Ultim: Gabart wassert seinen neuen Trimaran – mehr Aero- als Hydrodynamik!

Mehr Flugzeug als Boot?

24 Millionen Euro Budget, 150.000 Arbeitsstunden und eine Technik, die vollständig aufs Fliegen, pardon: Foilen ausgerichtet wurde. SVR Lazartigue fasziniert eine ganze Nation.

Hat vielelicht mehr von einem Flugzeug als von einem Segelboot: Gabarts SVR Lazartigue © merconcept

Ist ja längst kein Geheimnis mehr: Die Franzosen lieben ihre Hochseehelden. Sobald eine oder einer irgendwo einen mehr oder weniger schlauen Spruch zum Thema loslässt oder noch schneller, noch weiter, noch einsamer gesegelt ist, erfährt das sofort über die tagesaktuellen Medien die ganze Nation. Richtig aufregend wird es, wenn zudem die Technik ins Spiel kommt. Wenn mal eben schnell ein paar neue Foils für eine halbe Million Euro in einen IMOCA gesteckt werden oder – noch größer, noch faszinierender – neue „Monster der Meere“ zu Wasser gelassen wurden. 

Bis in die Prime-Time-Nachrichten

Gretchenfrage: Was passiert, wenn Francois Gabart, der erklärte Sunnyboy der französischen Hochseeszene (endlich!) seinen neuen Ultim-Trimaran „SVR-Lazartigue“ in Concarneau an einen Kran hängt und der zahlreich vertretenen Presse und Öffentlichkeit präsentiert? Genau – die französische Segelszene steht kopf. 

So kam es, dass gegen Ende letzter Woche das Thema Segeln bis in die hinterletzten Provinzwohnzimmer transportiert wurde. Und es wurde eben NICHT über Olympias Enoshima berichtet. Sogar bis in die Nachrichtensendungen zur Prime-Time hatte es Gabart mit ein paar flotten Erklärungen, sichtlich stolzer Mimik und Körpersprache vor seinem in der Luft hängenden Ultim-Trimaran geschafft.

Die obligatorische Möwenperspektive © merconcept

Francois Gabart hatte allen Grund, besonders stolz zu sein. Denn im Gegensatz zum süßen Triumph nach einer Rekordfahrt – Gabart ist zum Beispiel amtierender Rekordhalter einhand nonstop um die Welt auf seinem vorherigen Trimaran „Macif“, heute „Actual“ – hatte der sympathische Segler einen ungleich härteren „Marathon“ hinter sich gebracht. Den des Geldbeschaffers, Sponsor-Überzeugers und Mäzen-Charmeurs. 

Nachdem sich sein bis dato ausgesprochen treuer Sponsor „Macif“ vor einem Jahr nach zehnjähriger Zusammenarbeit aus diversen, u.a. auch Corona-bedingten Gründen aus dem Segelsport zurück gezogen hatte, stand einiges für Gabart und sein Unternehmen „Mer Concept“ auf der Kippe. Zwar verpflichtete sich Macif, den Bau des nun vorgestellten und bereits Ende 2018 begonnenen Trimarans zu Ende zu führen. Macif kündigte aber auch gleich den sofortigen Verkauf nach Fertigstellung an. Was wiederum Gabart zwang, Sponsoren zu finden, die ihm das Boot „sichern“ würden. 

24 Millionen von Kresk

Dies gelang ihm erst in einer späten Bauphase im Mai 2021, aber immerhin: Mit der Unternehmensgruppe Kresk ist über vier Jahre hinweg ein finanzielles Gesamt-Engagement von 24 Millionen Euro garantiert. 

Und nun ist es also geschehen. Nach dreijähriger Bauzeit, nach 150.000 Arbeitsstunden, wurde den mehr als 1.000 Zuschauern bei der Erstwasserung in Concarneau ein weiterer Rekordjäger vorgestellt, der in den nächsten Monaten und Jahren Schlagzeilen machen wird. Garantiert!

Nur wenige Wochen nach der Wasserung der neuen Banque Populaire, hatte die Szene eigentlich einen Ultim-Trimaran erwartet, der „Banque Pop“ zumindest gleichen dürfte. Schließlich ist die Ultim-Community klein, es sind bei nahezu allen Booten die gleichen Design-Büros am Werk oder zumindest teil-integriert und überhaupt arbeitet man beim Bau dieser futuristisch anmutenden Meeres-Raketen noch relativ eng zusammen. Zu viele Unbekannte sind in der Gleichung „Ultim-Triamaran“ noch vorhanden. 

1. anders, 2. als man denkt.

Da erstaunte es umso mehr, dass Gabart einen Renner präsentierte, der in dem von der Ultim-Klasse vorgegebenen Rahmen nochmals ganz anders aussieht, als die bisherigen Trimarane dieser Größenordnung. Nach „Gitana/Baron de Rothschild“, ein Ultim der trotz hervorragender Leistungen optisch immer etwas schwerfällig wirkt, nach „Sodebo“ mit seinem aufsehenerregenden Cockpit VOR dem Mast und nach Banque Populaire, der im Design größtenteils an den zuvor nach Kenterung völlig zerstörten vorherigen BP-Timaran angelehnt wurde, hing nun ein völlig neues Konzept am Haken. 

