Vendée Globe: Boris Herrmann auf Platz zwei gerechnet – Sind die Zeitgutschriften unfair?

Noch so'n Ding, Augenring

Boris Herrmann hat bei der Vendée Globe nach zwei Halsen etwas an Boden verloren, er ist aber noch voll im Spiel. Der Kollisionskurs mit einem Frachter raubte Schlaf. Franzosen mokieren sich über Zeit-Bonus.

“Als wenn ich nicht schon genug Stress hätte.” Boris Herrmann beschreibt im aktuellen Video von Bord, wie er am Abend eine halbe Stunde lang versucht hat, einen Frachter-Kapitän davon zu überzeugen, seinen Kurs 30 Grad zu ändern. “Das brauchte etwas Überzeugungsarbeit…Ich habe Vorfahrt.” Aber schließlich sei der Massengutfrachter “Hannah Oldendorf!” dann doch ausgewichen.

Im Vergleich zu seinen beiden direkt vor ihm segelnden Konkurrenten hat sich für Boris Herrmann wenig getan. Nach einer Halse weg aus dem Kielwasser von Charlie Dalin verlor er allerdings im Vergleich zu Louis Burton einige Meilen an Tiefe, die er nicht durch höhere Geschwindigkeit ausgleichen konnte. Dessen Speed Richtung Ziel betrug in den vergangenen 24 etwa einen Knoten mehr und die Differenz wird aktuell größer.

Und Dalin gab wie erwartet auf seinem neuen Kurs mit Wind von Backbord und intakter Tragfläche mächtig Gas. Aber auch Herrmann kann einen stabilen Speed von über 20 Knoten beibehalten.

Herrmann (grau) verliert etwas an Boden. Er segelt schnell, aber nicht so tief wie etwa Burton (gelb, oben)

Auch die Jäger machen zwar mächtig Druck – Thomas Ruyant griff mit gleich sechs Halsen an und Bestaven mit einem langen Schlag gen Norden – aber der Deutsche scheint bisher dagegen halten zu können. Die Augenringe im Video deuten allerdings an, wie belastend dieser Endspurt ist.

Bestaven (rot) holt zu  Herrmann auf.

Die jüngsten Berechnungen sehen Herrmann inklusive der Zeitgutschrift noch vorne. Aber der Rückstand zu Dalin ist auf 72 Meilen angewachsen. Und die Werte des Trackers entsprechen aktuell auch wieder einigermaßen der Realität, da der Wind fast exakt von hinten kommt.

Dalin hat jetzt klar das Kommando gegenüber Louis Burton übernommen. Aber er muss eben noch die Zeitkompensation gegenüber Herrmann heraus segeln. Und auch Yannick Bestaven (Maître Coq IV) ist mit seiner 10:15 Stunden-Gutschrift längst nicht geschlagen. Offizielle Quellen gehen davon aus, dass die Differenz von Bestaven zu Herrmann (4:15 h) etwa für 90 Meilen gut sein sollen. Im Moment liegt sie bei 147 Meilen, aber der lange Zeit Führende konnte den Abstand zuletzt deutlich verkürzen.

Die große Frage: wie viele Meilen ist die Gutschrift am Ende wirklich wert. Wenn der Wind vor dem Ziel wie angesagt auf 10 bis 12 Knoten abflaut ist das für Herrmann schlecht in Bezug auf die beiden Ersten aber gut in Vergleich zu Bestaven.

Die aktuellen Routings von Yoann Richomme vom 25.1. Demnach wäre Herrmann 2:21h nach Dalin im Ziel. Aber Bestaven nur 5:54 dahinter. Er würde gewinnen.

Während so kurz vor dem am Mittwoch erwarteten Zieleinlauf immer klarer wird, dass die drei Wiedergutmachungen aus der Escoffier-Rettung eine nicht für möglich gehaltene Rolle spielen werden, mehren sich im französischen Lager die kritischen Stimmen. Es wird von Unfairness gesprochen – vielleicht auch wegen der drohenden Gefahr, dass dadurch erstmals ein Nicht-Franzose die Vendée Globe gewinnen könnte.

Eine “Schande”?

“Es ist grausam und mag unfair erscheinen, und in der Tat ist es wahrscheinlich ein bisschen unfair, aber so ist die Regel,” schreibt Ouest France. Und zu Herrmann: “Seit dem Start des Rennens am 8. November segelte der Hamburger nie an der Spitze, sondern immer nur mit. Er wurde zu den Außenseitern gezählt und hat ein konservatives Rennen gesegelt ohne strategische Risiken oder mutige Optionen. Eine seriöser, unspektakulärer, klarer Angang des Rennens. Und der zahlt sich aus. Er könnte ihm den Jackpot bringen.”

