Vendée Globe: 29 Skipper aus zehn Nationen – Alex Thomson bricht Tragflügel ab

Die Spannung steigt

 

Vendée Globe, Start, Status Quo

Einhand, nonstop um die Welt: Die Vendée Globe startet am 6. November © vendée globe

Am 6. November wird sich die Hochseesegelelite wieder auf den Weg rund um den Globus machen – nonstop und einhand. Halten die Foil-IMOCA was sie versprechen? Status Quo zwei Monate vor dem Start.

Nach der gefeierten Fußball-Europameisterschaft und nach der eher zurückhaltend verlaufenen Tour de France (Rad) bereiten sich die Franzosen auf das dritte große Sportevent des Jahres vor, das ihnen höchste internationale Aufmerksamkeit bescheren wird – die Vendée Globe.

Ja, richtig gelesen. Was in Deutschland und anderen europäischen Ländern undenkbar wäre, ist bei den Franzosen längst Routine geworden: Eine Segelregatta zählt zu den wichtigsten, weil publikumsträchtigsten und medial am besten aufbereiteten Events der „Grande Nation“.

Vendée Globe, Start, Status Quo

Zum Start der Vendée Globe werden zehntausende Fans erwartet. In der Woche zuvor rechnen die Veranstalter mit einer Million Steg-Besucher © vendée globe

Begründet wird das mit dem Format dieses Großereignisses. Eine Regatta, die auf 60-Fuß Rennboliden, teilweise mit Foilschwertern „bewehrt“, einhand, nonstop rund um die Welt bestritten wird, ist nun mal ein Abenteuer der Extraklasse.

Es lockt die segelverrückten Franzosen an die Bildschirme, nicht zuletzt, weil im Prinzip live von den Booten per Video, Audio und Text berichtet wird. Noch nie waren Segelfans so „mittendrin“. Nur selten wird ihnen ein derart intimer Einblick in den Bordalltag bei einem der härtesten Sportereignisse auf den Sieben Meeren ermöglicht.

Vendée Globe, Start, Status Quo

Bald rasen sie wieder über die Weltmeere – sieben 60-Fuß-IMOCA sind mit Foils bestückt © vendée globe

Eine Million Zuschauer auf den Stegen

Schon zum Start am 6. November in Les Sables d’Olonnes sollen neue Rekorde aufgestellt werden. Wie bei der letzten Ausgabe des alle vier Jahre durchgeführten Rennens, wird u.a. die französische SNCF wieder Sonderzüge einsetzen, die in den zehn Tagen vor dem Start mehr als eine Million Menschen an den legendären Steg des Atlantikstädtchens bringen sollen.

Dort liegen dann die IMOCA-60-Renner, einer neben dem anderen, aufgereiht nebeneinander, um vom mehr oder weniger fachmännischen Publikum aus nächster Nähe begutachtet und taxiert zu werden. Sie wecken Träume und vermitteln ein kleines Gefühl von „ich war dabei, ich hab’s angefasst“.

Die diesjährige Ausgabe der Vendée Globe ist geprägt von einem unerwarteten Aufschwung, den die Bootsklasse IMOCA 60 genommen hat. Nach einer Rekordbeteiligung von 30 Booten bei der vorletzten Ausgabe 2008/09 wurde die Klasse wie auch die Vendée Globe von einigen Schwarzmalern bereits tot gesagt, als sich für die letzte Ausgabe 2012/13 lediglich 20 Boote meldeten.

Doch die faszinierende Berichterstattung von Bord während der Regatta, der spektakuläre, knappe Sieg des jüngsten Teilnehmers Francois Gabart (damals 30 Jahre), die wilde Aufholjagd eines Armel le Cleac’h oder das grandiose Scheitern der einzigen Frau und ungemein beliebten Teilnehmerin Samantha Davies, die technischen Probleme eines Jean Pierre Dick, die grandiose Luftgitarrennummer „Smoke on the water“ von Tanguy de Lamotte (um nur wenige Highlights zu nennen), machten aus der Rundum-Regatta ein grandioses Medienspektakel. Sie festigte das Interesse der Sponsoren und Mäzene an diesem prestigeträchtigen Rennen.

Sieg mit Foils? Oder ohne?

So kam es, dass für die kommende Vendée-Globe-Ausgabe erneut 30 IMOCA gemeldet haben. Allerdings hat ein Skipper (Jeff Pellet) die Qualifikation nicht geschafft, so dass der Melderekord von vor acht Jahren knapp verpasst wird.

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Harte Arbeit schon in der Trainingsphase: Armel Le Cleac’h auf Banque Populaire © vendée globe

Dafür kann die Klasse mit einer erfolgversprechenden und zukunftsträchtigen Neuerung bei dieser Vendée Globe aufwarten. Sieben Konstruktionen sind mit Foils ausgerüstet, die den Bugsektor der IMOCA im Surf aus den Wellen heben. Entsprechend stehen diese Boote – u.a. Baron de Rothschild, Banque Populaire, Maitre Coq und Hugo Boss – bereits seit Monaten im Mittelpunkt des Szene-Interesses. Sind sie wirklich auch auf langen Streckenabschnitten schneller? Sind sie in hohem Seegang ein echter Pluspunkt? Hält die vergleichsweise filigran wirkende Konstruktion der Foilschwerter tatsächlich den enormen Belastungen etwa im Southern Ocean stand?

Die letzte Frage hat der britische Hochseestar Alex „Keelwalk“ Thompson gerade noch einmal in den Mittelpunkt rücken lassen. Während eines Trainingsschlages bei flachem Wasser im Solent bei noch nicht einmal besonders anspruchsvollen Bedingungen von 20 Knoten Wind, brach bei einer Geschwindigkeit von ca. 25 Knoten ein Foil außen mit einem ohrenbetäubenden Knall glatt ab.

Ein Vorfall, der dem Skipper Kopfzerbrechen bereitet: „Das war unsere jüngste Foil-Generation,“ berichtete er (siehe auch Video). „Das Ereignis wirft uns zwar nicht zurück in unserer Vorbereitung, hat uns aber auch nicht wie gehofft weiter gebracht. Wahrscheinlich werde ich mich auf unsere ersten Foils verlassen müssen – die haben wenigstens schon Tausende Seemeilen heil überstanden!“

Doch nicht nur die Foils bereiten manchen Skippern Sorgen. So brach auf der „Face Ocean“ von Sebastien Destremau ausgerechnet während der Sicherheitstest bei der obligatorischen 90-Grad-Krängung eine Wante und der Mast brach. „Eine Katastrophe,“ sagte Destremau erschüttert. „Aber wir schaffen das noch alles rechtzeitig!“

Doch nur bis zum 30. September haben die Skipper noch Zeit, ihre Boote allen Sicherheitstests zu unterziehen und alle Qualifikationskriterien – sofern nicht schon längst erfüllt – nachzureichen. Danach beginnt die PR-technisch so wichtige Zeit im Hafen von les Sables d’Olonnes, in der alle Boote (und Skipper) auf den Punkt fit sein müssen.

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Schaden am Mast bei IMOCA-Skipper Destremau © vendée globe

Fifty-Fifty

Diese achte Ausgabe der Vendée Globe versammelt erstmals (fast) genauso viele Erst- wie Mehrfachteilnehmer. 14 Skipper werden die Freuden und Leiden der Vendée Globe, des Mount Everest der Meere, erstmals für sich entdecken; 15 „Salzbuckel“ sind bereits mehrfach am Start gewesen.

Fünf Segler werden zum vierten Mal in Folge teilnehmen, darunter Vincent Riou als einziger früherer Sieger im Feld, Jean Le Cam (Zweiter 2004/05) und Alex Thomson (Dritter 2012/13). Sechs Hochseehelden werden zum dritten Mal dabei sein, wie der Zweitplatzierte der letzten Ausgabe Armel Le Cleac’h, der als einer der heißesten Anwärter auf den Titel gehandelt wird.

Doch auch unter den VG-Greenhorns gibt es Favoriten. So taucht der mehrfache Figaro-Sieger Yann Elies immer wieder in den Prognosen als besonders „gefährlicher“ Konkurrent auf. Und das, obwohl er zwar bei Küstenregatten im Stile der Figaro Solitaire als unumstrittener Champion gilt, aber bei Einhand-Hochseeregatten wie etwa der Route du Rhum noch nicht punkten konnte (7. Route du Rhum 2014 und 11. bei der Transat New York – Vendée).

Zwei weitere „statistische Überraschungen“: Der 23-jährige Schweizer Alan Roura wird als bisher jüngster VG-Starter in die Regattageschichte eingehen (SR berichtete) und dem Amerikaner Rich Wilson wird als 66-Jähriger die Ehre des ältesten Teilnehmers zuteil. Neben 20 französischen IMOCA, haben immerhin Segler aus neun weiteren Nationen gemeldet: Neuseeland, Spanien, Ungarn, Niederlande, Irland, Schweiz, Japan Großbritannien und die USA.

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Die Vendée Globe gilt als größte Herausforderung für Mensch und Material auf den Weltmeeren © vendée globe

Keine deutsche Flagge

Eine schon seit Jahren sehnlichst erwartete IMOCA unter Deutscher Flagge wird man jedoch auch diesmal am Steg von Les Sables d’Olonnes vergeblich suchen. Weder der im Zusammenhang häufig genannte Boris Herrmann konnte eine Kampagne aufstellen, noch der bislang aussichtsreichste Anwärter auf einen Platz unter den IMOCA-Helden, Jörg Riechers.

Der hatte noch vor vier Jahren, wenige Tage vor dem Start der letzten Vendée Globe, hoffnungsvoll seine Teilnahme angekündigt, war gemeinsam mit seinem Sponsor „Mare“ in seinem Vorhaben immerhin schon bis zum „eigenen“ IMOCA gekommen und musste aber nach dem Ausstieg seines Geldgebers aus dem Projekt die Segel streichen. Riechers ehemalige IMOCA wird nun unter neuem Namen von dem Franzosen Jean Le Cam (SR berichtete) um die Welt geschippert.

„Es wird gigantisch,“ begeisterte sich unlängst Jeremie Beyou auf seiner „Maitre Coq“, einem der Foil-IMOCA. „Doch eines weiß ich jetzt schon: Die Wochen, die noch vor uns liegen, könnten härter werden als die Regatta selbst. Ein neuer Segelsatz, Rigg-Trimm, Nahrung bunkern und immer wieder testen, testen, testen… Und so geht es nicht nur mir. Alle anderen stehen auch unter Strom. Eigentlich hat die Vendée Globe schon längst begonnen!“

Website Vendée Globe

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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Ein Kommentar „Vendée Globe: 29 Skipper aus zehn Nationen – Alex Thomson bricht Tragflügel ab“

  1. avatar Breizh sagt:

    Vielen Dank für den Vorbericht. Hat Spaß gemacht ihn zu lesen. Liebend gern noch viel mehr davon.

    Wer die Foils an den riesigen Booten schon einmal live gesehen hat, fragt sich wirklich, ob diese fast zerbrechlich wirkenden – zu mindestens im Verhältnis zum restlichen Schiff – Anbauten wirklich halten. Insbesondere wenn man sich die wochenlangen extremen Belastungen bspw. im Southern Ocean vorstellt. Ich kann mir es nicht vorstellen.

    Schade, dass es keine deutsche Kampagne geschafft hat. Aber beim aktuellen Normandy Channel Race taucht ja wieder ein lang verschollener Jörg Riechers auf. Nur leider hat man von Boris Herrmann zum Thema Offshore in letzter Zeit wenig gehört. Wahrscheinlich müssen wir darauf warten, dass Isabelle Joschke eine entsprechende Kampagne auf die Beine stellt. Dann gemeinden wir sie einfach wieder ein.

    Ob der sehr sympathische Schweizer Alan Moura allerdings noch bis Ende des Monats fertig wird, könnte fraglich sein. Bis letzte Woche fehlte seinem IMOCA ja noch sämtliches Rigg. Und ohne das wird es ja bekanntlich schwierig …. Drücken wir einmal die Daumen für ihn.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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