Vendée Globe: 33 Boote am Start – Rekord! Letzte „technische“ Regatta: Défi Azimut

Der Stand der Dinge

Zwei Monate vor dem Start der Vendée Globe sieht alles deutlich besser aus, als man noch vor Kurzem glauben wollte. Wer ist dabei? Wie sehen die Auflagen aus? Und warum kneift der sonst so PR-starke Alex Thomson derzeit bei den Speed-Vergleichen?

Eines muss man den Franzosen lassen: Sie sind unerschütterliche Optimisten! Und wie es nach dem heutigen Stand der Dinge aussieht, könnten sie mit diesem Optimismus selbst in höchst unsicheren, pandemischen Zeiten wie diesen noch durchweg beeindruckende Rekorde aufstellen. Denn schon jetzt scheint sicher: Die Vendée Globe 2020 ist auf dem besten Weg, das größte französische Sportereignis des Jahres zu werden. Corona hin oder her.

Doch schön der Reihe nach. 

Mit dem Einschreibeschluss am vergangenen Wochenende und den endgültigen, auf den letzten Drücker erledigten Qualifizierungen von Armel Tripon, Sebastien Simon und Sebastien Destremau wurde nun die definitive Teilnehmerliste der Vendée Globe 2020 bekannt gegeben. Demnach werden 33 IMOCA am 8. November 2020 an den Start der legendären Einhand-Nonstop-Weltumseglungs-Regatta fahren – 27 Männer und sechs Frauen. 

An Attraktivität zugelegt

Mit 33 Teilnehmern wird ausgerechnet im schwierigsten Organisationsjahr dieses Rennens eine Rekordflotte unterwegs sein. Trotz Corona-Unwägbarkeiten, trotz einiger (zuletzt dann doch weniger) Rückzieher seitens mancher Sponsoren, werden zehn Prozent mehr Boote am Start sein, als bei der Vendée Globe-Ausgabe 2008. Damals sprach man bei 30 Teilnehmern und einem nahezu homogenen Mix aus alten, sehr alten und nagelneuen Booten (alle ohne Foils)  noch von einem Jahrhundert-Ergebnis, das „wohl so niemals wiederholt werden kann“. 

Gerade noch qualifiziert: Occitane mit klar erkennbarer Stelle, wo der Bug repariert wurde © classe imoca

33 IMOCA am Start der Vendée Globe.  Das bedeutet auch, dass sich die per se schon technisch aufwändige Klasse durch den zusätzlich möglichen Einsatz von Foils nicht – wie von einigen befürchtet – in ein „Aus“ manövrierte. Sondern im Gegenteil sogar an Attraktivität gewann: Für die Segler und Seglerinnen, für die Sponsoren und erst recht für die Fans und das große Publikum. 

Nettes Trainings- und Qualifikationsprogramm

Was die Rekord-Zahl der eingeschriebenen Teilnehmer anbelangt, hing letztendlich alles von drei noch nicht qualifizierten Seglern ab, unter denen zumindest zwei gut für eine Top-Five-Platzierung sein könnten oder gar zum Favoritenkreis zählen.

Die IMOCA-Flotte darf wieder starten. © Zedda/Defi Azimut

Doch Sébastien Simon (Arkéa Paprec) und Armel Tripon (l’Occitane de Provence) hatten auf ihren nagelneuen bzw. völlig umgebauten Booten bei der letzten offiziellen Qualifikationsregatta  Les Sables-Arctique Havarien erlitten und mussten aufgeben. Die IMOCA-Klassenoberen hatten Simon und Tripon letztendlich eine weitere Quali-Möglichkeit offeriert: 2.000 Seemeilen Solo ohne Bruch und Unterbrechung – ein nettes Trainingsprogramm für die Beiden, das sie problemlos absolvierten.

Acht nagelneue IMOCA

Was die diesjährige Rekord-Teilnehmerzahl ebenfalls zukunftsträchtig erscheinen lässt, ist die Zusammensetzung der Boote: Acht nagelneue IMOCA, die mit dem allerneuesten Foil-Wissen und -Equipment ausgestattet sind, bringen die Klasse eindeutig auf den Weg in eine durchaus glorreiche Zukunft. Unter den 25 weiteren Booten ist der mit Abstand größte Anteil ebenfalls mit Foils unterwegs. Die wiederum im Laufe des letzten Jahres bzw. sogar noch in den vergangenen Monaten zum wiederholten Male gegen neuere bzw. überarbeitete Versionen ausgetauscht wurden. 

Die Teilnehmerliste

neueste IMOCA Generation:

Jeremie Beyou, Charal. (F)

Charlie Dalin, Apivia (F)

Thomas Ruyant, Linkedout (F)

Sébastien Simon, Arkea-Paprec (F)

Alex Thomson, Hugo Boss (GB)

Armel Tripon, l’Occitane en Provence  (F)

Nicolas Troussel, Corum (F)

Kojiro Shiraishi, DMG Mori (Jap)

ältere IMOCA-Generationen: 

Fabrice Amedeo, Newrest (F)

Romain Attanasio, Best Western (F)

Alexia Barrier, 4myplanet (F)

Yannick Bestaven, Maitre Coq (F)

Arnaud Bossieres, Mie Caline (F)

Louis Burton, Bureau Vallée

Didac Costa, One Planet, One Ocean (Span)

Manuel Cousin, Groupe Setin (F)

Clarisse Cremer, Banque Populaire (F)

Samantha Davies, Initiative Coeur (GB)

Sabastien Destremeau, Merci (F)

Benjamin Dutreux, Omia Water Family, (F)

Kevin Escoffier, PRB (F)

Clement Giraud, (F)

Pip Hare, Medallia (GB)

Boris Herrmann, Sea Explorer Yachtclub Monaco (D)

Isabelle Joschke, MACSF (F/D)

Jean le Cam, Yes we cam! (F)

Stephane le Diraison, Time for Oceans (F)

Mirranda Merron, Campagne de France, (GB)

Giancarlo Pedote, Prysmian Group, (Ita)

Alan Roura, la Fabrique, (Sui)

Damien Seguin, Groupe Apicil, (F)

Maxime Sorel, V B Mayenne (F)

 

Letzter Test: Defi Azimut

Neunzehn der eingeschriebenen Skipper und Skipperinnen werden ab Mittwoch am „Defi Azimut“ teilnehmen. Die mittlerweile traditionelle Regatta gilt als letzte Möglichkeit, die Technik der Boote und ihre Performance zu überprüfen. Und natürlich die Form der Segler zu testen. 

Wenn Charlie Dalin mal an Deck muss wird es nass. © François Van Malleghem / IMOCA

Am Mittwoch wird vor Lorient ein Auftakt-Rennen gestartet, bei dem nachmittags die Boote mit jeweils vier Versuchen über eine 1,5 sm kurze Rennstrecke die schnellsten Kurzstreckensegler (Halbwind bzw. Raumschotkurs) gesucht werden. Donnerstag bis Samstag ein 48-Stunden Rennen im „Fake-Solo-Modus“: die Skipperinnen und Skipper werden von einem Mediamann/einer Mediafrau begleitet. Außerdem wird eine weitere „Aufsichtsperson“ dabei sein können, die bei besonders schwierigen Windverhältnissen mit verhindern soll, dass kurz vor der Vendée Globe  noch essentieller Bruch passiert. Am Sonntag dann Regatta rund Ile de Groix (vor Lorient) im Team – ein enges Rennen, das (je nach Windverhältnissen) schon in eineinhalb Stunden wieder Geschichte sein wird.

Welche Anti-COVID-Maßnahmen?

Insgesamt hat sich, trotz massiv steigender Infektionszahlen in Frankreich, die Hochsee-Szene in Sachen Pandemie-Nervosität etwas beruhigt. Zwar ist offiziell noch nicht bekannt, mit welchen Maßnahmen die Vendée Globe letztendlich gestartet wird. Diese Informationen werden erst bei der offiziellen Pressekonferenz am 17.September in Paris bekannt gegeben (ausgerechnet in der am stärksten von Corona betroffenen Stadt Frankreichs). 

Brite? 14 Tage Quarantäne!

Dennoch sickerten bereits erste Informationen durch. Ähnlich wie bei jedem Etappenstart der Tour de France (Velo), sollen alle Teilnehmer, ihre Teams und ihre Familien im Zeitraum vom 3.-8.November insgesamt drei Mal auf COVID19 getestet werden. Zudem sollen nach heutigem Stand die Teilnehmer fünf Tage vor dem Rennen in einem strikten Lockdown gehalten werden. Die britischen Teilnehmer, die nicht in Frankreich leben und demnach von der Insel zum Kontinent segeln werden, müssen sich offenbar sogar auf eine 14-tägige Quarantäne einstellen. 

Bleibt zu hoffen, dass der Deutsche Boris Herrmann von derartigen Kletteraktionen bei der Vendée Globe verschont bleibt © Malizia/IMOCA

Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die sich mit dem Virus angesteckt haben, dürfen nicht starten. Sollte im Umfeld der Teilnehmer eine infizierte Person geortet werden, wird der Teilnehmer 5 Tage in Quarantäne geschickt, bevor er/sie (nach negativem Test) lossegeln darf. So soll vermieden werden, dass COVID an Bord eines Bootes ausbricht – viele Staaten entlang der Vendée Globe-Route weigern sich auch im Notfall, an COVID erkrankte Sportler aufzunehmen. 

Für alle Hardcore-Vendée Globe-Fans wird es allerdings dieses Jahr buchstäblich „hart“. Denn die offiziellen Corona-Auflagen ermöglichen nach heutigem Stand lediglich 5.000 Personen pro Tag auf dem Gelände und im Race-Village. Schwierig für ein Event, das normalerweise innerhalb einer Woche mehr als eine Million Menschen anzog. Die Sponsoren halten sich entsprechend mit Ausstellungfläche  zurück. Wozu also Unsummen ausgeben, wenn man seine Produkte kaum jemandem zeigen kann?

Thomson: „Lieber alleine trainieren!“

Letztendlich beschäftigt die französische Hochsee-Szene jedoch nur noch eine Frage: Wie schnell ist der Brite Alex Thomson auf seiner nagelneuen, noch futuristischer anmutenden Hugo Boss wirklich? Eigentlich hätte er beim erwähnten Defi Azimuth dabeisein sollen, doch der clevere Brite sagte kurzfristig ab. Er wolle lieber alleine weiter trainieren und seine Karten erst beim Start der Vendée Globe auf den Tisch legen“, ließ er verbreiten. Was wirklich hinter dieser Absage steckt, kann man lediglich erahnen.

Kneift Thomson oder ist er “nur” vorsichtig? . © Hugo Boss

Denn nur wenige Informationen sickern von England rüber auf den alten Kontinent. Zwar zählen Boot und Skipper zum allerengsten Favoritenkreis, doch hat es eben noch keinedirekten Speed-Vergleiche gegeben. Hat Alex die Hugo noch nicht im Griff? Will er bei irgendwelchen „letzten-Test-Regatten“ gegen die immer „scharf“ segelnden Franzosen kein Bruch-Risiko eingehen? Oder will er sich ganz einfach nur nicht unnötigen Infektionsrisiken aussetzen?

Den Fans soll es recht sein, denn so wird das Rennen ab dem 8. November nochmals um einige Grad spannender!

Website Défi Azimut

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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