Ultim-Trimarane: Französisches Sponsoren-Kollektiv puscht die Klasse – Vorbild für andere?

Big Business auf drei Rümpfen

Route du Rhum

Gitana vor Macif und Banque Pop kurz nach dem Route du Rhum Start. © Yvan Zedda RdR2018

Eigentlich dachten nach 2018 viele: Das war’s mit der spektakulären Ultim-Klasse. Doch die Macher im Hintergrund waren schon viel weiter: Business is good for sailors!

Galt 2017 noch als ein ausgesprochen glorreiches Jahr für die Ultim-Trimarane (Francois Gabart schaffte auf „Macif“ einen fulminaten Weltrekord mit seiner Einhand-Solo-Weltumseglung), so war das letzte Jahr bekanntlich kein einfaches. Geprägt von schweren Havarien und Total-Verlusten stand die Klasse der riesigen Trimarane (alles französische Projekte) nahezu vor dem Aus. 

Vor allem die letzte Route du Rhum machte der Ultim-Class zu schaffen: Banque Populaire mit Skipper Armel Le Cleac’h kenterte zum zweiten Mal in 2018, nachdem sie im Frühjahr bereits bei Trainingsausfahrten vor der marokkanischen Küste koppheister ging. Diesmal zerlegten die Wellen des Atlantiks den Trimaran vollständig in Kleinteile. Was man nach der glücklichen Abbergung des Skippers später noch wiederfand, hatte nur noch entfernt Ähnlichkeit mit einem Boot. 

Gabart, Macif, Weltrekord

Ritt auf dem Monster © macif

Auch Sebastien Josse musste mit seiner Baron de Rothschild die Regatta aufgeben, nachdem ihm der Bug seines Steuerbordschwimmers mal eben schnell von einer Welle abgerissen wurde. Und Thomas Coville fuhr mit seiner Sodebo einen Nothafen an, nachdem ihm eine Querstrebe zwischen Hauptrumpf und Schwimmer gebrochen war. 

Dass sich dann Francois Gabart (Macif)  quasi auf den letzten Metern noch den Sieg vom alten Kämpen Francis Joyon auf der uralten IDEC wegschnappen ließ, hatte ebenfalls mit Havarien zu tun. Die Macif war zuletzt nur noch mit Backbord-Foil und einem Steuerbord-Ruder unterwegs. 

Die einen zittern, die anderen handeln

Totalverlust, Havarien, extrem teure und aufwändige Reparaturmaßnahmen – die Nerven lagen bei allen Beteiligten blank. Der Start für die seit Jahren angekündigte Einhand-Weltumseglungsregatta Brest Oceans wurde von November 2019 auf das Jahr 2023 verschoben. Offizieller Grund: Es seien nicht genügend Ultim-Trimarane für solch eine Extrem-Regatta einsatzbereit. Inoffizieller Grund: Nur sehr wenige Skipper fühlten sich mangels ausreichend Training überhaupt in der Lage, so eine Regatta einhand um den Globus zu stemmen. 

Ultim Klasse, Sponsoring, Sponsor, Kollektiv

Die “alte” Sodebo © sodebo

In diesen Zeiten galt es speziell für die Entscheider im Hintergrund, ruhig Blut zu bewahren. Während man sich „draußen“ den Mund fusselig redete und die wildesten Gerüchte über den Niedergang der Ultims verbreitete, agierte man hinter den Kulissen schlicht professionell. 

Bereits 2013 hatten sich die größten Geldgeber respektive Sponsoren der Ultim-Klasse – Banque Populaire, Macif und Sodebo – zu einer Art Kollektiv zusammengesetzt. 2015 gesellte sich „Groupe Actual“ dazu und Anfang 2019, nachdem man sich von Gitana-Skipper Sebastien Josse im Streit getrennt hatte, wurden auch die Bosse von „Baron de Rothschild“ Mitglied im Club der Ultim-Entscheider. 

Schon zu Beginn 2018 hatte der französische Segel-Dachverband zugestimmt, dass dieses Kollektiv auch die Ultim-Klasse führen darf. Ein Novum In der Segelwelt: Die größten Sponsoren bilden auch gleich das „Hirn“ der Klasse unter dem Namen Ultim 32/23 .

“Banque Populaire”, als es ihr noch gut ging. © zedda

Motto dieses Klassen-Kollektivs: Die Ultim-Trimarane zu fördern und zu unterstützen. Und das erstaunlicherweise mit ethischen Mitteln wie Transparenz , Ehrlichkeit und regem technischen Austausch. 

Liest sich das ein wenig pathetisch? Mag sein, ist aber letztendlich der Grund, warum die Ultim-Klasse nur wenige Monate nach ihrem schlimmsten Jahr nun wieder reichlich Aufwind verspürt.  

Methoden: Transparenz, Kommunikation, Zusammenhalt

Geführt wird das Kollektiv in etwa wie der Vorstand eines großen Unternehmens. Man trifft sich regelmäßig, beredet anstehende Probleme, tauscht technische Fortschritte untereinander aus. Mit dabei sind meist die Skipper der Boliden, also Armel Le Cleac’h, Thomas Coville, Yves Le Blevec und Francois Gabart. Die bringen dann auch gleich ihre Werftchefs mit, die wiederum technische Details miteinander bereden. Denn allen Beteiligten ist klar: Technisch muss die Klasse so weit auf die Beine, pardon: Foils kommen, dass die Boliden sicher gesegelt werden können und möglichst am Stück und nicht „geschnitten“ wieder zurück in den Hafen humpeln oder gleich auf See bleiben. 

Banque Populaire

Die traurigen Reste der “Banque Populaire” in Vigo. © Ultim

Die Intention der Sponsoren und Geldgeber hinter alledem ist klar. Sie wollen sicher gehen, dass ihre Gelder gewinnbringend eingesetzt werden. Und das geht nur mit einem Maximum an Transparenz untereinander. Die Jahre der Geheimniskrämerei und Tüftelei an versteckten Orten etwa während dem Bau von Rothschilds Gitana oder der Banque Populaire haben letztendlich keinem Vorteile gebracht. 

Für 50.000 Euro per anno im Kollektiv

Das Ansinnen der Sponsoren ist verständlich, denn es werden reichlich Gelder eingesetzt. Der Mitgliedsbeitrag im Kollektiv beträgt für jede Kampagne erstmal 50.000 Euro per anno. Peanuts im Vergleich zu den Summen, die sonst noch ausgegeben werden. So werden bei Sodebo 2,5 Millionen Euro, bei Macif 5,5 Millionen Euro in vier Jahren investiert. Wohlgemerkt ohne Baukosten für einen neuen Trimaran. Der kann dann richtig teuer werden: Das neueste Ultim-Exemplar, Covilles Sodebo 3, soll 10 Millionen Euro gekostet haben. 

Die gute alte IDEC Sport © IDEC

Das Ganze soll natürlich Gewinn bringen oder zumindest die Kosten wieder reinholen. Was dann nach einhelliger Meinung aus dem Ultim-Kollektiv nur möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen. Die spätere sportliche Konkurrenz auf dem Wasser steht dann auf einem ganz anderen Blatt. 

Dass sich solche Investments amortisieren und sogar reichlich Gewinn bringen können, wurde in der französischen Hochseeszene schon viele Male deutlich. Zum Beispiel bei Macif: Die Versicherungs- und Banken-Gruppe investiert bereits seit 30 Jahren in den Segelsport. Vor zehn Jahren setzte man „massiv“ auf Francois Gabart, ein für die Szene ungewöhnlich junger, aber höchst talentierter und vor allem aber charismatischer Shootingstar des französischen Segelsports. Nach seinem Sieg bei der Vendée Globe wurde die Versicherungsgruppe Macif zum beliebtesten Versicherer der Franzosen gewählt. Statistisch wurde eindeutig nachgewiesen, dass das Eine mit dem Anderen zu tun hatte. Ohne wenn und aber. 

Coville auf seinem neuen ultra flachen Cockpit-Dach. © Sodebo

Und als François Gabart den Solo-Weltrekord in 42 Tagen brach, war auch der Return on Investment signifikant: Macif erreichte vom 1. September bis 31. Dezember 2017 über 21 Millionen Euro Werbeäquivalenz und vom 1. September bis 31. Dezember 2017 über 21 Stunden TV-Berichterstattung (Zitat und/oder Sichtbarkeit der Marke).

Doch letztendlich ist es bei der Hochseesegelei genauso wie im Big Business: Man investiert in Neues, in den meisten Fällen klappt das, aber eben nicht immer. Entsprechend vorsichtig, aber auch weitsichtig muss man sein Engagement insbesondere bei unberechenbaren Sponsorships wie die Ultim Trimarane angehen.

In der französischen Szene ist man jedenfalls ausgesprochen froh und beruhigt über das Engagement dieses Sponsoren-Kollektivs Ultim 32/23. Deren professionelle Vorgehensweise sichert reichlich Arbeitsplätze und bringt die Hochseesegelei deutlich weiter. Wenn dann auch noch richtig Geld verdient wird, ist das allen Beteiligten zu gönnen. 

Aktueller Rennkalender Ultim-Klasse

2019

Tour de Belle-Ile

Armen Race

Rolex Fastnet Race

Brest Atlantiques: neues Zweihand-Rennen, nonstop von Brest nach Brest über Brasilien und Kap der Guten Hoffnung // Start November 2019

2020

The Transat

Rekordfahrten (Jules Verne (im Team) oder Saint-Exupéry (solo))

2021

The Arch – Tour d’Europe (Start in Hamburg!)

Weltumseglung im Team, mit Start im Mittelmeer

Route du Rhum

2022

Rückkehr der Weltumsegler

Route du Rhum

2023

Transatlantik-Rennen, Start in Brest

Brest Oceans, Einhand-Nonstop-Weltumseglung 

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Ultim-Trimarane: Französisches Sponsoren-Kollektiv puscht die Klasse – Vorbild für andere?“

  1. avatar Breizh sagt:

    Wie immer ein sehr interessanter Einblick in die französische Offshore Szene. Gerne mehr davon.

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

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