Vendée Globe: Boris Herrmann plant Neubau, Beyou will Plattbug – Die neuen IMOCA-Projekte

Markt in Bewegung

Es ist der nächste logische Schritt. Boris Herrmann stellt die Weichen für die Vendée Globe 2024. Ein siegfähiges Boot neues Boot soll gebaut werden. Das alte ist so gut wie verkauft.

Der Start zur Vendée Globe 2020. © Jean-Louis Carli/Alea

Eigentlich müsste Boris Herrmann sich jetzt wirklich ausruhen. Die Regeneration nach einer 80-Tage-Vendée-Globe dauert schließlich ähnlich lange wie die Regatta. Aber eine echte Pause kann er sich als Profi-Segler gerade jetzt nicht leisten. Auch wenn die nächste Welt-Regatta erst in vier Jahren startet. Dieses Rennen, dieser Job beschränkt sich längst nicht auf die Wasserarbeit. An den wichtigen Stellschrauben muss lange vorher und sehr ausdauernd gedreht werden.

Wer weiß das besser als Herrmann selbst. 20 Jahre hat es gedauert, bis aus seiner Mini-Transat-Kampagne ein Vendée-Globe wurde. Es gibt keinen vorgezeichneten Weg auf diesem Weg zum Offshore-Profi-Segler. Schon gar nicht für einen Deutschen.

Wenn man aber einmal angekommen ist in der Welt der Einhand-Elite – so wie jetzt Herrmann – dann sind die Mechanismen klar. Wer sich einen gewissen Marktwert erarbeitet hat, kann auf die Suche nach Geldgebern gehen. Wer ein Budget zur Verfügung hat, darf einkaufen gehen, kann in Bootsmaterial investieren.

Der andere Weg des Alex Thomson

Die Franzosen ziehen ihren Marktwert überwiegend aus Rennergebnissen. In ihrem Land wird über die Vendée-Globe- und Einhand-Szene so viel berichtet, dass gute Ergebnisse ausreichen, um im Rampenlicht zu stehen. Sie sorgen dafür, dass die Logos der Sponsoren in den Medien erscheinen. Die Formel: Erfolg führt zu Präsenz. Das ist der entscheidende Vorteil in Frankreich. Nur diese Aufmerksamkeit führt dazu, dass dortige Segler die besten Shorthand-Offshore-Segler der Welt sind.

Alex Thomson in seinem geschützten Cockpit. © Alex Thomson Racing

Die Konkurrenz aus anderen Ländern muss es anders machen. So wie Alex Thomson. Er bescherte seinem treuen Sponsor Hugo Boss Aufmerksamkeit noch lange bevor er mit sportlichen Resultaten glänzte. Seine genialen Stunts beim Keel-, Mast- und Sky-Walk verbunden mit seinen Entertainer-Fähigkeiten haben den Marktwert auch ohne große seglerische Erfolge hoch gepuscht. Sie bescherten ihm Budgets für Neubauten, die an der Spitze der Entwicklung standen. 2016 etwa führten sie zu einem Boot, dass das Schnellste der Flotte war. Nur der Bruch eines Foils verhinderte den Sieg.

Diesmal war seine neue Hugo Boss mit dem revolutionären abgeschotteten Cockpit wieder eines der besten Schiffe. Sie zeigte zwar im Atlantik Speed-Schwächen im Dreikampf mit den beiden Verdier-Designs, aber nicht wenige Experten glauben, dass seine andersartig gebogenen Foils erst im Southern Ocean besser funktioniert hätten. So weit ist es nicht gekommen. Aber Thomson setzte bis zu seinem Ausscheiden erneut den Standard bei der Kommunikation. Mit Kameras an Deck und im Rigg transportierte er das Live-Abenteuer noch näher zu seinen Fans.

Innerstes nach außen kehren

Thomsons Weg ist Herrmanns Weg. Er muss seine Geschichte kommunizieren. Er muss Aufmerksamkeit kreieren. Dabei ist er nicht der geborene Entertainer, nicht so wie Thomson. Es fällt ihm nicht leicht, das Innerste nach außen zu kehren. Schon vor zehn Jahren beim Barcelona World Race war er darum bemüht. Er bestritt das Rennen um die Welt zusammen mit dem Amerikaner Ryan Breymaier. Auch damals war er mit altem Boot immerhin Fünfter geworden. Eigentlich auch eine Sensation für den deutschen Segelsport. Aber der Funken ist nicht übergesprungen.

