VALSO: COVID19-Test der Teilnehmer und tschüss – Ablegen ohne Gedöns und Applaus

Ganz ohne Show!

Es war durchaus eine seltsame Stimmung, als alle VALSO-Segler sich 2 Stunden vor dem Ablegen auf COVID 19 testen ließen. Doch alle nahmen es gelassen. Boris Herrmann: „Ich freue mich auf den Norden!“

Nur eine Handvoll Fotografen – Clarisse Cremer im Kommunikationsmodus © miku

Es war ein Anti-Spektakel mit Ansage: Die Teilnehmer der Hochseeregatta VALSO (Vendée-Arctique-Les Sables d’Olonnes) haben ihre Heimathäfen in La Rochelle, Port La Foret und Lorient verlassen und machten sich Freitag Nachmittag auf den Weg zur Startlinie vor Les Sables d’Olonnes. Ganz unüblich ohne Brimborium und Gedöns, ohne Fangesang, Groupie-Tränen und Bon-Vent-Gebrüll. Nur ein paar Pressevertreter waren zugegen, einige (wenige) Familienangehörige und die jeweiligen Shore-Teams.

Von den 20 teilnehmenden Booten bei der Vendée Globe-Qualifikationsregatta VALSO legten allein in Lorient, dem größten IMOCA-Hafen Frankreichs, neun Boote ab. Auch zwei Teilnehmer aus Les Sables d’Olonnes haben, aus Gründen der Fairnis, den Hafen bereits verlassen und verbringen die Nacht und den Samstag Vormittag auf See.

Nur zwei Stunden vor dem Lösen der Festmacherleinen wurden Skipper und Skipperinnen sowie ihre Überführungscrews auf COVID 19-Infektionen getestet. Danach begaben sich die Getesteten direkt auf ihre Boote, um jeglichen weiteren Kontakt mit anderen, etwaig infizierten Personen zu vermeiden. 

„Raus hier! Alle!“

Ortstermin in Lorient, vor Hangar 1B. Hinter den riesigen Toren, zwischen denen einst Francois Gabart spektakulär seinen Ultim Trimaran Macif heraus „zog“ und stolz der Welt präsentierte, versammeln sich ca. 20 Journalisten und Fotografen, um einer Maßnahme beizuwohnen, die es so noch nie im Segelsport gegeben hat. Vor dem Hintergrund abgelegter, riesiger Karbonmasten, übereinander gestapelter Foils und Tonnen von Tauwerk bauen drei Ärzte ein kleines Labor auf, das im Wesentlichen aus zwei Kartons bestand: Links die ungeöffneten Testsets, rechts die Plastikbeutel mit den genommenen Proben. 

Wer hat die schönsten Masken?

Nun sollte man sich das nicht so vorstellen wie in einer Krankenhaus-TV-Serie. Zur Enttäuschung der Fotografen und Journalisten ließen sich nur wenige Segler vor laufenden Kameras in der Nase popeln. Die meisten verlangten strikt ein Minimum an Intimsphäre (Mirinda Merron: Raus hier, alle! – Samantha Davies: Dort ist der Ausgang, Herr- und Frauschaften! – Thomas Ruyant: Schön draußen bleiben!)

Ohne Worte © miku

Und um ganz ehrlich zu sein: So richtig ästhetisch sieht das nun auch wirklich nicht durch die lange Linse aus, wenn die Ärztin ziemlich resolut und robust den Probenstab in die Nase einführt. Boris Herrmanns Gesicht sprach jedenfalls Bände! 

Entspannt und gelassen

Nach der Test-Prozedur standen die meisten Skipper dann ziemlich entspannt Rede und Antwort. Jeremie Beyou/Charal konnte sich zwar die Frage „Was wollt Ihr denn noch wissen, ich hab’ doch schon alles gesagt?“ nicht verkneifen, gab dann aber wie alle anderen Befragten doch bereitwillig Antwort. „Ich freue mich wirklich auf die VALSO. Denn das wird für IMOCA-Verhältnisse wirklich was Neues. Da ich mich nicht mehr mit Rennen qualifizieren muss, kann ich also taktisch mal was ausprobieren und wagen. Im Prinzip erinnert der Kurs an zusammengelegte Etappen der Solitaire du Figaro.  Wir werden viel, vielleicht sogar sehr viel am Wind segeln müssen und können uns jetzt schon mal auf überdurchschnittlich viele Manöver freuen. Segelwechsel, Wenden … auf dem Weg nach Island wird dieses Rennen jedenfalls kein Spaziergang!“ 

Deutlich entspannter vor seinem Renner: Boris Herrmann © miku

Isabelle Joschke machte vor den laufenden Kameras erneut deutlich, dass sie sich nur tertiär für Platzierungen bei der VALSO interessiere: „Ich will mich mit einem Finish möglichst ohne Bruch für die Vendée Globe qualifizieren. Nicht mehr und nicht weniger. Platzierungen sind mir nun wirklich egal!“. Auch Clarisse Kremer antwortete mehr oder weniger geduldig zum 181. Mal auf die Frage, wie sie ihre Platzierungs-Chancen sehe mit einem gegrinsten „klar, ohne Foils spekuliere ich auf Spitzenplätze!“

„Ich mag den Norden!“ 

Auch Boris Herrmann, der als erster Deutscher bei der Vendée Globe im kommenden Herbst und Winter dabei sein will, gab sich (und war es auch) außerordentlich entspannt. Gegenüber SR stellte er nochmals klar, dass er sich in erster Linie auf die VALSO freue. „ Ich mag die nördlichen Gefilde, bin ja auch schon bei den Lofoten rumgesegelt und fühle mich in den nördlichen Seen sehr wohl.“ Sogar seinen Ofen, eine ganz normales Equipment für die Vendée Globe, habe er an Bord gelassen. „Manchmal kann es wirklich hilfreich sein, wenn die Temperatur stimmt unter Deck. Irgendwie ist es auf den Booten zwar immer irgendwie feucht; aber zwischendurch mal richtig „trocken“ im trockenen Schlafsack – das fühlt sich schon gut an!“

Segel setzen und nix wie raus auf den Teich © miku

Boris Herrmann wiederholte, dass er durchaus darauf aus sei, sein Boot und die neuen Foils unter harten Bedingungen zu testen. „Auf das, was uns bei der Vendée Globe im Southern Ocean erwartet, müssen wir vorbereitet sein!“ Und besonders die anstehenden, langen Kreuzschläge seien taktisch interessant. „Ich bin ja schon für die Vendée Globe qualifiziert. Das und die im gewissen Sinne beruhigenden Corona-Maßnahmen nehmen eine Menge Druck aus so einer Regatta. Weder Sponsoren noch mein engeres Umfeld haben Erwartungen an mich. Ich will testen und lernen und dabei so weit wie vorne mitmischen. Risiken werde ich nur bis zu einem gewissen Grad eingehen.“

Null schmusen

Zwischen 13 und 14 Uhr legten dann die IMOCA in kurzen Abständen ab, setzten das Großsegel direkt vor der Hafeneinfahrt und segelten – wie bei unzähligen Testschlägen vorher auch – aus dem Vorhafenbecken auf den Atlantik.

Rufen, Winkewinke, Applaus und Glückwünsche? Null. Nicht mal die obligatorischen Umarmungen und letzten Schmuser gab es vor dem Ablegen. Corona lässt grüßen. 

Kojiro Shiraishi, Skipper von DMG Mori, trägt sogar an Bord beim Ablegen noch Maske! © miku

Am Nachmittag dann noch ein kurzes Wetterbriefing mit dem  – auch unter Ministen und Figaristen geschätzten – Meteorologen Christian Dumard. Wichtigste Ankündigung: Die Route wird nicht wie ursprünglich vorgesehen, zunächst zu den Azoren verlaufen und dann in Richtung Norden. Sondern erst nach Island und dann in einem weiten Bogen hinunter zu den Azoren. Dort wird eine virtuelle Boje gerundet und wieder Richtung Les Sables d’Olonnes gesegelt. 

Start mit Pepp

Beim Start am Samstag Nachmittag um 15:30 h sollen vor Les Sables d’Olonnes ca. 17 kn aus Südwest wehen, was dem Beginn der VALSO  durchaus Pepp verleihen könnte. 

Wenn die ersten Teilnehmer auf Höhe Eingang zum Ärmelkanal eintreffen werden, könnte ein erstes Tief die VALSO-Führenden treffen. Nicht Spektakuläres, vielleicht 27 bis 30 Knoten in Böen. Kurz darauf, Höhe Irland, wird ein zweites Tief erwartet, das ebenfalls nur das Erste Drittel des Feldes treffen könnte und so für sehr große Abstände zum Rest der Truppe führen könnte.

Also gut, dann doch noch mal schnell winken: Thomas Ruyant will es auf seinem neuen Foiler nach Bruch bei der letzten Vendée Globe nochmals wissen. Und muss sich noch qualifizieren © miku

Dort werden laut Dumard höchstens 38 kn in Böen erwartet. Die von manchen erhofften, heftigen Stürme für die Vorbereitung auf den Southern Ocean sind also vorerst nicht auszumachen. 

© christian dumard

Übrigens erwartet die Teilnehmer nach heutigem Wissensstand zwischen Irland und Island ein ausgeprägtes Hochdruckgebiet mit langen Schwachwindzonen. 

Egal ob man die VALSO nun als Regatta, Rennen, Test oder reines „Hauptsache ankommen“-Rennen bezeichnet – es wird spannend! 

Website IMOCA mit Tracker (Start, Samstag 4.7.20) 

SegelReporter berichtet vor Ort vom Startgeschehen

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *