Transat Jacques Vabre: Superstar Thomas Coville über Weltrekorde, Umbrüche und treue Geldgeber

„Wir erleben eine Revolution!“

Einige Bilder von Bord des Ultim Trimarans “Sodebo” 

Thomas Coville im Pressegespräch mit SegelReporter. Der Einhand-Weltumseglungs-Rekordhalter sieht sich und alle anderen Hochseesegler in der spannendsten Zeit seit Jahrzehnten.

Frankreich liebt seine Segler und Seglerinnen. Und zwar mit einer derart tiefen emotionalen Zuneigung, wie man sie in Deutschland höchstens im Fußball kennt – obwohl das eigentlich kaum vergleichbar ist, schließlich sind SeglerInnen echte Helden, die sich ihre Aufmerksamkeit mit Einhand-Weltumseglungen, -Weltrekorden und sonstigen Höchstleistungen auf See über Monate hinweg in nervenaufreibender Manier verdienen. Während ein simpler Schuss ins Tor, so wunderbar er auch angeschnitten sein mag, genauso schnell wieder aus den Gedächtnissen verschwindet. 

Transat Jacques Vabre, Interview, Thomas Coville

Die beiden “Sodebo”-Skipper – auf Augenhöhe! © sodebo/coville

Der große Star dieser Transat Jacques Vabre (SR-Vorstellung) ist eindeutig Thomas Coville. Der Mann, der seine Landsleute (und nicht nur die) vor etwas weniger als einem Jahr mit seiner Einhand-Rundum-Weltrekordfahrt faszinierte, zieht auch jetzt kurz vor dem Start zur wohl bekanntesten Zweihand-Transatlantik-Regatta wie ein Magnet junge und ältere Fans an. Auf seinem Ultim Trimaran „Sodebo“, mit dem er auch seinen Einhand-Weltrekordtörn (49:03:07 Tage) rund um den Globus sowie seinen Atlantik-Geschwindigkeitsrekord (Nordatlantik, 4:11:10 Tage) schaffte, empfängt er lässig Fan-Gruppen, Schulklassen, Segelclubs… eben (fast) alle, die von ihm und seinen Rekorden fasziniert sind. Und das sind wirklich nicht wenige. 

Superstar zum Anfassen

Doch Coville weiß auch um die Wichtigkeit der Medien bei der drittgrößten Hochseeregatta Frankreichs. Der nicht gerade als mundfaul und in seinen Antworten immer als clever geltende Rekordsegler gab in der Woche vor dem Start Dutzende Interviews, hatte TV-Termine bis zum Abwinken und stellte sich heute (wohl zum letzten Mal vor dem Start) einer kleinen, ausgewählten ( 🙂 ) Journalistenrunde – darunter auch SegelReporter. 

Der 49-jährige Hochseespezialist, der eigentlich durch seine Einhand-Rekordfahrten richtig berühmt wurde, überraschte zu Beginn des Gesprächs mit einem unerwarteten Ausspruch: „Ich segle lieber die Transat Jacques Vabre, also zweihand, als die Route du Rhum. Ganz ehrlich, bei diesem schnellen Ritt mal eben über den Atlantik kann man unglaublich viel lernen. Und zwar vom Mitsegler! Wer das begriffen hat, wird nie wieder den Wert einer Zweihand-Regatta unterschätzen – es gibt keine besseren Vorbereitungen auf Einhandrennen als Zweihandregatten!“ 

Transat Jacques Vabre, Interview, Thomas Coville

Coville im Race-Outfit © transat jacques vabre

Mit Jean-Luc Nelias habe er einen Segler an Bord, den man eben NICHT als Co-Skipper bezeichnen sollte, sondern der auf einer qualitativen Höhe mit Coville segle. Die beiden kennen und schätzen sich seit ihrem gemeinsamen Volvo Ocean Race Sieg auf „Groupama“ 2011-2012. Coville: „ Was ich von Jean-Luc – neben seinem enormen meteorologischen Wissen –  regelrecht fürs Leben gelernt habe, ist die Regel ‚Nicht du selbst bist der Wichtigste an Bord – es ist immer der andere!‘“ Diese Transat Jacques Vabre sei deshalb als eine Art Schachspiel zu betrachten, dessen Ausgang eben nicht in Brasilien bei der TJV-Zielankunft feststehen wird, sondern dessen Auswirkungen erst im nächsten Jahr zu spüren und sehen sein werden. Mit anderen Worten: die beiden werden bei dieser TJV zwar noch auf ihrem „alten“ Ultim-Trimaran unterwegs sein, denken und handeln aber bereits im Hinblick auf den im nächsten Frühjahr fertig gestellten „Sodebo-Ultim-Trimaran“ – der, wie die Neubauten Banque Populaire und Gitana, dann auch fliegen soll. 

