Vendée Globe: Boris Herrmann gibt „Post-Storm“-PK – Eindrücke aus dem Home-Office

Ist da noch Platz für Einsamkeit?

Körperliche und mentale Erschöpfung, Sehnsucht nach langen Foil-Surfs, Lichterketten an Weihnachten und Albatrosse als einzige Wegbegleiter bei der Vendée Globe – da darf man(n) sich schon mal einsam fühlen! 

Boris zum Thema “Einsamkeit auf See” – in Englisch

Freitag, 10 Uhr. Vendée Globe-Pilot Boris Herrmann gibt an Bord seiner Sea Explorer/Malizia wieder eine Online-Pressekonferenz. Mal eben so, „mitten im Nirgendwo“, 2.500 Seemeilen südwestlich vom australischen Kap Leuwin. 25 deutsche Journalisten sind zugeschaltet, die PK wurde schon vor Tagen als „Post-Storm“-Meeting angekündigt – der Sturm war dann aber nur ein Stürmchen und wurde locker gewuppt.

Der Protagonist sitzt bei 12 – 25 Knoten Wind relativ entspannt in seinem ergonomischen Stuhl, wird nur hin und wieder ein wenig durchgerüttelt, wenn sein IMOCA in den Kreuzseen bockt, muss manchmal per Knopfdruck den Kurs des Autopilot ändern, wenn eine Bö einfällt („Der Wind dreht hier schlimmer als auf der Alster!“). Boris hat große Kopfhörer übergestülpt, seine Stimme wird von einem Profi-Mikrofon nahezu „lebensecht“ übertragen, lediglich 2-3 Sekunden brauchen die Sätze, bis sie den langen Weg über Satellit von bzw. bis Boris’ Boot geschafft haben. Das Konterfei des Seglers ist zwar nicht in HD zu sehen, aber irgendwie dramatisiert das die ansonsten fast schon zu entspannt wirkende Situation ein wenig, wenn die Bilder dann doch verpixeln.

Großes Kino im Home Office

Stop jetzt, bin ich wirklich der Einzige der dieses Szenario als unglaublich faszinierend und gleichzeitig ziemlich krass empfindet? Man muss sich das mal vor Augen führen. Da segelt der erste Deutsche bei der härtesten Regatta unseres Planeten in genau den gottverlassenen Wasserwüsten, die angeblich die Faszination dieses Rennens ausmachen – und dann holt er sich mal eben schnell 25 interessierte Journalisten an Bord, die in sachlich-professionellem Ton ihre Fragen vom Home-Office oder Redaktionsbüro an den Segler richten. Die dieser wiederum gewohnt eloquent und mit einem Lächeln auf den Lippen beantwortet. Ganz so, als fände diese PK irgendwo in einem Konferenzsaal an der Hamburger Außenalster statt.

Bei so heftigen Bedingungen darf man sich schon mal ganz klein und einsam fühlen

Wohlgemerkt, ich finde es im positiven Sinne toll, was Boris Herrmann medial seit Beginn dieser Vendée Glopbe leistet. Das ist großes Kino und wird der Hochseeregattasegelei in deutschen Landen endlich das Sprungbrett verschaffen, das sie schon seit Längerem verdient hat. Und für einen an Aufregung und Action nicht gerade armen Sport, der sich unter den Augen der Fans abspielt, lassen sich Sponsoren, Mäzene und sonstige Unterstützer bekanntlich leichter finden, als für ein Rennen, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Wie zum Beispiel die Vendée Globe noch vor drei Ausgaben.

Einsamkeit – ein Dauerthema?

Und dennoch kann ich mir einen klammheimlichen Gedanken nicht verkneifen: Ist da noch Platz für Einsamkeit? Diese Einsamkeit, von der früheren „Globisten“ immer mit glitzernden Augen schwärmten oder die von anderen so gefürchtet wurde.

 

Boris Herrmann im Kommunikations-Modus © boris herrmann racing

Und genau diese Frage hätte ich auch gerne gestellt, wäre Boris nicht gleich schon bei seinen ersten Antworten – in einem anderen Zusammenhang – von selbst darauf eingegangen. Denn offensichtlich macht(e) ihm das Alleinsein während der widrigen letzten zehn Tage besonders zu schaffen. Immerhin so sehr, dass er sich verstärkt der Kommunikation mit der Welt, die er eigentlich für drei Monate hinter sich gelassen hat, widmete. 

Doch nicht nur im Austausch mit den Medien, der Renn-Organisation (die übrigens erstaunlich viel mediale Response von den Teilnehmern erwartet), seinem Shore-Team oder seiner Familie findet Boris Herrmann kommunikative Abwechslung, auch die Konkurrenz auf dem Wasser funkt er (wie alle anderen das übrigens auch machen) an, wenn sie in der Nähe sind. 

Boris ging aber noch einen Schritt weiter und gründete eine What’s App-Gruppe für Vendée Globe Teilnehmer, in der offenbar reger Austausch unter den Globisten stattfindet. Einmal habe er sogar einen Kollegen durch „Mut zusprechen“ zum Weitermachen überredet, nachdem dieser etwas von „Aufgabe“ schrieb. 

Was mache ich hier?

Dass sich Einsamkeit relativ häufig in dieser Rennphase zeigt, wird von den meisten der früheren  Vendée Globe-Finisher mit einem ersten „Überdruss“ erklärt. Vierzig Prozent des Rennens sind geschafft – noch nicht mal die Hälfte – und langsam aber sicher ist dieses „Ich bin bei der Vendée Globe“-Jubelprickeln aus dem Bauch verschwunden. Vielmehr stellt man sich in dieser Phase häufiger die Frage: „Was zum Teufel mache ich hier?“ 

In der diesjährigen Ausgabe der Einhand-um-die-Welt-Regatta kommt hinzu, dass diese ersten 40 Prozent so intensiv wie selten erlebt wurden.  Erlebt werden mussten – denn so viele Tiefs, so widrigen Seegang, so häufige, miserable Windeinfallswinkel gab es selten in der ersten Hälfte des Rennens. 

Wie lange man die Konsequenzen aus diesen Phase förmlich mit sich rumschleppt, zeigt sich bei Boris Herrmann ebenfalls deutlich: Er hat schon vor 10 Tagen kleinere Havarien wie kaputte – aber relativ einfach reparierbare – Hydrogeneratoren oder die bereits bei der letzten Hochsee-Pressekonferenz beklagten „Reißverschlussprobleme“ am vielleicht wichtigsten Vorsegel J2 beklagt, das er derzeit dringend bräuchte, aber nicht einsetzen kann. Reparaturen, die schlicht nicht durchgeführt werden konnten, weil es seit zehn Tagen keine Leichtwind-Wetterfenster gab, in denen man sich in Ruhe solcher Probleme entledigen kann. 

Kommt das Schlimmste noch? Oder wird’s ab jetzt besser? © boris herrmann racing

So wird deutlich, dass  es eben kein Medienfutter ist, wenn Boris Herrmann auch in dieser Pressekonferenz wieder von geistiger, vor allem aber physischer Erschöpfung spricht und diese in direkten Zusammenhang mit einem Gefühl von Einsamkeit bringt. „Man fühlt sich schlapp, ausgelaugt, müde und eben auch einsam“ sagt er und man dürfe gar nicht daran denken, was noch an Arbeit und langer, langer Strecke auf ihn zukomme. 

Er freue sich über jeden Besuch, meint Boris augenzwinkernd gegenüber den online zugeschalteten Journalisten. „Albatrosse sind seit Tagen immer in der Nähe von Sea Explorer. Und dann gibt es noch diese kleinen schwarzen Vögel, die sich manchmal auf meinem Boot ausruhen und von denen ich keine Ahnung habe, zu welcher Gattung sie gehören.“ 

Lichterkette für Weihnachten

Ein deutlich größerer „Vogel“ könnte übrigens heute in seiner Nähe vorbeisegeln. Der Ultim-Trimaran „Sodebo“ mit Thomas Coville und Crew an Bord, will den Jules Verne Rekord brechen und dürfte in den nächsten Stunden durch das Spitzenfeld der Vendée Globe rasen. Ob er auch zu Sodebo Kontakt aufnehmen werde, wird Boris Herrmann gefragt. Er zuckt mit den Schultern und antwortet: „Nein, das wird wohl nicht klappen mit einem Kontakt, die sind bestimmt zu weit weg.“ Ist da ein bisschen Bedauern heraus zu hören? 

Wie auch immer, das Thema Einsamkeit lässt Boris Herrmann in dieser Online-Pressekonferenz nicht mehr los – direkt und indirekt. Ob er sich schon Gedanken über sein ganz persönliches Weihnachtsfest gemacht habe, wird der frischgebackene Familienvater gefragt. „Ich werde dann wohl in der Nähe von Neemo sein, dem einsamsten, weil am weitesten vom Festland entfernten Punkt unseres Planeten.“ Dort sei er den Astronauten der ISS näher als festem Boden unter den Füßen. „Ich werde dann wohl die Lichterkette auspacken und anmachen, die mir meine Frau mitgegeben hat“ und er werde – mehr oder weniger einsam – vor sich hinfeiern, sagt er fast schon ein bisschen gerührt. 

Ein Mann, ein Boot, einmal rundum © Team malizia /liot

Doch bis dahin wird noch viel passieren. Boris wünscht sich, näher an Yannick Bestaven heran zu kommen (SR-Porträt) und hofft endlich auf ideale Bedingungen für die ersten, richtig langen Foil-Ritte, bei denen die Foiler unter den „Globisten“ endlich ihr Potential ausspielen können. Mit einem VMG von 21,1 Knoten macht Boris jedenfalls aktuell als Schnellster im Pack ordentlich Druck. 

Drücken wir ihm die Daumen, dass die Einsamkeit in den nächsten Tagen und Wochen, die vom berüchtigten, gottverlassenen Southern Ocean geprägt sein werden, auf diese Weise erträglicher wird. Egal, ob mit oder ohne Online-Pressekonferenz.

Race-Tracker

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

2 Kommentare zu „Vendée Globe: Boris Herrmann gibt „Post-Storm“-PK – Eindrücke aus dem Home-Office“

  1. avatar Olli sagt:

    Toll geschrieben.
    Vielen Dank!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 18 Daumen runter 1

  2. avatar Bruno Klostermann sagt:

    Unglaublich – tiefsten Respekt für Sie Hr. Herrmann!

    Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 3

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