VALSO: Dalin, Beyou und Ruyant 3 sm auseinander – Bruch bei Herrmann und Joschke

Endspurt in lauen Lüftchen

Kann ein Endspurt auch bei 5-6 kn Wind spannend werden? Unbedingt, wenn die Führenden nur wenige Seemeilen auseinander sind und nahezu gleich schnell segeln. Es kommt auf die Knoten hinter dem Komma an! 

Den Wegpunkt gerundet: Apivia, Charal © IMOCA

Heute Morgen wurde der Endspurt des VALSO eingeläutet: Charlie Dalin rundete den Wegpunkt „Gallimard“ auf „Apivia“ als Erster, dicht gefolgt von Jeremie Beyou auf „Charal“. „Dicht“ ist hier wörtlich zu nehmen: 1,6 Seemeilen Abstand sind auf den rasenden IMOCA in Nullkommanix aufgeholt. Vor allem, wenn die geflügelten IMOCA-Monster das Ziel sozusagen schon „riechen“

Kurz darauf (genauer gesagt 4,0 Seemeilen hinter dem Leader) rundete Thomas Ruyant auf seiner „LinkedOut“ , wie „Apivia“ ebenfalls eine IMOCA der allerletzten Generation.  

Somit sind die drei verbliebenen Favoriten des Rennens – Armel Tripon auf Occitane de Provence und Sebastien Simon auf Arkea Paprec mussten mit Bruch relativ früh aufgeben –  wieder zusammen vorneweg unterwegs. 

Charlie Dalin darf sich als Leader freuen. Wie lange bleibt er wohl noch vorne? © IMOCA

Auf Rang 4 lauert förmlich Kevin Escoffier auf PRB, der bekannt für erstklassige Endspurt-Qualitäten ist und ca. 6 Seemeilen weiter zurück Samantha Davies auf der älteren, aber ganz offensichtlich hervorragend modifizierten „Initiative Coeur“. Diese ersten fünf Boote sind keine 13 Seemeilen auseinander! 

Hinter dem Komma!

Seit dem Beginn des Rennens in Les Sables d’Olonnes am 4. Juli (SR vor Ort), hat Charlie Dalin am Wegpunkt exakt 2.707, 5 Seemeilen in 8 Tagen, 18 Stunden und 4 Minuten in einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 12, 9 kn hingelegt – sagenhafte 0,1 Knoten schneller als der am Wegpunkt Zeitplatzierte Beyou. Thomas Ruyant hat sich sogar 56 Seemeilen mehr auf dem bisherigen Parcours erlaubt, war aber durchschnittlich 0,2 Knoten schneller. 

Boris Herrmann im Mast bei der Reparatur des Schlittens © Malizia/IMOCA

Wer hätte schon gedacht, dass man jemals bei Langstreckenregatten mit Werten hinter dem Komma rechnet?  Doch genau das war es ja, was sich die IMOCA-Elite von diesem Rennen versprochen hatte. Anständige Vergleichsfahrten, bei denen man genau sehen konnte, wieviel schneller oder langsamer welcher Konkurrent in welchen Bedingungen segelt. Das Ganze gewürzt mit ein paar taktischen Tests und Ausflügen und schon hat man eine Qualifikations- und Testregatta vor der Vendée Globe, die (fast) allen Ansprüchen genügen dürfte. Bei solch minimalen Unterschieden wird dann auch verständlich, warum bei diesem Qualifikationsrennen für die Vendée Globe von einer Regatta unter Figaro-Bedingungen geredet wird.

Zu weit westlich? Oder genau richtig?

Dass die drei aktuell Führenden wieder vorne landen würden, schien übers Wochenende keineswegs sicher. Denn rein rechnerisch fiel Dalin bis auf Rang 9 zurück, als er (und seine direkten Konkurrenten Beyou und Ruyant) in einer Leichtwindzone weit westlich segelten und dort  (viel zu lange) auf einen Tiefausläufer mit etwas stärkeren Winden warteten, der sie schließlich wieder nach vorne bringen sollte. 

So kam es, dass Boris Herrmann, der sich zunächst für einen weiter östlichen, im Prinzip direkteren Weg zum virtuellen Wegpunkt entschieden hatte, das Rennen mehrfach anführte. 

Doch dann passierte dem Deutschen genau das, was er schon kurz vor dem Start zu dieser Regatta fast schon erhofft hatte: Ein versteckte, regelrechte Sollbruchstelle „offenbarte“ sich, brach tatsächlich und begrub für den Skipper der „Malizia Seaexplorer“ zunächst alle Hoffnungen auf einen Top Five Platz. 

Havarien bei Herrmann und Joschke

Am Samstag war das Großsegel der IMOCA herunter gerutscht, es gab offenbar Bruch am Mastschloss und an der Mastschiene. Genau für solche Situationen war Herrmann das Rennen angegangen. Noch im Vorfeld der Regatta sagte er zu SR: „Natürlich wäre mir eine Havarie hier beim VALSO lieber, als später in der Vendée Globe etwa im Southern Ocean. Für mich ist das VALSO eine Testregatta, auch um versteckte Mängel oder Probleme möglichst zu lokalisieren und für die Vendée Globe zu beheben!“. 

Das so ein Teil überhaupt brechen kann… Isabelle Joschke muss nach Baumbruch nun “wie auf Eiern” segeln. Zum Glück erwartet sie nicht allzuviel Wind! © MACSF/IMOCA

Doch Boris Herrmann konnte das Problem mit Bordmitteln beheben und segelte letztendlich mit voller Segelfläche weiter. Als die Ersten den Waypoint Gallimard rundeten, lag Herrmann auf Rang 8 mit 41, 7 Seemeilen Rückstand. 

„Besser hier als im Southern Ocean!“

Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke, die im ersten Drittel des Rennens so hervorragend segelte und auf einer Höhe mit Samantha Davies unterwegs war, hatte Pech – oder Glück, ganz wie man es sehen will. Der Baum ihrer MACSF brach, entsprechend segelt sie derzeit „wie auf Eiern“ mit halber Kraft und fällt deutlich im Feld zurück. Auch Joschke hatte von Anfang an gegenüber SR deutlich gemacht, dass zwar die Vendée-Globe-Qualifikation für sie an erster Stelle stehe, sie also um jeden Preis das Rennen beenden wolle.

Frau Joschke bei der Arbeit. Ihr Teamchef Alain Gauthier sagt: ” Isabelle ist eine Kämpferin. Die hält auch mit gebrochenem Baum durch!” © MACSF

Doch auch die vielzitierten „versteckten Mängel“ dürften gerne zutage treten. Aus ihrem Shore-Team in Lorient ist dann auch entsprechend zu vernehmen: „Der Baum bricht besser hier auf unserer Seite des Atlantiks als irgendwo am Ende der Welt!“

Spannung auch in lauen Lüften

Rein rechnerisch wechselten die Führenden in diesem Rennen 33 mal. Es mussten mehrere Tiefs, Flautenzonen, Nebelbänke in Schifffahrtszonen, Schlafmangel und vieles mehr gemeistert werden, was echte Langstrecken-Hochseeregatten ausmacht. Jetzt, auf den letzten 300 Meilen, wird es nochmals x-tra spannend, weil das Feld sich wieder verdichtet. Zwar dürften die Top Five nicht mehr von den Nachfolgenden gefährdet werden, doch werden mit Sicherheit im vorderen Drittel bzw. Im Mittelfeld noch mehrmals die Karten neu verteilt. 

So segelt etwa Clarisse Cramer ohne Foils auf ihrer „Banque Populaire“ bravourös auf Rang 9 – nur 14,5 Seemeilen hinter Boris Herrmann. Und der Japaner Kojiro Shiraishi auf dem japanisch-deutschen IMOCA DMG Mori, darf sich Hoffnung machen, auf der Zielgerade noch den einen oder anderen Platz gut zu machen. Shiraishi segelte auf seinem nagelneuen Foiler DMG Mori bisher konsequent auf Rang 11, mit nur wenigen kurzen Ausnahmen nach oben oder unten in der Rangliste. 