Konstant hoher Speed bei Herrmann. Aber im aktuellen VMG-Modus kommt es mehr auf die Tiefe an.

Auch der ausgeschiedene Vendée Globe-Teilnehmer Fabrice Amedeo sagt, die Zeitgutschriften würden von einigen Konkurrenten als Ungerechtigkeit empfunden. “Diese Boni sind ein Geschenk. Aber Segeln ist keine exakte Wissenschaft. Es ist eine Schande für die sportliche Fairness, wenn der Erste im Ziel sechs Stunden warten muss, um zu erfahren, ob er gewonnen hat.”

Entwicklung der Meilen-Differenz zwischen den drei Führenden. Herrmann (grau) hat zuletzt etwas Federn gelassen.

Aber eine solche Sichtweise ist erstaunlich. Natürlich ist es nicht schön, wenn das Rennen so entschieden wird. Aber schließlich haben die Beteiligten bei der Rettungsaktion extrem viel Zeit verloren – möglicherweise viel mehr als sie nun gutgeschrieben bekamen.

Schließlich konnte Luis Burton als Nicht-Beteiligter unbeirrt seinen inzwischen gefeierten harten Südkurs entlang der Eisgrenze fortsetzen, während die Gegner umdrehten. Er schuf damit die Basis für die Führungsposition, die er später viele Tage beibehielt.

Es ist wohl müßig darüber zu diskutieren, ob die exakte Zeit der Boni gerechtfertigt ist. Die Jury hat lange darüber gegrübelt und Boris Herrmann ist bestimmt schlechter dabei weggekommen, als Yannick Bestaven. Herrmann selber wunderte sich schon, dass der gegner 4:15 h mehr Zeit zugesprochen bekam.

Aber dass es für solche Fälle eine Wiedergutmachung im Segelsport gibt, ist nicht außergewöhnlich, sondern Standard. Bei Regattaserien werden je nach Fall Punkt-Durchschnittswerte vergeben. Und nicht selten entscheiden diese wichtige Regatten.

Gerade bei der Rettung anderer Segler ist es gang und gäbe, den Nachteil für helfende Teilnehmer auf diese Weise zu kompensieren. Das soll den Sinn haben, die Sicherheit auf dem Wasser zu erhöhen.

Unfair ist es dagegen, darüber zu meckern, wenn eine solche Regelung nun einen Einfluss auf den Ausgang dieser Vendée Globe haben sollte – auch wenn es klar ist, dass es bei einer Langstreckenregatta ungleich schwieriger ist, eine angemessene Wiedergutmachung auszusprechen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

22 Kommentare zu „Vendée Globe: Boris Herrmann auf Platz zwei gerechnet – Sind die Zeitgutschriften unfair?“

  1. avatar Bollwerk sagt:

    Aber hallo,

    da kann man ja froh sein, dass ausser Herrmann auch zwei Franzosen eine Zeitgutschrift haben. Diese Debatte ist höchst erstaunlich und es ist ein Skandal, dass sie überhaupt stattfindet. Man stelle sich vor, Franzosen hätten einen Italiener, Deutschen oder Engländer gerettet und dafür keine Zeitgutschrift bekommen………..

    Handbreit

  2. avatar Björn sagt:

    Hanna Oldendorff aus Lübeck, oder?

  3. avatar Jörg Gosche sagt:

    Is ja noch ein bisschen früh darüber zu spekulieren … aber in der Tat würde es in Frankreich schon einige Reaktionen auslösen wenn ein Nicht-Franzose (und dann wohlmöglich auch noch ein Deutscher) dieses Event gewänne.

    Aus eigener Erfahrung:
    Als Hannes und ich dereinst mit unseren F 18 beim EUROCAT das Long-Distance-Race (Grand Raid Voiles et Voiliers) gewannen, wurden wir in der Presse (und auf der Ergebnisliste) hinterher plötzlich Dutch, d.h. Holländer.

  4. avatar Macki sagt:

    …und Louis Burton konnte seine 5 Stunden Zeitstrafe für seinen Frühstart abbummeln, als es ihm gerade aufgrund der ohnehin allgemeinen Flautenlage zupass kam…

    • avatar SlocumS/W sagt:

      Gut bemerkt. Eine andere Konsequenz hätt so aussehen können, dass er die 5 Stunden am letzten Tag vor dem Finish hätte absitzen müssen. Auch Juries sollten nie auslernen.

  5. avatar Holly sagt:

    Da haben die Frenchies plötzlich Schiss, dass ein Deutscher gewinnen könnte, und schon sollen die Zeitgutschriften unfair sein. Wäre es andersherum gewesen, hätte niemand sich beschwert. Und Boris hat ja sogar noch relativ wenig Gutschrift bekommen. Ich find das ehrlich gesagt ein bisschen lächerlich.

    • avatar Olli sagt:

      Übrigens wird die durchaus vorhandene Unfairness der Zeitgutschrift in Frankreich unabhängig von der Nationalität gesehen. Die drei Retter haben einen großen Vorteil dadurch und es ist durchaus anzunehmen, daß sie ähnlich positioniert wären, wenn sie nicht in die Suche involviert gewesen wären. Diese Gutschriften werden aber nicht leichtfertig verteilt, weswegen einige Spezialisten noch eine Woche nach dem Unglück gerechnet haben, um halbwegs belastbare Werte der Wiedergutmachung zu erreichen. Ein Rennen wie dieses, in dem sich wetterbedingt das Feld mehrfach eng zusammen schiebt und quasi neu startet ist immer gut für diejenigen, die Anspruch auf Wiedergutmachung haben. Das ist dann natürlich unfair gegenüber denjenigen, die geradeaus durchgefahren sind und vielleicht noch ein größeres Geschwindigkeitspotential haben.
      Das sind aber alles Betrachtungen, die unabhängig von der Nationalität des Kontrahenten gemacht werden. Es wäre begrüßenswert wenn wir das auch tun könnten, so sehr wir Boris auch den Sieg wünschen.
      Die Skipper da draußen kennen sich untereinander besser als der hiesige Durchschnitt den einzigen deutschen Teilnehmer kennt. Lasst die mal machen. Die wissen schon was sie tun und was sie sagen.

      Achtung Ironie und Überheblichkeit:

      Sind ja keine Fußballer…

      Ironie und Überheblichkeit aus.

      • avatar Jörg Gosche sagt:

        Ironie an:
        Profisportler sind doch alle gleich!
        Ironie aus.

      • avatar Willem sagt:

        ….wegen Unfairness..kritische Stimmen aus dem französischen Lager.
        Wie ist sowas zu verstehen wenn so pauschaliert wird? Man sollte nicht jeden Furzlaut einer vl. kleinen Maus eine Plattform geben. Ich glaube da hat nur jemand genießt, jemand hats gehört, jemand meint das sei wichtig.

  6. avatar Olli sagt:

    Für die Vendée Globe ist Boris ohnehin schon ein Segen, weil er durch seine mitteilsame Art und immerwährende Höflichkeit vormacht, wie Medienarbeit gehen kann. Würde er gewinnen, wäre es ein Sechser im Lotto für das Rennen. Es würde deutlich internationaler werden und könnte mit viel größerem Einfluss punkten.
    Ein Vergleich mag der Americas Cup nach 83 darstellen. Für die Millionäre unter Strohhüten, die sich alle drei oder vier Jahre zum Segeln vor Newport trafen war es natürlich unkomfortabel, die Trophäe mir nichts dir nichts in down under zu wissen. Aber der Cup danach, 86/87 vor Fremantle, war der größte der bisherigen Geschichte. Derlei könnte der Vendée auch passieren.
    Wäre ungewohnt für die Rennställe in der Bretagne, aber wirtschaftlich gesehen ein Segen für das Einhandsegeln allgemein und Frankreich im Besonderen.

  7. avatar PL_peterklingmueller sagt:

    wie heisst der Buchtitel von Tim Kröger:”Abgerechnet wird im Ziel”.
    Drücke natürlich fest die Daumen und er soll sein Ding weitermachen , wird schon klappen!

  8. avatar KptAhab sagt:

    Was ist dass denn für eine Diskussion??!!
    Die Zeitgutschriften zu kritisieren, finde ich auch in hohem Maße unfair.
    Dann sind die Ersten halt nicht gut genug oder schnell genug gesegelt, wenn es Ihnen über zigtausende von Seemeilen nicht gelungen ist, den Vorsprung nach Hause zu segeln oder auszubauen, der ihnen dadurch entstanden ist, dass die drei noch im Rennen verbliebenen Boote da eine Nacht lang versucht haben, jemanden aus dem Bach zu fischen.
    Das erinnert in bisschen an Trump, der vorher schon sagt, dass die Wahl ja nur unfair abgelaufen sein kann, sollte der Fall eintreten, dass er sie nicht gewinnt.

  9. avatar PL_peterklingmueller sagt:

    wie heisst der Buchtitel von Tim Kröger:”Abgerechnet wird im Ziel”.
    Drücke natürlich fest die Daumen und er soll sein Ding weitermachen , wird schon klappen!
    Nicht schnacken, -weiter-machen.

  10. avatar breizh sagt:

    Ganz dünnes Eis hier gerade!
    Wenn Carsten hier schon etwas Populistisches behauptet, wie „es wird von Unfairness gesprochen – vielleicht auch wegen der drohenden Gefahr, dass dadurch erstmals ein Nicht-Franzose die Vendée Globe gewinnen könnte.“ Dann würde ich mindestens eine Quellenangabe erwarten. Ich habe bisher keine französische Quelle gehört/gelesen, die so etwas behauptet. Eher das Gegenteil! Auch im Text wurden nur positive Aussagen zitiert. Wenn so etwas behauptet wird, dann bitte mit Quellenangaben! Sonst ist SR nicht besser als die Bild-Zeitung.

  11. avatar Bjoern sagt:

    Boris selbst wird ja auch durch eine Gutschrift (von Bestaven) bedroht und hat nach der Escoffier-Rettung erwähnt, daß er die zu hoch empfindet.

  12. avatar Schleiwelle sagt:

    Also mal ganz von vorn. Priorität vor allem hat die Rettung in Seenot geratener Menschen. Und da spielt es keine Rolle, ob Regatta oder Kreuzfahrt. Dass bei einer solchen Regatta wie die Vendée Globe für Rettungseinsätze Zeitgutschriften erteilt werden ist doch wohl völlig normal. Oder möchte man vielleicht riskieren, dass die in der Nähe befindlichen Teilnehmer ihre Geräte ausschalten, um keine Zeit zu verlieren?? Wenn man von unfair spricht, muss man sich mal die Segelgeräte anschauen. Für so etwas gibt es bei herkömmlichen Regatten die Yardstick Zahlen. Also was ist hier unfair, wenn sich Menschen selbst in Lebensgefahr begeben, um Andere aus Seenot zu retten.

  13. avatar Bruno sagt:

    Ich finde es sollte noch ein Blut und Haartest durchgeführt werden die Franzosen nehmen vielleicht Drogen deswegen die unverständliche Kritik schon im Vorfeld.

  14. avatar SlocumS/W sagt:

    Kein Rennen ohne Regeln. Und die müssen stehen.
    Mit welcher ‘Black Box’ allerdings die nur 6 Stunden für Boris errechnet wurden, darf nicht das Geheimnis der Jury bleiben. Nur Boris selbst und sein Team können das beurteilen.

  15. avatar Rolf Hufnagl sagt:

    Das Problem liegt in der unglücklichen (saudoofen) Headline!
    „Franzosen“ mokieren sich über Zeit-Bonus.
    Haben sich wirklich alle ca. 67 Millionen Franzosen mokiert?
    Sicher nicht.
    Es waren wohl nur ein paar (irrlichternde) Fans.
    Das dürfen diese auch, dies gehört zur Meinungsfreiheit.
    Man muss das aber in der Headline dann auch wahrheitsgemäß so zum Ausdruck bringen.
    Die Leistungen aller Teilnehmer dieser Vendee Globe, ob Erster, Letzter, Frau oder Mann, Behindert oder nicht, im Ziel angekommen, oder ausgeschieden, sind unfassbar und allen gebührt Respekt und Anerkennung.
    Der Segelsport war erfreulicherweise schon immer international und dies problemlos.
    So solls auch bleiben.
    Wir leben auf einer Welt und wir segeln auf einer Welt und insbesondere wenn um die ganze Welt gesegelt wird, sollten wir uns verbinden und nicht durch gestriges Vokabular entzweien.

  16. avatar Peter sagt:

    Übermorgen ist wieder alles vergessen … und besser

    Die Regatta braucht mehr Internationalität und ihre Austrahlung und gleichzeitig ihre Einnahmen hägen davon ab.
    Es ist lebensnotwendig, was besseres könnte gar nicht passieren!
    Das ist ein echter Glücksfall!

  17. Der Fischer müsste in seinen Aufzeichnungen beweisen dass er Boris nicht rechtzeitig bemerkt hat. Die Rennleitung könnte das verlangen und mit Zeitgutschrift handeln.

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