Transat Jacques Vabre: Wie die Ultim-Trimarane von Routern an Land gelotst werden

"Wie Roboter"

Ultim-Trimarane sind unglaublich schnell und verlangen daher ungeteilte Aufmerksamkeit der Skipper – fürs Wetterrouting bleibt da nur noch wenig Zeit und Raum. Warum Erwan Israel der vielleicht wichtigste Mann im  Gitana-Team ist.

Gestern um 13 Uhr kreuzten Franck Cammas und Charles Caudrelier, die beiden Skipper des Ultim-Trimarans Edmond de Rothschild, zum letzten Mal in in dieser Transat Jacques Vabre die Route eines ihrer Konkurrenten. Cammas und Caudrelier segelten nordwärts Richtung Wendepunkt Sa Pedro nur 20 Seemeilen von Sodebo mit dem Skipper-Duo Coville/Rouxel entfernt, die wiederum noch auf dem Weg Richtung Trindade, dem Wegpunkt im Süden unterwegs waren.

Nach einem Pittstopp auf Madeira liegt der spektakuläre Trimaran, dessen Erstwasserung vor zwei Jahren so viel Aufsehen erregte, weil sein Cockpit futuriistisch vor den Mast gesetzt wurde, mit 1.400 Seemeilen in aussichtsloser Position hinter den Führenden zurück. 

400 sm sind ja nur ein paar Stündchen

Zwischen den Erstplatzierten und dem Schlusslicht kämpfen derzeit die Ultims Banque Populaire (Rückstand 440 sm) und SV Lazartigue (Rückstand 560 sm) mit den Skippern Le Cleac’h/Escoffier und Gabart/Laperche um Rang Zwei und Drei. Actual mit Le Blevec/Marchand wird mit 900 sm Rückstand kaum mehr in den Kampf ums Podium eingreifen können.

Die Ultim Trimarane auf dem Weg zum zweiten Wendepunkt. Das Gitana-Team liegt deutlich vorne

Über 400 Seemeilen Vorsprung auf den Zweitplatzierten – das liest sich wie eine „sichere Bank“  für Cammas und Caudrelier. Doch auf den derzeit schnellsten Hochseerennern der Welt gelten andre Maßstäbe: Wer mit 30 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs ist, kann entsprechend rasch von ähnlich schnellen Konkurrenten eingeholt werden.

Etwa in einem Flautenloch wie den „Pot au Noir“, wie die Franzosen den meteorologisch sehr schwer einzuschätzende Kalemgürtel auf Äquatorhöhe im Atlantik bezeichnen. Selbst auf einem Ultim sollte man dort besser nicht einparken, sonst hat man nach 14 Stunden die Konkurrenz wieder am Hals und die Karten werden neu verteilt.

Zumal die Herrschaften weiter hinten nicht irgendwer sind. So erfreuen sich Gabart/Laperche an der Performance ihres nagelneuen und weitgehend unerprobten Ultim-Riesen SV Lazartigue und reden in ihren Bord-Videos von einem Duell mit den lächerliche vier Stündchen vor ihnen segelnden „Banque Pop“-Konkurrenten Le Cleac’h/Escoffier.

Man habe festgestellt, dass die beiden neuesten Ultim-Bauten ungefähr gleiche Performance-Werte aufweisen.  Die Regattasegelei mache eben im Duell deutlich mehr Spaß, auch auf langen Kursen weit in den südlichen Bereich des Atlantiks. Und die Bedingungen seien derzeit „dermaßen ideal, dass man eigentlich nur noch fliegend, also auf Foils, unterwegs“ sei. 

An Bord von „Edmond“ ist man allerdings äußerst zuversichtlich, den Vorsprung bis zum Ziel halten zu können. Schließlich sehen die Wettervorhersagen für die verbleibenden Seemeilen nicht allzu schlecht aus. Und letztendlich habe man ja immer noch Herrn Israel als As im Ärmel.

Gesiegt wird an Land!

