Vendée Globe: Abschied von Alex Thomson – Seine Enttäuschung nach dem Ausscheiden

"Ich habe alles gegeben"

Die Vendée Globe hat eine ihrer größte Attraktion verloren. Alex Thomson meldet sich mit einer emotionalen Ansprache von Bord der Hugo Boss. Er habe bis zum Schluss an den Sieg geglaubt. 

“Ich habe einige Tage gebraucht, das Geschehene zu verarbeiten”, sagt Alex Thomson in der jüngsten Nachricht nach seinem Abbruch bei der Vendée Globe. “Ich musste meine Gedanken ordnen bevor ich mich in der Lage fühlte, zu euch zu sprechen.” Vier Tage lang hatte er sich nicht mehr von Bord gemeldet. Und als Fan machte man sich schon Sorgen.

Aber die Situation, die Enttäuschung ist nachvollziehbar. Der Brite erklärt nun,  normalerweise sei er ein sehr positiver Typ sei “aber ehrlich gesagt fühle ich mich nun ziemlich gebrochen.” Seit gut zwanzig Jahren sei dieses Rennen sein Ziel gewesen. Seien zuvor so nahe dran gewesen an dem Sieg, aber diesmal habe er wirklich geglaubt, dass es möglich sei. “Ich hatte das Boot meiner Träume, wir haben eine Kampagne zusammengestellt auf die ich extrem stolz bin. Und trotz des Rückschlags in der vergangenen Woche dachte ich, dass es möglich sei zu gewinnen.”

“https://www.youtube.com/watch?v=iCn0QDlGexY

Er habe diesem Sport sein Leben gewidmet, und nun sei das eine sehr bittere Pille, die er schlucken müsse. “So viele Menschen haben mich unterstützt – es ist herzzerreißend. Dieser Sport, dieses Rennen ist so hart. Dinge können sich so schnell ändern. Aber das ist auch das Schöne daran. Es ist eine solche Herausforderung. Und deshalb habe ich dafür einen so großen Teil meines Lebens gegeben.” Er danke allen, die ihn unterstützt haben. “Diesmal konnte ich bei diesem Rennen keine Geschichte schreiben. Aber ich sage euch: ich habe alles gegeben, wirklich alles, was ich habe.”

Die Höhen und Tiefen

Niemand zweifelt daran. Und genau das macht Alex Thomson so einzigartig. Man kann mit ihm mitfiebern, seine Höhen und Tiefen erleben. Er gibt sich ehrlich, offen und man merkt, dass es ihm ein Anliegen ist, seine Fans auf die Reise mitzunehmen. Bei diesem Rennen war er auch technisch bestens ausgerüstet, um von Bord zu kommunizieren. Bei jedem Video von Bord merkte man ihm den Spaß an, die er daran hat, der Außenwelt seine Abenteuer nahe zu bringen. Wie er mit seien überall auf dem Boot installierten Kameras hantierte im Bemühen, das Geschehen an Land zu bringen, ist einzigartig.

Hugo Boss mit Code Zero. © Alex Thomson Racing

Er mag nicht der beste Segler der Flotte sein. Die französischen Einhand-Spezialisten werden mit ihrem strategischen und taktischen Know How höher bewertet. Aber Thomson hat dazu gelernt. Während er vor vier Jahren noch im Atlantik mit einem unnötigen Extremschlag viele Meilen verlor und erst später Le Cleac’h mit seinem schnelleren Schiff überholte, meisterte er diesmal die komplizierte Wettersituation mit den beiden Stürmen taktisch perfekt.

Allerdings ging er auch höchstes Risiko. Während die Konkurrenz eher Schutz suchte vor Sturm Theta und einen Umweg segelte, bretterte der Brite mittendurch. Ein Meisterstück, das sich vielleicht auch durch vollstes Vertrauen in die Vorbereitung seines Bootes durch das 25-köpfige Alex-Thomson-Racing-Team begründete. Oder durch die Erfahrung von vier Vendée Globe Teilnahmen?

Zu viel gewagt?

Aber so wie sich das Rennen im Nachhinein entwickelt hat, muss er sich wohl auch fragen lassen, ob sich die späteren Schäden in der Bug-Struktur nicht hätten verhindern lassen, wenn er nicht so früh das Gaspedal durchgedrückt hätte.

Andererseits war es möglicherweise strategisch genau der richtige Moment, um volles Risiko zu gehen. Denn wie Armel Le Cleac’h später feststellte: “Ein Raketenboot” sei es nicht. Jedenfalls nicht so wie die Hugo Boss vor vier Jahren im Vergleich. Tatsächlich waren die beiden Verdier-Designs Apivia und LinkedOut bei Flachwasser-Foiling-Bedingungen nach der Äquator-Passage schneller. Sie überholten Thomson auf direktem Kurs.

Alex Thomson liebt es, sich vor der Konkurrenz zu verstecken. © ATR

Aber es wäre spannend gewesen zu sehen, wie Thomsons VPLP-Design mit den runden Foils in den extremen Southern Ocean Bedingungen funktioniert hätte. Vielleicht war es genau für die riesigen Wellen optimiert, mit der die Flotte gerade kämpft. Dabei konnten die Foiler vor vier Jahren kaum ihre Tragflächen benutzen.
Hätte tatsächlich noch die große Stunde für Hugo Boss geschlagen? Konnte sich deshalb der Skipper auch nach der Vorschiff-Reparatur trotz riesigem Rückstand noch so positiv geben (“Der beste Teil liegt noch vor mir”).

Zweckoptimismus?

Oder war das Zweckoptimismus. Hatte das Hugo-Boss-Projekt einfach zu viel Zeit verloren durch den Kielbruch bei der Transat Jaques Vabre vor einem Jahr. Waren die durch die Pandemie entfallenden Testmeilen am Ende entscheidend? Marcus Hutchinson vom LinkedOut Konkurrenz-Team wunderte sich schon, dass Thomson so viel Reparaturmaterial mitschleppte – viel mehr als die konkurrierenden Gegner.
Und was ist nun wirklich für ein Schaden am Ruder passiert? Anders als zu den Strukturschäden im Vorschiff behält sich das Team zum Ruder-Problem bedeckt. Ist es gebrochen? Hat nur die Steuermechanik versagt?

Erst eimal ist nicht mehr zu erfahren. Fakt ist: Die Vendée Globe hat ihre vielleicht größte Attraktion verloren. Der Kampf des Briten gegen die Übermacht der Franzosen war für viele das Salz in der Suppe. Ob man ihn noch einmal sehen wird in vier Jahren? Es ist fraglich. Der 46-Jährige hatte schon einmal angedeutet, dass es sein letzter Versuch sein könnte, diese Regatta zu gewinnen. Aber bei einem Thomson weiß man nie…

Alex Thomson in seinem geschützten Cockpit. © Alex Thomson Racing

Auch die Konkurrenten vermissen ihn. Fabrice Amedeo, der als erster mit einem Schaden nach Lorient zurückgekehrt war und dem Feld 500 Meilen hinterher startete, fasst die Gedanken in Worte: „In den vergangenen zwei Wochen habe ich jeden Tag viele Emotionen durchlebt. Und ich finde diese abgelegene Position, weit hinter allen anderen, unglaublich schwierig. Aber seit diesem Samstagmittag beklage ich mich nicht mehr. Ich habe nicht mehr das Recht dazu.

Denn die Vendée Globe hat einen seiner Favoriten verloren, Alex Thomson. Aber unser Rennen hat mehr als nur einen Skipper verloren. Alex hat unseren Sport revolutioniert: Seine Boote sind immer die schönsten und denen seiner Konkurrenten einen Schritt voraus. Alex hat die Kommunikation im Segelsport modernisiert, indem er alle Barrieren sprengte: Keel Walk, Mast Walk, Sky Walk. Er ist einzigartig in unserem Sport.
Diese Vendée-Globe braucht einen Sieg von Alex Thomson. Ich hoffe, es wird 2024 sein. Und obendrein ist Alex nett und er ist bescheiden. Das Rennen verliert nicht nur einen Favoriten, sondern auch heute einen großen Mann. Ich wünsche ihm und seinem ganzen Team das Beste.“

Vendée Globe Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Vendée Globe: Abschied von Alex Thomson – Seine Enttäuschung nach dem Ausscheiden“

  1. avatar Jänicke sagt:

    Schade, dass Alex Thomson ausgeschieden ist ! Aber das ist nun mal Teil dieses Spiels bei einer Ausfallquote bis zu 40 %….Und er ist ja einer der Erfahrensten ! Bin gespannt, wie Boris Herrmann als Vendee-Neuling zurecht kommen wird ! Drücke ihm die Daumen !!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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