In der richtigen Generation

„Bei all’ dem Gedöns um „Foil oder nicht Foil“ wird oft vergessen, dass es bei den großen Einhandrennen in erster Linie um seglerische Fähigkeiten geht,“ unterstreicht Coville. Und die könne man eben nur durch Training, Training und nochmals Training auf dem Wasser ausbauen.“Das klappt, wie gesagt, zu Zweit unter Rennbedingungen auf einer Strecke wie die viertausend Seemeilen rüber nach Brasilien besser als anderswo!“ 

Überhaupt, der neue Ultim-Trimaran, den der Fast-Food-Produzent „Sodebo“ derzeit für Coville bauen lässt: „Ich bin richtig stolz darauf zu der Generation zu gehören, die diese riesigen Trimarane technisch den entscheidenden Schritt weiter bringt,“ sagt Coville mit tatsächlich stolzgeschwellter Brust. „Dass wir auf diesen rasenden Riesen foilen dürfen, ist ein Geschenk! Nichts anderes!“ 

Dank dieser technischen Entwicklungen befinde man sich in einem nahezu revolutionären Umbruch. Umwälzungen, die übrigens nicht nur das Foiling als solches betreffen. „Der ganze Markt ist in Aufruhr. Natürlich muss für den Bau neuer Boote mit der neuen Technik – ganz egal ob das nun Ultim-Trimarane, IMOCA oder Figaros sind – reichlich Geld in die Hand genommen werden.“ Das sehe und spüre man nicht zuletzt daran, dass bisher wichtige Sponsoren wie „Generali“ und „Groupama“ den Segelsport definitiv verlassen werden. „Andrerseits bleiben Sponsoren wie Sodebo, trotz hoher anstehender Ausgaben, gefestigt und überzeugt dem Hochseeregattasegeln auch mittel- bis langfristig treu. „Was nicht zuletzt auch daran liegt, dass für Sodebo die Jahre 2015 und 2016 die erfolgreichsten seit Bestehen des Unternehmens gewesen seien.

Transat Jacques Vabre, Interview, Thomas Coville

Hebel auf den Tisch © transat jacques vabre

Ein Erfolg, den man auch im Engagement für Coville und seinen Ultim Trimaran begründet sieht. Dabei bleibt man seitens Sodebo – eine Geschäftsführerin nahm ebenfalls an dem Gespräch teil – erstaunlicherweise auf dem „Boden der Tatsachen“ , als es um monetäre Angaben bzgl. des Sponsorships geht. Sprach man bei „Hugo Boss“ und „Banque Populaire“ noch von Hunderten Millionen, die man als Wert für erfolgte PR und Werbung rund um ihre Boote ausgerechnet habe, setzt „Sodebo“ auf Understatement. Sieben bis acht Millionen Euro habe die Einhand-Weltrekordumrundung von Thomas Coville dem Unternehmen an Werbe- und PR-Erfolgen eingebracht, plus messbar zwei Millionen für die Nordatlantik-Rekordfahrt. Die mit Sicherheit enormen Imagegewinne, die man mit Coville erreicht habe, seien nicht in Euro zu beziffern. „Unschätzbar,“ sagt die Sodebo-Geschäftsführerin. 

Es geht nicht mehr um den Einzelnen

Ein neues Rennen sei eröffnet worden, bei dem man erstaunlicherweise auch Rennstall-übergreifend zusammenarbeite, plaudert Coville aus dem Nähkästchen. So habe man bei Banque Populaire nachgefragt, ob man nicht bestimmte Konstruktionselemente übernehmen könne – um Entwicklungskosten und die dafür nötige Zeit einzusparen. Und Armel Le Cleac’h sowie Banque Populaire sagten spontan zu, für ein Drittel der reellen Entwicklungs- und Konstruktionskosten, die Pläne und Formen der beiden Außenrümpfe – in denen letztendlich ja die Foils zum Einsatz kommen werden –  dem Sodebo-Rennstall zu überlassen. Letztendlich zeige man so, dass es nicht nur um den Einzelnen gehe, sondern um die Entwicklung einer ganzen Bootsklasse, einer ganzen Sportart. 

Transat Jacques Vabre, Interview, Thomas Coville

Superstar zum Anfassen © Transat Jacques Vabre

Auf die Frage, welche Chancen er denn bei der anstehenden Transatlantikregatta seinem – technisch deutlich fortgeschrittenen – Konkurrenten „Baron de Rothschild“ gebe, kann natürlich auch ein selbstbewusster Star wie Coville nur mit den Schultern zucken. Um dann vorsichtig zu formulieren: „Wenn ich an deren Stelle wäre, würde ich den Trimaran noch nicht zu sehr kitzeln. Erst will alles unter jeglichen Bedingungen überprüft sein, bevor man den Hebel auf den Tisch legt!“ Doch man werde sehen, so Coville weiter. „Eine Atlantiküberquerung ist nicht mit einer normalen Regatta zu vergleichen. Es kann so viel passieren, auf das wir nur wenig bis überhaupt keinen Einfluss haben.“ Eines sei jedenfalls sicher: Sein jetziger, „alter“ Ultim-Trimaran ist erfahren wie kaum ein anderer und der Foiler-Riese „Baron de Rothschild“ hat erst ein paar Segelstunden hinter sich. Entsprechend werde diese TJV, wie übrigens in anderen Bootsklassen auch, eine Regatta der zwei Generationen. Coville: „Mein derzeitiges Boot hat alles ‚gesehen“, was man auf den Ozeanen unseres Planeten erleben kann.“ Wenn ein Skipper-Duo ein Maximum aus  seinem Schiff heraus kitzeln kann… dann Thomas Coville und Jean-Luc Nelias.

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Michael Kunst

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