Vendée Globe Reportage: Vorstart-Stimmung in Les Sables, Samantha Davies ist der Star

Der ganz normale Wahnsinn

Leerer Steg – fas gibt's nur morgens © miku

Leerer Steg – gibt’s nur morgens © miku

So richtig cool ist es früh morgens. Wenn gegen halb acht Uhr die ersten grauen Schimmer den Horizont in ein milchiges Licht tauchen und die Sonne wenig später knallrot aufgeht. Dann liegt der Vendée Globe-Steg von Les Sables d’Olonnes noch buchstäblich verwaist in dem wunderbaren Atlantik-Licht da. Wer jetzt auf den „heiligen Planken“ unterwegs ist, genießt die Ruhe oder hat dort zu arbeiten. Oder beides.

Wie etwa direkt neben der Pontonbrücke. Das Team von Kito de Pavant lädt hastig ein paar Säcke, Kisten, Taschen mit Nahrungsmitteln von einer Sackkarre und beginnt sie ein wenig geheimnistuerisch mit einer 5-Personen-Kette ins Innere der IMOCA Groupe Bel zu laden. Kito steht in der Mitte, schüttelt manchmal den Kopf, als frage er sich, wer das alles essen soll? 4-6.000 Kilokalorien, die pro Tag an Bord verbrannt werden… schön und gut, aber was das alles wiegt?

Ganz hinten, am Ende des Stegs, auf der “Poujoulat Cheminées” des Schweizers Bernhard Stamm, hat sich einer des Technikteams in den Mast ziehen lassen. Er überprüft mit der Gelassenheit desjenigen, der (noch) alle Ruhe dieser Welt genießen kann, neuralgische Stellen im Rigg – „zum fünften Mal in dieser Woche“, ruft er herunter.

Irgend etwas gibt es immer zu tun, auf einer IMOCA © miku

Irgend etwas gibt es immer zu tun, auf einer IMOCA © miku

Jeder der „techniciens“ geht wieder und wieder seinen Aufgabenbereich durch: Sie kontrollieren mit der Lupe jeden Zentimeter der Baumaufhängung, sie krabbeln auf allen Vieren nach was auch immer suchend übers Deck, sitzen stundenlang vor den Bildschirmen im Inneren und spielen alle möglichen Szenarien durch. Keiner will für das kleine Detail verantwortlich sein, das später vielleicht ein Desaster auf See auslöst.

Fast alle Skipper halten sich um diese Uhrzeit schon auf ihren 18m-Boliden auf, überlassen aber meistens die Arbeiten… den Arbeitern. Für die „Globistes“ ist jetzt Zeit für Familie und Freunde, der einzige Zeitraum eines typischen Vendée-Globe-Pre-Race-Tages, in dem sie wertvolle Minuten und Stunden in aller Ruhe gemeinsam genießen können.

Kinder lümmeln sich noch mal kichernd auf dem Sack, der für 3 Monate die einzige, zweifelhafte Ruhestatt des Vaters sein wird. Ehefrauen und Lebenspartner schauen sich mit zweifelnd hochgezogenen Augenbrauen in dem kargen, zumeist völlig schmucklosen Cockpit um, das Höhle, Zuflucht und Uterus der Weltumsegler sein wird. Eltern, Freunde, Partner sitzen kopfschüttelnd in der Plicht und lassen sich zum x-ten Mal erklären, warum der Grinder unbedingt vorne unter der Abdeckung stehen muss. Sind die Wellen wirklich so brutal, dass sie dich von Bord spülen könnten?

Der Duft der großen, weiten Welt © miku

Der Duft der großen, weiten Welt © miku

Die Menschenflut schwappt herüber

Es läuft smoothe Jazzmusik über die Musikboxen am Steg, aber um halb zehn kündigt eine betont sanfte Stimme das nahende Ende der Idylle an. „Ca commence bientot“ – Gleich geht es los. Klingt wie eine Kampfansage. Ist es auch…

Draußen vor den Absperrgittern warten Tausende schon seit Stunden, dass sich die Tore zum Regattahafen von les Sables d’Olonne öffnen. Seit mehreren Tagen schon hat die französische SNCF täglich sechs zusätzliche TGV-Züge für die Strecke Paris-La Rochelle eingesetzt. Jeden Tag ist der riesige Busparkplatz vor dem Hafen überfüllt.  Punkt zehn Uhr schwappt die „Menschenflut,“ – eben wurde der 800.000 Besucher gezählt -– über das Hafengelände

Das ist wörtlich zu nehmen: Die Menschen stürmen Richtung Steg, manche rennen sogar, wollen unbedingt bei den Ersten sein, die an diesem Tag an den IMOCA-Monstern der Vendee Globe 2012/13 vorbei defilieren. Die große Show kann beginnen!

Bis zu 2 Stunden Wartezeit © miku

Bis zu 2 Stunden Wartezeit © miku

Schon 30 Minuten später bauen  sich vor den Booten lange Warteschlangen auf: Zwischen 45 Minuten bis zu 2,5 Stunden warten die Fans geduldig, bis es dann heißt: Voilà, Mesdames et Messieurs, c’est a vous!

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Michael Kunst

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5 Kommentare zu „Vendée Globe Reportage: Vorstart-Stimmung in Les Sables, Samantha Davies ist der Star“

  1. avatar fastnetwinner sagt:

    Gegenüber dieser albernden Katamaran-Aktion auf er anderen Seite des Teichs ist dies hier wahrlich erfrischend! Echte Männer und echte Sam gehen echt segeln. Da kann die Zwei-Kufen-Fraktion einpacken. Hoffentlich kommen viele durch.

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  2. avatar Tom sagt:

    Na na, beschränken wir diese Kritik doch mal bitte auf die AC Leute. Allerdings gehört auch gerade diese Differenz zu der Begeisterung die der egelsport ausübt. Oder was hat ein AC45 ein IMOCA und eine Hanse 345 gemeinsam? Der Wind treibt sie vorwärts, mehr nicht.

    Ich bin aber auch eher ein Fan des VOOR oder der Vendee, hat mehr mit MEINER Art des Segelns zu tun!

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  3. avatar armchairadmiral sagt:

    Dies sind für mich im Regattasegeln wirklich die letzten Helden.

    Selbst wenn Internetverbindung, Videostreams und Interviews aus dem southern ocean etwas von dem Wahnsinn entschärft haben, den Tabarly und Zeitgenossen uns boten – Diese Segler/-innen sind hart.

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  4. avatar NK sagt:

    Wunderbarer Bericht, Danke!

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  5. avatar Jan-X sagt:

    Ja, endlich wieder im Blindflug um die Antarktis!
    Ehrlich, ich freu mich drauf. Wahrscheinlich gibt’s kaum eine Sportveranstaltung auf der Welt, die so sehr von mentaler Stärke über einen so langen Zeitraum abhängig ist.
    Leider ist bei manchen Teilnehmern wahrscheinlich auch dieses Mal der Wille stärker als so manche Carbon/Honeycomb-Verbindung. Ich denke daher darüber nach in vier Jahren mit diesem Schiff mitzumachen:
    http://tinyurl.com/puffin58
    Ich werde mit Sicherheit unter die Top 10 kommen. Aller gestarteten Teilnehmer. Sponsors welcome!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 5

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