Transat Jacques Vabre: Start verschoben – Desjoyeaux ohne Sponsor, Gabart nimmt ihn mit

Verkehrte Welt!

TJV

Eigentlich ein Dreamteam: der ältere Desjoyeaux und der ziemlich junge Gabart © delaunay/tjv

Heftige Sturmtiefs zwingen nach den „Minis“ auch die TJV-Orga zur Startverschiebung voraussichtlich bis Donnerstag. Doch dies ist nicht das Einzige, was irritiert. Erstmals segeln „die Alten“ bei den „Jungen“ mit!

Bei 50 kn auflandigem Wind durch den seit Wochen aufgewühlten Ärmelkanal? „Nein danke,“ winken die Organisatoren der Transat Jacques Vabre vor laufenden TV-Kameras ab. „Das können wir keinem der Segler hier zumuten – egal ob jung oder alt!“

Womit die Rennleitung zum Einen Vernünftiges ausspricht, denn die ausgesprochen athletisch zu segelnden Class 40 (die anderen Bootsklassen sollten sowieso später starten) wären so gleich zu Beginn der auf ca. drei Wochen angesetzten Regatta nach Brasilien unnötigen Risiken ausgesetzt. (Zur SR-Vorschau)

Doch es ist eher der zweite Teil des Satzes, der aufhorchen lässt – tatsächlich wird in der französischen Hochsee-Regattaszene bereits seit Wochen ein Phänomen diskutiert, das es zuletzt sogar in die „große“ französische Presse wie „l’Equipe“ oder „Libération“ geschafft hatte. Um es vorsichtig zu formulieren: Die Begriffe „jung“ und „alt“ (oder zumindest: „älter“) werden in Interviews, Talk-Shows und Artikeln wieder vergleichsweise oft angesprochen.

Es ist ziemlich ruppig vor Le Havre © martinez

Es ist ziemlich ruppig vor Le Havre © martinez

Willkommen im Generationen-Konflikt, der von seinen Protagonisten allerdings nicht als solcher betrachtet wird. Noch nicht. Da wäre zunächst der wirtschaftliche Faktor. Ein Jahr nach der Vendée Globe (also einhand nonstop um die Welt) und ein Jahr vor der Route du Rhum (einhand über den Atlantik) macht die Zweihandregatta Transat Jacques Vabre (Le Havre – Itajai/Brasilien) mehr als deutlich, wem die Zukunft des Hochseeregattasportes gehört.

Die Alten segeln bei den Jungen

So muss ein Star und Übersegler wie Michel Desjoyeaux, 48 (mehrfacher Sieger bei Vendée Globe, TJV, Figaro etc.) und erklärter Medienliebling der letzten 10 Jahre, als Co-Skipper die TJV mitsegeln. Mangels Sponsor und somit mangels konkurrenzfähigem Boot.

Und von wem wird der „Professor des Segelsports“ angeheuert? Genau – ausgerechnet Francois Gabart (30), jüngster Vendée Globe-Sieger aller Zeiten und Hochsee-Überflieger, holt sich seinen früheren Mentor an Bord seiner IMOCA „Macif“. Beim Barcelona World Race war es noch umgekehrt. Da nahm Desjoyeaux Gabart auf seiner “Foncia” mit. Aber nun ist der Sponsor fort und die Vorzeichen sind umgekehrt.

Ob das nicht beschämend sei, wurde „MichDesj“ mehrfach in Interviews gefragt? Er habe zunächst auch „gezuckt“, gibt Desjoyeaux offen zu, aber wenn ihm nun mal kein Sponsor mehr Vertrauen schenkt… „Sicher wäre ich lieber auf meiner MOD 70 hier in Havre am Start gewesen,“ sagte er gegenüber der Tageszeitung Libération.

„Aber so langsam beginne ich das Ganze auch zu genießen: Ich segle mit Francois, einem der Besten der Welt, werde wohl um den Sieg kämpfen und trage gleichzeitig kaum Verantwortung. Das wirkt irgendwie befreiend!“ Es sei eine völlig neue Erfahrung, „nur“ segeln zu dürfen, ohne all’ das Drumherum mit Sponsoren und VIPs.

„Außerdem ist Francois Gabart ein Phänomen, das wir uns selbst eingebrockt haben. Der Junge hat als 24jähriger auf der Hochsee begonnen und dank dem „Centre de Formation Finisterre Pol-la-Foret“, einer speziellen Ausbildungsstätte für Hochseesegler, in zwei Jahren soviel gelernt wie wir früher in zehn! Und diese Schule haben wir Alten auch noch aufgebaut!“

TJV

Jean Le Cam hat ebenfalls keinen Sponsor für die Regatta gefunden und Segelt jetzt beim “Konkurrenten” Riou mit © delaunay

Doch Desjoyeaux geht es in dem illustren TJV-Regattafeld nicht alleine so. Jean le Cam (54), Vendée-Globe-Fünfter und seit Jahrzehnten eine „sichere Bank“ für alle Investoren, segelt diesmal ohne eigenen Sponsor lieber bei Vincent Riou auf dessen „PRB“ mit.

IMOCA-Urgestein Kito de Parvant (52) musste bei Yves de Blevec (45)  auf dessen Multi 50 „Actual“ anheuern, weil er keinen Finanzier für seine eigene IMOCA-Teilnahme aufbrachte.  Und Bertrand de Broc (54)  empfand es noch nie zuvor so schwer, mit seiner (eigentlich originellen) Idee „Votre Nom autour du monde“ mit vielen Kleinstsponsoren genügend Geld zu sammeln, um über den Atlantik schippern zu können.

Sind die Sponsoren eher auf jüngere Segler aus?

Zwei andere „Alte“ hatten schon im Vorfeld enormes Pech: Jean Pierre Dick (50) und Roland Jourdain (49) kenterten mit ihrem MOD70 Trimaran „Virbac Paprec“ bereits vor Wochen. Und es wird ziemlich offen gemunkelt, dass der Sponsor „not amused“ sei. Ob bald ein Jüngerer am Ruder des MOD 70-Trimarans stehen wird? Jourdain jedenfalls legt die Karten offen auf den Tisch: „Wenn ich heute einen anderen Sponsor finde, könnte ich morgen lossegeln!“ Aber nur dann…

Dabei war im Hochsee-Regattasport das Alter nie ein Thema. Ganz im Gegenteil, die „alten Salzbuckel“ ernteten höchsten Respekt und galten auch weit über 60 Jahre noch als durchaus konkurrenzfähig, standen nur sehr selten im direkten Vergleich zu jungen Seglern, wenn es um Sponsorship ging. Doch das war eben früher so – die immer athletischer zu segelnden Schiffe der Neuzeit fordern vollen physischen Einsatz.

TJV,

Jede Hochseeyacht wird heute physisch gesegelt – hier die IMOCA PRB © martinez/tjv

Galt früher die Formel „75% mental, 25% physisch“, muss heute mindestens von einem Fifty-Fifty-Verhältnis ausgegangen werden. Wobei das Alter eben eine immer wichtigere Rolle spielt. Auch wenn Roland Jourdain in einem Gespräch mit „l’Equipe“ noch hofft, dass „Erfahrung im Hochseesegeln weiterhin alles andere aufwiegt“, sehen das andere schon diversifizierter.

Yann Ellies (39), Figaro-Sieger 2012 und 2013, der diesmal gemeinsam mit dem gleichaltrigen Erwan le Roux auf dessen Multi 50 segelt, gibt locker im Gespräch mit Dino di Meo von „Libération“ zu Protokoll: „In unserem Metier werden die Alten immer ihren Platz haben. Weil sie die Garanten für eine gewisse Ethik sind!“ Na toll, eine Ethik-Kommission im Segelsport, bestehend aus über 50 jährigen?

Alles Erfahrungssache?

Kito de Pavant – kurz vor dem Durchdrehen? © miku

Kito de Pavant – kurz vor der Rente © miku

Kito de Parvant sagte dazu kürzlich, dass es den Seglern eigentlich ja noch gut gehe. In den meisten anderen Sportarten sei man ab 30 bereits „altes Eisen“. Doch warnt er auch davor, das Thema allzu hoch zu hängen. „Rechnet einfach mal nach: Der Altersdurchschnitt bei dieser Regatta liegt bei ungefähr 40 Jahren – richtig junge Segler wie Gabart sind doch eher die Ausnahme!“

Unterm Strich bringt es Jean Le Cam, eigentlich bekannt für vollmundige Sprüche, geradlinig auf den Punkt: „Es gibt jetzt dieses Gabart-Phänomen, okay. Aber wenn wir genau hinschauen, gibt es solche Talente nicht oft. Da war zuvor Cammas und jetzt eben Gabart. Reden wir lieber von einer Zusammenarbeit, und nicht von Konkurrenz: Gabart zeigte Stärke, als er Desjoyeaux aufs Schiff holte und keinen jungen Segler!“

Bleibt für die „Alten“ dann doch mehr als die reine Hoffnung, dass die Sponsoren das in Zukunft auch so sehen werden?

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden
http://nouveda.com

5 Kommentare zu „Transat Jacques Vabre: Start verschoben – Desjoyeaux ohne Sponsor, Gabart nimmt ihn mit“

  1. avatar coist sagt:

    “Und es wird ziemlich offen gemunkelt, dass der Sponsor „not amused“ sei”

    Hm, ist Dick nicht quasi sein eigener Sponsor, zumindest was Virbac angeht?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

    • avatar miku sagt:

      Stimmt völlig, coist, eigentlich war der Satz auch ironisch gemeint, ich hätte aber wohl noch eine Erklärung oder so hinzufügen müssen; nur die außergewöhnlich gut informierten SR-Leser können ja wissen, dass Dick dem Unternehmen Virbac ursprünglich vorstand, siehe auch unser Dick-Portrait
      https://segelreporter.com/regatta/vende-globe-portraet-jean-pierre-dick-vom-tiermedizin-unternehmer-zum-profi-skipper/

      Grüße, und Dank fürs aufmerksame Lesen 🙂

      miku

      Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

      • avatar coist sagt:

        Dann hab ich die Ironie einfach nicht gesehen, mea culpa 😉

        Das Schöne an den großen französischen Rennen sind einfach die Sponsoren.. Crepe Whaou, La vache qui rit weil man da schon gute Laune von Anschauen des Bootes bekommt, Tiermedizinhersteller, weil das vollkommen verrückt ist, etc. Verrücktes Volk und durchgeknallte Typen, man muss sie einfach mögen!

        Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  2. avatar dubblebubble sagt:

    Bild 3: Frage mich welche Strafe der Mann (Riou festgefesselt?) auf dem Outrigger absitzt? Und wie lange schon…?

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

    • avatar sailer66 sagt:

      Na – wenn es bei Regatten bei uns auf dem See nicht so richtig läuft – die Vorschoterin (Ehefrau) ist natürlich mal wieder Schuld – greife ich auch gerne zu solchen “Motivationsmaßnahmen” an Bord… 🙂

      Hat dann allerdings an den Tagen nach der Regatta zu Folge, dass ich mich jedesmal selber um die Wäsche und das Essen kümmern darf. Soll einer diese Vorschoter verstehen…. 🙂

      Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *