Vendée Globe-Porträt: Der Weg von Armel Le Cléac’h – wie er zum Siegertyp wurde

Alles, bloß nicht Zweiter

Ein Star-Skipper, der durch Leistungen überzeugt: Nach beeindruckender Karriere auch in anderen Bootsklassen ist Armel Le Cleac’h der neue Sieger der Vendée Globe. Portrait eines Ausnahmeseglers, der in jeder Hinsicht „Biss“ hat.  

Armel Le Cleac'h, Vendée Globe, Porträt

Armel Le Cleac’h: Zurückhaltende Type mit Biss © curutchet

„Alles andere als eine Verbesserung meines letzten Ergebnisses wäre eine Enttäuschung!“  Diese Standard-Sportler-Prognose psalmonierte Armel Le Cleac’h schon kurz vor dem Start zur Vendée Globe 2012 immer wieder in die Mikrofone der TV-Sender. Er hätte auch sagen können: „Ich will siegen, und nichts anderes als siegen!“ Denn genau dies bedeuteten seine Worte nach Rang zwei bei seiner Premiere. Doch großspurige Aussprüche sind nun mal nicht die Sache des eher wortkarg kommunizierenden, dafür aber umso offensiver segelnden Bretonen.

Er wurde dannn doch wieder Zweiter, und so war diesmal bei seiner dritten Teilnahme ohnehin von Anfang an klar, dass nichts anderes als ein Sieg zählen würde. Kein Skipper startete mit einem größeren Druck in diese Vendée Globe.

„Ich bin nun mal Segler und kein Redner,“ sagte er bei der letzten Pressekonferenz kurz vor dem Start. „Ich hab’ s eher mit Taten und Erfolgen, als mit Worten, die Misserfolge schönreden sollen!“

Eine klare Aussage, die für einen wie Armel auch eine echte Ansage im Sinne von „Programm“ ist. Denn nur wenige andere Segler konnten mit einem derart konsequenten Lebenslauf zum Start der härtesten Regatta der Welt beindrucken, wie der 39-jährige Vater von zwei Kindern.

Zielstrebig

Armel Le Cleac'h, Vendée Globe, Porträt

Banque Populaire 2012 © stichelbault

Sie nennen ihn den Schakal – ein Spitzname, der sich in der deutschen Kultur übler anhört, als er bei unseren Nachbarn gemeint ist. Denn in der französischen Fabelwelt wird der Schakal keineswegs als hinterhältiges, gefährliches Wesen dargestellt, sondern eher bewundernd als ein Tier mit dem sprichwörtlichen „Biss“.

Mit anderen Worten: Armel Le Cleac’h ist einer dieser Typen, die ihr Ziel nie aus den Augen verlieren, bis sie es erreicht haben.

Diese Eigenschaft hat er früh gezeigt. Unweit vom bretonischen Roscoff auf der Cruising Yacht der Eltern aufgewachsen, hörte er mit 9 Jahren schon bei einer der ersten großen Optiregatten in der strömungsreichen Bucht von Morlaix den Siegesschuss für sich und seine Kiste.

Danach dominiert er als Jugendlicher die französische 420er-Szene segelt aber auch schon Hochsee-Regatten. Er wird Mitglied im renommierten „Team Finisterre“, der späteren Artemis Offshore-Akademie, die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte viele Profiskipper hervorbrachte.

Armel le Cleac'h, Vendée Globe, Porträt

Schakal auf dem Ozean in seinem alten Schiff. © stichelbault

Konsequent zum Profi

Auch Armel entscheidet sich konsequent als 22-Jähriger für die Profi-Skipperlaufbahn, nachdem er den „Challenge Espoir“-Nachwuchs-Offshore-Titel gewonnen hatte, der ihm das „bisher wichtigste Schiff“ seiner Karriere für ein Jahr sicherte: Die Class Figaro 2.

Bei seinem Debüt in dieser wohl prestigeträchtigsten französischen Hochseeklasse offenbarte Armel im Jahr 2000 beim Solitaire du Figaro sein ganzes Talent: er gewann auf Anhieb die Neueinsteiger-Wertung und wurde im Jahr darauf Zweiter der Gesamtwertung. Grund genug für die alten Salzbuckel unter den französischen Hochseehelden, auf diesen Bilderbuch-Bretonen nicht nur ein Auge zu werfen.

Ein weiteres Jahr später zeigt Armel, dass er auch im Team segeln kann, indem er eine Mumm 30 zum Sieg bei der Tour de France de la Voile steuert.

Armel le Cleac'h, Vendée Globe, Porträt

Vom Opti bis zu IMOCA: Hauptsache rasen © stichelbault

13 entscheidende Sekunden

2003 gewinnt er erstmals die Solitaire du Figaro, mit einem Abstand von 13 Sekunden  auf Alain Gautier. Der legendäre Altmeister ist so begeistert von seinem Widersacher, dass er ihm für eine Saison das Ruder auf seinem 60-Fuss-Trimaran Foncia überlässt.

Für Armel ist das eine wichtige Zeit. Er merkt, dass sein Herz eher für Einrumpfschiffe schlägt, auch wenn er zwischendurch immer mal wieder die Regattaszene der Mehrrumpfer aufmischt. Seine Konzentration gilt weiterhin dem Figaro-Etappenrennen und das Ziel am Horizont ist die Vendée Globe.

Alain Gautier mit Armel Le Cléac’h auf "Foncia"

Alain Gautier (l) überlässt dem jungen Armel Le Cléac’h das Steuer auf seinem “Foncia” Trimaran. © Foncia

2004 gewinnt er – wieder auf der Figaro II – mit seinem Freund Nicolas Troussel die 7. Ausgabe der Transat AG2R, in 2005 übernimmt er „einfach so zum  Spaß und auch, weil’s meinem Bankkonto gut tat“ nochmals das Ruder auf dem Trimaran Foncia. In 2006 wird er Vierter bei der Route du Rhum , in 2010 dann 2.

„Um ganz ehrlich zu sein: Ich fand damals, dass es in meiner Karriere zu wenige erste Ränge gab!“ erinnerte sich Armel Le Cleac’h in Les Sables d’Olonne bei einem Gespräch mit SR. „Also hab’ ich mir die  Vendée Globe vorgeknöpft!“

Doch auch bei seiner ersten Teilnahme an der einhand-nonstop-rund-Regatta 2012 wurde er „nur“ Zweiter. Ein großer Erfolg für einen Rookie, zumal kein Geringerer als Michel Desjoyeaux vor ihm lag. Nachher bekundet er: „Vielleicht war ich ja doch ein wenig vermessen mit meinem Siegeswunsch?“ Fünf Tage lag er hinter dem “Professor”.

Armel le Cleac'h, Vendée Globe, Porträt

Hinterm Horizont geht’s weiter. Aber bitte nicht als Zweiter! © curutchet

Es kann nur einen geben!

2010 holte er sich dann eine weitere Portion Selbstvertrauen, als er erneut die Solitaire du Figaro für sich entscheiden konnte. Endlich wieder ein Sieg. Und obwohl er  2011 bei der Transat B to B wieder „nur“ Zweiter wurde, war allen Beteiligten klar: Bei der nächsten Vendée Globe gibt es eigentlich nur einen Favoriten. Und der hat  einen keltisch klingenden Nachnamen.

Die Vendée 2012 war für ihn gemacht. Aber ausgerechnet der andere Figaro-Star im Vendée-Regattafeld, Francois Gabart, besiegt ihn mit dem Schwesterschiff “Macif”. Dabei liefern sich die beiden über Tausende Seemeilen ein bis dato nie gesehenes Hochsee-Matchrace nach Figaro-Art.

Armel le Cleac'h, Vendée Globe, Porträt

Am liebsten im Glitsch © stichelbault

Sein Rückstand auf Gabart belief sich bei der letzten Äquator-Querung auf gut 15 Stunden. Danach ist Le Cleac’h mit deutlich höherer Geschwindigkeit in den Kalmengürtel eingefahren, und er verkürzte den fortlaufend. Um Ziel fehlten nur drei Stunden und 17 Minuten.

Zwischenzeitlich hatte er in einem seiner raren Interviews von Bord gefleht: “Macht alles mit mir – aber bitte nicht schon wieder Zweiter!“

Wieder drohte Platz zwei

Was muss nun in dem Mann vorgegangen sein, als ihm im dritten Versuch das gleiche Schicksal drohte. Eigentlich war der Weg frei für ihn, da sich Francois Gabart auf seinen Lobeeren ausruht und schon für die nächste Mega-Herausforderung übt: das Einhand-100-Fußer-Rennen um den Globus 2019, bei dem auch der ehemalige Multihull-Hasser Le Cleac’h mitmachen wird.

Armel Le Cleac'h

“Banque Populaire” mit großem Vorsegel auf tiefem Kurs, bei dem die Foils nichts bringen. ©

Das einzige Problem für ihn war die Regeländerung der IMOCA-Klasse, die eine gewachsene Hirarchie in Unordnung bringen konnte. Wer würde die neuen Vorgaben am besten umsetzen? Die Konstrukteure konnten den Unterschied ausmachen. Seglerische Leistung und Erfahrung ist wichtig, aber am Ende hat bisher immer das schnellste Schiff gewonnen.

Gut für ihn, dass die Interpretationen der neuen Flügel-Technik nicht so sehr variierten. Kein Wunder, denn alle neuen Boote stammen aus der Feder des Teams Verdier/VPPL. Nur einer ging einen anderen Weg: Alex Thomson. 2011 lag er schon einmal völlig daneben mit einem extremen Design-Ansatz, aber diesmal ging er erneut den radikalen Weg. Er vertraute zwar auch auf Verdier/VPPL, entschied sich aber für eine ihrer extremeren Varianten. Thomson ließ spät bauen, trainierte nicht mit den Franzosen, hielt sich bei einer Atlantik-Regatta deutlich zurück und “Hugo Boss” war schließlich die große Unbekannte, die Armel Le Cléac’h nicht einschätzen konnte.

Brutale Erkenntnis

Es muss für den Franzosen ein großer Schock gewesen sein, als er im Atlantik feststellte, dass dieses schwarze Schiff schneller ist mit der neueren Foil-Generation. Der Gedanke, erneut Zweiter werden zu können, wird kaum zu verdrängen gewesen sein. Es musste eine brutale Erkenntnis sein. Seine Design-Strategie war falsch. Er konnte nichts tun, außer auf die Gerechtigkeit des Schicksals hoffen.

Armel im Flug-Modus. © zedda

Armel im Flug-Modus. © zedda

Diese sollte seine Regatta sein, sein Sieg. Er tat alles, um sich seine Chancen offen zu halten. Aber Thomson war schneller und zog immer weiter davon. 133 Meilen waren es maximal, und Le Cleac’h musste nahezu tatenlos zusehen, wie sich der Brite seinem Zugriff entzog. Der Franzose würde verlieren.

Dann erlitt “Hugo Boss” die folgenschwere Kollision und ein Foil brach weg. Seitdem änderte sich das Rennen für den französischen Favoriten. Denn auch die übrige Konkurrenz zerlegte sich selbst. Le Cleac’h konnte etwas Druck rausnehmen und die Risiken minimieren.

Die Zeit musste kommen

Er konnte darauf vertrauen, dass sein Schiff nun zumindest auf dem einen Bug überlegen segelt. Und es würde die Zeit kommen, dass sich die Bedingungen einstellen, bei denen Thomson keine Chance hat.

Armel Le Cleac'h, Vendée Globe, banque Populaire

Armel in Foil-Stand-Pose © curutchet

Am Kap Hoorn hatte er das Rennen so gut wie entschieden, obwohl er den Hebel nicht vollends auf den Tisch legen musste. Wer konnte ahnen, dass dieses Rennen noch einmal spannend werden würde. Und plötzlich bestand tatsächlich die Gefahr, dass er doch noch verlieren könnte.

Aber es zeichnet große Sportsmänner aus, dass sie auch unter Druck keine Fehler machen. Le Cleac’h musste noch einmal alles geben beim High-Speed-Run nach Frankreich. Doch als klar war, dass noch eine Wende nötig werden würde, war das Spiel zu seinen Gunsten entschieden.

Man muss es ihm gönnen. Niemand hat drei Vendée Globes hintereinander auf so hohem Niveau gesegelt. Nun war er einfach dran mit dem Sieg. Eine beeindruckende Leistung, die ihn zu einem der besten Segler der Welt macht.

 

Armel le Cleac’h auf seiner Banque Populaire bei schwerem Wetter vor der bretonischen Küste 2012. Eine epische Helikopter-Aufnahme!


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Michael Kunst

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