Vendée Globe Reportage: Vorstart-Stimmung in Les Sables, Samantha Davies ist der Star

Der ganz normale Wahnsinn

Kitos ganz normaler Wahnsinn © miku

Kitos ganz normaler Wahnsinn © miku

Mit dem Messer zwischen den Zähnen

Der eigentlich ziemlich ausladende Steg wird dann ziemlich eng, die Massen schieben sich vorsichtig über die Bretter (ein paar fallen dennoch täglich ins Wasser), die zumindest für ca. eine Rundgang-Stunde das lang ersehnte Glück bedeuten. Und die Fans werden belohnt, in jeder Hinsicht: So nah werden sie nie wieder einem dieser Renner sein, so eine Chance gibt es wohl kaum noch mal, einem der Skipper die Hand zu schütteln oder vielleicht sogar ein Autogramm zu ergattern.

Irres, für deutsche Segler kaum vorstellbares Szenario: Bei schönem Wetter stehen als besonders „volksnah“ bekannte Skipper wie Arnaud Boissieres und Jean le Cam  stundenlang vor ihrem Schiff, schreiben Autogramme, verteilen Gimmicks, geben geduldig Antwort auf jede Frage.

Kito de Pavant posiert gerne für Hunderte Schnappschüsse als Pirat mit dem Messer zwischen den gebleckten Zähnen; Jean-Pierre Dick ist sich nicht zu schade, zwischendurch irgendwelche Leute aus der Menge zu sich an Bord zu bitten – deshalb sammeln sich vor seinem Schiff besonders große Menschentrauben.

Golding mit goldigen Kids, die "einem Löcher in den Bauch fragen" © miku

Golding mit goldigen Kids, die “einem Löcher in den Bauch fragen” © miku

Vincent Riou, Sieger 2004/05 und Dritter der letzten Ausgabe, sieht man mitunter am Bug seines Schiffes, wie er, ganz Volksheld, der Menge zuwinkt. Nur der sowieso als etwas mürrisch geltende Bertrand de Broc hat zwei Tage vor dem Start nun wirklich keine Lust mehr, für das immer gleiche Foto zu posieren: Über der Rolling-Stones-Zunge am Heck mit seiner ähnlich weit herausgestreckten  Zunge – nein, man kann auch von Nahem nicht mehr erkennen, dass er sie vor 20 Jahren bei dieser Regatta einmal selbst angenäht hat.

Mama Samantha

Doch richtig spannend wird es, wenn Samantha Davies – wo auch immer – auftaucht. Ob sie aus dem Vorluk lugt oder über den Steg rüber zum Pressezentrum schlendert… die Leute applaudieren ihr zu! Die schmächtige Britin mit dem sympathischen Lächeln badet in der Menge und ist die perfekte Ablösung von Ellen McArthur als Hochseeheldin. Ihr vierter Rang in der letzten Vendée Globe hat ihr nicht nur jede Menge Respekt bei den männlichen Konkurrenten verschafft – von den VG-Fans wird sie schlicht verehrt.

Medienobjekt und Liebling der Massen: Samantha Davies © Stichelbault

Medienobjekt und Liebling der Massen: Samantha Davies © Stichelbault

Was logischerweise an der Berichterstattung in den französischen Medien liegt. Seit Wochen erscheinen Artikel in den großen Tageszeitungen, Wochenblättern und Magazinen über sie. Samantha gab unzählige TV-Interviews, war in sage und schreibe 14 Talksendungen zu Gast und berichtete geduldig immer wieder über ihr 14monatiges Familienglück namens Ruben, das sie nun für 90-100 Tage an Land zurück lassen muss. Was sie in gewissen anderen Ländern zu Rabenmutter abgestempelt hätte – hier ist und bleibt die auf und davon segelnde Mama Liebling der Medien und Fans.

Mit “rauchendem Schornstein” – nix wie weg!

Immer wieder… Interviews. © miku

Immer wieder… © miku

Nach dem America’s Cup versammelt die Vendée Globe die zweitgrößte Anzahl Journalisten speziell für ein Segelevent: Knapp 1.000 Medienschaffende berichten direkt vor Ort in über 100 Länder für ihr jeweiliges Medium vom Rummel vor und nach dem Start zur härtesten Regatta der Welt. Statistisch bedeutet dies: 50 Journalisten, Fotografen, Kameraleute pro Boot – eine Zahl, die mit einer gewissen Erwartungshaltung seitens der Medien verbunden ist.

Das zehrt wiederum deutlich an den Nerven der Skipper. Unter ihnen sind nur wenige, die nach dem xten Interview auf die immer gleichen Fragen und Behauptungen ruhig und gelassen antworten können. „Ich will schon deswegen als Erster mit rauchendem Schornstein über die Startlinie fahren, umso so schnell wie möglich von diesem Zirkus wegzukommen,“ hat Bernhard Stamm einmal fallen lassen – sein Sponsor Poujoulat stellt Kamine her. Und Jeremie Beyou meinte gestern trocken: „Die größte Hürde dieser Regatta haben wir mit dem Startschuss bewältigt!“

… Interviews! © miku

… Interviews! © miku

IMOCA wieder im Aufwind?

Obwohl, das kann auch anders gemeint gewesen sein. Denn die IMOCA-Skipper haben harte Zeiten hinter sich. Nicht bei Regatten, sondern eben weil es nicht genügend davon gab. Immer wieder wurde vom langsamen Sterben der Klasse berichtet, immer weniger Sponsoren oder Mäzene wollen sich das wirtschaftlich zweifelhafte Abenteuer einer IMOCA-Kampagne antun.

Doch wer bis heute durchhielt oder allen Unkenrufen zum Trotz dennoch in die Klasse eingestiegen ist, erntet seit einigen Wochen reife Früchte. Noch nie gab es selbst bei den segelverrückten Franzosen eine derart breite Berichterstattung über die „Globe“ wie in diesem Jahr. Supplements, Sonderseiten, spezielle Sendungen, zudem die enorme Ausbeute in den „Neuen Medien“, Fotobildbände, ein Roman und ein Edelcomic haben alle zum Thema: Das große Abenteuer auf den 7 Weltmeeren –  „Le Grand Large“.

Wall of Fame © miku

Wall of Fame © miku

Und genau dies wird hier in Les Sables ein wenig ad absurdum geführt: Auf dem allerkleinsten Raum eines 100 m langen Steges wollen knapp eine Million Menschen eine Ahnung von der „großen Weite“ bekommen, den Duft vom letzten großen Abenteuer auf diesem Erdball schnüffeln. Doch genau dieses Abenteuer darf erst dann als solches bezeichnet werden, wenn jeder einzelne der 19 Skipper und Samantha Davies mit ihren IMOCA-Monstern hinterm Horizont verschwinden werden. Um nach 3 Monaten, aus der gleichen Richtung wieder aufzutauchen – nachdem sie alleine, nonstop den Erdball umrundet haben…

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

5 Kommentare zu „Vendée Globe Reportage: Vorstart-Stimmung in Les Sables, Samantha Davies ist der Star“

  1. avatar fastnetwinner sagt:

    Gegenüber dieser albernden Katamaran-Aktion auf er anderen Seite des Teichs ist dies hier wahrlich erfrischend! Echte Männer und echte Sam gehen echt segeln. Da kann die Zwei-Kufen-Fraktion einpacken. Hoffentlich kommen viele durch.

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  2. avatar Tom sagt:

    Na na, beschränken wir diese Kritik doch mal bitte auf die AC Leute. Allerdings gehört auch gerade diese Differenz zu der Begeisterung die der egelsport ausübt. Oder was hat ein AC45 ein IMOCA und eine Hanse 345 gemeinsam? Der Wind treibt sie vorwärts, mehr nicht.

    Ich bin aber auch eher ein Fan des VOOR oder der Vendee, hat mehr mit MEINER Art des Segelns zu tun!

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  3. avatar armchairadmiral sagt:

    Dies sind für mich im Regattasegeln wirklich die letzten Helden.

    Selbst wenn Internetverbindung, Videostreams und Interviews aus dem southern ocean etwas von dem Wahnsinn entschärft haben, den Tabarly und Zeitgenossen uns boten – Diese Segler/-innen sind hart.

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  4. avatar NK sagt:

    Wunderbarer Bericht, Danke!

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  5. avatar Jan-X sagt:

    Ja, endlich wieder im Blindflug um die Antarktis!
    Ehrlich, ich freu mich drauf. Wahrscheinlich gibt’s kaum eine Sportveranstaltung auf der Welt, die so sehr von mentaler Stärke über einen so langen Zeitraum abhängig ist.
    Leider ist bei manchen Teilnehmern wahrscheinlich auch dieses Mal der Wille stärker als so manche Carbon/Honeycomb-Verbindung. Ich denke daher darüber nach in vier Jahren mit diesem Schiff mitzumachen:
    http://tinyurl.com/puffin58
    Ich werde mit Sicherheit unter die Top 10 kommen. Aller gestarteten Teilnehmer. Sponsors welcome!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 5

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