Boris Herrmann und Ryan Breymaier auf der Ziellinie in Barcelona. © Marina Könitzer

Sportlich konnte Herrmann mit dem geliehenen Schiff nicht mithalten, persönlich klappte es wohl auch nicht so gut im Duo und die Übertragungstechnik war längst nicht so weit, dass er die Kamera quasi als Live-Tagebuch nutzen konnte. Die Aufmerksamkeit reichte nicht aus, um Geldgeber für die Vendée-Globe-Teilnahme 2016/17 zu finden.

Erst die Unterstützung durch Pierre Casiraghi mit dem Yacht Club Monaco und den IMOCA-Kauf durch den Stuttgarter Immobilienunternehmer Gerhard Senft versetzte Herrmann in die Lage, ernsthaft bei den Großen mitzuspielen. Er konnte noch während der laufenden Vendée Globe eines der Favoritenboote des Rothschild-Renstalls kaufen, mit dem Skipper Sébastian Josse kaum die Hälfte der Regatta geschafft hatte und auf Rang drei liegend nach einem Foil-Schaden ausgefallen war.

Greta-Törn erhöht den Marktwert

Der Rest ist jetzt schon Geschichte. Der Greta-Törn kam in der Vorbereitung auf die Vendée Globe als Bonus obendrauf – das Glück des Tüchtigen. Und Herrmann nutzte die Chance. Nicht nur, dass ihm Gretas Anliegen am Herzen liegt – er musste sich nicht verbiegen. Der Promo-Törn über den Atlantik in einer kritischen Phase, die Konkurrenten zum Training nutzten, war auch dem Sportprojekt zuträglich.

Boris Herrmann, Greta Thunberg

Boris und Greta an Bord. © Team Malizia

Die verstärkte Medienpräsenz führte zum erhöhten Marktwert. Neue Sponsoren wie das Bremer Logistik-Unternehmen Kühne und Nagel kamen an Bord – auch weil das Nachhaltigkeit-Thema zur Kommunikationsstragegie passte. Die Rennmaschine Malizia konnte mit einem rund 500.000 Euro teuren Foil-Update versehen werden. So wurde sie zu einem der schnellsten Schiffe im Feld.

Herrmann konnte im Finale auf dem Atlantik ihren Wert beweisen. Und damit auch den Grundstein für den eigenen nächsten Schritt legen. Der IMOCA stand schon vor dem Zieleinlauf für 2,7 Millionen Euro zum Verkauf. Das entsprach dem mit Eigner Gerhard Senft abgesprochene Deal.

Herrmann ging bei dieser Vendée Globe All-In. Er schuf sich selber eine Bühne und nutzte sie. Er kannte den medialen Wert der Regatta. Man musste es nur schaffen, sie dem deutschen Zuschauer nahe zu bringen. Corona und der nicht zu erwartende enge sportliche Verlauf sorgten für eine besondere Aufmerksamkeit. Und Herrmann ließ alle Hüllen fallen. Er ließ in sein Leben an Bord blicken, beschönigt nichts, ließ mit sich leiden und sorgte schließlich auch sportlich etwa mit seiner Aufholjagd für schöne Happy-End-Momente. Solche Geschichten schreibt nur der Sport und das Leben.

Seaexplorer so gut wie verkauft

Nun soll das Schiff zwar schon so gut wie verkauft sein, wie der Skipper in einem dpa-Bericht erklärte. Der Newsletter T&S benennt den Vendée Globe Siebtplatzierten Damien Seguin und den Italiener Giancarlo Pedote (8.) als ernsthafte Interessenten. Und bei einem sportlichen, wie auch medialen Misserfolg wäre wohl Herrmanns Segelprofi-Karriere nicht gerade einfacher geworden.

Aber nun ist alles anders. Er kann aus dem Vollen schöpfen. Und so ist kein Wunder, dass sich der Hamburger in den jüngsten Interviews ziemlich nervös gibt. Er hat längst offiziell angekündigt, dass 2024 eine neue Vendée-Globe-Teilnahme erfolgen soll – am liebsten mit einem siegfähigen Schiff.

Doch dafür ist das Timing kritisch. Gerade jetzt werden die Karten neu gemischt. Während Herrmann an der Medienfront ackert und das enorme Interesse abzuarbeiten, ist der Markt der IMOCA-Klasse mächtig in Bewegung geraten. Die gebrauchten Boote werden verkauft und Verträge mit Konstrukteuren und Weften für Neubauten geschlossen.

Dabei hat der nicht für möglich gehaltene Erfolg der Vendée Globe, die unglaubliche Spannung bis zur letzten Meile, die Rekordwerte bei den Zuschauerzahlen zu einer ungeheuren Bewegung im Markt geführt. Während sich die Szene im vergangenen Jahr noch mächtig Sorgen machte, weil auch wegen der Corona-Krise wichtige Geldgeber wie Macif, sich aus dem Segel-Sponsoring zurückzogen, ist nun offenbar die Nachfrage für Boote im Hinblick auf die 2024-Teilnahme stark angezogen.