Oder um es anders zu formulieren: Dieser Ultim-Trimaran hat vielleicht mehr von einem Flugzeug als von einem Boot. Denn Francois Gabart stand noch voll unter dem Eindruck seiner Weltrekord-Einhand-Weltumseglung (2017), als er sich maßgeblich in die Risse des neuen Ultim-Trimarans einbrachte. Wichtigster Aspekt für Gabart: Auch die Zukunft der Ultim-Trimarane liegt ÜBER der Wasseroberfläche! Nur mit ruhiger Foil-Flug-Stabilität und entsprechend langen Phasen ÜBER der Wasseroberfläche werden in Zukunft noch Rekorde gebrochen. Merke. Wasser bremst beim Segeln nur!

War gut was los bei der Wasserung © merconcept

Eine Erkenntnis, die sich selbstverständlich auch bei den anderen Neubauten durchsetzte, schließlich versuchen alle so oft wie möglich ihre Monster auf die Foils zu heben um bis zu 20 Prozent höhere Geschwindigkeiten dank geringerem Wasserwiderstand zu segeln. 

Aerodynamik!

Doch auf keinem anderen Boot wurde das Thema „Fliegen“ so konsequent umgesetzt, wie ausgerechnet auf dem Ultim, der am Längsten im Bau war. Man habe sich dabei weniger auf den „Shape“ der Foils gestützt, berichtet Gabart. Die könne man schließlich immer mal wieder ersetzen, wenn man mit ihrer Performance nicht zufrieden ist. Nein, man sei das Thema Fliegen eher klassisch angegangen. 

Wie im Science Fiction Film © merconcept

So besticht der neue Ultim SVR Lazartigue durch… Aerodynamik! Am und unter dem Hauptrumpf sind einige aerodynamische Formkonzepte aus dem Flugzeugbau eingeflossen.Die Querverbindungen erinnern ganz bewusst an Flügel. Zudem achtete man darauf, dass möglichst geschlossene „Bauten“ den Trimaran prägen. Es sei wie beim Fahrrad fahren, erklärt Gabart. Wer langsam fährt, kann sich egal wie auf den Sattel setzen. Je schneller man fährt, muss die Position des Fahrers aerodynamischer werden. Und da wir schnell über den Wellen segeln wollen, müssen wir eben aerodynamisch sein! 

Alles geschlossen

Der folgerichtige Clou: Es gibt nur noch ein extrem kleines Cockpit im achteren Bereich für Hafenmanöver, denn der Ultim SVR Lazartigue wird zu 99 Prozent aus einem geschlossenen Cockpit heraus gesteuert und manövriert. 

Dies seien Erkenntnisse, die er aus seinen Zeiten bei den IMOCA (Vendée Globe-Sieg) und aus seinen Rekordfahrten auf dem Ultim Macif eingebracht habe. Wer häufig den gnadenlosen Fahrtwinden und viel Gischt ausgesetzt sei, segele weniger konzentriert. Außerdem sei man im Inneren einer geschlossenen Kapsel deutlich sensibler für Bewegungen und Geräusche des Bootes. Nur zwei Kuppeln, die denen von Flugzeugen des Zweiten Weltkriegs ähneln, gewährleisten die Sicht für den Steuermann und die Wache. Und überhaupt, so Gabart weiter zum Thema „geschlossenes Cockpit“, fühle man sich nach einer letztendlich ja dennoch möglichen Kenterung in einem hoffentlich weiter intakten, geschlossenen Cockpit sicherer als irgendwo da draußen zwischen den Elementen.

Stolz: das MerConcept-Team © merconcept

Ein wichtiger Aspekt für allerhöchste Geschwindigkeiten – Gabart will bei günstiger Wetterlage lange Strecken im 45-Knoten-Durchschnittsbereich segeln – ist das Gewicht dieses neuen Ultims. 

SVR Lazartigue wiegt mehr als eine Tonne weniger als die Banque Populaire. Man sei im leichtestmöglichen Bereich geblieben, erklärt Gabart weiter. Schließlich stand das Entwicklungsteam nicht unter einem Schock wie etwa die Banque Populaire-Crew, die erlebt hatte, was aus dem vorherigen BP-Ultim wurde, nachdem er ein paar Tage lang nach Kenterung von den Atlantikwellen bearbeitet wurde. 

Eingespart wurde das Gewicht offenbar bei kürzeren Schwimmern (im Vergleich zu BP). paradoxerweise ergibt das aber mehr Stabilität für die Schwimmer: Sie konnten jetzt in einem Stück unter Hochdruck im größten Karbonofen der Szene gebacken werden. BP musste jedenfalls zwei Schwimmer-Hälften aneinander kleben. 

Auf der Überholspur – vor dem ersten Test

Aerodynamik, leichtes Gewicht, ausgeklügelte Foil-Systeme, besseres Handling im geschlossenen Raum – mal ganz ehrlich: Noch cooler kann man wohl kaum (erneut) die Rekordszene aufmischen, oder? Gabart sieht sich jedenfalls jetzt schon auf der Überholspur, obwohl noch nicht mal die ersten „Testflüge“ absolviert wurden. „Das Konzept kann nur gewinnen. Noch nie gab es einen Ultim-Trimaran, in den so viele wissenschaftliche, technische und eben auch in der Praxis auf See erworbene Erkenntnisse einflossen.“ Die ersten Vergleiche mit den anderen Ultims werden es zeigen. 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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