VALSO: 20 IMOCA auf dem Weg gen Island – SR live (fast) dabei!

Immerhin die gleiche Gischt geschmeckt

Ganz so locker ging es diesmal für manche Pressevertreter nicht ab beim Start der VALSO. Doch selbst wenn man nicht auf Tuchfühlung „dran“ ist – dabeisein ist alles! 

Jeremie Beyou hatte schon iommer

Was mache ich hier? Was zum Teufel hab’ ich mir dabei gedacht? Wir stampfen mit 12 Knoten Speed auf einem 7-m-Motorboot durch 1,5 bis 2,0 m hohe Wellen. Hinter uns liegt das in Seglerkreisen weltberühmte Les Sables d’Olonnes, vor uns in gefühlt weiter Ferne 20 IMOCA, deren Masten wie Streichhölzer den Horizont spicken. Die IMOCA haben nur das Groß gesetzt, in der Vorstartphase bei ca. 15 -17 kn Wind will keiner irgendwelche Risiken eingehen. Die Vorsegel werden erst im letzten Moment ausgerollt – auf diesen 60-Fuß-Rennern ist es eher unüblich, sich um optimale Startpositionen zu prügeln, wenn noch 3.600 Seemeilen Rennen vor den Seglern liegen.

Was mache ich hier?

Unser Motorboot-Skip ist einer der vielen Einheimischen, die sich jedes Jahr für alle möglichen Regatten als Helfer zur Verfügung stellen. Letztes Mal sicherte er die Startlinie, dieses Mal werden eben Pressemenschen kutschiert. Hauptsache dabei!

Kaum aus dem berühmten Chenal heraus gefahren, dort wo sich normalerweise die Hochseehelden in einer Parade von Zehntausenden Fans feiern lassen, zeigt der Atlantik Zähne. Zumindest für uns arme Würstchen in dem heftig schaukelnden und geigenden Motorboot. Der junge Kollege neben mir schaut bereits konzentriert ins Innere einer aufgefalteten Kotztüte, der eine oder andere zuvor ziemlich laute Journalist unter uns wird auffallend ruhig. Trotz Ölzeug sehen wir alle bald aus wie begossene Pudel. 

Kaum mehr als ein Fliegenschiss auf der Linse – Start der VALSO unter ungünstigen Bedingungen für gewisse Fotografen © miku

Was mache ich also hier? Warum bin ich nicht einfach an Land geblieben? Die Organisation des VALSO (Vendée-Arctique-Les Sables d’Olonnes), der letzten Qualifikationsmöglichkeit für die Vendée Globe, hatte Live-Übertragungen im Pressecenter und online zur Verfügung gestellt. 

Muss ich dabei sein? Ich muss!

Der Autor dieser Zeilen hätte ganz lässig virtuell dabeisein können, hätte vielleicht der Authentizität halber zwischendurch mal einen Blick durchs Fenster rüber zum Hochseesteg der Vendée Globe geworfen, wo derzeit als einzige größeres Boot der Vulkan-Expeditions-Renner von Norbert Sedlacek liegt. 

Aber nein, ich wollte ja unbedingt Salzwasser schmecken, die gleiche Gischt spüren, die auch Isabelle Joschke oder Boris Herrmann fühlen, wollte mir den Wind um die Ohren wehen lassen und eben… dabei sein. 

Gerade noch fertig geworden: Occitane mit klar erkennbarer Stelle, wo der Bug repariert wurde © classe imoca

Vielleicht hätte ich doch auf die außerordentlich nette Presseverantwortliche der IMOCA-Klasse hören sollen. Die meinte noch kurz vor Abfahrt der Presseboote zu mir: „Da draußen ist richtig Seegang, da geht’s ab! Warum willst Du Dir das antun?“ Und könnte sein, dass ich in dem Moment eingelenkt hätte (schließlich habe ich bereits einschlägige Erbrechens-Erfahrungen gemacht/SR-Artikel), hätte sie nicht den Zusatz gebracht: „In Deinem Alter!“ Moment mal, was hat denn anständiger „Vor-Ort-Live-dabei“-Journalismus mit Alter zu tun? Eben! 

Nausea und die Startlinie

Und jetzt sind wir also unweit der Startlinie. Der eben erwähnte Kollege faltet bereits die zweite Tüte auf, einer der anderen Jungs wechselt gerade die Gesichtsfarbe von Grau nach Grün. Noch geht bei mir alles gut, ich kann mich ja schließlich aufs Fotografieren konzentrieren. Und Konzentration hilft bekanntlich bei akuter Nausea, vulgo:Seekrankheit.

Doch mit dieser Konzentration ist das so eine Sache. Denn immer dann, wenn unser Boot sich auf einen Wellenrücken wuchtet und ich für einen Moment freie Rundumsicht habe… ist weit und breit nichts zu sehen! Doch, ganz da hinten, am Horizont, da rollen sie gerade ihre Vorsegel aus. Noch 10 Minuten bis zum Start und wir sind mindestens 1,5 Seemeilen von der Flotte entfernt. Wie übrigens zwei andere Presseboote auch, die unweit von uns gerade einige ihrer Passagiere über die Reling erbrechen lassen. 

Beinahe hätten wir (vor dem Start) als UFO für Charal hergehalten. Beinahe…

Unser Skipper – wie gesagt: Startlinien-erfahren – wollte uns supergenau in der Verlängerung derselben platzieren. Nur haben wir vor lauter Seegang, Auf und Ab, Gewürge und Gedöns nicht darauf geachtet, dass er sich in Lee platziert. Und die gesamte Flotte oben von Luv über die Startlinie brettern will und wird. 

Ziemlich doof platziert

Mal eben schnell über durch die No-Go-Zone Richtung Flotte rasen? Der Schiri zeigt schon mit dem Daumen nach unten und ruft seinem Kumpel an unserem Steuer über Funk zu: „Wehe, Du fährt auch nur einen Meter in die Zone! Dann kannst du was erleben!“ 

Also liegen wir – weiterhin exakt in der Verlängerung der Startlinie – quer zur See, das Boot schaukelt, die Wellen machen mit uns was sie wollen und die Stimmung an Bord sinkt im freien Fall. Fotografieren? Selbst mit der langen Linse ist kein Boot größer als ein Fliegenschiss auf der Linse. Und dann hören wir den Countdown über Funk, bis hin zum obligatorischen „Top Depart“. 

Schöner Start von Isabelle Joschke, wenn auch Charal in Luv einfach vorbei zog © classe imoca

Da segeln sie dahin, die Heldinnen und Helden der IMOCA-Szene. Für uns nicht auseinander zu halten, weit weg am Horizont. Ein paar Meilen Richtung Süden, dann eine Wendeboje die – Achtung: Pandemie – Pasteur-Boje heißt und dann ab Richtung Norden, respektive Island. 

Die Helden des Segeljournalismus haben nichts davon mitgekriegt, dass die Boje der Startlinie noch relativ spät verlegt wurde, dass alle 20 IMOCA problemlos aus der Startphase heraus kamen ud Isabelle Joschke einen klasse Start hinlegte. Wir haben nicht beobachtet, wie ausgerechnet Lokalmatador Arnaud de Boissiere auf seiner „Mie Caline“ mal eben schnell aus der Flotte ausschert und die erste, obligatorisch zu rundende Boje geflissentlich an Backbord liegen lässt, um sich später dann wieder genau dort einzureihen, wo er vorher das Feld verlassen hat. 

Was zählen schon Platzierungen nach 2 Stunden?

Schon nach zwei Stunden scheint die Hackordnung im Feld geklärt: Charal (Jeremie Beyou), Linked Out (Thomas Ruyant), Apivia (Charlie Dalin), l’Occitane (Armel Tripon) und Arkea-Paprec (Sebastien Simon) bringen sich in Stellung. Boris Herrmann auf Rang 7, gefolgt von Isabelle Joschke auf Rang 8. Aber was sagen schon Platzierungen auf den ersten Seemeilen bei einem 3.600 Seemeilen-Rennen? 

DMG Mori – endlich in Action! © classe imoca

Epilog. Zurück im Presse-Center wird deutlich, wie ungerecht die Welt doch sein kann. Die Kollegen, die das Los auf ein Fischerboot verschlagen hat und die wir alle bedauerten (ey, mit dem Fischgestank kommst du aber nicht mehr ins Pressecenter) waren göttlich in Luv der Startlinie platziert und schaukelten am Wenigsten. Andere hatten ähnliches Pech wie wir, ein Boot kehrte schon bald nach dem Auslaufen wieder zurück. Dort hatte offensichtlich die Seekrankheit besonders übel zugeschlagen. 

Dabei gewesen!

Und der SegelReporter, der sich so gerne an der Front tummelt? Fotos gab es keine brauchbaren, aber die Fische wurden von ihm auch nicht gefüttert. Und als wir durch den berühmten Chenal wieder zurück in Richtung Hochseesteg fuhren, war eigentlich schon wieder alles im Lot: Salzwasser geschmeckt, ordentlich nass geworden, die gleiche Gischt gespürt wie die IMOCA -Helden… also irgendwie doch dabei gewesen! 

Unbedingt weiter verfolgen: 

VALSO WEBSITE MIT TRACKER

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

3 Kommentare zu „VALSO: 20 IMOCA auf dem Weg gen Island – SR live (fast) dabei!“

  1. avatar alikatze sagt:

    Ach, Monsieur Künst,
    ich hab mir die live-Bilder angeschaut und mich über die Boliden gefreut. Und Dank Deines schön geschriebenen Artikels, schmecke ich fast ein wenig Salz auf meinen Lippen. Ich lese Dich sehr gerne.
    Nun sitze ich virtuell im Cockpit und schaue mal, was geht. (So ganz traue ich den Algorithmen noch nicht…)
    Fröhliche Grüße an den Atlantik

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar Sailsmanager sagt:

    Sitze gerade in Tribute bei einem Muscadet. Allen da draussen gutes Gelingen.

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  3. avatar Sailsmanager sagt:

    Sitze gerade in Trinite bei einem Muscadet. Allen da draussen gutes Gelingen.

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