Vendée Globe: Boris Herrmann im Öl – nicht mal auf die „Furious Fiftys“ ist noch Verlass!

Säuselnde Lüftchen im Southern Ocean

Boris Herrmann berichtet in der Live-Schalte von einem eher beschaulich wirkenden Vendée Globe-Törn in der Südlichen Hemisphäre. Doch die Nerven aller Beteiligten dürften bald blank liegen. 

Boris Herrmann berichtet von einem ereignisreichen Tag: “Von 24 kn Speed runter auf Null!” 

„Null Wind! Mein Boot dreht lustlos von der einen Richtung in die andere. Der Autopilot arbeitet ohne Fahrt immer schlecht, so dass ich mir nur wenig Schlaf gönnen kann. Vor einer halben Stunde nahm „Malizia“ für kurze Zeit wieder Fahrt auf, ich hatte einen Windstrich gefunden. Und da hoffte ich schon, dass es die nächsten Stunden so weitergehen könnte – mit acht Knoten Speed durch die Nacht! Das wäre traumhaft gewesen. Aber jetzt ist schon wieder dümpeln angesagt!“ Wer hätte jemals gedacht, dass Boris Herrmann, erster deutscher Vendée Globe Teilnehmer, solche Worte in einer Live-Schaltung ausgerechnet aus dem gefürchteten Southern Ocean senden würde? Dort, wo normalerweise die wütenden Fünfziger toben, herrscht derzeit nur ein leises Säuseln. 

Die Tage genießen?

Und – Höchststrafe! – irgendwie hört es sich eher nach einem sommerlichen Törn und nicht unbedingt nach der härtesten Regatta auf unseren Ozeanen  an, was Boris Herrmann in seiner Vorweihnachts-Pressekonferenz aus der südlichen Hemisphäre berichtet. Er genieße die Tage, sitze oft „unter seiner Kuchenbude im Windschatten“, schaue in den blauen Himmel und über die ruhige See. Und zum ersten Mal in diesem Törn habe er Besuch von Tümmlern bekommen. Geht’s noch beschaulicher? 

 Idyllisch – aber bringt das alles auch Wind? © Ruyant LinkedOut

Natürlich ist das mit der Beschaulichkeit alles eine Frage des Blickwinkels. Hochseeregattasegler können sicherlich auch solche Situationen genießen, aber bitteschön nicht länger als ein paar Stunden. Doch für Boris Herrmann werden die nächsten Nächte und Tage eine schwere Geduldsprobe werden. Denn so ziemlich alles, was er sich für diesen Abschnitt des Southern Ocean erhoffte und wünschte, hat sich buchstäblich in Luft aufgelöst. „Es ist noch gar nicht so lange her, da sahen die Wetterprognosen so aus, dass wir mit zwei bis drei Segelwechsel mal eben locker zum Kap Hoorn gelangen würden. Doch das hat sich mittlerweile erledigt.“ 

Das Hoch, welches sich gerade breit vor und über Herrmann (weiterhin auf einem tollen Rang 4) und der Verfolgergruppe positioniert und diese wohl bald wieder dicht gruppieren wird, erweist sich als äußert zäh. 

Abwarten im vorgeheizten Schlafsack

Trotzdem nehme er die Situation gelassen, versichert der Deutsche. Schließlich ist er nicht alleine mit diesen Problemen konfrontiert. Und ein bisschen Glück sei auch im Spiel. Es bleibe also nichts anderes übrig, als abzuwarten, um auf seine Chance in Form von Windstrichen zu warten.

Nun darf man sich das aber nicht allzu einfach vorstellen. Ein IMOCA kann bei wenig Wind durchaus zickig reagieren. Und wenn dann die Windrichtungen häufig drehen, kann es durchaus physisch werden. Häufige Wenden (und später wieder Halsen) und Segelwechsel im Stundenrhythmus bedeuten hohen Kalorienverbrauch am Grinder respektive an der Kaffeemühle. Viel Zeit zum Schlafen bleibe da nicht, meint Boris Herrmann. Obwohl der mit einem Heizungsschlauch vorgewärmte Schlafsack durchaus locken kann. 

Und immer wieder der Blick zum Horizont. Kommt mehr Wind – wenn ja, zuviel? © bestaven

Apropos Kalorien. Noch macht sich Boris Herrmann keine Gedanken, ob die auf 80 Tage abgezählten Rationen irgendwann im Atlantik „gestreckt“ werden müssen. Noch. Er glaubt nach wie vor daran, dass sie den vorgesehenen Zeitrahmen einhalten werden. Auch wenn die aktuelle Vendée Globe-Flotte bereits Tage hinter dem Rekordkurs von Armel Le Cleac’h, dem Sieger der letzten Vendée Globe-Ausgabe, segelt.  Es hat also nichts mit Kürzung der Festtagsessen zu tun, wenn Boris Herrmann sich jetzt schon auf sein karg anmutendes Weihnachtsfestessen freut: Cassoulet, ein französischer Eintopf. 

Und doch, eine Sache scheint ihm „gegen den Strich“ zu laufen: „Es wäre wirklich schade, wenn das Spitzentrio Bestaven, Dalin und Ruyant sich jetzt dann auf und davon machen würden. Da sind schnell mal 1.000 Seemeilen Abstand rausgesegelt, wenn wir hier im Hoch mehr oder weniger festsitzen!“ 

Blanke Nerven

Tatsächlich spielt sich 325 Seemeilen weiter vorne gerade genau das Szenario ab, das sich der führende Yannick Bestaven auf „Maitre Coq“ erhofft hatte. Er segelt mit ca. 10 Knoten Geschwindigkeit in die beständig wirkende Rückseite des Hochs und könnte genau „den Zug“ erwischen, auf den er in den letzten 24 Stunden gewartet hat. Auch Charlie Dalin hat sich mittlerweile von seinem „Matchrace“-Konkurrenten Ruyant gelöst, ist auf der südlichen Route  in der Nähe der Eisgrenze unterwegs und dürfte bald auf Bestavens Kurs abfallen. Während Thomas Ruyant, der weiter oben im Norden geblieben ist, sich Hoffnung auf den kürzeren Weg machen kann. Doch noch sind die Würfel nicht gefallen. Es ist nicht unbedingt sicher, dass sich die Drei an der Spitze der Vendée Globe Flotte auch tatsächlich südlich des Hochs hindurchschummeln können. Wenn das Wetter weiterhin solche Kapriolen schlägt, wie in den letzten 48 h, dürften noch einige Überraschungen auf die Segler warten. Egal, ob in der Spitzen- oder Verfolgergruppe.

Kann Thomas Ruyant mit siener nördlichen Position den Anschluss auf Bestaven und Dalin halten? © LinkedOut

Knapp 400 Seemeilen weiter hinten geben gerade die Deutsch-Französin Isabelle Joschke (VMG 24 h: 13,6 kn) und der Italiener Giancarlo Pedote (VMG 24 h: 14,1 kn) auf den Rängen acht und neun vergleichsweise mächtig Gas. Sie werden weiter südlich als Boris Herrmann auf das Hoch treffen. Was sich auf den ersten Blick als der kürzere Weg nach vorne erweisen könnte. Herrmann, und in seiner unmittelbaren Nähe Urgestein Jean Le Cam und Rookie Benjamin Dutreux, könnten ihre Platzierungen behalten, wenn sich das Hoch in der gleichen südöstlicher Richtung weiter bewegt wie bisher. Meteorologen behaupten vorsichtig, dass sich die Mitte des Hochs ziemlich genau auf der Eisgrenze breit machen und dort den Nachfolgenden Kopfzerbrechen bereiten könnte. Doch genau das ist alles, bloß nicht sicher! 

Durchmogeln, irgendwie!

Wahrscheinlich werden sich an Bord der einzelnen IMOCA die meisten Ähnliches vorgenommen haben wie Boris Herrmann. Der meinte heute Morgen gegen Ende seiner Pressekonferenz aus dem Southern Ocean nur lapidar: „Ich werde eben versuchen, mich so schnell wie möglich irgendwie Richtung Kap Hoorn zu mogeln. Und dann sehen wir weiter!“ 

Für uns Corona-Couch-Potatoes bleibt es jedenfalls auch über die Weihnachtstage spannend. 

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Vendée Globe: Boris Herrmann im Öl – nicht mal auf die „Furious Fiftys“ ist noch Verlass!“

  1. avatar charlie sagt:

    Ich wäre weiter unten geblieben.Ähnlich Top drei. Boris Kurswahl verstehe ich nicht.

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    • avatar pl_hackengast sagt:

      noch gestern Morgen (Montag) konnte man anhand der Modelle davon ausgehen das das Hoch Südlich zieht, was es ja auch tat… leider aber verharrte es dann dort wo es jetzt ist. Auch das Malizia Team Mitglied Will Harris ging am Montag davon aus das es besser wäre das Hoch Nördlich zu umfahren.
      https://youtu.be/3Raeun9JDxE
      Selbst der Erfahrene Klack Klack Klack ist Nordwärts.
      Halt Pech gehabt, schade.

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  2. avatar PL_hansjoergleo sagt:

    Ich persönlich hätte auch die Nordroute gewählt ! Aber vom Sofa aus, ist alles leichter ! Hut ab, vor denen, die NICHT durchdrehen und besonnen bleiben ! Ich wünsche ALLEN Mast- undSchotbruch und daß alle heil in’s Ziel kommen !!!

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