Gebrauchter Plattbug für 4,4 Millionen Euro

Normalerweise wird nach einer Vendée Globe erst einmal etwas abgewartet, bevor neue Projekte gestartet werden, aber nun bestätigen die in Frage kommenden Werften nach einer Umfrage des Branchen-Newsletters T&S eine deutlich aktivere Periode.

So ist bei der Black Pepper-Werft bereits ein Schwesterschiff für den Plattbug L’Occitane in Bau. Es soll Ende 2021 vom Stapel laufen und je nach Ausstattung zwischen 5,5 und 6,5 Millionen Euro ohne Steuern kosten. Das Schiff von Tripon selbst steht zum Verkauf für etwa 4,4 Millionen Euro und geht offenbar an Maxime Sorel. Laut T&S soll auch Charal-Skipper Jérémie Beyou nun ein Plattbug-Design von Samuel Manuard in Erwägung ziehen. Sein aktuelles Boot stehe aber noch nicht zum Verkauf.

Offenbar bemühen sich alle aktuellen Skipper um neue Optionen. Der glücklich gerettete Kevin Escoffier will wohl mit PRB weitermachen, braucht aber noch einen Co-Sponsor. Sieger Bestaven will sich um ein schnelleres Boot als seine Maître CoQ. Das Schiff steht für 2,6 Millionen Euro zum Verkauf. Der Dritte Louis Burton wäre froh über ein Gebrauchtboot wie L’Occitane, würde aber auch sein altes Schiff updaten.

Dalin will Neubau

Dalin und Ruyant werden wohl bis zur Atlantik-Regatta Route du Rhum 2022, mit ihren Verdier-Designs weitermachen. Aber danach strebt zumindest Dalin einen Neubau für die Vendée Globe 2024 an.

Wie es mit den ausgeschiedenen Juan K-Designs von Nicolas Troussel und Sebastien Simon weitergeht, scheint noch nicht klar. Und auch die Absichten von Alex Thomson liegen im Dunkeln. Es ist allerdings schwer zu glauben, dass der 46-Jährige seine Vendée Globe Karriere beendet. Alles andere als ein Neubau wäre eine Überraschung. Bei dem Rücktörn von Kapstadt hat er mit einem VPLP-Designer an Bord fleißig neue Daten zum Verhalten seines IMOCA gesammelt.

Die Nicht-Foiler mögen eine erstaunlich gute Vendée Globe abgeliefert haben. Aber das führt nun nicht dazu, dass es einen Anti-Tragflächen-Trend gibt. Das auf dem Papier schnellste Schwertboot “Banque Populaire” soll für 1,5 Millionen Euro zum Verkauf stehen. Ob Clarisse Crémer eine weitere Vendée-Chance mit einem neuen Boot bekommt, ist nicht klar.

Richtige Weichen stellen

In dieser Situation will nun auch Boris Herrmann die richtigen Weichen stellen. Wenn er 2024 wieder eine wichtige Rolle spielen will, muss er nun schnell reagieren. Sponsoren-Verträge müssen geschlossen, Bau-Entscheidungen getroffen werden.

Beim vergangenen Rennen hat er diese Phase bestens bewältigt mit dem frühen Zugriff auf die Rothschild-Yacht. Das war der Schlüssel für den Erfolg in der aktuellen Kampagne. Er war der Außenseiter und mag als Deutscher noch belächelt worden sein.

Nun spielt er bei den Großen mit. Und plötzlich rückt er in die erste Reihe vor. Er muss zeigen, dass er auch dieses Spiel beherrscht. Von den Schritten, die er jetzt geht, hängt der weitere Verlauf der Profi-Karriere ab. Kann er tatsächlich neu bauen? Welches Design wird es? Und was passiert in der Zeit bis zum Stapellauf, wenn er nun erst einmal über kein Schiff verfügt?

Wie auch immer. Sicher ist, der Erfolg dieser Regatta hat Herrmann neue Möglichkeiten beschert, von denen er vorher nicht träumen konnte. In diesen Wochen entscheidet sich, ob er den Lauf nutzen kann, der ihm selbst an der Torwand Erfolge beschert.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Vendée Globe: Boris Herrmann plant Neubau, Beyou will Plattbug – Die neuen IMOCA-Projekte“

  1. avatar meerkater sagt:

    So schlecht kann das Verhältnis zu Ryan Breymaier nicht sein, der arbeitet immerhin seit Beginn im Team Malizia.

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