Szenenwechsel. Im Hochseeregattahafen La Base im südbretonischen Lorient kennen die meisten Erwan Israel – zumindest dem Namen nach. Persönlich haben ihn nur die Wenigsten kennengelernt. Denn obwohl Erwan Israel, Routing-Experte und begnadeter Hochseesegler, schon seit Jahren die Skipper der Edmond de Rothschild – egal ob sie im Duo oder einhand unterwegs sind,– äußerst erfolgreich an Bord oder von Land aus über die Sieben Meere führt, gilt er als eher publikums- und publicityscheu. Die Show im Hafen überlässt er lieber den anderen – Ihm reicht’s wenn’s mal wieder mit seiner Hilfe richtig gut geklappt hat.

Obwohl Erwan Israel als einer der weltweit kompetentesten Wetterschnüffler und Routing-Experten für die Hochsee gilt, macht er bei der Transat Jacques Vabre erstmals keinen Solo-Job. Denn was sich an Land für ihn während einer Hochseeregatta der Ultim-Trimarane oder während eines Rekord-Versuchs der „Edmond de Rothschild“ abspielt, ist ähnlich aufwändig und ermüdend wie das, was die Skipper an Bord leisten.

Deshalb holte sich Erwan Israel  Hilfe „ins Boot“, pardon: ins Haus. Seine erste Wahl: Der Amerikaner Stan Honey; ebenfalls ein prämierter und gewiefter Hochseesegler mit reichlich „Pokalen im Regal“ – 2005-06 Volvo Ocean-Race -Sieger als Navigator mit ABN Amro und “Erfinder” der LiveLine-Technik, mit der erstmals beim America’s Cup 2013 auf den Bildschirmen Linien auf das Wasser projeziert wurden. 

Beide “segeln” für das Gitana-Ultim-Team von Land aus vor dem Computer als Router mit. Und auch wenn sie von sich behaupten, dass sie lieber draußen segeln würden als den trockenen Job an Land für die Segler auf See zu erledigen, ist doch allen irgendwie am Projekt Gitana respektive Edmond de Rothschild Beteiligten klar: In Wirklichkeit sind sie hochzufrieden mit ihrem „Los“. 

Es ist nun wirklich so, wie man das gerne gedankenlos aufschreibt:. Unter der Regie von Erwan Israel „schließen“ sich die Beiden in ein Häuschen in Lorient ein, um völlig abgeschottet von der Außenwelt „ihren“ Skippern draußen auf dem Ozean den schnellsten Weg durch alle nur möglichen Wetterunbilden zu weisen.

Ähnlich wie die Segler an Bord des Trimarans, wechseln sich Erwan und Stan an den Bildschirmen je nach Schlafrhythmus ab, sind aber bei wichtigen Entscheidungen oder Manövern gemeinsam vor der Glotze zu finden. Um sich zu beraten, ihre Empfehlungen in knappen Sätzen an Bord des Ultim-Trimarans zu mailen oder sogar mit einem kurzen Telefonat direkt ihren Protagonisten kund zu tun.

Keine Zeit zum Nachdenken

Entscheidungen, denen in den meisten Fällen blind vertraut wird. Denn in vielen Abschnitten einer Regatta, ganz zu Schweigen in „haarigen“ Situationen, haben die Segler an Bord des dahin rasenden Ultims überhaupt keine Zeit, mitzudenken oder ihren Senf zu den Empfehlungen abzugeben.

Dann liest man an Bord, dass schon in ein paar Seemeilen gehalst werden muss und für ein Hinterfragen oder gar Diskutieren der Option bleibt bei 30 – 35 Knoten Speed auf den fliegenden Monstern null Zeit. Vorsegel einrollen, Groß dicht holen, die richtige Welle abwarten, und rum mit der Kiste. Das alles wird per Handbetrieb am Grinder in enger Zusammenarbeit erledigt. Ob das hier und jetzt nun die richtige Entscheidung war oder nicht – das kann man dann sowieso erst Stunden später beurteilen. 

SVR Lazartigues en pleine forme! © lazartigues

Insbesondere in schwierigen Regionen wie etwa den verkehrsreichen Gebieten vor den französischen Küsten – da müssen die Skipper zudem permanent auf kreuzende andere Boote, vor allem aber Handelsschiffe achten – oder in meteorologisch besonders anspruchsvollen Gebieten wie der Biskaya oder eben aktuell im Kalmengürtel in der innertropischen Konvergenzzone geht ohne die Herren Israel und Honey mal genau „gar nix“.

