Ultim-Trimarane: Nach dem Route du Rhum-Desaster droht das Aus – Welt-Regatta abgesagt

Auf Schwimmers Schneide

Welche Konsequenzen hat der Totalverlust von Banque Populaire?  Lernen die anderen Rennställe aus den Fehlern? Welche Rolle die Sponsoren spielen.

Wird derzeit der Abgesang einer faszinierenden Klasse eingeläutet? © zedda

In der Französischen Hochseeszene überlagert derzeit ein Thema alle anderen: Was wird aus der Ultim-Klasse? Die spektakulären,30 Meter langen Hochsee-Trimarane erlebten bekanntlich während der Einhand-Transatlantik-Regatta „Route du Rhum 2018“ ein wahres Desaster: Total-Verlust nach Bruch eines Auslegers und anschließender Kenterung („Banque Populaire“ mit Armel le Cleac’h), Aufgabe wegen massivem Schaden am Schwimmer („Gitana“, mit Sebastien Josse), Ruderbruch und Verlust des Steuerbord-Foils („Macif“ mit Francois Gabart, dennoch Zweitplatzierter) und Aufgabe wegen diverser technischer Probleme, u.a. Riss im Beam („Sodebo“ mit Thomas Coville). SR-Berichte

Neben dem Sieg des alten Haudegens Francis Joyon auf „Idec“, dem ältesten der einigermaßen konkurrenzfähigen Ultim-Trimarane in dieser Regatta, können alle Beteiligten rund um die Ultim-Klasse der RdR nur einen positiven Aspekt abgewinnen: Zum Glück sind keine Menschenleben oder schwere Verletzungen zu beklagen (SR-Bericht: „Traurige Überreste“).

Ein Mantra für Hochseeskipper

In der Zwischenzeit haben sich die Verantwortlichen aus der Ultim-Klasse, die beteiligten Bootsbauer und Design-Büros sowie die Skipper und deren technische Teamleiter zu mehreren intensiven Gesprächen getroffen. Bei diesen „Trouble-Meetings“ zeigten sich die Beteiligten begeistert, dass alle Rennställe unbeeinflusst vom bisherigen Konkurrenzdenken „die Hosen runtergelassen“ und Einblicke in ihre jeweiligen Problemwelten gegeben haben.

Gitana 17 mit Skipper Sebastien Josse wurde ebenfalls schwer angeschlagen bei der Route du Rhum 2018 © Stichelbault/Gitana

Dabei sei u.a. bestätigt worden, was man in der Szene schon lange munkelt: Einige der Boote, und darunter wohl auch die beiden neuesten Trimarane „Gitana“ und „Banque Populaire“, segelten mit langen Listen an Unwägbarkeiten los. „Hält es oder hält es nicht?“ sei das Mantra der meisten Ultim-Skipper dieser Regatta gewesen.

Schwimmer-Bruchstück von Gitana 17, das vor wenigen Tagen an einem Strand in England angeschwemmt wurde und nun offenbar wieder eingesetzt werden soll © gitana

Kurz: Einhand-Segeln auf Ultim-Trimaranen ist offenbar ein Lotterie-Spiel, bei dem die Klasse während dieser RdR haushoch verlor.

Als logische Konsequenz machten sich die Teammanager zunächst Gedanken über anstehende Regatten. So winkten zunächst die Macher des „jüngsten Kindes“ in der Ultim-Serie ab: Die erst im Sommer 2018 angekündigte Ultim-Regatta „Lorient – Bermudas – Lorient“, die man für 2019 zum „Warmlaufen“ für die um-die-Welt-Regatta „Brest Ocean“ ins Leben gerufen hatte, wurde auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben. Lapidarer Kommentar der Organisatoren im Regattahafen „La Base“: „Wo keine Schiffe, da keine Regatta!“

Brest Ocean vorerst abgesagt

Das trifft im Prinzip auch auf die spektakuläre und entsprechend vollmundig angekündigte Regatta „Brest Ocean“ zu. Die sollte im November oder Dezember (über das Datum war man sich zuletzt noch nicht einig) 2019 von Brest aus starten. Einhand im Regattamodus auf Ultim-Trimaranen um die Welt – „man muß den Fans heute schon Bescheuertes bieten, um Erfolg zu haben“ äußerte sich kürzlich Ultim-Skipper Yves le Blevec („Actual“) zu dem Thema. Auf diese Regatta zielten die Ultim-Neubauten ab. Sie wurde nun definitiv verschoben. Es gibt noch kein neues Datum.

“Banque Populaire”, als es ihr noch gut ging. © zedda

Denn nach dem Schock der RdR steht und fällt alles in dieser medienträchtigen, spektakulären Klasse mit den Antworten auf zwei Fragen:

1. Wann werden die Boote mit ihren neuentwickelten Tragflächen-Systemen so sicher und robust sein, dass sie tatsächlich eine Nonstop-Weltumseglung in allen Wetterlagen durchstehen?

2. Werden die Sponsoren, die den Bau neuer Trimarane (ca. 9 bis 15 Millionen Euro) und die „Nebenkosten“ einer laufenden Kampagne (ca 1,2 Millionen per anno) finanzieren sollen, tatsächlich „am Ruder bleiben“? Oder lässt man etwa die Klasse geflissentlich aus dem Ruder laufen?

Die Formen der anderen

Aus den Reihen der technischen Teams und Preparateure ist jedenfalls zu vernehmen, dass man noch weit davon entfernt sei, die Foil-Technik auf den neuen Ultim-Designs tatsächlich zu beherrschen. Wohlgemerkt: technisch, denn was die Skipper später draußen auf den Ozeanen mit Foils und den riesigen Booten anstellen und ob diese Technik auf solchen Giganten der Meere überhaupt beherrschbar sein kann, ist ein anderes Thema.

Armel Le Cleac’h hat seit seinem Wechsel von der IMOCA in die Ultim-Klasse kein Glück als Skipper © zedda / BP

Deshalb treffen sich derzeit die Technik-Leiter der einzelnen Teams offenbar regelmäßig zum Austausch brisanter Themen – ein Novum in der Szene.
So ist zu vernehmen, dass sich ganze Techniker-Gruppen aus unterschiedlichen Rennställen stirnrunzelnd neben dem Rumpf des „Sodebo“-Neubaus versammelt haben.

Denn der jüngste Ultim-Trimaran, dessen Jungfernfahrt für Februar/März 2019 angedacht ist, wurde (aus Kostengründen) in essentiellen Bereichen wie etwa bei den Schwimmern und Querverstrebungen aus den „Banque-Populaire“-Formen „gebacken“. Genau die Bereiche, die bei „Banque Populaire“ während der Route du Rhum nicht gehalten haben.

“Macif” im Schnitt 6 Knoten schneller mit Foils

Ein weiterer technischer Aspekt, der allgemein Sorgen bereitet, ist das Leistungspotential, das in diesen Monstern der Meere steckt. So berichtete etwa Francois Gabart bei einem der anfangs erwähnten Treffen, dass er selbst mit relativ unaufwändigen Modifikationen an seinem Boot (während des letzten Sommers) ein Leistungsplus von 5-6 Knoten erreicht habe. Erfreulich, für den Regattasegler… aber hält die Struktur eines Trimarans so etwas auf Dauer durch?

Die Ultim-Flotte in Brest. Banque Populaire beim Einparken. © Courcoux /RdR

© Courcoux /RdR

Überhaupt scheint die Liste der Modifikationen oder Innovationen an den Trimaranen, die man unweigerlich nur durch lange Versuchs- und Trainingstörns auf den Ozeanen beobachten und testen kann, unverhältnismäßig lang. Ein Problem, das übrigens nicht nur die Ultims kennen, sondern auch die IMOCA der neuesten Generation wie etwa „Charal“.

Man brauche also Zeit, ist überall in Frankreich zu hören und zu lesen. Doch diese Zeit geht eben zu Lasten bereits angesagter Regatten. Für die reichlich Gelder ausgegeben und andere Events verschoben oder gar nicht erst ins Leben gerufen wurden.

Doch spektakuläre Boote wie die Ultim-Trimarane brauchen Rennen, mit denen sie auf sich aufmerksam machen können. Und nur wo Publicity garantiert ist, da tummeln sich auch die Sponsoren. Anders formuliert: Keine Regatten, keine Sponsoren, keine Ultim-Trimarane.

Gibt es überhaupt Auswege?

Ein Teufelskreis, in dem sich derzeit vor allem Armel le Cleac’h und sein Team befinden. Denn deren Sponsor „Banque Populaire“ hat sich nach dem Totalverlust des nur 1,5 Jahre Jahre jungen, 12 Millionen Euro teuren Trimarans offenbar zur Meditation über den Sinn und Unsinn eines solchen Sponsorships in Klausur begeben. Jedenfalls dringt aus den Reihen der französischen Volksbank konsequent nichts nach außen, „man wolle sich für eine Entscheidung bis ins neue Jahr hinein Zeit nehmen“.

Eine wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung dürften dann erneut die Termine großer, publikumsträchtiger Regatten spielen. Denn für den Bau eines neuen Trimarans muss mindestens ein Jahr veranschlagt werden und eine Vorbereitungsphase auf dem Wasser von 1 bis 1,5 Jahren gilt mittlerweile als realistisch.

Wenn dann in der Zwischenzeit die vielleicht spektakulärste Regatta auf Ultim-Trimaranen veranstaltet wird, die aus Sponsorsicht so ein Projekt überhaupt erst rechtfertigt, dann stellt man sich als kühler Bankier schon gewisse Fragen.

Die Präsidentin spricht

Womit schließlich Patricia Brochard eine Art Schlüsselrolle übertragen wurde. Sie ist Geschäftsführerin des Unternehmens „Sodebo“, das wiederum „Hauptsponsor“ der Vendée Globe ist (die auf IMOCA ausgetragen wird) und gerade für Thomas Coville einen neuen Ultim Trimaran bauen lässt. Brochard engagierte sich im Besonderen für das Rennen „Brest Ocean“ und fungiert als Präsidentin der Ultim-Klassenvereinigung. Kurz, bei Madame Brochard laufen eine Menge Fäden zusammen.

Patricia Brochard, Chefin bei „Sodebo“ (Hauptsponsor der Vendée Globe) und Präsidentin der Ultim-Klasse © vendée globe

Was ihren Job, einen neuen Termin für „ihr Kind“ Brest Ocean zu finden, nicht einfacher macht. Nach mehreren Meetings innerhalb der Klasse stellte sie nun einen möglichen Termin für die Premiere von „Brest Ocean“ im Spätjahr 2021 zur Diskussion und gewissermaßen auch in Aussicht. Ein Zeitraum, der für den eigenen Neubau „Sodebo“, aber auch für den anstehenden „Macif“-Neubau perfekt wäre, jedoch bei Banque Populaire wieder für zeitlichen Stress sorgen dürfte.

Doch ist ein anderer Termin überhaupt machbar? 2020 wird die Vendée Globe die Gemüter der Segelfans erfreuen, 2022 wird die Route du Rhum allen anderen Regatten die Show stehlen. Andere Ausweichtermine, wie etwa die zweihand gesegelte Transat Jacques Vabre, standen kurz zur Diskussion – dort hat man allerdings schon abgewunken: „Die Ultims würden den anderen Klassen wie IMOCA und Class 40 die Show stehlen,“ sagen die Organisatoren des TJV. „Und das können wir wirklich nicht gebrauchen!“

Noch kein festgelegtes Datum für ein Event, ohne das die Ultim-Klasse wahrscheinlich langfristig nicht überleben wird und ein offensichtlich zögernder Hauptsponsor eines essentiellen Rennstalls – bei einer potentiellen Flottenstärke von sechs Booten werden die kommenden Wochen entscheidend sein. Bleibt zu hoffen, dass mit dieser desaströsen Route du Rhum nicht mittelfristig der Abgesang einer innovativen und höchst spektakulären Klasse eingeläutet wird.

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Ultim-Trimarane: Nach dem Route du Rhum-Desaster droht das Aus – Welt-Regatta abgesagt“

  1. avatar Tom sagt:

    Ich hoffe wirklich die ultime Klasse überlebt dieses Debakel und kann daraus etwas lernen. Sodebo hat wohl ein riesiges Problem falls Banque Pop wirklich nicht stabil genug ausgelegt war. Dann wäre der Neubau direkt überarbeitungsbedürftig bevor er überhaupt aufs Wasser kommt. Bei macif dürfte es noch möglich sein in das Design einzugreifen. Das alles wird allerdings wahrscheinlich hinfällig sollte Banque Pop aus dem Sponsoring aussteigen, damit ginge ein Topteam verloren und bei den anderen Sponsoren würde es sehr wahrscheinlich auch zum Nachdenken anregen. Die Teams müssen jetzt definitiv eng zusammenarbeiten und eins stabile Basis entwickeln mit der die Boote halten und Neubauten robuster werden. Bei der nächsten kenterung mit Totalverlust wäre es wohl leider entgültig vorbei.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

  2. avatar Breizh sagt:

    Endlich mal wieder ein Artikel mit Neuigkeiten und inhaltlichen Tiefgang.

    Es ist der Klasse zu wünschen, dass sie überlebt und noch durchstartet. Denn schon im Hafen sind diese Riesen wahnsinnig aufregend und wenn sie ersteinmal draußen sind, unbeschreiblich incroyable.

    Nach den ganzen Diskussionen und Erlebnissen der RdR kann man die Leistung von François Gabart bei seiner Tour du Monde erst richtig wertschätzen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 14 Daumen runter 0

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