses Rennen abbrechen zu können, dann jetzt. Hinterhersegeln hilft dem Team kaum weiter bei der Optimierung. Deshalb dürfte sich Thomson auch nicht besonders ärgern. Zumal offenbar nicht die teuren und aufwändig zu bauenden Tragflächen beschädigt sind, sondern “nur” die Kielaufhängung.

“Malizia” auf der falschen Seite erwischt

Für Boris Herrmann hat der verkorkste Abstecher gen Westen dagegen eine größere Bedeutung. Er hätte bei dieser Regatta noch einmal zeigen können, wozu seine “Malizia” in der Lage ist. Je weiter die Zeit Richtung nächster Vendée Globe fortschreitet, und je intensiver die Yachten der neuen Generation optimiert werden, umso mehr gerät er ins Hintertreffen.

Die Lage bei der TJV am Sonntag. “Hugo Boss” (schwarz oben) dreht ab. An der Spitze verteidigt “Charal” (schwarz) seinen Vorsprung vor “Apivia” gelb)

Dabei ist weniger das Alter seiner “Malizia” entscheidend, die noch bei der vergangenen Vendée Globe zu den schnellsten IMOCAs gehörte, als das Flügel-Design. Inzwischen sind 16 von den 29 Transat-Startern mit Flügeln ausgerüstet. Insbesondere “Initiatives-Coœr” das neun Jahre alte Boot von Samantha Davies (ex “Foncia” von Michel Desjoyeaux), das mit neuen, langen Foils  zu einem der Schnellsten der Flotte mutierte, hat gezeigt, dass insbesondere die Generation der Tragflächen, nicht aber die der Yacht-Konstruktion entscheidend ist. Davies segelt bei der TJV aktuell mit Co Skipper Paul Meilhat in der Spitzengruppe.

Herrmann hält sich ordentlich gegenüber der Konkurrenten, die ebenfalls im Westen auf den kostspieligen Umweg geraten sind. Aber im Vergleich zum schnellsten Abweichler “Maitre Coq” (ex “Safran”) hat er mit Will Harris dann doch auch schon 100 Meilen verloren und liegt auf dem enttäuschenden 16. Rang.

An der Spitze können die neue “Charal” und “Apivia” ihren Speed-Vorteil ausspielen. Dabei raste “Charal” eindrucksvoll in die Führungsposition zeitweise 1,5 Knoten schneller als der direkte Gegner und stürmte bis zu 80 Meilen voraus.

Aber auch “Apivia” gibt mächtig Gas mit Wind von hinten und hat sich wieder 20 Meilen zurück geholt.

Besonders erstaunlich ist es, wie sich der Nicht-Foiler “Banque Populaire” mit Clarisse Cremer und Armel Le Cleac’h an der Spitze schlägt. Wenn der Wind genau von achtern kommt, kann die ex “SMA” – Sieger bei der Route du Rhum 2018 – mit den Yachten der neuesten Generation mithalten. Mit großem Gennaker und hohem Risiko kann das Schiff eine erstaunliche Tiefe steuern. Teilweise lag “BP” auf Rang zwei mit nur 30 Meilen Rückstand.

Aber das ist wohl nur eine Momentaufnahme. Besonders die ex “11th Hour” (ex “Hugo Boss) und “PRB” sind zurzeit gut einen Knoten schneller und haben das Überholmanöver eingeleitet. Aber die Karten werden am Dienstag Abend noch einmal neu gemischt. Dann erreicht die Spitzengruppe die Doldrums, und muss sich einen Weg durch die Flautenzone bahnen.

Tracker Transat Jacques Vabre

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

3 Kommentare zu „Transat Jacques Vabre: Kielschaden bei “Hugo Boss” – Herrmann auf der falschen Seite“

  1. avatar Pete sagt:

    Moin,
    normalerweise bin ich ein großer Fan von den Artikeln dieses Autores, jedoch finde ich wird hier die wirklich ernsthafte Lage, die schnell in einem Totalverlust der neuen Yacht enden kann, verkennt und ins lächerliche gezogen, indem die Idee aufkommt, dass Alex thomson dies nur vortäusche.
    Lg

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 21 Daumen runter 0

    • avatar Till sagt:

      Danke! Ähnliches dachte ich mir beim Lesen auch. Durch einen ähnlichen Schäden ging bei der letzten VG “Bastide Otio” verloren und Alex Thomson hat durch eine abgerisse kielramme ebenfalls schon eine Yacht verloren, klar das ist was anderes hatte aber eine ähnliche Ursache. Mit einem solchen schaden ist nicht zu spaßen, immerhin reden wir hier von einem brandneuen Schiff welches für die kommende VG vorbereitet werden muss, bei einem Verlust wäre eine Teilnahme wohl nicht möglich da sich sowas nicht so schnell neu bauen lässt. Zum Glück schaut es aktuell noch nicht so schlimm aus als bei der letzten transat als sein damals neues Schiff ja beinahe verloren ging. Ich hoffe wirklich dass sie schnell und sicher in den nächsten Häfen kommen und der Schaden an Hugo Boss nicht allzugroß ist.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 0

  2. avatar Pete sagt:

    Nach neusten Presseberichten haben sie nun den Kiel entfernt, um weitere Schäden zu minimieren, damit ist die Hypothese des Vortäuschens hoffentlich klar falsch.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

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