Dann wird blind vertraut – die Skipper sind nur noch „willige Arbeitstiere an Bord“. Manchmal bleibt denen noch nicht mal die Zeit für ein „OK“ als Antwort auf die Aufforderung, man solle jetzt dann mal gefälligst den Bug wechseln. Oder könne schon bald ein weiteres Vorsegel setzen. Oder möge bitteschön um soundsoviel Grad abfallen oder anluven.

Israel sagt in einem Interview mit V&V: “Der Beginn des Rennens war so anstrengend, dass sie überhaupt nicht nachdenken konnten… Bei dem leichten Wetter in der Biskaya verbrachten sie ihre Zeit damit, den J1 zu rollen und auszurollen, zu trimmen und zu halsen. Das Kap Finisterre war dann sehr anstrengend für sie. Manchmal nahmen sie sich nicht einmal die Zeit, OK zu sagen, wenn wir eine Nachricht schickten. Sie führten die Befehle aus, ohne sie zu hinterfragen, weil sie zu erschöpft waren. Ich hatte das Gefühl, es mit Robotern zu tun zu haben, aber sie haben uns wirklich beeindruckt. Sie sind großartige Regattasegler.

Ab Madeira haben sie angefangen, sich ein bisschen mit uns auszutauschen, und seitdem führen wir gute Gespräche und sie nehmen sich die Zeit, sich die Routings anzusehen. Sie vertrauen uns zu 200 Prozent, und da wir zuletzt die richtigen Entscheidungen getroffen haben, ist es einfacher.”

Mindestens 50 Prozent Siegbeteiligung

Insider schätzen den Wert des „Schattenjobs“ von Erwan und Stan dann auch als ausgesprochen hoch, mindestens aber 50 Prozent am Regattaresultat ein. Zuletzt zeigten beide Teams – Router und Skipper – ihr Können beim Fastnet Race, als der Ultim „Edmond de Rothschild“ überlegen seine Gegner düpierte und mit gehörigem Vorsprung, vor allem aufgrund des richtigen Näschens für den richtigen Wind und die gefällige Tide,  triumphierte. 

Natürlich haben auch die anderen Ultim-Trimarane ihre Routing-Experten an Land im Einsatz. Doch hinter vorgehaltener Hand wird längst gemunkelt, dass im Gitana-Team für den Ultim „Baron de Rothschild“ heftig an der Perfektion gebastelt wird. Entsprechend prognostizieren Insider, dass die Gitana-Herren noch einige Zeit die Ultim-Regattaszene beherrschen werden. Auf See und von Land aus! 

Übrigens, beim Transat Jacques Vabre sind die Ultim- und OceanFifty-Trimarane die einzigen Boote, die derart detaillierte und vor allem „individuelle“ Informationen von ihren Routing-Experten verwenden dürfen. Zwar besorgen sich auch die IMOCA und Class40 über Satellit ihre Wettervorhersagen, doch dürfen dies ausschließlich freie und allen zugängliche Daten sein. Regel-Auszug Transat Jacques Vabre:

IMOCA und Class 40 Teilnehmer dürfen nur die folgenden Wetterdaten verwenden:

  • Bilder von Beobachtungssatelliten

  • Karten zur Beobachtung und Vorhersage.

  • digitale Dateien mit Daten

Der Zugang zu diesen digitalen Informationen oder Grafiken ist nur erlaubt :

  • wenn sie allen Wettbewerbern kostenlos oder gegen Entgelt zugänglich sind, wobei keine

Exklusivität zwischen einem Datenanbieter und einem Wettbewerber oder einer Gruppe von Wettbewerbern bestehen darf

  • wenn ihr Inhalt “roh” ist, d. h. so, wie er von den meteorologischen Organisationen veröffentlicht wird, und nicht für einen Mitbewerber oder eine Gruppe von Mitbewerbern verändert, aufbereitet oder begutachtet wurde.

Der Zugang zu diesen numerischen oder grafischen Informationen ist nur dann erlaubt, wenn sie direkt oder indirekt von der Weltorganisation für Meteorologie stammen: Météo France, Met Office, ECMWF, NOAA, NCEP, Météo Consult, Wetterweld.de, Squid, Predictwind, GEM. 

Tracker Transat Jacques Vabre

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Michael Kunst

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