Kommt Thomas Ruyant wieder ganz nach vorne? Noch sind die Würfel nicht gefallen! © Linkedout/IMOCA

Es bleibt auch in den letzten Stunden dieses Rennens spannend, weil technisch. Die Skipper müssen vor dem Wind so schnell wie nur möglich aus der derzeit breit angelegten Leichtwindzone  (5-6 kn) heraus kommen und dabei alle Plünnen setzen, die sie zur Verfügung haben. Wahrscheinlich werden sie sich in Richtung einer kleiner Front im Nordwesten begeben, bevor sie schließlich nach Les Sables d’Olonnes abdrehen. 

Doch der leichte Wind hat auch sein Gutes: Havaristen wie Isabelle Joschke werden in jedem Fall „durchkommen“ und die Schlusslichter wie Mirinda Merron oder Arnaud Boissieres (280 bzw. 254 von den Führenden entfernt) müssten in etwas frischeren Winden einige Seemeilen aufholen. 

Die Ankunftszeit der Spitzenkandidaten wird auf Dienstagnacht gegen Mitternacht geschätzt.

Tracker

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

4 Kommentare zu „VALSO: Dalin, Beyou und Ruyant 3 sm auseinander – Bruch bei Herrmann und Joschke“

  1. avatar christian1968 sagt:

    Hallo allerseits,

    mal ne ganz doofe, aber ernstgemeinte Frage:

    Gibt es noch eine weitere Möglichkeit zur Vende Globe Quali ?
    Ich frage deshalb, weil Alex Thompson sich ja auch noch qualifizieren muss, aber hier bewusst nicht mitgefahren ist (wahrscheinlich, um sich nicht in die Karten gucken zu lassen…)

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  2. avatar Michael Kunst sagt:

    Hi Christian, soweit ich Bescheid weiß, ist Alex Thomson durch seinen 2. Rang bei der letzten VG bereits qualifiziert. Sein Boot ist durch alle Prüfungen gegangen und muss wohl ein paar Solo-Quali-Meilen absolvieren, aber nicht in einer Regatta. VALSO ist zwingend notwendig gewesen für alle Neulinge bei der VG wie etwa Joschke, Cramer oder Teilnehmer der letzten VG wie Thomas Ruyant, dessen Boot allerdings irgendwo vor Neuseeland auseinander brach. In diesem Zusammenhang ist l’Occitane de Provence ganz spannend. Der nagelneue Plattbug soll ja unbedingt bei der kommenden VG dabei sein und wurde zuletzt vom Shore-Team in Nacht- und Nebel-Aktionen fertig gestellt. Jetzt hat er zwei Havarien hintereinander zu verkraften. Wäre spannend zu wissen, wie man bei der Vendée Globe -Organisation das Feld für den heißbegehrten Teilnehmer richtet. Nach den derzeitigen Statuten hat die Orga sich für Ausnahmesituationen besondere Qualifier vorbehalten. Vielleicht schicken sie Mann und Boot nochmals für 3 oder 4.000 Seemeilen los… mal sehen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

  3. avatar breizh sagt:

    Welcher Pottwall wollte denn über Isabells IMOCA springen und hat es dann nur bis zur Mitte geschafft und ist auf dem Baum gelandet? Anders lässt sich sowas doch gar nicht erklären. Dann drücke ich einmal die Daumen, dass es bis ins Ziel reicht. Sie sollte ja nur noch unter ihren Vorsegeln unterwegs sein.

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

  4. avatar breizh sagt:

    Gratulation an das Team Charal zum Sieg. Und das mit einem doch größeren Vorsprung als erwartet.
    Boris muss noch etwas kämpfen um seinen aktuellen 6. Platz ins Ziel zu retten. Er segelt deutlich nördlicher als Maitre Coq. Das könnte noch knapp werden (ist aber alles nur Tracker“analyse“).
    Mehr dann wohl morgen früh.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *